Archiv für den Monat Oktober 2014

Sie haben die Stadt verwüstet, diese Kinder, als sie plötzlich kamen und sich alles nahmen, was sie haben wollten, uns nichts mehr ließen, nichtmal die Ruhe, die wir brauchten, weil wir uns an sie gewöhnt hatten. Überall war Krach und der Geruch von Rauch, der Geschmack von Tränen und das Klatschen der Fäuste auf Kiefer und das Geräusch von knackenden Knochen. Sie hinterließen Blut auf den Straßen und zersplittertes Glas, sie zerstörten die Erinnerungen an das, was mal war, als es noch still war und friedlich und schön.

Die Kinder blieben und mit ihnen die Zerstörung und irgendwann war alles normal und es war wie die Ruhe, so still und so schön. Dann kam der Krieg und mit ihm kehrten die Toten zurück unser Gedächtnis, in die Erinnerungen und in das Bewusstsein. Nur ein wenig mehr Zeit, nur noch ein wenig, schienen sie zu fordern, von uns, die wir doch nur auf die Ruhe versessen waren und nicht sehen wollten, wie Tote die Kinder, während sie kämpften, zerfleischten und aßen. Münder, die nach Liebe schrien, blutverschmiert und Tränen auf ihren Wangen.

Und irgendwann waren auch die Toten normal, die herumirrten, wie Treibholz in Flüssen, durch die Straßen, durch die Wälder, durch die Erinnerungen, durch die Nacht.

Und alles was irgendwann blieb waren wir. Die traurigen Kinder, an Fenster gebunden, zum Zuschauen verdammt, mit nichts in den Händen als Erinnerungen und Zigaretten, wenn wir denn noch rauchen würden. Wir sehen zu und merken wie Zeit die verfliegt, nicht stillsteht, auch wenn man möchte und hofft, dass alles so endlos bleibt, wie die Kinder, die irgendwann kommen und die Stadt verwüsten und die Toten zurückholen, die wir auf unserem Weg vergessen haben.

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Opa erzählt von später

Den ganzen Sommer lang habe ich auf den Herbst gewartet. Ich hatte keine Lust mehr auf die schwüle Hitze, auf zwei gute Tage und danach Gewitter. Keine Lust auf die Schlappheit und auf Schwitzen. Keine Lust auf diese Trägheit im Schädel und keine Lust auf lange Tage.

 Jetzt, wo der Herbst allmählich kommt und mit ihm das Geräusch von Blättern, die der Wind über den Asphalt treibt  und Luft, die frühmorgens schon nach Eis riecht, wird mir bewusst, dass ich eine entscheidende Sache nicht bedacht habe. Mit dem Herbst kommt immer auch mein Geburtstag. In den letzten Jahren war das keine große Sache, ein Tag wie jeder andere, ganz angenehm sogar und nur noch Erinnerung an das emotionale Loch, in das ich fiel, als ich 25 wurde. Sogar die 30 habe ich im vergangenen Jahr sehr gut weg gesteckt.  In diesem Jahr jedoch wird mir schon schlecht wenn ich nur daran denke. Vielleicht, weil die 30 dann hinter mir liegt, plötzlich jung erscheint. 31 ist die Hölle. Plötzlich liegen die 20er nicht mehr nur ein paar wenige Monate, sondern ein ganzes Jahr zurück.

Ich fange wieder an daran zu denken, wo ich stehe. Mit der Diss, mit nem Job, und wo ich im Leben bin. Wo verdammt habe ich eigentlich erwartet zu sein? Und eigentlich – das ist das Paradoxe – bin ich sogar zufrieden, aber irgendwie auch nicht. Die Dinge könnten doch immer irgendwie noch runder laufen, vielleicht noch besser sein. Und auch wenn ich bewusst keinen Druck spüre, der auf mir lastet, niemand der mir sagt: „Tu dies, tu das, du solltest doch mittlerweile eigentlich…“, stelle ich fest, dass ich jeden Tag angespannter aufwache. Der Magen verkrampft sich mir bei dem Gedanken, einfach immer älter und älter zu werden, ein Strudel, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Du könntest jetzt noch ein paar Jahre genau so weiterleben und damit zufrieden sein und eines Tages wachst du auf und bist dann 40. Was, wenn ich momentan an einem Punkt in meinem Leben bin, in dem ich mir eigentlich selbst in den Arsch treten sollte? Dinge tun, auf die ich keine Lust habe, die mich noch nichtmal besonders reizen? Was wenn jetzt die Gelegenheit ist, die Weichen für das zu stellen, das mich vielleicht nicht heute aber in 10 Jahren glücklich macht?  Ich habe mir jetzt jahrelang eingeredet, dass das, was einen glücklich macht automatisch das richtige ist. Aber was, wenn dieses zufrieden-in-den-Tag hinein leben eine Sackgasse ist, für die ich mich irgendwann mal verfluche.

Das sind die Gedanken, die mich in den letzten Wochen begleiten. Dazu die Tatsache, dass ich zu viel arbeite, um Fortschritte bei der Diss. zu sehen und zu wenig, um zu sagen, dass das jetzt anscheinend mein neues Ding ist. Und nebenher fangen die Leute an zu fragen, was ich denn an meinem Geburtstag mache. Ich sage, ich weiß es nicht – und ich weiß es auch nicht, will mir keine Gedanken darüber machen.  Ich freue mich über ein paar nette Worte, von Menschen die ich gerne habe und der Rest ist mir egal. Am liebsten hätte ich, dass mich jemand in den Arm nimmt und mir mal wieder sagt, dass alles gut ist, dass die Dinge richtig sind, wie sie laufen, dass es sich lohnt diesen Weg zu gehen, dass die Zeit schon alles richten wird. Ich will den Nacken gekrault kriegen und dabei gedankenlos wegpennen, diesen Tag einfach friedlich überstehen. Kein großes Procedere, das mich nur immer wieder daran erinnert, was ich mir selbst für ungreifbare Vorstellungen von einer Zukunft mache.

Ich will im Laub liegen und den Herbst angucken, ich will das Eis in der Luft schmecken und die Augen schließen. Ich will schlafen und mit dem Gefühl aufwachen, das alles gut ist wie es ist. Vielleicht muss man nur dran glauben.