Noch ein Wort zum Sonntag

Wenn du jung bist, bist du noch voller Träume. Das Leben ist leicht. Du stehst um sechs Uhr auf- nicht, weil der Wecker klingelt, sondern weil es deinem Schlafrhythmus entspricht. Du schaust dir Cartoons im Fernsehen an, du gehst mit Freunden auf den Spielplatz. Du lebst in deiner eigenen Welt und fühlst dich geborgen, nichts kann dir etwas anhaben. Du hast das Gefühl, dass du alles werden kannst: Pilot (wenn nicht sogar Astronaut), Polizist, Fußballprofi oder Superheld.

Dann wirst du älter. Du erlebst deine ersten Enttäuschungen, hängst mit deinen Freunden im Stadtpark rum. Plötzlich erkennst du, dass du auch gar kein Polizist werden möchtest, weil die ja doch nur Ärger machen. Auch der Fußball war nur ein kurzer Traum. Seit dir der Kerl aus der vierten Klasse mal kräftig gegen das Schienbein getreten hat, hast du dich entschieden, dass ein anderer lieber diesen Job machen soll. Das mit dem Superheldsein hast du dir mittlerweile auch abgeschminkt. Du willst jetzt Rockstar werden, Skateboardprofi oder Schauspieler. Stattdessen bist du nur der Klassenclown. Du ziehst dein Ding durch und erntest ein paar Lacher. Du vergisst dabei aber, dass deine Witze anderen Leuten weh tun und gerade deine Lehrer das nun mal gar nicht lustig finden. Irgendwann kommt dann die Zeit in der du einsehen musst, dass auch deine Skateboardkarriere keine Früchte trägt, weil du viel mehr damit beschäftigt bist zu rauchen, Bier zu trinken und mit dem Deck unter deinem Arm cool auszusehen anstatt zu üben. Also wünscht du dir zum Geburtstag eine Gitarre. Du spielst in einer Band und willst gerne den großen Durchbruch schaffen. Dass ihr scheiße seid klammerst du dabei aus.

So vergehen ein paar Jahre und du denkst dir, dass du erstmal dein Abi machen musst, weil dir so natürlich sämtliche Türen offen stehen. Dann hast du dein Abi in der Tasche und fragst dich, was das Leben noch für dich bereithält, nachdem du jetzt allen bewiesen hast wie unfassbar klug du bist. Dir wird dann klar, dass die Band es nie zu etwas bringen wird und steigst aus. Mag sein, dass man als Solomusiker auch mehr Erfolg hat. Du fängst aber erstmal an zu studieren. Irgendwas das dir liegt- Geisteswissenschaften vielleicht. Du bist schließlich kein Ass in Mathe, von Computern hast du noch weniger Ahnung und wie das in der Chemie funktioniert hast du gerade Mal bis zur neunten Klasse gut verstanden.

Irgendwann, so in der Mitte deines Studiums, fängt es innerlich schon leicht an zu zwicken, weil du merkst, dass du auf der Stelle trittst. Irgendwie suchst du nebenher auch immer nach der großen Liebe, aber das einzige auf was du stößt sind Frauen die dich nicht verstehen, die du nicht verstehst, oder beides. Eine Weile lebst du einfach so vor dich hin, wie ein Biber auf eine Müllhalde. Die Chipstüten in deinem Bett sind dir vertrauter geworden als die Frau die neben dir schläft. Es gibt dann natürlich auch ein paar Hürden während des Studiums, die du irgendwie meisterst. Und dann, wenn es sich dem Ende zuneigt, wird dir klar, dass es zu spät ist all deine Träume zu verwirklichen. Du bist jetzt alt. Zu alt zumindest um noch Rockstar zu werden, zu alt um noch mit der Schauspielerei anzufangen, zu alt aus deiner festgefahrenen Routine auszubrechen. Jetzt noch dein Leben ändern? Keine Chance. Du musst dich mit dem Gedanken anfreunden, dass du dich für die Mittelmäßigkeit entschieden hast, ohne es zu merken. Du hast keine besonderen Talente, keine besonderen Qualifikationen- du hast nicht mal mehr besondere Träume. Jetzt willst du dir einen Flachbildfernseher kaufen und vielleicht mal eine Familie gründen. Dabei kann man kaum scheitern- und wenn doch bist nicht du, sondern dein Umfeld schuld (oder deine Spermien).

Und so lebst du eine Weile mit dem unguten Gefühl im Nacken, dass du gescheitert bist, dass du dein jüngeres Ich verraten hast. Du fühlst dich schuldig. Würdest gerne in der Zeit zurück reisen und mit dir selbst reden. Dir sagen: häng dich mehr rein oder gib deine Träume jetzt schon auf! Dann schaust du in den Spiegel und siehst da jemanden, der dir noch gar nicht reif für all das vorkommt. Ein fester Job? Eine Familie? Du bist doch immer noch du. Du bist noch immer 16 Jahre alt und wärst eigentlich noch immer gerne Rockstar, vielleicht auch Schriftsteller. Du betrachtest deine Träume jetzt mit den Augen zynischer Realität. Hast sie wegrationalisiert. Und du fragst dich natürlich ob es überhaupt einen Platz für dich gibt?

Aber manchmal, wenn du in Erinnerungen schwelgst, wenn du auf dich selber zurückblickst, wer du heute bist und wer du damals warst, dann merkst du, dass es noch immer in dir schlummert. Du hast dich nicht verändert, du bist nur vernünftiger geworden. Und wer will schon wirklich Rockstar sein? Immer unterwegs, Groupies und Drogen und mit Ende Zwanzig schon wie Fünfzig aussehen? Du erkennst vielleicht, dass du schon immer der kleine Spießer warst, der du bist. Dass du ihn nie wirklich verachtet sondern um seine Bodenständigkeit beneidet hast. Und dann hörst du einen Song, einen ganz bestimmten Song, der dich an das erinnert, was du mal warst. Und dann wird dir klar, dass es nicht deine Träume waren, die dich geleitet haben, sondern dass du dich selbst träumen musst. Und das du es bist, der in deinem Traum lebt. In deiner eigenen Welt. Als Person die du hier nicht sein kannst, bist du vielleicht mehr du selbst, als es möglich ist. Du musst vernünftig sein, du musst bodenständig sein. Aber irgendwo, in deinen Gedanken, deinen Träumen, bist du du selbst und du siehst dich, wenn du deine Augen schließt. Und wenn dieser Song läuft, der dich daran erinnert, wer du schon immer warst, kannst du dich darin tanzen sehen.

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