Im Loch, am Loch und ums Loch herum

Seit dem 1.7 gilt im „Bonner Loch“ ein striktes Alkoholverbot (auch das ZDF berichtete).

Seitdem ist Bonn nicht mehr das Gleiche. Vielleicht nicht ganz der richtige Einstieg, denn im Grunde ist alles beim Alten geblieben, es hat sich nur alles ein wenig verlagert.

Das Loch war seit jeher Sammelpunkt für alle, die auch gerne schon um neun Uhr morgens ihren ersten Schnaps trinken und das auch bis spät in die Nacht weiterführen- und zwar jeden Tag (ich achte hier gerade besonders auf meine political correctness). Seit nunmehr einem Monat ist dies nicht mehr möglich. Stattdessen traf/trifft man sich eben am Stadthaus, was ich auch oft genug mitbekommen habe, genau genommen bin ich täglich daran vorbei gegangen, und/ oder direkt am Busbahnhof. So hat man nicht mehr diesen einen Anlaufpunkt, den man stets meiden konnte, sondern viele kleinere. Eine total super Entscheidung, ganz schön clever. (Genauso wie diese extrem einfallsreichen „Gegenmaßnahmen“ übrigens auch).

Die Uni, und das ist hier bekannt, ist ebenfalls ständiger Anlaufpunkt. Zwar bekommt man nicht wirklich etwas davon mit, trotzdem liegen immer mal wieder Spritzen, angeschmorte Alufolie etc. auf dem Boden- da hilft auch das blaue Licht nichts. Auch so eine total clevere Idee im übrigen- doch wie mir aus erster Hand von Putzmann Bobby (wir nennen uns nämlich seit neuestem beim Namen) berichtet wurde, lagen seitdem keine Leichen mehr auf der Unitoilette- aber das ist eine andere Geschichte.

Hin und wieder kommt es allerdings auch vor, dass sich jemand in den Hofgarten verirrt. Im Grunde sind das nur zwei Personen, die im Sommer auch täglich dort durch die Gegend irren, und eher belustigend als störend sind. Sie sind wie alte Bekannte. Tauchen gelegentlich auf und verschwinden dann auch wieder. Hat man sie eine Weile nicht gesehen beginnt man sich zu fragen, wo sie wohl stecken. Einer zumindest trägt eine Augenklappe und hat geschwollene Hände, hat einen Hang zum Exhibitionismus und tanzt mal ganz gerne zu Bongomusik, wenn ihm der Sangria ganz besonders gut geschmeckt hat.

Der andere sieht aus wie eine Mischung aus Axl Rose und einem ranzigen Gary Oldman, ebenfalls mit Hang zum Exhibitionismus und etwas manischen in seiner Art.

So begab es sich, am Ende der vergangenen Woche, dass wir auch endlich mal ins Gespräch kommen sollten.

Nachdem der Umzug von David und Marie überstanden war und ich sowieso noch einige Besorgungen in der Stadt zu machen hatte, traf ich mich im Anschluss mit Monsieur Johnny D. im Hofgarten. Dort saßen wir also, es war heiß, sonnig und nicht all zu voll. Um uns herum doch ein paar recht hübsche Frauen. So weit also ganz angenehm, nach einem doch anstrengenden Tag. Auf der Bank saß dann Herr Axl Oldman, stand irgendwann auf, betrachtete ausgiebig seinen Schritt, schüttelte alles ein wenig zu recht und schritt dann entschlossen auf die Rasenfläche zu.

Die erste Station, war eine blonde Dame nicht weit entfernt von uns, so dass ich Fetzen des Gesprächs mitbekommen habe. Im Grunde war es eine ganz billige Anmache, die sofort abgeschmettert wurde. Zuerst dachte ich, mich verhört zu haben, als seinerseits der Satz: „Ach komm, ich hab schon so lange nicht mehr gefickt“, fiel. Aber ich sollte eines besseren Belehrt werden. Er ließ dann von ihr ab, taxierte die Lage und kam direkt auf uns zu. Schnorrte eine Zigarette- und ich habe gehofft er würde wieder gehen. Er ging aber nicht. Schaute eine Bekannte von Johnny an und fragte dann, ob er sich zu uns setzen könne. Noch bevor ich nein sagen konnte hatte Herr D. jedoch schon mit einem Achselzucken bejaht und war ins Gespräch vertief. Man stellte sich einander vor, der Axl Rose- Verschnitt kippte einen Kräuterschnaps und fing dann an zu berichten.

