Archiv für den Monat Juni 2008

Ein zweiter Platz, ein Sonnentag und ein versautes Solo

Schön wäre es ja schon gewesen. Aber es ist in Ordnung und bis die Spanier wieder mal einen Titel holen, werden auch 44 Jahre ins Land ziehen.

Ich habe das Spiel, wie üblich, im Nyx verfolgt und diesmal sogar den Ball erkennen können. Abgesehen von den unendlich langen Schlangen vor den Toiletten war es auch mal wieder sehr angenehm- die Stimmung angemessen. Einem sehr unglücklichen Fan zum Dank bin ich jetzt auch Besitzer einer übergroßen Deutschlandfahne. Als er sie nach Abpfiff enttäuscht zu Boden schmetterte sagte ich geistesgegenwärtig: „Hey, dann gib sie lieber mir!“ – und schon hatte ich sie.

Nach dem Spiel noch ein Bierchen am Suttner- Platz (oder, wie sie alle immer wollen, dass ich ihn nenne: am Bertha) getrunken und mich an den doch vorhandenen Autokorsos erfreut- auch wenn zu spüren war, dass nicht etwa die Freude, sondern vielmehr der Trotz Vater des Gedanken war.

Alles in Allem war es doch eine zufrieden stellende Europameisterschaft und wer hätte nach dem Kroatienspiel auch nur im Ansatz damit gerechnet, dass wir Portugal schlagen könnten.

Die Sonne hat heute trotzdem noch geschienen, weswegen ich mich direkt am frühen Mittag auf den Weg in den Hofgarten gemacht habe. Leider ist das im Augenblick nicht der schönste Ort, da die Aufbauten zum Universitätsfest dort auf vollen Touren laufen, aber man erwischt trotzdem noch irgendwo einen unangetasteten Platz. Nachdem ich dort also einige Stunden verbracht hatte und auch mein Seminar im Anschluss gut überstanden hatte, wollte ich eigentlich irgendeine Bar aufsuchen und dort binnen weniger Stunden ein paar Schachtel wegpaffen, um den morgigen Beginn des Rauchverbots in NRW zu feiern. Stattdessen bin ich dann doch nach Hause gegangen und habe soeben noch versucht einen Song aufzunehmen. Mehr als das Gerüst habe ich leider nicht hinbekommen. Das Solo wollte mal wieder nicht so passen, wie ich es mir vorgestellt habe. Vollkommen entnervt habe ich es jetzt aufgegeben, den halbfertigen Song in den Noch- zu- erledigen- Ordner, zu all den anderen, verfrachtet und mir fest vorgenommen, mich mit diesem Problem in den kommenden Tagen mal zu beschäftigen. Zur Entspannung, so neben der Planung der Seminararbeit, dem Lernen für die letzte Zwischenprüfung in der Linguistik und dem Umzug natürlich- primär natürlich auch erstmal der Wohnungssuche. Nette Leute haben mir schon ihre Sofas und Kellerräume zur Unterbringung meiner Möbel (und meines Körpers) angeboten, falls es wirklich hart auf hart kommen sollte. Aber noch will ich den Teufel nicht an die Wand malen. Irgendetwas werde ich schon finden. Und wenn das bedeuten sollte, dass ich mietpreistechnisch zwei, drei Monate über meine Verhältnisse leben müsste, so wird sich dafür auch schon irgendwie eine Lösung finden.

Mit diesem Worten, möchte ich mich auch vorerst in die Nacht verabschieden. Zeit zu schlafen.

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Beschäftigungstherapie

Das Trikot liegt frisch gewaschen auf dem Bett bereit, alles soll perfekt sein, das Outfit stimmig. Es ist Finaltag, der Himmel wolkenlos, es ist nicht zu heiß; perfektes Wetter für Public Viewing. Ich zähle die Stunden bis zum Anpfiff, bin nervös, lenke mich ab, indem ich den Abwasch erledige, versuche das flaue Gefühl im Magen zu beseitigen das der Jägermeister von gestern Abend hinterlassen hat.

