Ameisenstraßen

Manchmal, wenn ich so dasitze, mir die Leute angucke, habe ich das Gefühl in sie hineinschauen zu können, ihr Leben in ihren Gesichtern ablesen zu können. So als würden ihre Fassaden vor mir auseinander brechen.

Gestern war da diese Frau im Hofgarten, die einen Kinderwagen vor sich her schob. Ihr Blick war irgendwie leer und ausgelaugt, so als ob sie der ganzen Welt zeigen will: Schaut mich an! Ich habe ein Kind, der Vater ist weg- und es gefällt mir nicht. Ich bin mit den Nerven am Ende.

Sie setzte sich dann ein paar Meter von mir entfernt auf die Mauer in die Sonne. Mir fiel auf, dass sie den anderen Eltern, die vorbei kamen, immer etwas flehend hinterher sah, besonders, wenn deren Kinder schon etwas größer waren. So als warte sie darauf, dass ihr eigenes endlich laufen und sprechen lerne, um die Last etwas zu verringern.

Mag sein, dass ich mir das alles nur einbilde, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich mir das alles nur einbilde, doch auf solche Gedanken kommt man, wenn man lange Zeit in der Sonne sitzt und die Menschen beobachtet, die vorüber gehen, kurz rasten. Ich mache das gerne, und gestern war so ein Tag. Ich bin früh aufgewacht und hatte nicht sonderlich viel zu tun, außer ein paar Texte zu lesen, aber das kann man ja überall tun. Die Sonne schien, es war angenehme Luft draußen, also bin ich in den Hofgarten gegangen.

Das langweilige an so einem Freitag ist, dass kaum jemand Uni hat, aber es hat mich nicht weiter gestört. Mit lauter Musik auf den Ohren habe ich mir meinen Platz auf der Mauer gesucht und bin dort geblieben. Knappe sechs Stunden, größtenteils alleine. Hin und wieder kam jemand vorbei, den ich kenne- ein wenig Smalltalk und dann wieder zurück zur Musik, hinein in die Beobachtungen. Gelesen habe ich weniger als ich wollte, aber das war okay so.

Solche Tage eignen sich perfekt dazu ein wenig Zeit mit sich selbst zu verbringen, ein wenig nachzudenken, sich selber zu finden. Die Ameisen zu beobachten, die alles Mögliche über die Steine transportieren.

Der Abend gestaltete sich leider als weniger aufschlussreich. Wir wollten an einer Weinprobe teilnehmen, die die Onde veranstaltete. Die Einladung klang auch vorerst ganz nett. Fünf verschiedene Weine, die vorgestellt wurden, sieben Euro Eintritt und dazu noch Snacks- soweit so gut. Erste Zweifel überkamen uns, als wir feststellten, dass dafür die Räumlichkeiten der Katholischen Hochschulgruppe (KHG) benutzt wurden. Der Glaube scheint mich in letzter Zeit zu verfolgen. Erst der Koreaner, dann dieser Ort- und hatte ich eigentlich erwähnt, dass ich auf dem Rückweg von der Uni einen Flyer von der „Wahren Religion“ erhalten habe? – Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Vor dem Eingang zögerten wir kurz; sollten wir diesen Schritt tatsächlich wagen? Mit dem Mut der Verzweiflung, da keine Alternative anstand, einer Scheiß- einfach- Drauf- Attitüde und einem Funken Hoffnung, zumindest sehr bald ordentlich betrunken zu sein, betraten wir das Gebäude, durchquerten die von christlichen Symbolen gesäumten Gänge und gelangten zu dem Raum, in dem die Probe stattfinden sollte.

Der Raum, nicht größer als 30 Quadratmeter, war noch nicht sehr voll. Etwa 15 Personen waren da, einige mit diesem debil- glücklichen Grinsen im Gesicht, eine Person war mir sogar bekannt, umso größer meine Verwunderung.

Sauber angeordnet standen dort die Tische, auf den Tischen einige Weingläser, jeweils eine Karaffe mit Wasser, die wunderschön Themenorientiert mit einer Weinrebe aus Plastik verziert war (kommt der Sarkasmus durch?) und ein Teller auf dem man den Gästen Weintraube- Käse- Spieße kredenzte.

Wir setzten uns nach draußen um rauchen zu können und unterhielten uns darüber, wo wir hier nur gelandet waren, während es drinnen zusehends voller wurde.

