Archiv für den Monat Oktober 2009

Lupins Reise

Was ich euch noch mit in den Herbst geben will…

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Noch ein Wort zum Sonntag

Wenn du jung bist, bist du noch voller Träume. Das Leben ist leicht. Du stehst um sechs Uhr auf- nicht, weil der Wecker klingelt, sondern weil es deinem Schlafrhythmus entspricht. Du schaust dir Cartoons im Fernsehen an, du gehst mit Freunden auf den Spielplatz. Du lebst in deiner eigenen Welt und fühlst dich geborgen, nichts kann dir etwas anhaben. Du hast das Gefühl, dass du alles werden kannst: Pilot (wenn nicht sogar Astronaut), Polizist, Fußballprofi oder Superheld.

Dann wirst du älter. Du erlebst deine ersten Enttäuschungen, hängst mit deinen Freunden im Stadtpark rum. Plötzlich erkennst du, dass du auch gar kein Polizist werden möchtest, weil die ja doch nur Ärger machen. Auch der Fußball war nur ein kurzer Traum. Seit dir der Kerl aus der vierten Klasse mal kräftig gegen das Schienbein getreten hat, hast du dich entschieden, dass ein anderer lieber diesen Job machen soll. Das mit dem Superheldsein hast du dir mittlerweile auch abgeschminkt. Du willst jetzt Rockstar werden, Skateboardprofi oder Schauspieler. Stattdessen bist du nur der Klassenclown. Du ziehst dein Ding durch und erntest ein paar Lacher. Du vergisst dabei aber, dass deine Witze anderen Leuten weh tun und gerade deine Lehrer das nun mal gar nicht lustig finden. Irgendwann kommt dann die Zeit in der du einsehen musst, dass auch deine Skateboardkarriere keine Früchte trägt, weil du viel mehr damit beschäftigt bist zu rauchen, Bier zu trinken und mit dem Deck unter deinem Arm cool auszusehen anstatt zu üben. Also wünscht du dir zum Geburtstag eine Gitarre. Du spielst in einer Band und willst gerne den großen Durchbruch schaffen. Dass ihr scheiße seid klammerst du dabei aus.

So vergehen ein paar Jahre und du denkst dir, dass du erstmal dein Abi machen musst, weil dir so natürlich sämtliche Türen offen stehen. Dann hast du dein Abi in der Tasche und fragst dich, was das Leben noch für dich bereithält, nachdem du jetzt allen bewiesen hast wie unfassbar klug du bist. Dir wird dann klar, dass die Band es nie zu etwas bringen wird und steigst aus. Mag sein, dass man als Solomusiker auch mehr Erfolg hat. Du fängst aber erstmal an zu studieren. Irgendwas das dir liegt- Geisteswissenschaften vielleicht. Du bist schließlich kein Ass in Mathe, von Computern hast du noch weniger Ahnung und wie das in der Chemie funktioniert hast du gerade Mal bis zur neunten Klasse gut verstanden.

Irgendwann, so in der Mitte deines Studiums, fängt es innerlich schon leicht an zu zwicken, weil du merkst, dass du auf der Stelle trittst. Irgendwie suchst du nebenher auch immer nach der großen Liebe, aber das einzige auf was du stößt sind Frauen die dich nicht verstehen, die du nicht verstehst, oder beides. Eine Weile lebst du einfach so vor dich hin, wie ein Biber auf eine Müllhalde. Die Chipstüten in deinem Bett sind dir vertrauter geworden als die Frau die neben dir schläft. Es gibt dann natürlich auch ein paar Hürden während des Studiums, die du irgendwie meisterst. Und dann, wenn es sich dem Ende zuneigt, wird dir klar, dass es zu spät ist all deine Träume zu verwirklichen. Du bist jetzt alt. Zu alt zumindest um noch Rockstar zu werden, zu alt um noch mit der Schauspielerei anzufangen, zu alt aus deiner festgefahrenen Routine auszubrechen. Jetzt noch dein Leben ändern? Keine Chance. Du musst dich mit dem Gedanken anfreunden, dass du dich für die Mittelmäßigkeit entschieden hast, ohne es zu merken. Du hast keine besonderen Talente, keine besonderen Qualifikationen- du hast nicht mal mehr besondere Träume. Jetzt willst du dir einen Flachbildfernseher kaufen und vielleicht mal eine Familie gründen. Dabei kann man kaum scheitern- und wenn doch bist nicht du, sondern dein Umfeld schuld (oder deine Spermien).

Und so lebst du eine Weile mit dem unguten Gefühl im Nacken, dass du gescheitert bist, dass du dein jüngeres Ich verraten hast. Du fühlst dich schuldig. Würdest gerne in der Zeit zurück reisen und mit dir selbst reden. Dir sagen: häng dich mehr rein oder gib deine Träume jetzt schon auf! Dann schaust du in den Spiegel und siehst da jemanden, der dir noch gar nicht reif für all das vorkommt. Ein fester Job? Eine Familie? Du bist doch immer noch du. Du bist noch immer 16 Jahre alt und wärst eigentlich noch immer gerne Rockstar, vielleicht auch Schriftsteller. Du betrachtest deine Träume jetzt mit den Augen zynischer Realität. Hast sie wegrationalisiert. Und du fragst dich natürlich ob es überhaupt einen Platz für dich gibt?

Aber manchmal, wenn du in Erinnerungen schwelgst, wenn du auf dich selber zurückblickst, wer du heute bist und wer du damals warst, dann merkst du, dass es noch immer in dir schlummert. Du hast dich nicht verändert, du bist nur vernünftiger geworden. Und wer will schon wirklich Rockstar sein? Immer unterwegs, Groupies und Drogen und mit Ende Zwanzig schon wie Fünfzig aussehen? Du erkennst vielleicht, dass du schon immer der kleine Spießer warst, der du bist. Dass du ihn nie wirklich verachtet sondern um seine Bodenständigkeit beneidet hast. Und dann hörst du einen Song, einen ganz bestimmten Song, der dich an das erinnert, was du mal warst. Und dann wird dir klar, dass es nicht deine Träume waren, die dich geleitet haben, sondern dass du dich selbst träumen musst. Und das du es bist, der in deinem Traum lebt. In deiner eigenen Welt. Als Person die du hier nicht sein kannst, bist du vielleicht mehr du selbst, als es möglich ist. Du musst vernünftig sein, du musst bodenständig sein. Aber irgendwo, in deinen Gedanken, deinen Träumen, bist du du selbst und du siehst dich, wenn du deine Augen schließt. Und wenn dieser Song läuft, der dich daran erinnert, wer du schon immer warst, kannst du dich darin tanzen sehen.

Zeit des Abschieds

herbst-1Dass Menschen nicht ewig bleiben habe ich eigentlich schon gelernt, als ich ein kleiner Junge war. Mit drei Schulwechseln binnen weniger Jahre machst du dir irgendwann klar, dass auch die besten Freunde in gewisser Weise ersetzbar sind, dass du neue Leute finden kannst, die du genauso gern hast und dass immer ein Stück der Vergangenheit in dir verhaftet bleiben wird. Nichtsdestotrotz zieht eine Welle des Abschieds immer eine gewisse Melancholie nach sich. Der September war ein Monat voller Abschiede. Genau genommen fing es mit meinem Umzug an. Als ich vor einem Jahr in die Wohnung zog, mochte ich sie nicht besonders. Sie war mir zu klein, zu weit ab vom Stadtkern. Doch innerhalb des letzten Jahres habe ich mich sehr an sie gewöhnt, habe sie schätzen und lieben gelernt. Hatte alles was ich brauchte in der Nähe und kann mit einem guten Gefühl auf das zurückblicken, was sich in der Zeit alles ereignet hat.

Wie es aber so oft ist, fällt einem das erst auf, wenn man schon im Begriff ist, es hinter sich zu lassen. Die Kündigung war bereits abgeschickt, der Auszugstermin in unausweichliche Nähe gerückt, als mir klar wurde, dass ich mich doch an sie gebunden fühlte. Aber es hilft ja alles nichts. Jetzt habe ich wieder mehr Platz, bin näher an der Stadt. Doch als ich zum letzten Mal die alte Wohnung betrat und meinem Vermieter die Schlüssel in die Hand drückte zählten alle diese Argumente nicht mehr. Dann stehst du erstmal da und schaust dich um, erinnerst dich an die vergangne Zeit, so als würdest du dir alte Super- 8- Filme anschauen. Mag ja sein, dass ein Ende auch immer ein Neubeginn ist, und das man das, was man hat dadurch mehr zu schätzen weiß, wenn man sich vor Augen hält, was wäre wenn es auf einmal weg wäre. Vielleicht rührt daher diese Süße, die ich empfinde, wenn ich in Erinnerungen schwelge und dabei stets denke, dass früher alles besser war.

Als nächstes ging dann Tom- nach Zürich. Koffer gepackt, Wohnung gestrichen und ab! So ist es halt und es war klar. Dennoch denkt man unweigerlich daran zurück wie viele Stunden man daran vergeudet hat King of Queens zu gucken, MarioKart und Fifa zu zocken, sinnlos abzuhängen- und nach ein paar Wochen wird man sich darüber klar, dass man diese Dinge von jetzt an wieder alleine tut.

Dann gingen die Bacheloretten und es war klar, dass jetzt nichts mehr so sein würde wie im letzten Jahr. Vorbei die Zeit der ständigen Parties und Treffen. Der Freundeskreis- also der Kreis der Leute, mit denen man gerne seine Zeit verbringt- ist somit auf einen sehr überschaubaren Teil geschrumpft. Vorbei die Zeit in der man sich sagt: Ok, X hat keine Zeit, also rufe ich Y an. Jetzt ist wieder Diplomatie gefragt. Oder Abhängen- aber dabei kommt Abschied Nummer Zwei ins Spiel. Alleine Gammeln ist auch immer nur für eine Woche spaßig. Und zum Abschluss des Monats verließ dann auch Roman die Stadt. Wenn auch nur für begrenzte Zeit. Sicher, das Internet hält uns alle noch beisammen, dennoch hat sich diese Stadt dadurch verändert. Das Gefühl ist ein anderes.

Vielleicht muss man sich auch nur umorientieren, sich arrangieren und sich daran erinnern was man hat. Diese Abschiede haben mir mal wieder vor Augen geführt, wie rasend schnell die Zeit vergeht. Wenn ich daran denke, dass ich nächste Woche Geburtstag habe und schon wieder ein Jahr vorbei ist, das mir vorkam wie ein Wimpernschlag, dass ich nächstes Jahr so gut wie fertig mit meinem Studium bin, dass dies jetzt noch irrsinnig weit weg erscheint, mir aber in 12 Monaten vermutlich wieder wie ein kurzer Augenblick vorkommen werden. Es wird glaube ich Zeit für mich, dass der Herbst kommt. Ich will die letzten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut spüren, aber dabei die klirrend kalte Luft einatmen. Ich will mich in die warme Wohnung flüchten, vielleicht sogar mit einem Tee in der Hand. Ich will die Melancholie leben. Wenn es dunkler wird fühle ich mich immer geborgener. Der Herbst und der Winter sind für mich wie eine warme Brust, an die ich meinen Kopf betten kann um mich auszuruhen, zu mir selbst zu finden, nachzudenken. Der Sommer macht meinen Kopf jedes Jahr so matschig, dass alle Gefühle schwammig sind und ich sie nicht zuordnen kann. Es wird Zeit, dass der Herbst kommt…

Wir sind wieder da.