Der Ventilator rauscht vor sich hin, ich rauche zu viel. Gleich werde ich duschen müssen, mich fertig machen, vorher noch schnell zur Sparkasse gehen und dann hoffen, dass ich einen Platz ergattern kann um wenigstens heute den Ball auf den Plasmabildschirmen erkennen zu können. Mein gutes Gefühl macht mir ein wenig Angst- das könnte heute auch in die Hose gehen. Doch noch glaube ich fest daran, bange dass Ballack auflaufen kann.

Ich hoffe, dass die Straßen heute Nacht mit deutschen Autokorsos überflutet werden, so wie es nach dem Halbfinale passiert ist. Im Grunde ist es auch egal, dieser sichere zweite Platz ist mehr, als ich im Voraus erwartet hätte, doch wie schön wäre es mal wieder einen Titel zu holen.

Sollen alle Fußballhasser doch jammern, es ist mir egal, eine EM ist mehr als nur Fußball, ist mehr als stumpfer Patriotismus- das ist Euphorie, das ist Hoffen, das sind 90 Minuten Anspannung und ich finde das ist es wert.

Einladung

Gestern habe ich es mir mal wieder im Hofgarten in der Sonne gemütlich gemacht. Ich war gerade damit beschäftigt etwas über die Sprachentwicklung bei Kindern zu lernen, als sich unvermittelt ein Koreaner mit Halbglatze neben mich setzte. Da ich Musik auf den Ohren hatte sah ich nur wie sich seine Lippen bewegten. Ich war mir nicht sicher, ob er wirklich mit mir redete, aber nachdem mein Blick zuerst auf die schlecht rasierte Stelle an seinem Hals und dann neben mich fiel, wurde mir klar, dass er wohl sonst niemanden meinen konnte. Noch hatte ich die Hoffnung, es sei nur ein Tourie, der nach dem Weg, der Uhrzeit, oder einfach irgendwas fragen wollte, doch ich ahnte schlimmes. Ich hätte einfach wieder in mein Buch blicken sollen, ich hätte die Musik noch weiter aufdrehen und ihn ignorieren sollen- habe ich aber nicht getan. Ich habe die Stöpsel heraus genommen und ihm zugehört und schon als ich seine erste Frage hörte: „Machst du studiere hier?“ war mir klar, was noch kommen würde.

Sie fangen alle immer ganz harmlos an: Studierst du hier? Was studierst du? Was sind denn deine Lieblingsautoren? Ich habe auch studiert. Ja, ganz zufällig, das Gleiche wie du. Ich mag Thomas Mann. (Alle Freaks mögen Thomas Mann).

Ich erspare mir die Transkription seines absonderlichen Akzents. Es war schon schwer genug ein Wort von dem zu verstehen, was er sagte, als dass ich es hier gerne wiederholen möchte.

Nach ungefähr fünf Minuten Smalltalk kam dann auch der Satz, den ich erwartet hatte: „Ich möchte dich gerne am Sonntag zu unserem Gottesdienst einladen.“

Innerlich habe ich darüber gelächelt mal wieder Recht behalten zu haben, fast hätte ich gesagt: „Wusst` ich’s doch. Ihr habt mich das letzte Mal vor zwei Jahren eingeladen.“ Aber auch das habe ich nicht getan. Freundlich, aber ausdrücklich habe ich ihm mitgeteilt, dass ich kein Interesse habe. Natürlich war klar, dass er so einfach nicht aufgeben würde. Also fing er an mit seinem Monolog. Diese Welt ist verloren, wir haben alle Depressionen, weil wir die Liebe nicht in uns lassen, weil wir den Tod fürchten- kennt man ja. Die Christen glauben an die Unsterblichkeit der Seele, Gott hat uns die Freiheit zu geben zu entscheiden- kennt man noch besser. Ich habe ihn dann kurz über den Pantheismus aufgeklärt- so sporadisch ich selber darüber bescheid weiß, versteht sich. Habe ihm noch einmal erklärt, dass er mir jetzt so viel erzählen könne, wie er wolle, es würde trotzdem nichts an meiner Meinung ändern.

