Archiv für den Monat August 2016

Diss ist Liebe

Vielleicht ist Liebe immer dann am schönsten, wenn sie zu Ende geht. Wie die Sonne kurz vorm Untergehen, wie ein Regenschauer, der einen sonnigen Tag beendet, wie dieser Einstieg, wenn ich verrate, dass ich eigentlich nur ein paar Takte über die Diss sagen will.

Die Diss und ich, das war in den letzten Jahren nämlich eine sehr holprige Beziehung. Meist war ich daran schuld, konnte ihr nicht ganz gerecht werden, hatte mehr versprochen, als ich Energie aufbringen konnte, war oftmals abgelenkt und nicht genug für sie da. Zugegeben, ich habe mich nicht immer von meiner besten Seite gezeigt. Dennoch ist sie stets bei mir geblieben und ich war ihr treu, habe versucht, mich gut um sie zu kümmern. Aber nur allzu oft haben wir einsam nebeneinander gelegen und hatten uns nichts zu erzählen, außer dem, was wir schon tausend Mal besprochen hatten. Es gab Gedanken (und Gelegenheiten), es einfach zu beenden. Doch wir hatten einander – irgendwie; und wenn es nur dazu diente, dass wir uns trennen.

Der Zeitpunkt rückt nun näher und bald ist es soweit Lebewohl zu sagen. Dieser Abschied unterscheidet sich insofern von so vielen anderen, als dass ich ihn diesmal wirklich will. Ich spüre, dass ich heiß bin, dass ich fokussiert bin, wie seit Jahren nicht mehr. Mit dem Ende im Blick fühle ich mich so voller Kraft, was das Schreiben angeht, dass ich diese Woche seit Tagen schon herbeisehne. Alles ist geplant und natürlich weiß ich, dass nichts laufen wird, wie ich es mir vorstelle. Und trotzdem wird es am Ende gut sein. Es ist die letzte innige Umarmung, die einem noch einmal zeigt, dass es das alles wert war. Irgendwann werden wir uns wieder sehen und das soll nicht im Zorn geschehen. Es wird nicht im Zorn geschehen. Weil wir einander immer in uns tragen werden. (Und ich sie auf dem Person, dem Klingelschild und auch der Bäcker wird mich in den ersten Wochen verdammt nochmal mit „Herr Doktor“ anzusprechen haben! Aber das ist eine andere Geschichte.)

Ab Donnerstag werde ich die Vorhänge zuziehen und ihr das Beste geben, was ich geben kann. So soll es enden, so habe ich es versprochen. Ich hoffe, ich werde sie nicht enttäuschen.

Und jetzt komm! Dich schreib ich sowas von fertig, du kleine Schlampe.

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La Scimmia scrive nello Zucchero

Gestern habe ich zwei Entschlüsse gefasst. Zum einen soll die Diss bis Ende September fertig werden, zum anderen will ich wieder mehr bloggen. Ich weiß nicht, welcher der beiden utopischer ist. Zumindest für die Diss habe ich einen Zeitplan und Notizen, für den Blog habe ich lediglich einen Zettel auf dem steht „mehr bloggen“. Mehr ist mir nicht eingefallen und sogar dafür musste ich mich anstrengen.

Nachdem ich hier gestern seit einer gefühlten Ewigkeit wieder etwas geschrieben habe, habe ich mich noch eine ganze Weile durch das Archiv geklickt, habe mir das gesamte Jahr 2009 durchgelesen und irgendwie hat es mich glücklich gemacht. An viele der Einträge konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, an andere wiederum sehr genau; meist wenn mir einfiel, wie schlecht und überflüssig ich sie seinerzeit fand. Vieles von dem, was mir damals so nutzlos und inhaltsleer vorkam, hat gestern allerdings Gedanken und Gefühle aufleben lassen, die einen nostalgischen Wert für mich hatten, den ich so nicht erwartet habe.

Als ich diesem Blog irgendwann im letzten Jahr einen neuen Look verpasst habe, hatte ich vor, stilisierte Texte zu veröffentlichen – bloß nicht zu persönlich, bloß nicht zu sehr den Eindruck eines Tagebuchs erwecken. Mit Wortspielereien und Metaphern auf die Kacke hauen, am besten sogar in ästhetisch ansprechenden Texten. Geschrieben habe ich von da an natürlich kaum noch was.

Scheiß drauf, hab ich mir gestern gesagt, sogar mein Latein-Gejammer aus 2009 hat mich gut unterhalten. Never change a winning team, diesdas – Ich werde niemals aufhören, mich leer zu fühlen und es gibt immer noch genug, über das ich jammern kann. Warum das Schreiben sein lassen, nur weil ich Angst habe, dass irgendwer auf mich zukommt und sagt: „Ey, Limbo, was haste da jetzt wieder für einen Scheiß geschrieben?“ (und bevor jemand diesen Satz gleich als Kommentar bringen will: mach dir keine Mühe, ist einkalkuliert.)  Ich muss mich davon frei machen. Ich bin keiner, der hier den Poeten spielen will, ich bin erst recht keiner, der seine politischen Ideale in die Welt hinaus schreit. Und was ich dann erkennen musste, glaubst du mir nie: ich will das alles ja auch gar nicht sein. Manchmal habe ich eine Eingebung, meist jedoch ist alles ohne Konzept und verdammt noch mal: ich bin wie ich bin. Ich will nörgeln und mich dabei in pathetischer Melancholie wälzen, ich will Metaphern von Sternenhimmeln benutzen und die traurige Welt anklagen. Nicht, weil ich denke, dass daraus Kunst wird, sondern weil das Dinge sind, die ich mag.

