The London Story

Es zieht mich nach London in letzter Zeit. Nicht einfach so, wie man sich hin und wieder denkt: „Boah, da wär` ich jetzt gerne.“ Nein, ich fühle, dass ich in dieser Stadt sein muss. Noch mal an der Themse entlang laufen, noch mal vor dem Buckingham Palace stehen, durch den Hyde Park schlendern, in einem Pub was trinken. Ein Gefühl, als würde die Stadt nach mir verlangen, mich rufen- London Calling sozusagen.Dabei, (oder gerade deswegen) war ich erst ein Mal da. Und das war super.

Die Ursprünge liegen bei dem Silvester 2001/ 2002, als Dennis und ich, zusammen mit einem Kumpel, spontan (es war der Abend des 30.12.) entschieden hatten via Mitfahrzentrale nach Berlin zu fahren. Hat alles geklappt, war- um es kurz zu machen- ziemlich abgefuckt, aber geil.

Ziemlich genau ein Jahr später war es, dass Dennis` Eltern ihm zum Geburtstag etwas ganz besonderes schenkten. Eine Bustour gen London. Am 31.12 um genau zu sein. Für zwei Personen- Abfahrt am Abend des 30. und zurück dann in der Silvesternacht.

Dennis rief mich an und fragte, soweit ich mich erinnere, recht kurzfristig, ob ich Lust hätte mitzukommen. Natürlich sagte ich ja.

So kam es, dass wir am 30.12. um 20.00 Uhr, im Eisregen, vor dem CineMaxx am Bremer Bahnhof standen und auf den Bus warteten, der uns, und einige andere reisefreudige, einsammeln sollte. Gespannt schauten wir uns um, wer dort noch so stand, rätselten, ob die Frauengruppe oder doch die Raver, oder etwa alle mit uns in den Bus steigen würden.

Wir haben uns mit einem Pärchen unterhalten, vielleicht Ende Zwanzig- aber die wollten woanders hin. Und irgendwann, mit 25 Minuten Verspätung rollte der Bus dann auch vor und wir waren begeistert. Zweistöckig, Tische drin, alles vom Feinsten. Doch gerade als wir einsteigen wollten erfuhren wir, dass dies gar nicht unser Bus war, sondern einer auf dem Weg nach Amsterdam.

Gut, dachten wir uns, dann wird unser ja aber ähnlich aussehen. Und weg waren sie alle: die Frauengruppe, die Raver. Zurück blieben ein paar Verzweifelte, Gelangweilte. Aber auch das konnte uns nicht stören. Auch nicht die Tatsache, dass unser Bus noch einmal 20 Minuten Verspätung hatte. Und erst recht nicht, dass er keine luxuriöse Ausstattung aufweisen konnte. Keine Tische, keine zweite Etage zum schlafen. Ein stinknormaler Reisebus war es.

Dennis, den ganzen Rucksack voller Alkohol und ich, die Tasche gefüllt mit einem Discman und dem neuen Sum41- Album steigen in den Bus. In der letzten Reihe saßen fünf Typen, alle schon jenseits der Schmerzgrenze, sie grölten und wirkten schmutzig. Wir warfen einander einen genervten Blick zu und schauten uns um. Der Bus war schon recht voll. Bremen war der vorletzte Punkt auf seiner Einsammelroute. Also blieb uns nichts andere übrig als uns ganz nach vorne zu setzen. Neben uns ein Pärchen, aber dazu später mehr.

Wir hörten gemeinsam das Sum41- Album („Does This Look Infected“ war es, um genau zu sein), aber nach Nichtmahl einer Stunde wurde es langweilig. Die ganzen seltsamen Leute im Bus, die alle wirkten als würden sie vor irgendetwas auf der Flucht sein. Sie als Kollektiv zu beschreiben ist schwierig, aber irgendwas Seltsames hatten sie alle an sich, so als hätten sich sämtliche Klischees in diesem Bus vereint.

