Archiv für den Monat Juli 2009

Das war der Juli

Endlich habe ich mal wieder so was wie Ferien. Zugegeben, innerhalb des Semesters geht es bei mir immer recht gemütlich zu, dennoch ist immer irgendwas zu erledigen. Und auch die letzten beiden Semesterferien kann man eigentlich nicht als Spaß bezeichnen. Letztes Jahr war da der Umzug, eine Hausarbeit und dann das Tutorium, in diesem Jahr war es dann die Lateinprüfung. So komme ich auf knapp eine Woche, die ich in den letzten eineinhalb Jahren mal wirklich entspannt rumhängen konnte. Wie es das Schicksal nun aber wollte, komme ich in diesem Jahr endlich mal wieder dazu so richtig gediegen zu gammeln. Zwar muss ich innerhalb des nächsten Monats noch eine Seminararbeit schreiben, was mir aber, im Vergleich zu den letzten Semesterferien, doch eher leicht fällt. Danach gebe ich zwar erneut das Tutorium des letzten Jahres, aber dieser eine Monat reicht mir schon. Und wie das in den Semesterferien so ist, ist auch schon in der ersten Woche mein Schlafrhythmus komplett vor die Säue gegangen. Ich bleibe bis vier Uhr wach- und das ohne einen Grund dafür zu haben, schlafe bis Mittags. Aber das Allerbeste daran ist: es ist total egal! Endlich mal wieder über längere Zeit ohne Wecker aufstehen, ohne beim Einschlafen daran denken zu müssen, was noch getan werden kann. Eigentlich wollte ich ja umziehen, aber wenn alles so läuft, wie ich hoffe, werde ich mir das einfach mal sparen. Ich habe mich in dieser Woche dabei ertappt, dass ich im Hofgarten sitze und wieder die Leute beobachte. Das mache ich zwar auch im Semester, doch in der vorlesungsfreien Zeit, so ist mir aufgefallen, verhalten sich die Menschen dort anders. Vielleicht, weil es leerer dort ist, vielleicht weil sie alle entspannter sind, aber irgendwie wirken sie alle freier, ungezwungener. Ob da jetzt irgendwelche Amis komplett blank ziehen, wie neulich, ob Frauen sich dazu entscheiden einfach mal ihre Hosen zu wechseln. Bisher ist der Hofgarten in diesem Jahr auch größtenteils von den Jongleuren und Diavolo- Spielern verschont geblieben. Neulich habe ich Jungs dabei beobachtet, wie sie Fußball spielten. Das ist erstmal wirklich nichts Ungewöhnliches. Bis mir eine Sache auffiel. Sie alle liefen, schrieen, schwitzen. Nur einer nicht. Natürlich stand der Dicke im Tor. Ich musste darüber schmunzeln und saß da schon eine ganze Weile, bis ich bemerkte, dass ich mal wieder das ganze Gras vor mir ausgerupft hatte und vor einer kahlen Stelle saß. Ich weiß, dass ist alles nichts Besonderes, aber es ist schön. Es ist schön einfach mal nichts tun zu müssen und sich auf solche Dinge konzentrieren zu können. Meinetwegen kann sich die Seminararbeit jetzt so gut wie von selbst schreiben, damit es für einen Monat noch so weitergehen kann. Und dann entspannt ins Tutorium.

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Die Berlin Story

Neues aus der Reihe „Anekdoten von früher“:

2002 haben sich zwei Dinge geändert: Die D- Mark wurde durch den Euro ersetzt und ich war in Berlin- zum letzten Mal.

