Eine kleine Abhandlung über die Musik

Es gibt Songs die hört man eine Weile, dann verschwinden sie wieder. Es gibt Songs, die werden zu Erinnerungen, weil man sich zusammen mit ihnen an Orte, Personen, Erlebnisse erinnert. Es gibt Songs, die beschreiben Phasen. Und dann gibt es Songs, sicher wenige, die begleiten einen auf Ewig. Schwer ist es, diese zu erkennen- aber kann man das überhaupt?

Um die Musik zu beschreiben, welche Wirkung sie entfalten kann, kommt man nicht umhin weit auszuholen, abzuschweifen und einige Anekdoten hervor zu holen.

Als ich 16 war habe ich die Onkelz gehört. Da wo ich herkam hat mit 16 jeder Kerl, der sich für besonders hart gehalten hat die Onkelz gehört. Wenn man da richtig drin steckt ist das mehr als nur Musik. Die Onkelz werden zur Religion, wie sie es selber immer so schön beschrieben haben. Tatsache ist, dass ich damals überhaupt gar nichts anderes mehr gehört habe. Tagein, tagaus nur die Onkelz. Ich hielt sie wirklich für Poeten, konnte jeden Text im Schlaf, konnte mich damit identifizieren. Und genauso funktionieren die Onkelz auch. Man nehme einen Haufen platter Parolen, ein paar Zitate von Hesse und Henry Miller und fertig ist der perfekte Onkelz- Song. Mit 16 dachte ich, ich hätte schon alles gesehen, was es zu sehen gibt, hätte alles erlebt, wäre ganz tief unten gewesen und ich- ja nur ich- wäre es gewesen, der sich daraus befreit hat. Zeig der Welt den Mittelfinger, liebe dich selbst und alles ist gut! So einfach ist das. Natürlich motiviert das, natürlich kann sich so ziemlich jeder damit identifizieren- aber im Grunde ist es nichts als Müll. Einer der traurigsten Tage war der, als mir das aufgegangen ist. Ich muss so 18 oder 19 gewesen sein, ein neues Album erschien („Dopamin“ war es, um genau zu sein). Da machte es Klick. Irgendwas ist in dem Moment in mir geschehen. Das waren die Onkelz, die Band, die ich so vergöttert habe? Es war auf einmal alles so furchtbar banal. Schlimmer wurde es dann, als mir aufging, das Stephan Weidners Lyrikperlen teils nur stumpfe Entlehnungen (obwohl- ich will ihm nicht zu Nahe treten, ich sage einfach mal „Hommagen“) waren. So beginnt der Onkelz- Song „So geht`s dir (deine Hölle)“ mit den Worten: „Der Tag ist vergangen, wie Tage vergehen. Du hast ihn getötet, hast ihn nichtmal gesehen.“ (Böhse Onkelz- Schwarzes Album. 1993. Text:Weidner). Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich Hermann Hesses „Steppenwolf“ las. Harry Hallers Aufzeichnungen beginnen dort mit den Worten: „Der Tag war vergangen, wie eben Tage so vergehen, ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst(…)“. Das war damals wahrlich ein Tritt in die Eier. Als ich dann noch herausfand, dass die Metapher des vergifteten Pfeils, der den Geist in Bewegung setzt ebenso wie der „Weltraum meiner Seele“ (gerne und häufig auch in Onkelz- Texten verwendet) aus Henry Millers „Sexus“ übernommen wurde, war es endgültig vorbei. So werden Legenden zerstört. Ich habe dann ein paar Jahre gar keine Onkelz mehr gehört. Die CDs (19 Alben besitze ich- immer noch) sind in Kästen verschwunden, so als wolle ich sie verbannen, war wirklich schwer beleidigt. Und alles was mir aus in den Jahren als Onkelz- Zitat in Erinnerung geblieben ist war: „120 auf`m Tacho- ins Nirwana mit Karacho!“ („Immer auf der Suche“- Adios. 2004. Text: Weidner) Denn natürlich musste ich mir das Abschiedsalbum noch kaufen.

Erst in letzter Zeit habe ich dann mal wieder Lust gehabt Onkelz zu hören. Also die alten CDs herausgekramt und in Erinnerungen geschwelgt. Was blieb war ein fader Nachgeschmack. Die Texte haben an Klasse und Wirkung verloren. Sind wirklich so platt, wie ich sie im Gedächtnis behalten habe. Das jedoch, was geblieben ist ist Erkenntnis. Wäre ich der, der ich jetzt bin, hätte ich damals keine Onkelz gehört? Wäre ich ohne sie, dort wo ich bin. So platt es klingt, sie haben tatsächlich Kraft gegeben, haben mir die Arschtritte verpasst, die ich so oft brauchte. Habe mich durch die Schule gebracht, durch Trennungen, mir über den Frust hinweg geholfen. Natürlich kann ich heute nur noch darüber schmunzeln, wie ich damals gedacht habe schon alles zu wissen. Genauso wie ich später einmal darüber lachen werde, was ich heute gedacht habe. Nichtsdestotrotz beschreiben die Onkelz eine nicht unbeachtliche Phase meines Lebens, waren sie doch ein wichtiger Eckpfeiler meiner musikalischen Entwicklung. Ohne die Onkelz hätte ich wohl nicht angefangen Gitarre zu spielen, hätte ich mit meinen Freunden wohl keine Band gegründet.