Nach einigen Minuten bat man uns doch herein zu kommen, um an der Weinprobe teilnehmen zu können. Einen freien Tisch gab es nicht mehr. Da jedoch alle vorhandenen Gläser schon auf den Tischen zum Einsatz gekommen waren blieb uns nichts anderes übrig, als uns (zu viert wohlgemerkt) zu einem Pärchen an einen Vierertisch zu quetschen. Ich fühlte mich immer noch wie auf einer Kaffeefahrt. Rechnete damit, sie würden uns besoffen machen wollen um dann unsere Gehirne zu waschen.

Dann begann der Ausschank, natürlich nicht ohne standesgemäße Ansprache, gespickt mit schlechten Wortspielen und platten Jokes („Wir haben hier auch ein paar Häppchen, zu deutsch Snacks“- Pause. Wiederholung der Pointe. Ein Brüller!). Wenigstens erfuhren wir, dass an diesem Abend, niemand aus der KHG anwesend war- meine Anspannung lockerte sich ein wenig.

Ich gestehe, wir sind alle kein Weinkenner, ich glaube sogar, niemand der dort war, hatte wirklich Ahnung- uns ging es vornehmlich darum so schnell wie möglich betrunken zu werden. Was durch die äußeren Umstände nur noch verstärkt wurde. Sobald man unsere Gläser gefüllt hatte (im Übrigen viel geringer gefüllt, als vorerst versprochen) prosteten wir einander zu und schütteten das Zeug rein. War auch nicht übel- soweit meine fachkundige Meinung.

Dann jedoch trat eine junge Dame nach vorne und begann mit ihrem Schulreferat. Der Wein stamme aus Italien (war vorher klar), Sandböden (aha aha), irgendwann gab es dort sogar mal ein Erdbeben (Spannung pur- aber was hat das mit der Qualität des Weins zu tun?). Dann erst stießen alle anderen an. Wir warteten auf die zweite Runde. Und warteten und warteten und warteten. Eine halbe Stunde lang passierte nichts. Dann machte es den Anschein, als würde neu entkorkt werden. Und wieder dauerte es. So lange bis wir es nicht mehr aushielten. Die anderen sprangen auf und verließen den Raum. Ich blieb sitzen, brauchte eine Weile es zu verstehen und eilte dann panisch hinterher. Irgendwie hatten wir uns das ganze anders vorgestellt, vielleicht lag es auch wirklich am Ambiente.

Wir gingen dann in eine Cocktailbar. Leider waren draußen alle Plätze belegt, so dass uns nichts anderes übrig blieb hineinzugehen und unter dem Rauchverbot zu leiden. Hoffnung keimte auf als wir sahen, dass wir die Happy Hour erwischt hatten- alle Cocktails zum halben Preis. Eine Bestellung und 15 Minuten später mussten wir dann feststellen, dass nicht nur am Preis, sondern auch am Alkohol gespart wurde. Selbst ein Long Island Ice Tea schmeckte nur nach MezzoMix.

Schon entnervt, aber immer noch in Erwartung etwas ganz Großem, schlürften wir unsere Cocktails und begaben uns dann in eine ehrliche Lokalität, deren Alkoholgehalt in den Getränken uns bestens bekannt ist. Nach ein paar Wodkas war meine Laune dann auch wieder besser. Wir überlegten uns die Wissenschaftsnacht an der Uni zu besuchen. Das was ich von den Vorbereitungen am Nachmittag mitbekommen hatte, ließ auf eine immerhin schöne Atmosphäre hoffen. Auch ein netter Vortrag im Brunnenhof wartete: „Unheimliche Märchen aus Südosteuropa- warum auch nicht?

Der Arkadenhof war wirklich nett hergerichtet, von den Dächern bis zum Boden verliefen große weiße Lakenbahnen, die in verschiedenen Farben beleuchtet wurden. Kata, die wir dort trafen, hat ein paar nette Fotos geschossen.

Leider hielten wir uns zu lange im Arkadenhof auf, so dass wir den Vortrag verpassten. Mir war immer noch nach tanzen zumute, den anderen leider nicht, so ergab es sich, dass alles doch recht früh auseinanderbrach, ich wieder vollkommen entnervt (und betrunken) viel zu früh zu Hause war.

Und während ich noch eine Dokumentation über Görings letzten Kampf sah, schlief ich dann auch ein. Ich habe mir fest vorgenommen, von Ameisen zu träumen, was leider nicht funktionierte.

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