Aber Anekdoten sind immer besser, wenn man ein wenig abschweift. Und wie schon bei der London- Story muss auch die Geschichte einer anderen Hauptstadt weitgreifender erzählt werden.

neujahr_berlinDen 30.12. 2001 verbrachten Dennis, Bredow und ich bei Dennis, hatten immer noch keine Ahnung wie wir Sylvester verbringen sollen, hatten keine Lust auf die Dorfdisco in der Bowlinghalle, die Silvesterparty in der Bremer Stadthalle war auch schon immer scheiße und so nippten wir dementsprechend deprimiert an unseren Bieren. Wie im Jahr davor schien Silvester wieder ein Flop zu werden. Dann, zwischen dem vierten oder achten Bier kam Dennis die Idee: „Wollen wir nach Berlin fahren?“ Die Frage, nicht ganz ernst gemeint, waberte einige Augenblicke durch den Wintergarten. Vermutlich wäre alles anders gewesen, wäre nicht Dennis Mutter herein gekommen und hätte uns auf die Existenz der Mitfahrzentrale hingewiesen. Wir setzen uns an den PC und fanden auch noch eine Gelegenheit. Hinfahrt am 31. vormittags und  am 1. zurück, drei freie Plätze- alles perfekt. Es war schon halb 12 trotzdem riskierten wir den Anruf. Natürlich hatte die Fahrerin schon geschlafen, doch es war egal und alles was folgte ist Legende.

So kam es, dass wir am Silvestermorgen doch noch der Bowlinghalle einen Besuch abstatteten, jedoch nur um uns auf dem Parkplatz einsammeln zu lassen.  Ich weiß noch, dass wir geplant hatten die Nacht einfach durchzumachen, uns nicht zum Schlafen zu suchen, dass ich deswegen noch eine Leggins meiner Mutter unter meiner Baggyjeans trug, da ich selbst kein halbwegs geeignetes Kleidungsstück für Minustemperaturen besaß. Ich weiß, dass wir alle nichts dabei hatten außer Alkohol, dass wir nicht weiter geplant hatten, als dass wir jetzt nach Berlin fahren und vermutlich zum Brandenburger Tor gehen- weil bei der dortigen Party Janette Biedermann auftrat und Dennis und ich die schon ein bisschen lecker fanden.

Leider kann sich keiner von uns heute noch an den Namen der Fahrerin erinnern. 26, Blond, mit Pferdegebiss sollte mich während meines Abiturs meine Physiklehrerin an sie erinnern, und ich bin mir bis heute nicht hundertprozentig sicher, dass sie es nicht wahr. Wollen wir sie an dieser Stelle einfach mal Susanne nennen. Außer uns fuhr noch ein anderer Kerl im Auto mit, der seine Freundin in Berlin besuchen wollte.

An die Zeit auf der Autobahn kann ich mich nicht mehr erinnern, woraus ich schließe, dass es ohne Probleme ablief. Irgendwann verabschiedeten wir den Kerl an einer Straßenecke und waren mit Susanne alleine. Das Gespräch kam auf, wo sie uns raussetzen solle und zuerst blicke sich dabei in ratlose Gesichter. Aus dem üblichen: „Eigentlich wollten wir zum Brandenburger Tor…“ und dem obligatorischen: „Echt? Da wollte ich auch hin!“ Ergab sich dann die Frage, wo wir denn schlafen wollen. Wieder nur ratlose Gesichter, woraufhin die schlaue Susanne uns dann erklärte sie wolle in einem Formel-1-Hotel übernachten. Natürlich haben wir uns da nicht lumpen lassen und haben es mit ihr gemeinsam gesucht.

Bis heute frage ich mich, was eine Singlefrau dazu veranlasst, an Silvester alleine nach Berlin zu fahren, ohne dort jemanden zu kennen, in einem Formel-1-Hotel zu übernachten und drei 17jährigen anzubieten doch zusammen zu feiern. Wenn ich heute darüber nachdenke- möchte ich das auch gar nicht so genau wissen.