Der Gruppenleiter machte über das Mikro dann noch ein paar Ankündigungen, dann war Ruhe. Dennis und ich fühlten uns fehl am Platz, irgendwie unwohl. Das war dann auch der Grund, warum Dennis zum ersten Mal in seinen Rucksack griff, obwohl der Vorrat eigentlich für Silvester geplant war. Wir stießen mit der Frau neben uns an, die ihren Prosecco schlürfte- und hatten immerhin etwas zu tun.

Letzter Stopp in Deutschland war der Rasthof Münsterland. Langsam rollte der Bus auf einen Parkplatz, auch hier noch Eisregen. Die Türen des Busses öffneten sich mit dem wohlvertrauten Zischen und mit dem Schlachtruf: „Halloooooo Münster!!!“ stürzten Dennis und ich nach draußen und stellten damit sogar die fünfer Gruppe aus der letzten Reihe in den Schatten. Ich weiß noch, dass wir Pinkeln mussten, ich weiß noch dass ich eine Zigarette in dem Blumentopf einer Plastikpflanze im Eingangsbereich ausgedrückt habe. Von da an, bis irgendwann in Belgien ist meine Erinnerung etwas getrübt.

Ein wenig geschlafen habe ich, soweit ich mich entsinne, sogar. Irgendwann wachte ich auf, als ich zärtlich mit einer dünnen Decke zugedeckt wurde. Von der Frau neben uns, die mit dem Freund. Und das ist auch der Punkt, an dem die beiden stärker ins Geschehen treten.

Sie war Polin, und heiß- zumindest im Ranking der Businsassen. So heiß eben, wie man sein kann, wenn einem Goldschmuck vom Körper hängt, man ein knappes Oberteil und eine Leoparden- Leggins trägt. Ihr Mackern war Deutscher und weniger heiß. Kurz nachdem sie mich also zugedeckt hatte, was ja nett gemeint war, nur konnte ich danach nicht mehr weiterschlafen- also habe ich weiter getrunken, hielten wir an um eine Pinkelpause zu machen. Wir kamen dabei mit ihrem Mann ins Gespräch, netter Typ, einen von denen zu dem einen nur die Worte: Voll Korrekt, einfallen. Zum einen, weil er wirklich schwer in Ordnung ist, zum anderen, da er einem zu egal ist, als das man sich weiter darüber Gedanken machen würde.

Seine Frau/ Freundin/ Verlobte war die Queen des Busses. Je mehr jeder dort getrunken hatte, desto öfter musste sie durch die schmalen Gänge rennen, sich hier und dort dazu setzen, anstoßen, sich Anmachen anhören. Was ihr sichtlich gefiel. Ihrem Mann/ Freund/ Verlobten weniger. Irgendwann als ich geschlafen hatte, so erzählte mir Dennis, hatten sich die beiden schon mal gestritten, weil sie wohl einem der Typen weiter hinten eine Gute-Nachtgeschichte erzählt hatte.

Als sie dann irgendwann von einem ihrer Rundgänge zurück kam ging es richtig los. Ich glaube, es sind sogar leise Tränen geflossen. Und die im Bus, die nicht geschlafen haben, haben versucht es zu überhören. Dann wurde es jedoch wieder still und wir erreichten auch schon Frankreich. Von dort aus habe ich noch einem Kumpel eine SMS mit dem Inhalt „Erschieß mich! Ich bin in Frankreich!“ geschrieben, dann ging es auf die Fähre. Raus aus dem Bus, schon mal Geld wechseln. Noch eine Stunde auf See, eine weitere Stunde Fahrt und es war vollbracht.

Nachdem wir Geld gewechselt hatten gab es nur einen logischen Weg. Ab in die Arcade- Halle! Nachdem ich dort mit Lightgun ein wenig Söldner gespielt hatte legten wir auch ab. Und der Alkohol zeigte seine Wirkung. Normalerweise werde ich nicht Seekrank, aber das war zuviel. Mir war elend, ich war am Ende. Immer wieder begleitete mich Dennis nach draußen, wo ich über die Rehling hing und versuchte zu kotzen, aber nicht kotzen konnte. Immer wenn ich dachte es geht wieder und wir wieder drinnen waren, kam ein neuer Schub. Also wieder raus. Der kalte Wind peitsche mir ins Gesicht und ich bete, betete wirklich, dass wir doch gleich endlich Land erreichen.

