Einladung

Gestern habe ich es mir mal wieder im Hofgarten in der Sonne gemütlich gemacht. Ich war gerade damit beschäftigt etwas über die Sprachentwicklung bei Kindern zu lernen, als sich unvermittelt ein Koreaner mit Halbglatze neben mich setzte. Da ich Musik auf den Ohren hatte sah ich nur wie sich seine Lippen bewegten. Ich war mir nicht sicher, ob er wirklich mit mir redete, aber nachdem mein Blick zuerst auf die schlecht rasierte Stelle an seinem Hals und dann neben mich fiel, wurde mir klar, dass er wohl sonst niemanden meinen konnte. Noch hatte ich die Hoffnung, es sei nur ein Tourie, der nach dem Weg, der Uhrzeit, oder einfach irgendwas fragen wollte, doch ich ahnte schlimmes. Ich hätte einfach wieder in mein Buch blicken sollen, ich hätte die Musik noch weiter aufdrehen und ihn ignorieren sollen- habe ich aber nicht getan. Ich habe die Stöpsel heraus genommen und ihm zugehört und schon als ich seine erste Frage hörte: „Machst du studiere hier?“ war mir klar, was noch kommen würde.

Sie fangen alle immer ganz harmlos an: Studierst du hier? Was studierst du? Was sind denn deine Lieblingsautoren? Ich habe auch studiert. Ja, ganz zufällig, das Gleiche wie du. Ich mag Thomas Mann. (Alle Freaks mögen Thomas Mann).

Ich erspare mir die Transkription seines absonderlichen Akzents. Es war schon schwer genug ein Wort von dem zu verstehen, was er sagte, als dass ich es hier gerne wiederholen möchte.

Nach ungefähr fünf Minuten Smalltalk kam dann auch der Satz, den ich erwartet hatte: „Ich möchte dich gerne am Sonntag zu unserem Gottesdienst einladen.“

Innerlich habe ich darüber gelächelt mal wieder Recht behalten zu haben, fast hätte ich gesagt: „Wusst` ich’s doch. Ihr habt mich das letzte Mal vor zwei Jahren eingeladen.“ Aber auch das habe ich nicht getan. Freundlich, aber ausdrücklich habe ich ihm mitgeteilt, dass ich kein Interesse habe. Natürlich war klar, dass er so einfach nicht aufgeben würde. Also fing er an mit seinem Monolog. Diese Welt ist verloren, wir haben alle Depressionen, weil wir die Liebe nicht in uns lassen, weil wir den Tod fürchten- kennt man ja. Die Christen glauben an die Unsterblichkeit der Seele, Gott hat uns die Freiheit zu geben zu entscheiden- kennt man noch besser. Ich habe ihn dann kurz über den Pantheismus aufgeklärt- so sporadisch ich selber darüber bescheid weiß, versteht sich. Habe ihm noch einmal erklärt, dass er mir jetzt so viel erzählen könne, wie er wolle, es würde trotzdem nichts an meiner Meinung ändern.

Dann fing er wieder von vorne an.

Die Tür in mir sei verschlossen, hat er gesagt. Ich müsse die Bibel lesen. Man kann nicht von etwas behaupten, man finde es schlecht, wenn man nur die erste Seite kennt- man müsse weiter lesen- wie bei Thomas Mann. (Das hat er tatsächlich gesagt.)

Ich habe versucht ihm zu erklären, dass ich es nicht schlecht finde, dass es nur nichts für mich sei. Ich habe versucht freundlich zu bleiben. Im Geiste habe ich ihn beschimpft, ihn angefleht sich doch einfach nur auf den Weg zu machen.

Wir haben beide die Biene beobachtet, die um die Gänseblümchen herum geflogen ist, ich habe in diesem Moment zu Gott gebet, er möge sie auf seiner Glatze landen lassen. Hat aber nicht geklappt. Aber sie ist um ihn rum geflogen, was schon irgendwie lustig aussah, als er dadurch etwas panisch wurde.

Er hat mich dann weiter gefragt, was ich später zu Gott sagen will, warum ich ihm nicht bewiesen habe, dass ich an ihn glaube.

Woraufhin ich ihn gefragt habe, wieso mir ein Gottesdienst oder die Bibel dabei weiterhelfen sollte.

Er hat daraufhin nur geantwortet, dass in diesen Gottesdiensten eine ganze Menge cooler Leute sitzen, die alle so zwischen 20 und 30 sind. – Das hat meine Frage nicht wirklich beantwortet, aber es scheint ja eine hippe Gesellschaft zu sein.

In seinem letzten Anflug von Enthusiasmus hat mich der Koreaner dann gefragt, was ich glaube, warum er mich angesprochen hat. Die Antwort lag auf der Hand. Ich saß da alleine und habe gelesen.

Ich habe nur mit den Schultern gezuckt und mir eine Zigarette angesteckt. Bienen kann man damit auch immer vertreiben.

Er erklärte mir, dass Gott ihn zu mir geschickt hätte. Das war der einzige Moment, in dem mich leichte Zweifel befielen. Nicht wegen seiner grässlichen Rhetorik, sondern vielmehr weil ich ins Grübeln darüber kam, ob er komplett irre, oder wirklich erleuchtet ist.

Was, wenn diese Typen am Ende doch richtig liegen? Wenn Gott mir immer wieder seine Handlanger schickt, um mich zu sich zu losten und ich sie immer wieder abweise- wie steht es dann um mich?

Ich hab mich dann damit getröstet, dass selbst dahinter ein göttlicher Masterplan stehen müsste. Zumindest in ihrer Logik. Was beim Vereinen der Logiken dazu führen muss, dass ich auf der Wiese sitzen bleiben kann und alles in Ordnung ist. Vermutlich ist die Wiese sogar der Beste Ort dafür.

Ich habe dem Koreaner dann ein drittes Mal erklärt, dass er mich nicht zu seinem Gottesdienst lotsen wird.

Er hat dann genickt und ich dachte, er hätte verstanden. Dann fing er wieder an. Wieder die Sache, mit der Tür, die verschlossen ist. Sagte aber auch, würde gleich fahren. Danach habe ich nichts mehr gehört. Ich habe abgewartet, noch fünf Minuten das dumpfe Wummern seiner Stimme gelauscht ohne die Worte zu hören. Und genau so unvermittelt wie er gekommen war sprang er dann auf, reichte mir seine Hand, schnappte sich sein Damenrad, mit Kindersitz hintendrauf und verschwand am Ende des Hofgartens. Natürlich nicht, ohne sich Links und Rechts nach weiteren Opfern umzuschauen. Das erste, was ich getan habe, nachdem er weg war, war auf die Uhr zu blicken. 30 Minuten. Und was hat es mir gebracht? Ich habe noch eine ganze Weile darüber nachgedacht, wer von uns beiden jetzt der Verrückte ist. Habe überlegt, ob ich mehr glauben sollte. Ob die Tatsache, dass ich an keinen religiösen Gott glaube, automatisch bedeutet, dass ich ungläubig bin. Fakt ist, dass ich zu keinem Ergebnis gekommen bin- aber ich glaube, das muss ich auch gar nicht. Wer im Endeffekt Recht hatte oder nicht, wird sich sowieso erst am Ende zeigen.

Lust weiter zu lesen hatte ich dann auf jeden Fall keine mehr.

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