Die Fahrt durch Berlin wurde zur Odyssee. Nicht nur, dass sie rote Ampeln ignorierte, weil sie zu sehr ins Gespräch vertieft war (sie wurde sehr redselig, die gute Susi). Ich weiß noch, dass sie immer von einem Kumpel erzählt hat, der ihr doch bei Gelegenheit mal einen Bentley kaufen könne (sie selber fuhr einen uralten Toyota, oder sowas in der Richtung) und dass sie unbedingt mal einen Sachsenpaule- Porno sehen will. Sie war uns eigentlich recht sympathisch, auch wenn die ganze Situation etwas Befremdliches hatte.

Ich erinnere mich noch, dass es langsam zu dämmern begann und wir immer noch keine Ahnung hatten, wie wir zu diesem verdammten Hotel kommen sollen. Die Tankanzeige leuchtete auf als wir, wie aus dem Nichts, in eine Gegend gelangten, die ich kannte. Ich war vor zwei Jahren mal da gewesen, als ich zusammen mit Anna deren Tante für eine Woche besucht hatte. Ich kannte die Gegend gut, bin dort jeden Tag zur U-Bahn gelaufen, auch wenn ich heute nicht einmal mehr weiß in welchem Stadtteil es war- trotzdem erinnerte ich mich an die Tankstelle. Ich lotste uns hin und wir fragten nach dem Weg. So wirklich konnte uns niemand helfen, bis wir auf die Idee kamen einen Taxifahrer zu fragen.

Das Hotel lag außerhalb von Berlin und es muss schon gegen 19 Uhr gewesen sein, als wir endlich auf den Parkplatz rollten und eincheckten. Plötzlich fiel uns dann aber eines der größten Probleme dieser Fahrt auf. Es gab jeweils Doppelzimmer und wir waren zu viert. Während Susanne damit beschäftigt war, ihr Gepäck aus dem Wagen zu kramen losten wir aus, wer sich mit ihr das Zimmer teilen muss. Natürlich zog ich den Kürzeren. Unter anderen Umständen hätte es der Beginn einer großartigen Romanze sein können- oder zumindest eine Szene aus einem Porno- aber in diesem Augenblick habe ich Dennis und Bredow einfach nur verflucht. Meine Laune besserte sich ein wenig, als ich Susanne fragte, was sie denn für das Zimmer von mir bekäme. Sie sagte, sie hätte es ja sonst auch alleine bezahlt und ich müsse ihr keinen Anteil zahlen. In diesem Moment fürchtete ich schon, sie könne dafür Gegenleistungen erwarten.

Wer schon mal in einem Formel-1-Hotel war kann den folgenden Absatz überspringen. Allen anderen möchte ich ein kurzes Bild davon vermitteln. Diese Hotels sind so ziemlich der Inbegriff dessen, was ich mir unter einer schäbigen Absteige vorstelle. Lange, kahle Korridore, erleuchtet von grellem Neonlicht, ein Zimmer neben dem anderen, auf den Gängen Toiletten und Duschen, jeweils als einzelne Kammern in der Größe von Dixie- Klos. Auf dem Flur irrte ein alter Typ in Bademantel herum, der sich das Zimmer mit einer jungen Frau teilte- und jeder kann sich wohl denken welche Assoziation wir dabei hatten.

Wir entschieden uns alle vorzutrinken, bevor wir wieder in die Stadt fahren wollten. Was ich aus heutiger Sicht auch bedenklich finde, da Susanne ja noch fahren musste und es an dem Tag obendrein angefangen hatte zu schneien.

Wir hatten Zimmer bekommen, die direkt nebeneinander langen und während sich Susanne fertig machte, stattete ich Dennis und Bredow in ihrem Zimmer einen Besuch ab.

Uns fiel erst auf, dass die Wände sehr dünn waren, als wir von nebenan jemanden husten hörten, leider war das schon NACHDEM Bredow zu mir sagte: „Alter, die fickst du heute noch!“, woraufhin ich antwortete: „Nee, lass mal, das ist ja abartig.“ Keiner von uns weiß, ob sie es gehört hat, oder nicht, jedenfalls hat sie sich nichts anmerken lassen, als sie fünf Minuten später in das Zimmer kam, eine Flasche Corona und eine Flasche Sekt in der Hand.

