Alt werden in zwei Akten

Alt werden hatten wir hier ja schon mal. Trotzdem ist dies ein Thema, dass einen Dauernd verfolgt. Älter werden ist nun mal ein stetiger Prozess. Damit hängt auch zusammen, dass die geistigen Kapazitäten nachlassen.

Erster Akt

In letzter Zeit ist es mir recht häufig passiert, dass mich Leute grüßten oder ansprachen von den ich hätte schwören können sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Gleiches ist mir am Donnerstag passiert, als ich (mal wieder) vor dem Studentensekretariat stand. Es war neun Uhr morgens, ich wartete auf eine Gruppe ausländischer Studenten, die kein Deutsch sprechen um ihnen bei ihrer Einschreibung zur Seite zu stehen.

Auch der Mensch der für den Asta das Uni- Handbuch verteilt war wieder da. Da wir uns schon aus den vergangenen Wochen kannten, als ich ebenfalls dort stand und für die Fachschaft unser Ersti- Heft verteilte unterhielten wir uns als plötzlich eine mir völlig Unbekannte auf mich zu trat. Da sie mich mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit tat, war ich natürlich der Meinung, dass auch ich sie hätte kennen sollen, also spielte ich mit.

„Hast du meine Email bekommen?“ fragte sie. Ich versuchte mich zwanghaft an ihr Gesicht zu erinnern, versuchte heraus zu finden woher wir uns kennen könnten. Als einzige plausible Möglichkeit erschien mir die Tatsache, dass sie ebenfalls Tutorin war, jedoch aus einem der Institute und dass sie mich am Dienstag auf der allgemeinem Begrüßung der Studenten gesehen haben musste.

„Nein“, antwortete ich. „Was denn für eine Email?“

„Na, mit den Links, die ihr euch mal ansehen solltet. Außerdem sollten wir uns vielleicht mal wegen morgen absprechen. Wegen des Treffpunktes.“

Wieder ratterte es in meinem Kopf. Was für Links? Was für ein Treffpunkt? Für Freitag war kein Ausflug vorgesehen. Meinte sie vielleicht den Samstag- den Ausflug zum Drachenfels?

„Ach so“, brachte ich hervor. Sollte sie mich verwechseln, wäre das der Zeitpunkt, an dem sie merken sollte, dass ich keine Ahnung hatte wovon zur Hölle sie sprach. „Also ich habe nichts bekommen“, sagte ich weiter.

Sie nickte nur nachdenklich. „Gut, dann schick` ich dir das einfach noch mal“, sagte sie. Ich warf dem Kerl vom Asta einen Hilfe suchenden Blick zu, er grinste nur.

„Vielleicht sollten wir auch mal Nummern tauschen, um das alles abzuklären“, sagte sie dann wieder.

Das wäre der Zeitpunkt gewesen an dem ich hätte sagen sollen: „Tut mir leid, ich weiß ehrlich gesagt gar nicht wer du bist. Nimm es mir nicht übel, aber kann es sein, dass du mich mit jemandem verwechselst?“

Stattdessen brachte ich nur ein klägliches: „Okay“, hervor.

„Hast du deine Nummer im Kopf?“ fragte sie. Ich nickte und diktierte ihr die Nummer. Sie klingelte mich daraufhin an und ich speicherte ihre Nummer unter Unbekannt 2. Sie wollte gerade zu einem Schwank aus ihrem Leben ansetzen, als ich behauptete ich müsse mal schnell nach oben und nach den Studenten sehen. Ich musste herausfinden, ob ich meine Nummer gerade einer Irren gegeben hatte.

Ich beschrieb die Frau ausführlich den anderen Tutoren, jedoch konnte niemand etwas mit ihr anfangen.

Bisher hat sie sich nicht gemeldet, doch sollte es früher oder später geschehen stehe ich vor zwei Möglichkeiten: entweder ich sage die Wahrheit oder ich spiele noch weiter mit. Das hätte dann etwas von einer Verwechslungskomödie. Das ist zwar immer hoch kompliziert und schon 1000 Mal habe ich mich beim anschauen gefragt, warum die Leute nicht einfach mal Tacheles reden, aber auf der anderen Seite ist es auch verdammt witzig.

Teilweise frage ich mich aber wirklich, ob ich unter Schizophrenie leide und nachts ein zweites Leben führe, von dem ich nichts weiß.

Zweiter Akt

Nachdem ich mich gerade erst einen Tag vorher auf dem Weg nach Hause mit Roman darüber unterhalten hatte trat Mitte dieser Woche im Hofgarten ein Mann auf mich zu, der eine Umfrage bezüglich der Lebens- und Familienplanung für die Uni Bielefeld anstellte.

Ein weiterer Punkt, der mir immer wieder zeigt, dass ich doch schon älter bin, als ich eigentlich immer gedacht habe. Der Fragebogen, 11 Seiten im Umfang, bezog sich teilweise genau auf das, was ich mit Roman besprochen hatte.

Irgendwann, mit 16 oder 17, habe ich mir mal gesagt, dass ich gerne mit 30 Jahren verheiratet wäre. In diesen Jahren sagt man so etwas immer so leicht, es ist ja auch noch eine ganze Weile bis dahin und dann stellt man irgendwann fest, dass man in nicht mal zwei Wochen 25 wird. Da bleiben dann noch fünf Jahre um die Frau fürs Leben zu finden. Fünf Jahre, von denen man auch schon einige mit seiner Partnerin verbracht haben sollte, um wissen zu können, dass sie die Richtige ist- dass man selber der Richtige dafür ist.

Es bleibt jedoch immer die Frage wonach man eigentlich sucht. Die Zeit der Spielereien sollte so langsam mal ein Ende nehmen. Keine Kompromisse mehr. Aber wo hört die Spielerei auf? Sollte man schlicht und einfach seinen Gefühlen trauen oder auch endlich mal beginnen das ganze Leben etwas rationaler zu betrachten? Torschlusspanik mit 25, auch so kann es gehen. Vielleicht sollte man alle seine Pläne und Hoffnungen mal beiseite legen, denn schließlich ist unter Zwang noch nie etwas Gutes entstanden. Und wenn man unter diesem Druck sucht, findet man sowieso nur Unpassendes. Einfach mal alles zu vernachlässigen wäre vermutlich der richtige Weg. Aber irgendwie möchte ich auch gerne meinen Zielen, die ich mir irgendwann einmal gesteckt habe, treu bleiben. Es sind viele Kleinigkeiten, die ohnehin nicht erfüllt werden konnten, sei es aus mangelndem Elan oder aus verschwundenem Interesse an dem, was einem früher von Bedeutung erschien, wenigstens den Eckpfeilern würde ich gerne treu bleiben. Eine gute schulische Ausbildung, weiterführende Ausbildung, ein guter Job, Frau, Kinder, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen. Man schaut in den Spiegel und merkt, was für ein Spießer man in seinem tiefsten Innern eigentlich ist. Doch das sind Ziele, die man verwirklichen will. Aber so einfach ist das nun mal alles nicht.

Und so stehe ich diesem Geburtstag gegenüber, wieder ein Jahr älter, wieder hat sich nicht viel geändert. Ich rede mir ein, ein bisschen was erfahren zu haben, was mich vielleicht irgendwann mal zu einem weisen, alten Mann machen kann, aber im Grunde stehe ich immer noch da: ich bin 16 Jahre alt und denke an diese Ziele, denen ich mich im Schneckentempo nähere. Und die Zeit ist gegen uns alle.

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