Als allmählich die Sonne aufging war es auch so weit- das ersehnte Land trat in Sichtweite. So ähnlich müssen sich die großen Pilgerväter gefühlt haben. Und ich hatte es doch tatsächlich ohne zu kotzen überstanden.

Also wieder rein in den Bus. Und dann geschah das was zum Verhängnis werden sollte. Die lange Wartezeit, bis man von der Fähre fahren kann. Leider ließ der Busfahrer die ganze Zeit die Tür offen, noch schlimmer ist das, wenn man direkt neben der Tür sitzt. Fatal wird es, wenn einem sowieso schon elend ist und man dann nichts als Abgase einatmen kann. Das war zu viel. Mein Magen rebellierte. Ich schaffte es gerade noch mitzuteilen, dass ich jetzt kotzen muss, Dennis schrie nach einer Kotztüte, woraufhin der Reiseleiter erklärte sie seien schon alle verbraucht. Also drückte man mir einen gelben Sack in die Hand und ich ballerte los, was das Zeug hielt. Danach ging es mir besser- vorerst.

Kurz nachdem wir die Fähre verlassen hatten fuhr der Bus rechts ran. Da seien Waschräume, erklärte der Reiseleiter, dort könnten wir uns alle frisch machen und Zähneputzen und so weiter. „Und du“, fügte er hinzu indem er mich anblickte. „Kannst den Sack da draußen in den Müll schmeißen.“

Ein wenig beschämt stand ich auf, stieg die Stufen nach draußen und trug meinen Sack die 100 Meter Richtung Mülleimer. Erst als ich die Blicke aus den Autos um mich herum bemerkte konnte ich wieder lächeln. Ich trug den Sack wie eine Trophäe. So als wolle ich sagen: „Ja, ich habe gekotzt. In einen gelben Sack. Und was habt ihr drauf?“ Aber in Wahrheit ging es mir scheiße und ich musste noch eine ganze Weile mit mir kämpfen um den Rest der Fahrt zu überstehen.

Um 9 Uhr morgens, Ortszeit, kamen wir dann in London an. Wieder griff der Reiseleiter zu seinem Mikrofon und stellte uns alle vor eine Entscheidung. Wir könnten jetzt gleich aussteigen oder an einer Stadtrundfahrt teilnehmen. Das würde aber 17 Pfund kosten. Dennis und ich hatten weder die Lust, noch das Geld also stiegen wir aus. Ich mit dem festen Hintergedanken irgendwo eine Tankstelle zu suchen, um dort auf der Toilette zu kotzen, mich frisch zu machen und dann fit zu werden.

Sie setzen uns ab. Elephant and Castle. Wir hatten keine Ahnung wo wir sind und was wir anstellen sollten. Mit uns stiegen nur zwei weitere Leute aus dem Bus aus, die sich zielstrebig entfernten. „Um 2 Uhr heute Nacht ist Treffen. An der Paddington Station.“ Alles klar. Die Türen gingen zu, der Bus fuhr ab, wir waren alleine und fertig. So fertig, dass Dennis seinen Rucksack bewusst gar nicht erst mitgenommen hat. Eine Handynummer des Busfahrers oder des Gruppenleiters hatten wir keine. Und da standen wir. Die wichtigste Frage war erstmal: „Gehen wir nach links oder rechts?“ Wir entschieden uns für rechts, da ich der Meinung war, es würde so aussehen, als könne dort bald eine Tanke kommen.