Wir erfuhren, dass am Brandenburger Tor keiner Böller erlaubt waren, was ungünstig war, da Bredow noch einen ganzen Karton voll dabei hatte. So gingen wir gegen 10 nach draußen auf den Parkplatz, Dennis und Susanne beobachteten uns vom Zimmerfenster aus. Ich glaube es war der Moment, als wir uns gegenseitig mit irgendwelchen Feuerwerkskörpern jagten, ich vor bunten Feuerbällen davon lief und im Schnee ausrutschte, als ich bemerkte, dass ich allmählich zu alt für diese Scheiße bin.

Kurz darauf fuhren wir los. Susanne hatte eine CD dabei, auf der Enrique Iglesias „Hero“ lief. Schon auf der Hinfahrt hatten wir den Song dauernd gehört. Nicht, dass wir ihn mochten, aber er war halt hip zu der Zeit und irgendwann hatten Dennis und ich angefangen den Refrain mitzusingen. So auch, als wir im Dunkeln über die leere Autobahn Richtung Berlin Mitte fuhren. Irgendwann stieg auch Bredow in die Singerei mit ein. Eigentlich kannte er nur eine einzige Zeile. Aber aufgrund der Tatsache, dass er kein „Th“ aussprechen konnte, ermutigten wir ihn in einer Tour, sein „You caaaaaan taaaaake my breeeeaz away“ voller Inbrunst zu schmettern. Das war noch einer der Momente, der diese, ich will es mal Reise nennen, so verdammt seltsam machte. Wie schon erwähnt, die Autobahn war leer. Und damit meine ich wirklich leer- verdammt leer. Auf der gesamten Fahrt ist uns kein einziger Wagen begegnet. An einigen Ausfahrten standen Schilder, die verkündeten, die Autobahn wäre gesperrt. Vielleicht hing es damit zusammen, aber Susanne versicherte uns, dass die Sperre längst aufgehoben sei. Meine Kontaktlinsen waren schon schlierig, daher habe ich es selber nicht lesen können und ihr einfach mal geglaubt- doch seltsam war es schon.

Wir kamen allerdings ohne Zwischenfälle bei der Sat1- Party an. An einem Stand kauften wir uns Weihnachtsmannmützen mit rot leuchtenden 2002- Lämpchen drauf und gingen Richtung Bühne. Leider standen wir blöd, oder ich war einfach zu klein (oder die Leute vor mir einfach zu groß) um die Biedermann in ihren Hotpants begutachten zu können. Ich weiß noch, dass Dennis mich hochhob und dass das zwar auch total bescheuert, aber irgendwie auch lustig war, wir uns jedoch gedacht haben, dass wir sowieso schon fertig genug aussahen und nicht noch zusätzlich auffallen sollten. Also sind wir weiter nach vorne in die Menge gegangen.

Dort war es warm, dass man fast vergessen konnte, dass man bei Minusgraden im Freien stand- dann jedoch fing es an zu schneien. Noch heute würde ich sagen, dass das einer der schöneren Momente des Abends war. Und als dann Jasmin „Blümchen“ Wagner, die den Abend moderierte, anfing Schneeflöckchen zu singen wurde uns klar, wie viel man in einem Tonstudio aus einer Stimme machen kann.