Dann fing er wieder von vorne an.

Die Tür in mir sei verschlossen, hat er gesagt. Ich müsse die Bibel lesen. Man kann nicht von etwas behaupten, man finde es schlecht, wenn man nur die erste Seite kennt- man müsse weiter lesen- wie bei Thomas Mann. (Das hat er tatsächlich gesagt.)

Ich habe versucht ihm zu erklären, dass ich es nicht schlecht finde, dass es nur nichts für mich sei. Ich habe versucht freundlich zu bleiben. Im Geiste habe ich ihn beschimpft, ihn angefleht sich doch einfach nur auf den Weg zu machen.

Wir haben beide die Biene beobachtet, die um die Gänseblümchen herum geflogen ist, ich habe in diesem Moment zu Gott gebet, er möge sie auf seiner Glatze landen lassen. Hat aber nicht geklappt. Aber sie ist um ihn rum geflogen, was schon irgendwie lustig aussah, als er dadurch etwas panisch wurde.

Er hat mich dann weiter gefragt, was ich später zu Gott sagen will, warum ich ihm nicht bewiesen habe, dass ich an ihn glaube.

Woraufhin ich ihn gefragt habe, wieso mir ein Gottesdienst oder die Bibel dabei weiterhelfen sollte.

Er hat daraufhin nur geantwortet, dass in diesen Gottesdiensten eine ganze Menge cooler Leute sitzen, die alle so zwischen 20 und 30 sind. – Das hat meine Frage nicht wirklich beantwortet, aber es scheint ja eine hippe Gesellschaft zu sein.

In seinem letzten Anflug von Enthusiasmus hat mich der Koreaner dann gefragt, was ich glaube, warum er mich angesprochen hat. Die Antwort lag auf der Hand. Ich saß da alleine und habe gelesen.

Ich habe nur mit den Schultern gezuckt und mir eine Zigarette angesteckt. Bienen kann man damit auch immer vertreiben.

Er erklärte mir, dass Gott ihn zu mir geschickt hätte. Das war der einzige Moment, in dem mich leichte Zweifel befielen. Nicht wegen seiner grässlichen Rhetorik, sondern vielmehr weil ich ins Grübeln darüber kam, ob er komplett irre, oder wirklich erleuchtet ist.

Was, wenn diese Typen am Ende doch richtig liegen? Wenn Gott mir immer wieder seine Handlanger schickt, um mich zu sich zu losten und ich sie immer wieder abweise- wie steht es dann um mich?

Ich hab mich dann damit getröstet, dass selbst dahinter ein göttlicher Masterplan stehen müsste. Zumindest in ihrer Logik. Was beim Vereinen der Logiken dazu führen muss, dass ich auf der Wiese sitzen bleiben kann und alles in Ordnung ist. Vermutlich ist die Wiese sogar der Beste Ort dafür.

Ich habe dem Koreaner dann ein drittes Mal erklärt, dass er mich nicht zu seinem Gottesdienst lotsen wird.

Er hat dann genickt und ich dachte, er hätte verstanden. Dann fing er wieder an. Wieder die Sache, mit der Tür, die verschlossen ist. Sagte aber auch, würde gleich fahren. Danach habe ich nichts mehr gehört. Ich habe abgewartet, noch fünf Minuten das dumpfe Wummern seiner Stimme gelauscht ohne die Worte zu hören. Und genau so unvermittelt wie er gekommen war sprang er dann auf, reichte mir seine Hand, schnappte sich sein Damenrad, mit Kindersitz hintendrauf und verschwand am Ende des Hofgartens. Natürlich nicht, ohne sich Links und Rechts nach weiteren Opfern umzuschauen. Das erste, was ich getan habe, nachdem er weg war, war auf die Uhr zu blicken. 30 Minuten. Und was hat es mir gebracht? Ich habe noch eine ganze Weile darüber nachgedacht, wer von uns beiden jetzt der Verrückte ist. Habe überlegt, ob ich mehr glauben sollte. Ob die Tatsache, dass ich an keinen religiösen Gott glaube, automatisch bedeutet, dass ich ungläubig bin. Fakt ist, dass ich zu keinem Ergebnis gekommen bin- aber ich glaube, das muss ich auch gar nicht. Wer im Endeffekt Recht hatte oder nicht, wird sich sowieso erst am Ende zeigen.

