#1 2.0

Was habe ich damals nur ohne diesen ganzen Web 2.0- Kram gemacht? Wieso habe ich mich nicht komplett verloren gefühlt, als es noch nicht möglich war, alles was ich tue der ganzen Welt zugänglich zu machen?

Damals habe ich doch tatsächlich noch mit einem Freund telefoniert und wir haben uns gegenseitig unsere Texte vorgelesen. Heute haben wir überhaupt keinen Kontakt mehr. Gestern habe ich noch einmal daran gedacht, als ich ihm über das Studivz zum Geburtstag gratulierte. Mehr als „feier schön“ und „wie geht`s dir so?“ ist mir dabei nicht eingefallen.

Heute schicke ich meine Texte via ICQ an die paar Leute, die es interessiert- oder ich stelle es direkt im Blog online- möge es doch lesen wer will.

Beim Schreiben höre ich gerne Musik. Im Grunde läuft hier immer Musik. Auch da habe ich sämtliche CDs digitalisiert und höre ausschließlich über den Rechner. Natürlich auch nicht einfach nur so zum Spaß. Ich scrobbel alles für meinen Last.fm- Account. Die Erkenntnis, die ich aus den bisher 44.682 dort erfassten Songs ziehen kann ist, dass ich doch mehr Beatles höre, als ich vermutet hätte. Aus der Möglichkeit für jeden, dies mitzuverfolgen, ergeben sich einige lustige Konsequenzen. So kann man immer ziemlich gut nachvollziehen, wann ich zu Hause bin. Auch meine Schlafzeiten lassen sich recht gut erkennen. Wem das allerdings noch zu viel Detektivarbeit ist, der kann sich über Twitter jederzeit informieren, was ich gerade tue.

Bei so viel Informationsmöglichkeiten kommt es mir schon fast seltsam vor, dass ich im Studivz meinen Namen geändert habe. Damit hat sich der ganze Sinn und Zweck des Systems erübrigt. Wer um alles in der Welt, soll ich mich von meinen alten Grundschulfreunden nun noch finden?

Auf der anderen Seite führen von der einen Profilseite Links zu einer anderen usw. Ein perfektes Netzwerk, dass sich ergänzt- von mir, über mich. Die Stasi wäre für sowas dankbar gewesen. Wem danach ist, kann so gut wie alles über mich erfahren.

Ob mich das stört? Nicht wirklich. Es sind ja auch immer nur ein paar Klicks um ein Profil zu beseitigen. Das Ende der Reißleine ist in meinen Händen- irgendwie. Klick. Klick. Weg. – So einfach ist das.

Aber ich bin da, wie Millionen andere auch, ganz Exhibitionist. Ich stelle mich gerne zur Schau. Ich will, dass alle es lesen, ich will öffentlich klugscheißen, will die Welt mit meinen Gedanken und meinem kleinen Leben vollmüllen- macht ja auch Spaß. Und was Spaß macht ist meistens sinnlos und überflüssig- und Twitter häufig „over capacity“.

Noch lade ich keine Bilder bei flickr hoch oder videos bei youtube oder vimeo, aber das kann ja noch kommen. Wenn erstmal Material da ist, werde ich schon mit dem Gedanken spielen.

Ich will, das Interessierte an meinem Leben teilhaben können, denn hier kann ich noch bestimmen, was sie erfahren sollen. Kann Halbwahrheiten erfinden, kann mich verkaufen, kann lügen, kann mich verstecken. Das ist doch viel besser als mit seinen Freunden zu reden. In Ordnung, ich gebe zu, dass sich größtenteils diese auf meinen Profilseiten herumtreiben und denen könnte ich es auch so erzählen- aber wir telefonieren ja nicht mehr.

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