Vom weiteren Verlauf weiß ich nicht mehr viel. Irgendwann war es dann 12 und 2002. Ich weiß, dass einer der Leute von Rednex, die es damals auch noch gab, fast von einer Rakete getroffen worden wäre, die einmal quer über die Bühne flog, ich weiß, dass Susanne auf dem Rückweg zum Auto noch mit irgendeinem Typen rumgemacht hat, der sich auch gefragt haben muss, warum sie mit drei so seltsamen Typen unterwegs war. Ich weiß, dass der Boden verdammt matschig, und meine Hose deswegen fast bis in die Kniekehlen total verdreckt, war. Ich weiß auch,  dass ich die ganze Rückfahrt zum Hotel über Angst davor hatte, wie dieser Abend weiter gehen würde. Ich hätte es wohl durchgezogen, einfach nur, weil es eine coole Aktion gewesen wäre, die einfach noch mal unterstrichen hätten, wie abgefuckt diese ganze Situation war- trotzdem wollte ich nichts herausfordern. Als wir in unsere Zimmer gingen zwinkerte mir Dennis noch blöd zu, vielleicht war es auch Bredow, vermutlich beide, aber ich fand das Ganze gar nicht lustig. Es war auch nicht wirklich erotisch, was ich trug- vielleicht hat mir das den Arsch gerettet. Da ich ja wirklich gar nichts dabei hatte schlief ich einfach in Leggins und T-Shirt, hängte die Hose zum Trocknen über das Bett. Ich weiß, dass Susanne und ich noch ein bisschen Fernsehen geguckt haben, ich weiß, dass irgendwo so ein mieser Sexfilm lief und  mich das noch nervöser machte. Aber irgendwann bin ich dann eingeschlafen und die Sache war gelaufen.

Das schlimmste jedoch war das Aufwachen am nächsten Morgen. Selten war ich so verklatscht und habe mich so schmutzig gefühlt. Ich lag halbwach im Bett und konnte hören, dass Susanne schon wach war. Wir hatten ein Waschbecken im Zimmer und ich wusste, dass sie sich da gerade fertig machte. Ich habe mich nicht getraut meine Augen zu öffnen, aber ich glaubte, nein: ich WEISS einfach, dass sie da gerade nackt war- und das wollte ich mir nicht antun. Also tat ich so, als würde ich noch schlafen. Als sie irgendwann das Zimmer verließ stand auch ich auf. Ein Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich an diesem Tag die Sache mit dem guten Aussehen komplett vergessen konnte. Kein Deo, kein Haargel, kein Duschbad. Also schnell wieder sämtliche Klamotten angezogen und die Mütze von letzter Nacht aufgesetzt. Bredow und Dennis sahen ähnlich aus, als ich sie in ihrem Zimmer besuchte. Ich glaube auch damals habe ich für fünf Minuten daran gedacht mit dem Rauchen aufzuhören, aber als ich die Schachtel auf dem Boden liegen sah, hatte sich das auch erledigt.

Unsere Klamotten standen vor Dreck, ich hatte seit knapp 24 Stunden nichts mehr gegessen. Schon auf der Hinfahrt hatte ich tierischen Hunger gehabt und wollte mir vor der Silvesterparty noch schnell was holen, nach dem ganzen Bier, das ich getrunken hatte, habe ich den Hunger dann jedoch gar nicht mehr gespürt. Jetzt, etliche Stunden später, war ich schon zittrig und brauchte unbedingt einen Burger.

Glücklicherweise ging es den anderen ähnlich und so kam es, dass wir dann irgendwann am frühen Nachmittag bei McDonalds am Alex saßen. Vollkommen verdreckt, mit unseren Nikolausmützen auf denen 2002 blinkte und erschöpft auf unseren Burgern kauten. Wir warteten noch auf den Anruf eines Mädchens, das sich am Tag zuvor bei Susanne gemeldet hatte und eigentlich mit zurück fahren wollte. Susanne versuchte noch ein paar Mal sie zu erreichen, doch das Handy war aus und so entschlossen wir uns einfach ohne sie zu fahren. Gerade als wir gehen wollten sprach uns eine Dame an. Irgendwer von einer Berlin Lokalzeitung, und fragte, ob einer von uns heute schon mit Euro bezahlt hätte. Dennis, der tatsächlich ein Starterkit zu Weihnachten bekommen hatte, bejahte. Es kam zum üblichen Geplänkel wo wir denn herkämen, was wir in Berlin gemacht hätten und so weiter. Am Ende die Frage, ob sie ein Foto von uns machen dürfte. Dennis und ich waren zu der Zeit häufig mit der Band in der Zeitung gewesen und von daher sowieso nicht mehr so Mediengeil, wie eigentlich. Wir blickten einander an und es war wohl, als würden wir in den Spiegel schauen. Es schien die Frau von der Zeitung zu wundern, als wir alle nur den Kopf schüttelten, aber sie ging dann auch ohne ein weiteres Wort.

