Archiv für den Monat Mai 2009

Origo

Manchmal stehst du in dieser Welt und fühlst dich deinen Mitmenschen völlig fremd. Nicht, weil du sie nicht verstehst, sondern weil sie sich alle in Zeitlupe zu bewegen scheinen. Sie stehen im Weg herum, halten dich auf, ziehen dich runter.

Dann wieder sind sie dir zu schnell: alles um dich herum rennt, schreit, blitzt und wabert- in deinem Kopf wird es zu einem einzigen Brei aus Stimmen, Gemurmel und huschenden Schatten.

Du kannst dich nicht anpassen, kannst dich nicht mitreißen lassen, kannst kein Teil davon werden. Du bist das Fett, das oben schwimmt- die Zentrifugalkraft der Erde kann dich nicht einmischen.

Du bist daran gewöhnt alles zu bekommen, wann du es willst und wie du es willst.  Ein Song, ein Video, eine Erinnerung. Du willst fressen und ficken und am besten beides gleichzeitig. Auch dafür wird es sicherlich eine Nische geben. Du bist es nicht mehr gewöhnt zu warten. Du bist das Zentrum der Welt- deiner Welt. Du bist dieses kleine etwas, um das sich alles dreht. Du bist der Mittelpunkt, der Scheitelpunkt, die Drehtür und die Angel.  Prinzipiell könntest du dich ein Jahr zu Hause einschließen und würdest rein gar nichts verpassen. Ruhe von den Menschen, die selber alle Mittelpunkte sind und sich auch so verhalten. Menschen die es gewohnt sind, alles zu kriegen, wann sie es wann sie es wollen und wie sie es wollen. Die so schnell oder langsam sind, wie es ihnen gerade passt. Denn sie sind- jeder für sich genommen- die Punkte um die sich alles dreht. Und daraus entsteht der Sog, der uns nicht mit sich reißen kann, sondern uns stetig voneinander entfernt.

Am besten wäre es, wir würden am Montag alle zu Hause bleiben. Aber irgendwer muss ja das Geld ranschaffen.

Warum ich immer diese DVDs kaufe…

The_Wonder_YearsAls Kind der Neunziger hat man es manchmal nicht leicht. Von Fernsehmüttern behütet sind wir in einer Welt aufgewachsen, die mit rosa Zuckerguss überzogen war. Alles was wir aus dem Fernsehen kennen war so furchtbar simpel- und gut. Es war eine einfache Welt, die unsere Hirne in Watte gelegt hat. Da ist es kein Wunder, das man irgendwann durchdreht, wenn man in die Wirklichkeit zurück gespült wird. Sehe ich Roseanne, die Familie Tanner, die Cosbies, die Walshes und wie sie alle hießen vor mir ist es eigentlich kein großes Wunder, das ich so ein intolerantes Arschloch geworden bin. Und auch wenn sie aufgeschlossen und freundlich zu einfach jedem waren, haben sie mir ein abgeschlossenes System vermittelt, in dem es keine Menschen gab, die auf einer Wiese mit neonfarbigen Keulen jonglieren, in Ballonhosen Capoeira üben, oder in ihren Fairtrade- Säcken einfach zum Kotzen aussehen.

Meine Toleranzgrenze ist sehr niedrig, was das angeht.

Natürlich bin ich selber ein Nerd- als Kind der 90er kommt man nicht daran vorbei zu vernerden. Nicht, wenn man sämtliche Cartoons aufzählen kann die bei Tele5 liefen, wenn einen die Trennung von Brenda und Dylan mehr mitnimmt als die Scheidung der Eltern und wenn man manchmal immer noch aufwacht und sich fragt wo die alte He- Man Figur eigentlich abgeblieben ist. Und es mag auch sein, dass die Grenzen zum Freaksein fließend sind, aber wenn ich Freaks in der Öffentlichkeit sehe läuten bei mir sofort die Alarmglocken.

Ich glaube es ist ein ganz normaler Trieb des Menschen lästern zu wollen, so mache ich mir auch keine allzu großen Sorgen über mein Verhalten, denke nicht zu viel über das nach, was ich über sie sage, wenn ich sie im Hofgarten sehe. Lieber einen Feind mehr, als eine gute Pointe verpassen, heißt es ja so treffend. Um mehr geht es dabei nicht. Ich will keinen Zorn sähen, ich will keine Feinde: alles was ich will ist unter einer Kuppel zu wohnen, die aus Zuckerguss besteht- manchmal zumindest.

Und manchmal geht man nachts um zwei durch menschenleere Straßen und denkt daran zurück wie einfach damals alles schien. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass viele von uns es vergessen haben. Es einfach gegen das Erwachsensein eingetauscht haben. Viele von euch habe ich schon am Boden gesehen, viele von euch habe ich weinen gesehen- und jedes Mal wünschte ich, es wäre so einfach wie im Fernsehen. Ein kleiner Witz, ein Wort der Aufmunterung und am Ende der Folge liegen sich alle in den Armen.