Aber nichts da. Unser Weg führte uns durch einen widerlichen U- Bahntunnel, mit scheckigen weißen Kacheln und ekelhaftem Gestank. Ich kotze dort in eine Ecke, nicht unbemerkt von vorbeigehenden Passanten und wir gingen weiter. Keine fünf Minuten später erreichten wir das London Eye, sahen den Big Ben und waren endgültig angekommen. Und dann noch das Beste- besser als die Tankstelle, das goldene M leuchtete uns entgegen. Voller Freude eilten wir auf den Eingang zu und mussten feststellen, dass erst um 10 geöffnet wurde. Das waren noch mindestens 40 Minuten. Uns war kalt, wir waren müde, verkatert, und mir obendrein noch immer schlecht. Um uns nicht so kurz vor dem Ziel zu verirren wollten wir in der Nähe bleiben, schlenderten kurz zum Big Ben und wieder zurück, guckten uns ein wenig um, dann wurde es 10. Wir waren die ersten im Laden. Zweistöckig, sowas gab es in Bremen auch nur selten, wir waren beeindruckt. Und als wir dann endlich frühstücken wollten, schon in der Schlange standen rebellierte mein Magen durch Geruch von siedendem Fett und Fleisch erneut. Ich stürmte die Treppen herunter, suchte die Toiletten und ließ das wenige raus, was jetzt noch drin war. Als ich fertig war hatte Dennis mit seinem Menü in der Nähe Platz genommen. Ich setze mich zu ihm, ließ meinen Kopf auf den Tisch sinken und verharrte eine Weile in dieser Position. Dennis hielt sich extra lange an seiner Cola auf. Was nichts daran änderte, dass nach einer Stunde, der Geschäftsführer hin und wieder an uns vorbei schlich und argwöhnisch betrachtete. Das war einer der deprimierendsten Momente meines Lebens. Diese Erniedrigung zu fürchten, aus einem McDonald`s geschmissen zu werden- unbeschreiblich. Zwei oder drei Mal lief ich noch zum würgen auf die Toilette, aber es kam nichts mehr. Nach knapp zwei Stunden entschieden wir uns dann die Lokalität zu wechseln, es wurde wirklich unangenehm.

Nahe des London Eye bemerkten wir dann ein Café, das recht gemütlich aussah. Sie hatten dort einen Fernseher auf dem die Friends liefen. Dennis war schon die ganze Zeit der Meinung gewesen Zucker würde mir helfen, damit es mir wieder besser geht, also bestellte ich einen Cappuccino und kippte so viel Zucker hinein, dass der Löffel hätte stehen können. Doch das war meine Rettung. Ich konnte förmlich spüren, wie sich der Magen entkrampfte, einen robusteren Eindruck machte. Wir bleiben in dem Café sitzen. Dort war es warm, sie hatten Kaffee, es gab einen Fernseher. Da hätten wir es aushalten können. Dann jedoch wurden wir rausgeschmissen. Sie hätten heute tagsüber nur kurz auf, sagten sie würden jetzt für den Abend vorbereiten müssen. Und so gingen wir, hinter uns wurde abgeschlossen, aber wir wussten zumindest schon, wo wir uns ab 21 Uhr aufhalten würden.

Unsere Odyssee führte uns erstmal weiter, endete kurzzeitig in einem wirklich winzigen Starbucks (das erste mal übrigens, dass ich dort einen Kaffee getrunken hatte- damals hat es mich noch begeistert). Also noch einen Kaffee, kurz aufwärmen, wieder 5 Pfund weniger in der Tasche und weiter ging es.

Wir kamen zu einem Markt. Keiner von uns beiden kann heute noch sicher sagen, ob es der Camden Market war, ich kann mich jedoch an keine Bahnfahrt dorthin erinnern. Zumindest habe ich dort einen Keks gegessen. Als Test für meinen Magen- und es ging. Wir sind dann wieder zurück zum London Eye, unter einer Bahnunterführung durch in der Tonnenweise Matratzen und Obdachlose lagen, hatten Angst überfallen zu werden, haben ein Imax- Kino entdeckt und dann eine Post gefunden. Noch mal 50 Euro gewechselt und zurück zum McD am Big Ben. Dort gab es dann meine erste richtige Mahlzeit seit vielen Stunden. Die Übelkeit schwand, die Kopfschmerzen ebenso. Jetzt fühlten wir uns wieder halbwegs normal. Bis auf die Tatsache, das wir vollkommen siffig und müde waren.