Bevor wir Berlin verließen wollte Susanne noch ihren Wagen in die Waschanlage bringen und Tanken. Rauchend saßen Dennis und ich auf der Rückbank des Wagens, während Susanne bezahlen gegangen war. Es fiel mir zuerst gar nicht auf, was ich da eigentlich tat als wir warteten, auch nicht Dennis, der mir einfach nur lethargisch dabei zusah, wie ich seelenruhig ungefähr 20 Brandlöcher in den Sitz vor mir drückte. Erst nach einiger Zeit fragte er mich: „Was machst du da eigentlich?“ Da war es nur schon zu spät. Meine Zigarette hatte auf dem Sitz wunderschöne Muster hinterlassen. Kurze Zeit hatten wir Panik Susanne könnte uns deswegen rausschmeißen und in Berlin stehen lassen, aber sie merkte es gar nicht, setzte uns Stunden später wieder an der Bowlinghalle hab, wo wir die Überreste der vergangenen Nacht begutachten konnten. Als ihr Wagen um die Ecke verschwand lachten wir. Wir wussten, dass wir drei ein seltsames Team abgaben, dass es aber nur so so perfekt laufen konnte wie es eben gelaufen war. Wir entschlossen uns, dass nächste Silvester wieder genau so zu verbringen, nur woanders. Dennis und ich waren dann auch in London, nur ohne Bredow. Trotzdem war dieses Silvester in Berlin, eine der Geschichten, die wir wohl nie vergessen werden, die man wohl nur richtig verstehen kann, wenn man auch dabei war, die wir aber trotzdem immer wieder gerne erzählen, weswegen ich sie jetzt endlich auch mal aufgeschrieben habe. In den Einzelheiten, die mir noch in Erinnerung geblieben sind, ich habe versucht eine Chronologie hineinzubringen, die verschwindet, wenn man sie auf einer Party erzählt. Aber gerade die Sache mit dem Rücksitz: ich sage euch, ich werde nie vergessen, wie Dennis geschaut hat, während ich die Löcher in den Sitz brannte, die halboffenen Augen, die vorgeschobene Unterlippe. Das sind die fantastischen Momente, die einem bleiben und über die man auch 10 Jahre später noch lachen kann.

Soweit der Juli

Nach einer anstrengenden Woche neigt sich mal wieder ein Semester seinem Ende zu. Wenn alles nach Planung verläuft, war es das Vorletzte für mich. Ähnlich wie vor dem Abi damals spüre ich schon jetzt, dass der Abschied von der Uni von Melancholie geprägt sein wird. – Doch darum soll es vorerst überhaupt nicht gehen. Letzte Woche Freitag ging es los. Gerade als sich ein kleiner Gewittersturm über dem schwül-heißen Bonn ergoss saß ich im Seminarraum der Linguistik und hielt stammelnd ein Referat, dass ich lustlos und gelangweilt noch am Tag zuvor hingerotzt habe. Anschließend die Erleichterung mal wieder einen Punkt auf der Liste abhaken zu können.