Heute sind sie leider nichts mehr als Erinnerungen. Schöne Erinnerungen, an Zeiten die, rückblickend, so viel einfacher und befreiter schienen, was sie keineswegs waren.

Erst viel zu spät eigentlich habe ich dann meine Liebe zu Pink Floyd, den Beatles, den Kinks und wie sie alle hießen entdeckt. Ich habe immer Pink Floyd und Hendrix gehört, wenn ich in der Sonne gelegen habe, damit hat es angefangen. Als kurze Phase, wie ich dachte, Sommermusik. Aber dann kam der Herbst. Mangels Plattenspieler habe ich dann angefangen die alten Platten meiner Mutter auf CD nachzukaufen. Als ich diese alle hatte kamen die, die ich noch nicht kannte. Und sie haben sich bei mir eingenistet. Laufen immer noch, und werden es wohl auch noch für lange Zeit tun. Es gibt diese Songs, die sind zeitlos. Warum das so ist, weiß ich nicht. Man hört ihnen an, dass sie in die Jahre gekommen sind, und doch spürt man, dass sie ihrer Zeit voraus waren. Texte über die Liebe und das innere Befinden werden sowieso niemals an Bedeutung und Tragweite verlieren.

Es war so um die Zeit nach dem Abi. Ein Sommer, der dem davor bei weitem nicht das Wasser reichen konnte. 2003 war perfekt, 2003 war mein persönliches Woodstock. Dann jedoch kam 2004. Das Ende der Schulzeit hat mich doch melancholischer gestimmt als ich jemals erwartet hätte. Auf einmal war alles anders. Und dem Punk- Rock von Offspring, Greenday und Co., den ich früher so gerne gehört habe, vor allem da gerade diese beiden Bands 1994 mit ihren Alben „Smash“ und „Dookie“ bekehrt haben (weg vom Eurodancefloor, hin zu den Gitarren!) musste etwas entgegen gesetzt werden, dass zur meiner derzeitigen Stimmung passte. Ich selber war gar nicht bewandert, was ruhigere Musik anging, also fragte ich einen Kumpel, der sich damit schon besser auskannte. Ich wolle etwas ruhiges, sagte ich ihm damals. Eine Band, die fast ausschließlich Balladen spielt.

Er überlegte kurz, dann schlug er mir Sigur Rós vor. Hatte ich noch nie gehört. Eines Tages war ich bei ihm und er präsentierte mir eine weiße CD in einem, ebenfalls weißen, Plastikschuber. „Untitled“ heißt das gute Stück. Er erklärte mir dort würde in einer Fantasiesprache gesungen, die Songs hätten alle keine Titel, dann lieh er sie mir aus.

Ich kann mich noch heute erinnern, was für ein Gefühl es war, als ich das Album zu Hause auflegte. Es ist mir nicht möglich das zu beschreiben, ohne ein kitschiges Vokabular zu verwenden. Wie verzaubert stand ich in meinem Zimmer, als „Untitled 1“ ertönte, sitzen war wirklich nicht mehr möglich, wie in Trance bewegte ich mich und zündete ein paar Kerzen an. Das war wirklich die wundervollste Musik, die ich jemals gehört hatte. Das Ambiente war aber auch perfekt. Es war ein milder Sommerabend, Wind kam durch das offene Fenster, es wurde allmählich dunkel- natürlich war das Zufall, aber rückblickend kann ich sagen, dass es perfekt war um das erste Mal Sigur Rós zu hören. Diese Musik hat irgendwas ganz tief in mir berührt. Irgendwas von dem ich nichtmal wusste, dass es da ist. Das war also meine erste Begegnung mit Post- Rock. Am nächsten Tag habe ich mir das Album gekauft, obwohl ich die CD meines Kumpels noch hätte viel länger behalten können, da er gerade durch Frankreich tourte.

Später folgen dann Múm, Godspeed You! Black Emperor, Explosions in the Sky, Gifts From Enola, Crippled Black Phoenix, God is an Astronaut und zuletzt Evpatoria Report. Alle mit sagenhaften Songs, teilweise sehr ähnlich, doch sie alle schaffen es auf eine gewisse Art mir eine Gänsehaut zu verpassen.

All diese kleinen Geschichten jedoch führen mich immer wieder zu einer ganz bestimmten Frage: Was machen Songs für uns so unvergesslich?