Eine ganze Weile haben wir überlegt einfach eine Kirche zu betreten, uns dort auf eine Bank zu legen und zu schlafen- wir waren der Meinung, das sie uns dort ja gar nicht rausschmeißen konnten. Aber ich glaube, auch wenn wir eine gefunden hätten, die nicht von Touristen überflutet gewesen wäre, wir hätten es uns nicht getraut. So haben wir dann Hotels abgeklappert. Hotels mit vergoldeten Lobbies, mit Concierge und allem drum uns dran. Wir standen in den Eingangshallen, sahen uns um, wurden angeblickt- nichtmal angewidert, trotzdem reichten alleine die Blicke, dass wir uns schäbig vorkamen und wieder gingen. In einem einzigen Hotel haben wir auf die Preisliste geguckt- wir hätten es uns nicht leisten können.

Also noch mal zurück zu dem kleinen Starbucks, der uns mittlerweile schon so vertraut war, genau wie die gesamte Umgebung im Umkreis von einem Kilometer um den Big Ben herum.

Danach gingen wir zur Waterloo Station und hatten beiden einen Ohrwurm (ich denke mal, es sollte klar sein, welcher das war) und kauften uns ein Tagesticket für die U- Bahn. Dann ging es los.

Wir sind einfach in die Bahn gestiegen und herum gefahren. Irgendwo sind wir immer angekommen. Wir waren am Trafalgar Square, wir waren am Piccadilly Circus, haben uns im Virgin Megastore über die CD- Preise lustig gemacht, verdammt noch mal, sie haben uns sogar bei Harrods reingelassen, nachdem wir uns kaum an den Türstehern vorbeigetraut haben. Ich habe einen Kugelschreiber für mehrere 1000 Pfund gesehen. Das war der Moment in dem ich es verworfen habe, mir von dort ein Souvenir mitzunehmen.

Wir sind durch den gefrosteten Hydepark geschlendert und haben ein zahmes Eichhörnchen beobachtet, dass sich von einer alten Dame hat füttern lassen, standen wie aus dem Nichts vorm Buckingham Palace. Wir haben es nicht mal beabsichtigt, es war nicht mal stressig, aber wir hatten die Sightseeing- Tour, die andere Leute Wochen vorher planen, es war einfach fantastisch. Lediglich die Tower Bridge und Madame Tussaud` s haben wir versäumt. Wir waren im Souvenirshop des Buckingham Palace und fanden so ziemlich alles dort abgrundtief hässlich. Dann haben wir uns gedacht, einmal um den Palace laufen kann ja nicht so das Ding sein. Eine dreiviertel Stunde haben wir gebraucht. Dann wieder zurück durch den Hyde Park Richtung Hyde Park Corner. Es war schon Nachmittag. An einer Bude haben wir einen Blick auf die Titelseiten diverser Zeitungen geworfen, wir waren nicht mehr Teil dieser Welt, wie waren mittendrin und doch abgeschnitten. Irgendwann, es muss so ziemlich zu der Zeit gewesen sein rief Dennis Mutter an und teilte ihm mit das London wohl eine Terrorwarnung ausgegeben hatte. Ja, die Angst war noch da, die Sache mit den Twin Towers noch nicht lange her.

Wir sind noch ein wenig durch die Gegend gefahren, haben hier und dort gehalten, sind irgendwo herum gelaufen, haben keinen Starbucks ausgelassen und sind dann als es dunkel wurde wieder zur Waterloo Station zurückgekehrt. Noch mal zu Mäckes etwas essen. Dort, auf den mir so vertrauten Toiletten, haben wir uns dann auch für Abends aufgestylt. Das heißt in unserem Fall Wasser ins Gesicht, Deo unter die Arme und speziell für mich, Abdeckstift auf den fetten Pickel, der mir am Tag zuvor gewachsen war.

Unser Café vom Mittag hatte noch nicht wieder auf. Und es war schweinekalt. Direkt vor dem London Eye haben wir uns draußen hingesetzt. Dort gab es diese Heizpalmen, aber auch die haben nicht wirklich geholfen. Trotzdem haben wir dort die Zeit bis 21 Uhr totgeschlagen, haben uns vorher in einer der U- Bahn Stationen noch erkundig, ob unsere Tagestickets auch noch bis 2 Uhr gültig sind- sie waren es.