Doch so einfach ist es leider nicht und mir ist auch klar, dass es nie wieder so leicht werden wird, wie in der Kindheit. Das einzige was man tun kann um sich einen Funken davon zu bewahren ist sich an die Nostalgie klammern, ein wenig verharren und es einfach gut sein lassen.

Denke ich an die frühen 90er zurück ist es jedes Mal, als würde ich in den Urlaub fahren. Ein Urlaub von mir selbst, von der Welt da draußen, von allem was schlecht ist. Ich bin wieder sechs Jahre alt und warte auf den Beginn dieser einen Serie. Ich höre mich meine Mutter rufen, die mir den Titel vorlesen muss, nachdem der Abspann vorbei ist, weil ich selber noch nicht schnell genug lesen kann.

Auch bei mir verblassen die Erinnerungen von Tag zu Tag, aber ich versuche sie frisch zu halten. Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute alles sammele, das mich in einigen Jahren an das Hier und Jetzt erinnern könnte. Vermutlich kaufe ich daher auch diese alten Serien noch einmal. Und vielleicht wird das der Grund sein, warum ich auf ewig dieses intolerante Arschloch bin, das im Hofgarten sitzt und verächtlich über jeden lacht, der in seinen Stoffhosen auf einer Wiese Diabolo spielt.

Es scheint eine Menge Leute da draußen zu geben, an denen das Fernsehprogramm der frühen 90er anscheinend vorbei gezogen ist. Es gibt wohl noch mehr Leute, denen es schlichtweg egal ist. Es gibt wohl auch welche, die meinen ich sei ein schlechter Mensch, weil ich rede wie ich rede- weil ich bin wie ich bin. Und wenn es nach mir geht, sind das alles Arschlöcher.

Rhine In Flames

3168_77119249204_748399204_1772559_215005_nGestern mal wieder bei Rhein in Flammen gewesen. Voll war es- das war zu erwarten. Und sonnig- das war anders angekündigt. Seit 2006 habe ich es gemieden dorthin zu gehen. Zu viele Menschen, zu viel Kirmes- Flair, zu schlechte Musik, zu viele Fahrgeschäfte. An 2006 habe ich wenige Erinnerungen, was unter anderem daran liegt, dass ich ziemlich betrunken war. Als einziges Highlight von damals bleibt wohl immer die Brötchen- Schlacht mit David und Marie in meinem Hinterkopf.

Dieses Jahr war es entspannter. Getrunken habe ich nichts nicht viel. Bewegt habe ich mich auch nicht. Wir saßen in der Sonne und haben gegrillt. Nachdem ich es aufgegeben habe dort zu versuchen etwas zu lesen war ich auch sofort entspannter. Der Tag war ein einziges Warten auf das Abschlussfeuerwerk. Als es um 23 Uhr endlich losging hätte ich auch kein Problem damit gehabt schon vor zwei Stunden nach Hause gefahren zu sein, als dann jedoch der Himmel  auf leuchtete und Nebelschwaden über den Rheinauensee zogen fühlte ich mich, aufgrund des Vietnamfeelings, wie man es aus Apocalypse Now kennt, entschädigt. Natürlich war im Anschluss nicht daran zu denken die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, so folgte ein entspannter Spaziergang, den Rhein endlang, in Richtung Innenstadt. Unterwegs Alkoholleichen- über zwei haben wir gelacht, mit einer haben wir uns unterhalten und eine andere wurde von der Feuerwehr im Rhein gesucht.

Eine Viertelstunde vor Eintreffen des Nachtbusses erreichten wir den Hauptbahnhof. Leider füllte es sich im Laufe dieser 15 Minuten bedenklich. Als der Bus endlich kam, versuchten wir uns hinein zu kämpfen, was sich jedoch als müßig erwies. Irgendwann gingen die Pöbeleien los. Einer rief: „Lass doch mal die Frau einsteigen!“ woraufhin der Angesprochene mit einem Schlag auf dessen Nase reagierte. Wäre Nummer eins wieder aus dem Bus herausgekommen, wäre es wohl noch ganz lustig geworden. Wir entschieden uns dann ein Taxi zu nehmen. Doch natürlich war keins zu kriegen. Also vom Hauptbahnhof zu Fuß weiter nach Endenich. Mit der Pause am Hauptbahnhof haben wir, glaube ich, knapp eineinhalb Stunden gebraucht, noch mal schnell bei der Tanke vorbei geschaut und dann ab ins Bett.- Genauso läuft es nämlich.

Was kann ich also rückblickend sagen? Ich hasse diese Großevents einfach. Vielleicht weniger, weil ich Menschen hasse, als vielmehr aus dem Grund, dass ich Menschen in Gruppen hasse. Hätte man das Feuerwerk auch vom Hofgarten aus gesehen, wäre es bestimmt lustiger gewesen.

Doch im Endeffekt ist das alles auch gänzlich egal. Man muss sich nur in sich selbst zurückziehen, sich auf etwas Bestimmtes konzentrieren, dann kann man alles Äußere ausblenden. In meinem Kopf lief gestern Abend Postrock, als sich der Funkenregen über uns verteilte.