Ich habe eine Menge Songs, beispielsweise „Half Jack“ von den Dresden Dolls, die ich wirklich gerne gehört habe, die ganz großartig sind. Aber nur für eine Weile. Sie laufen rauf und runter, dann hat man sich „satt“ gehört und das war es dann erstmal. Ganz ohne Negativerfahrungen, wie ich sie mit den Onkelz hatte, einfach so ist es aus damit. Dann verschwinden sie eine Weile, tauchen irgendwann wie alte Bekannte wieder auf, man freut sich ein Song noch einmal zu hören, aber er schafft es einfach nicht mehr die Euphorie hervor zu rufen, die man vorher erlebt hat.

Sind es Erinnerungen, die man damit verbindet? Beeinflusst einen ein Song mehr, wenn man eine Geschichte dazu hat, die man damit verbindet? Oder sind es mehr die Gefühle, die er auslöst? Wie essenziell müssen diese Gefühle sein? Unterstützt ein Song kurzzeitig eine Stimmung in der ich bin, reicht er nur für den Augenblick, wohingegen ein Song der etwas tief Verborgenes in mir berührt für immer bei mir bleibt.

Leider gibt es wenige Songs, mit denen ich einzelne Momente verbinden kann, aber wenn, dann bleiben sie auch. Es gibt einen Song, für den Schäme ich mich fast ihn zu mögen, weil er eigentlich gar nicht zu mir passt, aber auch das hat seinen Grund.

Es war während meiner Zivi- Zeit bzw. kurz vor deren Ende. Zivildienst war nicht das richtige für mich, mir ging es psychisch dreckig. Um mal eine kleine Veränderung zu bekommen habe ich eine Freundin besucht, die in Rostock studiert. Wir waren dann abends in einem Club und dort lief „Geht`s dir schon besser?“ von Ich und Ich. Kannte ich vorher nicht, hätte mich auch niemals interessiert. Doch zu dieser Zeit war es, als würde mich das Lied direkt ansprechen und ich fühlte beinahe sowas wie Kraft in mir aufkeimen. Hätte ich diesen Song irgendwann anders gehört, es wäre mir am Arsch vorbei gegangen, er ist ja wirklich nichtmal besonders gut. Doch auch heute ist es noch so, dass ich dann an diesen Augenblick denke und mich darüber freue.

Mag sein, dass man eine persönliche Beziehung zu einem Song braucht, um ihn wirklich zu lieben, eine Beziehung zu einer Band- aus welchen Gründen auch immer. Sie werden dann zu Freunden. In Zeiten in denen man sich einsam fühlt, in denen man das Gefühl hat niemand könne einen verstehen, hat vielleicht nur die Musik die Kraft für einen da zu sein. Einen zu unterstützen und zu stärken.

Nur danach zu hören, wegen welcher technischen Spielereien, welchem Musikhistorischem Wert ein Song seine Klasse erhält halte ich für Grundfalsch. Auch der fortschrittlichste Song aller Zeiten kann scheiße sein, wenn er mich nicht berührt.

Deswegen kann mich auch der Rolling Stone mit seinen ganzen Top- Listen mal ordentlich am Arsch lecken. Und noch eher die Leute, die ihren Musikgeschmack nach diesen Listen richten. Musik ist so viel mehr als das.

Wenn Leute meiner Elterngeneration auf „Sgt. Pepper“ stehen, weil sie dabei ihr erstes Mal hatten, das erste Mal irgendwo im Delirium in einer Ecke gelegen haben oder eine andere schöne Erinnerung damit verbinden, kann ich das verstehen. Wenn mir jemand meines Alters erzählt, er liebt dieses Album, weil es ihn berührt, auch. Wenn mir jemand jedoch weismachen will, die Klasse des Albums liegt darin, dass es die Wende von der Single zum Album bedeutete, kann ich nur den Kopf schütteln und mich fragen, ob man damit wirklich seinen Geschmack rechtfertigen kann.

Vielleicht ist auch das das einzige, wie man die Liebe zu einem Song erklären kann. Es ist ganz einfach eine Geschmackfrage. Sind dann die teils ähnlichen Geschmäcker auf das natürliche Empfinden des Menschen für Ästhetik zurück zu führen?

Vielleicht ist es ja auch wirklich so, dass die Musik die man hört sehr viel über den Charakter aussagt. Ich bin mir sogar sicher, dass man anhand von Songs ganze psychologische Gutachten erstellen könnte.

Es gibt eine Menge Lieder die ich mag, ohne genau sagen zu können, aus welchem Grund. Keine bestimmten Erinnerungen, keine tiefen Berührungen. Eventuell nur die Sehnsucht nach Glück. Ja, das wird es sein. Einige Songs machen mich einfach glücklich. Zaubern ein Lächeln ins Gesicht.

Wahrscheinlich sollte man sich über mehr auch gar keine Gedanken machen. Mir reicht es eigentlich auch. Selbst bei den Songs, die ich nur heute mag.

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