Um kurz nach neun erreichten wir dann auch unser Ziel. Das Café. Nach Party war uns beiden nicht zumute. Bis auf die halbe Stunde im Bus, hatten wir beide seit über 30 Stunden nicht geschlafen und waren gefühlte 20 Kilometer durch London gelaufen und dann war da ja auch noch dieser Kater. Das Café war vollkommen überfüllt, doch irgendwo in der Ecke stand noch ein Tisch, keine Lampe darüber, etwas abseits. Dieser Platz schien, als hätten sie ihn für uns freigehalten. Er schrie förmlich nach uns. Wir ließen uns nieder. Es herrschte beste Stimmung, alles feierte, tanzte, sangt. Nur Dennis und ich saßen an unserem unbeleuchteten Tisch im Halbdunkel, zitterten vor Müdigkeit und fragten uns, was Aschenbecher wohl auf Englisch heißt, den hatten sie nämlich auf unserem Tisch vergessen (Ashtray war dann auch das erste Wort, was ich im Jahr 2002 nachgeschlagen habe). Was sie nicht vergessen hatten, war das Partykit bestehend aus zwei lustigen Hüten, Tröten, Konfetti und Luftschlangen. Nachdem man uns recht verdutzt anschaute, als wir nur Cola bestellten, setzten wir diesem Abend die Krone auf- und uns die Hüte. Wir tröteten die Tröten und müssen bestimmt das perfekte Bild zum Thema heitere Resignation abgegeben haben. Wir wollten nach Hause. Schlafen, Duschen und einfach aufhören zu frieren.

Um 23 Uhr bekam ich dann eine SMS von meiner Mutter, die mir ein frohes neues Jahr wünschte- sie hatte die Zeitverschiebung vergessen.

Um kurz vor 12 strömte alles aus dem umliegenden Bars nach draußen, zur Themse, mit Blick auf den Big Ben. Also haben auch wir uns aufgemacht. Nach dem Feuerwerk in Berlin im Jahr zuvor haben wir großes erwartet.

Was kam waren drei Raketen. Das war es. Alles klatschte. Frohes neues Jahr, das hatten wir auch geschafft. Dann kam der Helikopter. Vermutlich wegen der hohen Sicherheitsstufe, doch Dennis und ich waren misstrauisch, was Flugobjekte bei Terroralarm anging, ließen den Heli keine Sekunde aus den Augen, gingen in Deckung.

Dann war es Zeit sich auf den Weg zu machen. Leider waren sämtliche U- Bahn Stationen dicht. Bis zur Paddington Station war es ein weiter Weg, den wir außerdem nicht kannten. Also schritten wir bekannte Plätze ab. Am Piccadilly Circus saßen ein paar Punks rum und machten die gleichen punkigen Sachen, die auch deutsche Punks machen. Rumhängen und Bier trinken- von London hatten wir uns mehr erwartet.

Am Trafalgar Square standen schätzungsweise 200 Polizisten, beritten und unberitten, sonst war nicht viel los.

Nach einer Weile fanden wir dann eine offene Station. Erleichtert traten wir ein. Es war erschreckend leer dort, ein paar dubiose Gestalten irrten umher. Immer wieder haben wir uns gesagt: „Es sind nur ein paar Stationen. Es wird schon keinen Anschlag geben.“

Richtig entspannen konnten wir erst, als wir an der Paddington Station ausstiegen. Es war noch Zeit bei Burger King meinen ersten Whopper zu essen und eine Gruppe Reisender aus dem Sauerland kennen zu lernen. Das waren drei komplett durchgeknallte Leute jenseits der Schmerzgrenze. Wir haben uns kurz mit ihnen unterhalten, eines der Mädels hat sich noch Poppers reingezogen, dann kam unser Bus. Die anderen sahen alle so glücklich und entspannt aus, wir konnten es nicht verstehen. Das Pärchen hielt sich in den Armen und war überglücklich.

