Archiv für den Monat September 2016

Persona

Wenn ich wirklich will, kann ich zu dir werden, einfach so. Es kostet mich keine Anstrengung. Ich habe dich erschaffen und ich kann mich zu dir machen. Jederzeit.

Du stehst vor dem Kino im Regen und nun stehe ich vor dem Kino im Regen. In der Hand eine Eintrittskarte, das Gesicht verzerrt in der kalten Luft des Herbstabends. Wir tauschen die Rollen und du sitzt an diesem Schreibtisch und hämmerst beliebig auf den Tasten herum, ohne zu wissen, was passiert.

Du schreibst mich in eine Bar, ein Glas steht vor mir auf dem Tisch. Was ist in diesem Glas? Überleg’ es dir schnell! Die Blonde an der Theke schaut schon zu mir herüber. Wirst du sie aufstehen lassen? Wird sie zu mir kommen? Was wird sie sagen?

Wenn sie mich nicht will, können wir einfach wieder die Rollen tauschen und du sitzt an diesem Tisch und bist gezwungen, dich mit diesen Gedanken auseinander zu setzen. Es ist nicht mein Problem. Ich kann dich ewig hier sitzen lassen, wenn ich nur möchte. Genießt du die Einsamkeit oder macht sie dich verrückt? Es obliegt meinem Willen. Das ist das Schöne am Schreiben. Bist du ein alter Mann? Bist du krank oder kerngesund? Was musstest du in deinem Leben erfahren? Wie würdest du entscheiden, wenn ich an diesem Tisch sitzen würde und du über mein Leben walten dürftest?

Zunächst stehen wir auf und gehen Pinkeln. Ich werde dich begleiten, aber ich verspreche, ich werde nicht hinschauen. Und die Blonde wird noch da sein, wenn du wiederkommst, weil ich heute einen guten Tag habe. Sie wird zu dir herüber lächeln und dann wirst du ihr einen Drink spendieren. Mach’ dir keine Sorgen, du hast genug Geld dabei. Sie wird zu dir kommen, um sich zu bedanken. Ihr werdet euch gut unterhalten und einen netten Abend miteinander verbringen. Anschließend werdet ihr gemeinsam in ein Taxi steigen und zu ihr nach Hause fahren. Sie wird nicht zu viel quatschen und sie ist keine Psychopathin. Sie ist ein gutes Mädchen, nett und solide. Auch, weil ich heute einen guten Tag habe.

Aber noch stehst du hier mit deinem Penis in der Hand. Verzeih’ mir, jetzt habe ich doch geguckt. Aber keine falsche Scham, du weißt mittlerweile, dass ich einen guten Tag habe.

Du stehst am Waschbecken und betrachtest dich im Spiegel. Ich habe entschieden, dass du durchschnittlich aussiehst, das macht das Spiel interessanter. Aber du weißt ja schon, was dich erwartet. Es sei denn, ich überlege es mir noch mal anders. Du hast in diesem Augenblick keine Angst, weil ich nicht will, dass du Angst hast. Du richtest deine Haare und trocknest anschließend deine Hände. Kurz erinnere ich dich daran, weswegen du überhaupt hier bist. Wegen dieses anderen Mädchens, weißt du noch? Ich entscheide, dass es dir kurz weh tut, als du an sie denkst, aber ich habe beschlossen, dass sie dir nichts mehr bedeutet. Einfach so. Ich kann das.

Jetzt öffne die Tür! Da sitzt sie gleich, die Blonde und sie wird lächeln. Kauf’ ihr den Drink! Kümmer’ dich nicht um das Geld, heute geht auf mich. Weil ich einen guten Tag habe.

Doch vergiss nicht: wo immer sie ist, da werde auch ich sein. Aber ich will uns jetzt nicht verunsichern.

 

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