Lust weiter zu lesen hatte ich dann auf jeden Fall keine mehr.

#1 2.0

Was habe ich damals nur ohne diesen ganzen Web 2.0- Kram gemacht? Wieso habe ich mich nicht komplett verloren gefühlt, als es noch nicht möglich war, alles was ich tue der ganzen Welt zugänglich zu machen?

Damals habe ich doch tatsächlich noch mit einem Freund telefoniert und wir haben uns gegenseitig unsere Texte vorgelesen. Heute haben wir überhaupt keinen Kontakt mehr. Gestern habe ich noch einmal daran gedacht, als ich ihm über das Studivz zum Geburtstag gratulierte. Mehr als „feier schön“ und „wie geht`s dir so?“ ist mir dabei nicht eingefallen.

Heute schicke ich meine Texte via ICQ an die paar Leute, die es interessiert- oder ich stelle es direkt im Blog online- möge es doch lesen wer will.

Beim Schreiben höre ich gerne Musik. Im Grunde läuft hier immer Musik. Auch da habe ich sämtliche CDs digitalisiert und höre ausschließlich über den Rechner. Natürlich auch nicht einfach nur so zum Spaß. Ich scrobbel alles für meinen Last.fm- Account. Die Erkenntnis, die ich aus den bisher 44.682 dort erfassten Songs ziehen kann ist, dass ich doch mehr Beatles höre, als ich vermutet hätte. Aus der Möglichkeit für jeden, dies mitzuverfolgen, ergeben sich einige lustige Konsequenzen. So kann man immer ziemlich gut nachvollziehen, wann ich zu Hause bin. Auch meine Schlafzeiten lassen sich recht gut erkennen. Wem das allerdings noch zu viel Detektivarbeit ist, der kann sich über Twitter jederzeit informieren, was ich gerade tue.

Bei so viel Informationsmöglichkeiten kommt es mir schon fast seltsam vor, dass ich im Studivz meinen Namen geändert habe. Damit hat sich der ganze Sinn und Zweck des Systems erübrigt. Wer um alles in der Welt, soll ich mich von meinen alten Grundschulfreunden nun noch finden?

Auf der anderen Seite führen von der einen Profilseite Links zu einer anderen usw. Ein perfektes Netzwerk, dass sich ergänzt- von mir, über mich. Die Stasi wäre für sowas dankbar gewesen. Wem danach ist, kann so gut wie alles über mich erfahren.

Ob mich das stört? Nicht wirklich. Es sind ja auch immer nur ein paar Klicks um ein Profil zu beseitigen. Das Ende der Reißleine ist in meinen Händen- irgendwie. Klick. Klick. Weg. – So einfach ist das.

Aber ich bin da, wie Millionen andere auch, ganz Exhibitionist. Ich stelle mich gerne zur Schau. Ich will, dass alle es lesen, ich will öffentlich klugscheißen, will die Welt mit meinen Gedanken und meinem kleinen Leben vollmüllen- macht ja auch Spaß. Und was Spaß macht ist meistens sinnlos und überflüssig- und Twitter häufig „over capacity“.

Noch lade ich keine Bilder bei flickr hoch oder videos bei youtube oder vimeo, aber das kann ja noch kommen. Wenn erstmal Material da ist, werde ich schon mit dem Gedanken spielen.

Ich will, das Interessierte an meinem Leben teilhaben können, denn hier kann ich noch bestimmen, was sie erfahren sollen. Kann Halbwahrheiten erfinden, kann mich verkaufen, kann lügen, kann mich verstecken. Das ist doch viel besser als mit seinen Freunden zu reden. In Ordnung, ich gebe zu, dass sich größtenteils diese auf meinen Profilseiten herumtreiben und denen könnte ich es auch so erzählen- aber wir telefonieren ja nicht mehr.