Am Samstag hatte ich dann um 11 Uhr im Maritim zu sein. Schon wieder mal nicht ausgeschlafen. Es galt an die Vorbereitungen für die Euro Conference 2009 zu gehen, die die Uni Siegen hier ausgerichtet hat und bei der ich eine Stelle als studentische Hilfskraft ergattern konnte. Vorbereitung hieß in diesem Fall sich durch die Räumlichkeiten führen zu lassen und anschließend Taschen für die Seminarteilnehmer zu packen. Da kann man jetzt meinen, dass das keine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist, doch für 10 Euro die Stunde mache ich (zumindest noch so lange ich Student bin) so ziemlich jeden scheiß. Um 14 Uhr war das dann auch erledigt. Also den Katzensprung rüber in die Rheinaue gewagt und mir doch die Rheinkultur angetan. Wie so ziemlich jedes Jahr, gab es auch dieses Mal nur eine Band, die mich wirklich interessierte- Get Well Soon. Sie haben die Warterei aber mehr als entschädigt. Die Liveshow eines Paares mitten in der Menge war dabei das amüsante Sahnehäubchen und veranlassten mich kurzzeitig zu der Überlegung mit doch einen Youtube- Account einzurichten- worauf ich aber bisher verzichtet habe. Obwohl wir schon um 10 gingen waren Busse und Bahnen natürlich wieder so überfüllt, dass zumindest ein Fußmarsch bis zum Hauptbahnhof anstand.Gegen vier Uhr habe ich dann endlich schlafen können, wenn auch nur für vier Stunden, denn am Sonntag musste ich bereits um halb 10 wieder auf dem Münsterplatz stehen. Besser: vor der Kamera stehen.

Laurent und Pascal die nun schon seit Jahren an ihrem Monster- Trash- Film „Brutaloras“ arbeiten, hatten mich eine Woche zuvor gebeten die Rolle eines russischen Soldaten (genauer: einer russischen Klonarmee) zu übernehmen. So verbrachte ich meinen Sonntag also damit bei gefühlten 50 Grad, mit Stahlhelm, dickem Sowjetmantel und Springerstiefeln auf dem Münsterplatz mit einer Kalaschnikow auf eine Greenscreen zu schießen. Zumindest haben jetzt wieder viele Chinesen zu erzählen wie bescheuert die Deutschen sind. Gegen drei Uhr waren wir fertig. Zeit für mich in mein 7- Stunden- Wochenende zu starten, indem ich mir die ersten drei Rambofilme angeschaut habe.

Am Montag hieß es um fünf Uhr in der früh aufstehen, mich um sechs in den Bus zu quälen, zwischen all die Menschen, die früh morgens noch frustrierter aussehen als ohnehin schon. So verliefen dann auch Dienstag und Mittwoch. Insgesamt 31 Stunden habe ich in den drei Tagen auf der Konferenz gearbeitet. Wobei man wirklich sagen muss, dass ich eines dabei gelernt habe: Rumsitzen kann verdammt ermüdend sein. Es gab wirklich nicht viel zu tun, war auch nicht anstrengend, die Leute waren nett. Die Vorträge habe ich mangels tiefer gehender Mathekenntnisse überhaupt nicht verstanden, aber nach zwei Mal 12 und ein Mal 6 Stunden ist man froh wenn es vorbei ist. Am Dienstagabend bin ich bereits um halb 10 eingeschlafen, trotzdem fiel das Aufstehen am Mittwoch so schwer, dass ich dachte, ich würde mich nicht einmal bis zum Bus auf den Beinen halten können. Diese Zeit ist einfach nichts für mich.

Nach Feierabend dann noch schnell das Referat für heute vorbereitet. Die letzte Tat in diesem Semester. Die Seminararbeit, die in knapp zwei Monaten abgegeben werden muss, werde ich mit links schreiben und die letzten Stunden bis zur vorlesungsfreien Zeit auf einer Arschbacke absitzen. Vier Wochenstunden im nächsten Semester trennen mich jetzt noch vom greifbar nahen Ende des Studiums. Das sind zwei Veranstaltungen in der Woche. Das ist weniger als ich jemals zu tun hatte. Das ist nur noch ein halber Schritt entfernt davon, dass wieder ein Lebensabschnitt beendet ist. Verdammt- ich sollte dringend wieder mehr saufen.

Und weil jetzt schon fast wieder Herbst wird noch ein bisschen Melancholie zum Mitnehmen: