Zeit des Abschieds

herbst-1Dass Menschen nicht ewig bleiben habe ich eigentlich schon gelernt, als ich ein kleiner Junge war. Mit drei Schulwechseln binnen weniger Jahre machst du dir irgendwann klar, dass auch die besten Freunde in gewisser Weise ersetzbar sind, dass du neue Leute finden kannst, die du genauso gern hast und dass immer ein Stück der Vergangenheit in dir verhaftet bleiben wird. Nichtsdestotrotz zieht eine Welle des Abschieds immer eine gewisse Melancholie nach sich. Der September war ein Monat voller Abschiede. Genau genommen fing es mit meinem Umzug an. Als ich vor einem Jahr in die Wohnung zog, mochte ich sie nicht besonders. Sie war mir zu klein, zu weit ab vom Stadtkern. Doch innerhalb des letzten Jahres habe ich mich sehr an sie gewöhnt, habe sie schätzen und lieben gelernt. Hatte alles was ich brauchte in der Nähe und kann mit einem guten Gefühl auf das zurückblicken, was sich in der Zeit alles ereignet hat.

Wie es aber so oft ist, fällt einem das erst auf, wenn man schon im Begriff ist, es hinter sich zu lassen. Die Kündigung war bereits abgeschickt, der Auszugstermin in unausweichliche Nähe gerückt, als mir klar wurde, dass ich mich doch an sie gebunden fühlte. Aber es hilft ja alles nichts. Jetzt habe ich wieder mehr Platz, bin näher an der Stadt. Doch als ich zum letzten Mal die alte Wohnung betrat und meinem Vermieter die Schlüssel in die Hand drückte zählten alle diese Argumente nicht mehr. Dann stehst du erstmal da und schaust dich um, erinnerst dich an die vergangne Zeit, so als würdest du dir alte Super- 8- Filme anschauen. Mag ja sein, dass ein Ende auch immer ein Neubeginn ist, und das man das, was man hat dadurch mehr zu schätzen weiß, wenn man sich vor Augen hält, was wäre wenn es auf einmal weg wäre. Vielleicht rührt daher diese Süße, die ich empfinde, wenn ich in Erinnerungen schwelge und dabei stets denke, dass früher alles besser war.

Als nächstes ging dann Tom- nach Zürich. Koffer gepackt, Wohnung gestrichen und ab! So ist es halt und es war klar. Dennoch denkt man unweigerlich daran zurück wie viele Stunden man daran vergeudet hat King of Queens zu gucken, MarioKart und Fifa zu zocken, sinnlos abzuhängen- und nach ein paar Wochen wird man sich darüber klar, dass man diese Dinge von jetzt an wieder alleine tut.

Dann gingen die Bacheloretten und es war klar, dass jetzt nichts mehr so sein würde wie im letzten Jahr. Vorbei die Zeit der ständigen Parties und Treffen. Der Freundeskreis- also der Kreis der Leute, mit denen man gerne seine Zeit verbringt- ist somit auf einen sehr überschaubaren Teil geschrumpft. Vorbei die Zeit in der man sich sagt: Ok, X hat keine Zeit, also rufe ich Y an. Jetzt ist wieder Diplomatie gefragt. Oder Abhängen- aber dabei kommt Abschied Nummer Zwei ins Spiel. Alleine Gammeln ist auch immer nur für eine Woche spaßig. Und zum Abschluss des Monats verließ dann auch Roman die Stadt. Wenn auch nur für begrenzte Zeit. Sicher, das Internet hält uns alle noch beisammen, dennoch hat sich diese Stadt dadurch verändert. Das Gefühl ist ein anderes.

Vielleicht muss man sich auch nur umorientieren, sich arrangieren und sich daran erinnern was man hat. Diese Abschiede haben mir mal wieder vor Augen geführt, wie rasend schnell die Zeit vergeht. Wenn ich daran denke, dass ich nächste Woche Geburtstag habe und schon wieder ein Jahr vorbei ist, das mir vorkam wie ein Wimpernschlag, dass ich nächstes Jahr so gut wie fertig mit meinem Studium bin, dass dies jetzt noch irrsinnig weit weg erscheint, mir aber in 12 Monaten vermutlich wieder wie ein kurzer Augenblick vorkommen werden. Es wird glaube ich Zeit für mich, dass der Herbst kommt. Ich will die letzten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut spüren, aber dabei die klirrend kalte Luft einatmen. Ich will mich in die warme Wohnung flüchten, vielleicht sogar mit einem Tee in der Hand. Ich will die Melancholie leben. Wenn es dunkler wird fühle ich mich immer geborgener. Der Herbst und der Winter sind für mich wie eine warme Brust, an die ich meinen Kopf betten kann um mich auszuruhen, zu mir selbst zu finden, nachzudenken. Der Sommer macht meinen Kopf jedes Jahr so matschig, dass alle Gefühle schwammig sind und ich sie nicht zuordnen kann. Es wird Zeit, dass der Herbst kommt…

Wir sind wieder da.

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