Seit fünf Jahren, sei er jetzt Single, erklärte er, rieb sich seine sommergesprossten, bleichen Arme. Seit fünf Jahren, sei er auch nicht mehr zum Schuss gekommen. Beim Guinness- Buch solle er sich mal melden, wäre bestimmt Weltrekord, und so weiter.

Aber damit noch lange nicht genug. Er hat uns dann erstmal erklärt, wie das in der Welt so laufen würde. Die Frauen, sagte er. Die Frauen seien ja nur darauf aus, einen Kerl mit Kohle zu finden („Weißt, wie ich meine?“ sagte er dabei immer wieder.) Am liebsten hätten sie jeden Tag eine Kette geschenkt, oder einen Ring. So liefe das eben. Die miesesten Typen haben Frauen am Start, nur er, er ist seit fünf Jahren Single. Sei doch eine total komische Logik dahinter. Wieder kippte er einen Kräuterschnaps. Schnorrte noch eine Zigarette.

Auch hier im Hofgarten, fuhr er dann fort, sei es ja schwer mal eine klar zu machen. Die haben ja alle immer zu tun. Müssen so viel lernen. Schon schade. Aber hin und wieder träfe man ja doch noch ein paar korrekte Leute. Und dabei blickte er uns mit seinen kleinen Augen an.

Er erzählte dann weiter, dass Bonn ja schon eine schöne Stadt ist. Hier rennen keine Arschlöcher herum, die dir eine Knarre an den Kopf halten. Nicht so wie in Berlin. (Das hat er wirklich so gesagt). Und überhaupt, es ginge ja alles immer nur ums Geld. Haste was, biste was und so weiter. Wenn es nach ihm ginge, sagte er, nachdem er erneut einen Kräuterschnaps in sich geschüttet hatte, dann würden alle eine Wohnung haben, zum Pennen und ein bisschen Geld, um sich was zu essen zu kaufen. Und die, die arbeiten würden… die hätten eben mehr. Genauso hat er es gesagt, ich berichte nur. Er hätte ja jetzt auch noch an die Stadtwerke nachzahlen müssen, sei doch alles zum Kotzen. Und dann kriegt er nichtmal was zu ficken. Aber Bonn sei ja schon super, sagte er mit Nachdruck. Er sei hier geboren worden und schätze, dass er hier auch sein Ende finden würde, worauf er, nach einer eindringlichen Pause, noch einen Kräuterschnaps aus seiner Plastiktüte kramte, um anschließend festzustellen, dass die Schachtel nun alle war.

Er stand dann auf, sagte, er sei um sieben verabredet, blickte sich noch mal im Hofgarten um, kassierte zwei weitere Abfuhren von zwei weiteren Frauen im nahen Umkreis und verschwand dann.

Es tut mir fast Leid, dass ich jetzt diesen Text auf diese Weise über ihn schreibe. Bin der festen Überzeugung, dass er kein Idiot ist. Nur jemand, der tief in der Scheiße steckt, vielleicht Probleme zu bewältigen hat (oder hatte) und dadurch irgendwie an den Alkohol geraten ist. Sich selber zu Grunde richtet, wofür man ihm vielleicht die Schuld geben mag. Aber irgendwo gibt es diesen Punkt- und er muss da sein, sonst käme es wohl nicht so häufig vor- an dem der Verstand versagt, die Sucht siegt und dann sitzt man da: Verdrogt im Bonner Loch (oder in der Umgebung) oder betrunken im Hofgarten. Ohne Kontrolle mehr über sich selbst und ein Hilfeschrei nach Nähe wirkt wie primitives, triebgesteuertes Verhalten.

Für mich nur eine amüsante Anekdote, was das ganze trauriger macht, als es eigentlich ist. Ich kann nicht helfen, ich will nicht helfen, weil ich mich ekel’, weil ich uns nicht auf einer Ebene sehe. Das zuzugeben fällt schwer, weil es mir bewusst macht, was für ein Arschloch ich eventuell bin, aber es gibt mir zumindest Trost, dass es noch Millionen da draußen gibt, die ähnlich sind. Weißt, wie ich meine?

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Ein Gedanke zu “Im Loch, am Loch und ums Loch herum

  1. Das Alkoholverbot im Bonner Loch ist nicht nur doof. Denn wie du sagst, das Loch konnte man eben meiden, den Busbahnhof kann man nicht meiden, und wenn frau auf dem Weg zu den Bahnsteigen da mitten durch muss, ist das alles andere als angenehm, mit Tendenz in Richtung „bedrohlich“. Da hilft auch nicht das Wissen, dass meine ausgeraubte und geschundene Leiche direkt vor die „GABI“ rollt.

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