Der Reiseleiter erzählte noch von zwei Mädels die mitgefahren waren und die den Tag in einer Jugendherberge verbracht hatten um dort zu schlafen, zu duschen und dann abends Party zu machen. Ich weiß, das Dennis das gleiche dachte wie ich, als ich ihn ansah- wir sind verdammte Idioten.

Bis zur Fähre hatte ich Angst, ob es wieder so eine unerträgliche Fahrt werden würde. Direkt im Foyer belegten wir daher zwei Bänke und machten die Augen zu. Als ich sie wieder öffnete tippte mir Dennis auf die Schulter und haufenweise Leute standen um mich herum und sahen mitleidvoll zu mir herab. Aber ich hatte es geschafft. Es war überstanden. Den Großteil der restlichen Fahrt haben wir dann beide geschlafen, kamen irgendwann in den frühen Abendstunden wieder in Bremen an, wo uns Dennis Eltern abholten. Noch schnell die erste Schachtel Kippen zum neuen, höheren Preis erstanden und dann ging es ab ins Bett.

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Story bisher schon erzählt habe. Sie gehört zu den Geschichten, die ich wohl nie vergessen werde, weil sie, ähnlich wie das Silvester zuvor in Berlin, einfach nur abgedreht und spontan war. Weil es genau das Gegenteil von dem war, was man normalerweise an Silvester macht, weil es genau deshalb so gut war. Weil es perfekt war, weil es eben nicht perfekt war. Weil man es vermutlich nur wirklich verstehen kann, wenn man dabei gewesen ist.Leider war es vor der Zeit als jeder eine Digicam oder zumindest ein Kamerahandy hatte. Es gibt keine Fotos. Das einzige, was mir noch zur Erinnerung bleibt ist das Tagesticket, der U-Bahnplan und die Tröte aus dem Café. Und genau deshalb möchte ich noch mal hin, will noch mal an die Orte zurück. Will Fotos davon machen. Zum einen um die Erinnerungslücken aufzufüllen, die noch entstehen werden (erstaunlich ist, dass mir noch so vieles im Gedächtnis geblieben ist), zum anderen weil London wie ein Freund geworden ist. Ein alter Freund, den man mal wieder besucht, auf den man sich freut ihn wieder zu sehen um zu gucken, ob er sich verändert hat. Ob er früher anders war. Und dieser alte Freund hat mich anscheinend angerufen um mir zu sagen, dass ich ihm mittlerweile doch sehr fehle. Er fehlt mir auch. Ich werde kommen.

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7 Gedanken zu “The London Story

  1. Vielen Dank für dieses Fotoalbum in schriftlicher Form… ich hätte lange nicht so viel zusammen bekommen :D Jetzt isses aber wieder present!
    Einfach geil… machen wa wieder! Da wirds zwar nich so spontan, nich so abgefuckt und wenn nur gewollt… aber trotzdem gut ;)

  2. „Als allmählich die Sonne aufging war es auch so weit- Festland!“ – Ich denke ihr seit da auf die Insel rübergefahren. :p

  3. @david:
    hm…stimmt. da ist der wurm drin. ;) aber trotzdem möchte ich anmerken, dass man in diesem Fall „seid“ schreibt. ;)

  4. So, jetzt habe ich mir die Geschichte mal zu Gemüte geführt. Sehr gut geschrieben! Aber, Junge, was hast du denn alles getrunken, dass du so am Göbeln warst? Schlechten Wein und danach ’ne Flasche Jägermeister oder was? ;-)
    Wenn ihr wieder hier seid, sagt Bescheid, könnt auch gern bei mir pennen… wenn ihr stinkt, im Garten :-D Ich habe noch ne verschlossene Flasche Absolut, die ich für die Sache zur Verfügung stellen würde.

  5. Ehrlichgesagt, ich hab keine Ahnung was wir getrunken haben – war aber glaub ich einiges durcheinander :D
    Das mit dem Pennen nehmen wir doch, denk ich mal, gerne an… wäre mal ein Novum. ;)
    Und zum Rest- Yeeeehaaaaaaaaaaaaw!

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