Und wenn ich es beschissen finde, dann weiß ich, dass es mich in irgendeiner Sommernacht 2025 eventuell abholen wird. Hallo Zukunfts-Ich: fühl dich gedrückt, du kleiner Knuffel!

Und außerdem will ich aufn Arm.

Mit Schinken schminken

Ich muss mal wieder etwas schreiben, das denke ich mir seit Tagen schon. Einfach um des Schreibens willen. Natürlich habe ich keine Idee, also mache ich es intuitiv.

Ich hatte mal eine klasse Idee für ein YouTube-Video. Daraus ist nichts geworden, aber die Idee steht auf einem Post-It, das neben meinem Monitor klebt. Mit einer einzigen Idee machste halt kein YouTube. Sowieso ist YouTube eher für die jungen Menschen. Die haben noch Ideen. Oder zumindest Energie. Ja, Energie haben diese jungen Menschen. Junge Menschen gehen auch ständig tanzen. Die können drei Tage durchsaufen und haben nichtmal dicke Augen. Ich hab schon dicke Augen, wenn ich drei Stunden am Stück meine Kontaktlinsen trage. Ich war auch schon ewig nicht mehr tanzen. Ich bin viel zu müde zum Tanzen. Manchmal hätte ich Lust zu tanzen, dann fallen mir aber diese ganzen jungen Menschen ein. Die tanzen alle viel schneller als ich, da kommste in meinem Alter gar nicht mehr mit. Sowieso wirkst du einfach nur deplatziert, wenn du jetzt plötzlich wieder tanzen gehst. Stehst müde im Club und wirkst wie so ein Hängengebliebener. Golf Club, okay – aber du kannst doch am Wochenende nicht einfach rausgehen und dich betrunken an 20jährigen reiben. Was für früher noch ganz charmant war, wirkt ab einem gewissen Punkt nur noch eklig und verzweifelt. Wie diese Kerle, die ihre Midlife-Crisis auf Twitter ausleben. Du weißt ja auch gar nicht, was du mit den jungen Menschen besprechen sollst. „Bachelor, aha. Ja, davon habe ich mal gehört.“ Dann redest du doch und merkst, wie du die ganze Zeit von früher erzählst, als du in deren Alter warst. Deine besten Jahre. Das war, bevor du jeden Morgen deine Haare aus dem Ausguss prökeln musstest und bevor deine Geheimratsecken in der Sonne so lustig geglänzt haben. Noch ein paar Jahre und du fährst im Sommer dein Cabrio spazieren – einen schönen Sonnenbrand auf der Platte. Aber erstmal so weit kommen. Erstmal raus aus dieser Konversation, raus aus diesem Club, ab nach Hause und rein in die Jogginghose. Die schauen dich hier alle schon so komisch an. Merken, dass deine Augen schon müde werden, weil die Kontaktlinsen zu lange drin sind. Du bist wie Cinderella, nur in kläglich. Schnell raus hier, bevor jemand merkt, wie fertig du bist. Zu Hause ist immer Zeit für ein Schläfchen, zu Hause sieht niemand, wie erschöpft du bist. Zu Hause könntest du ein YouTube-Video machen. Das geht schnell, das kannst du schneiden. Zwischendrin ein Nickerchen und keiner bemerkt den Schwindel.

Nur ein paar mehr Ideen für YouTube-Videos und meine Internet-Karriere könnte so richtig durchstarten. Ich wäre immer präsent, die Leute würden mich um meinen Lifestyle beneiden und niemand würde jemals die Wahrheit erfahren. Ich würde in der Abendsonne ein Bier trinken und einfach gar nicht erwähnen, dass ich anschließend Mortadella aus der Packung gegessen habe. Ich würde den Leuten nur den ganzen geilen Scheiß zeigen, würde eine irre Show abziehen und wenn die Kamera dann aus ist, kann ich mit gutem Gewissen zusammenbrechen, ohne dass es jemand weiß. Das ist, was mir am Internet am allerbesten gefällt: du kannst authentisch sein und trotzdem lügen, dass sich die Balken biegen. Aber es ist keine richtige Lüge, weil du es einfach nicht erzählst. Das Display verzerrt nichts, aber es ist trotzdem zu deiner Maske geworden, hinter der du all deine Verachtung verstecken kannst. Wie ein großes Familienfest, auf dem man nur das Beste erzählt. Und das fanden wir doch schon immer geil, oder nicht?