Archiv der Kategorie: Essenzielles

Noch ein Wort zum Sonntag

Wenn du jung bist, bist du noch voller Träume. Das Leben ist leicht. Du stehst um sechs Uhr auf- nicht, weil der Wecker klingelt, sondern weil es deinem Schlafrhythmus entspricht. Du schaust dir Cartoons im Fernsehen an, du gehst mit Freunden auf den Spielplatz. Du lebst in deiner eigenen Welt und fühlst dich geborgen, nichts kann dir etwas anhaben. Du hast das Gefühl, dass du alles werden kannst: Pilot (wenn nicht sogar Astronaut), Polizist, Fußballprofi oder Superheld.

Dann wirst du älter. Du erlebst deine ersten Enttäuschungen, hängst mit deinen Freunden im Stadtpark rum. Plötzlich erkennst du, dass du auch gar kein Polizist werden möchtest, weil die ja doch nur Ärger machen. Auch der Fußball war nur ein kurzer Traum. Seit dir der Kerl aus der vierten Klasse mal kräftig gegen das Schienbein getreten hat, hast du dich entschieden, dass ein anderer lieber diesen Job machen soll. Das mit dem Superheldsein hast du dir mittlerweile auch abgeschminkt. Du willst jetzt Rockstar werden, Skateboardprofi oder Schauspieler. Stattdessen bist du nur der Klassenclown. Du ziehst dein Ding durch und erntest ein paar Lacher. Du vergisst dabei aber, dass deine Witze anderen Leuten weh tun und gerade deine Lehrer das nun mal gar nicht lustig finden. Irgendwann kommt dann die Zeit in der du einsehen musst, dass auch deine Skateboardkarriere keine Früchte trägt, weil du viel mehr damit beschäftigt bist zu rauchen, Bier zu trinken und mit dem Deck unter deinem Arm cool auszusehen anstatt zu üben. Also wünscht du dir zum Geburtstag eine Gitarre. Du spielst in einer Band und willst gerne den großen Durchbruch schaffen. Dass ihr scheiße seid klammerst du dabei aus.

So vergehen ein paar Jahre und du denkst dir, dass du erstmal dein Abi machen musst, weil dir so natürlich sämtliche Türen offen stehen. Dann hast du dein Abi in der Tasche und fragst dich, was das Leben noch für dich bereithält, nachdem du jetzt allen bewiesen hast wie unfassbar klug du bist. Dir wird dann klar, dass die Band es nie zu etwas bringen wird und steigst aus. Mag sein, dass man als Solomusiker auch mehr Erfolg hat. Du fängst aber erstmal an zu studieren. Irgendwas das dir liegt- Geisteswissenschaften vielleicht. Du bist schließlich kein Ass in Mathe, von Computern hast du noch weniger Ahnung und wie das in der Chemie funktioniert hast du gerade Mal bis zur neunten Klasse gut verstanden.

Irgendwann, so in der Mitte deines Studiums, fängt es innerlich schon leicht an zu zwicken, weil du merkst, dass du auf der Stelle trittst. Irgendwie suchst du nebenher auch immer nach der großen Liebe, aber das einzige auf was du stößt sind Frauen die dich nicht verstehen, die du nicht verstehst, oder beides. Eine Weile lebst du einfach so vor dich hin, wie ein Biber auf eine Müllhalde. Die Chipstüten in deinem Bett sind dir vertrauter geworden als die Frau die neben dir schläft. Es gibt dann natürlich auch ein paar Hürden während des Studiums, die du irgendwie meisterst. Und dann, wenn es sich dem Ende zuneigt, wird dir klar, dass es zu spät ist all deine Träume zu verwirklichen. Du bist jetzt alt. Zu alt zumindest um noch Rockstar zu werden, zu alt um noch mit der Schauspielerei anzufangen, zu alt aus deiner festgefahrenen Routine auszubrechen. Jetzt noch dein Leben ändern? Keine Chance. Du musst dich mit dem Gedanken anfreunden, dass du dich für die Mittelmäßigkeit entschieden hast, ohne es zu merken. Du hast keine besonderen Talente, keine besonderen Qualifikationen- du hast nicht mal mehr besondere Träume. Jetzt willst du dir einen Flachbildfernseher kaufen und vielleicht mal eine Familie gründen. Dabei kann man kaum scheitern- und wenn doch bist nicht du, sondern dein Umfeld schuld (oder deine Spermien).

Und so lebst du eine Weile mit dem unguten Gefühl im Nacken, dass du gescheitert bist, dass du dein jüngeres Ich verraten hast. Du fühlst dich schuldig. Würdest gerne in der Zeit zurück reisen und mit dir selbst reden. Dir sagen: häng dich mehr rein oder gib deine Träume jetzt schon auf! Dann schaust du in den Spiegel und siehst da jemanden, der dir noch gar nicht reif für all das vorkommt. Ein fester Job? Eine Familie? Du bist doch immer noch du. Du bist noch immer 16 Jahre alt und wärst eigentlich noch immer gerne Rockstar, vielleicht auch Schriftsteller. Du betrachtest deine Träume jetzt mit den Augen zynischer Realität. Hast sie wegrationalisiert. Und du fragst dich natürlich ob es überhaupt einen Platz für dich gibt?

Aber manchmal, wenn du in Erinnerungen schwelgst, wenn du auf dich selber zurückblickst, wer du heute bist und wer du damals warst, dann merkst du, dass es noch immer in dir schlummert. Du hast dich nicht verändert, du bist nur vernünftiger geworden. Und wer will schon wirklich Rockstar sein? Immer unterwegs, Groupies und Drogen und mit Ende Zwanzig schon wie Fünfzig aussehen? Du erkennst vielleicht, dass du schon immer der kleine Spießer warst, der du bist. Dass du ihn nie wirklich verachtet sondern um seine Bodenständigkeit beneidet hast. Und dann hörst du einen Song, einen ganz bestimmten Song, der dich an das erinnert, was du mal warst. Und dann wird dir klar, dass es nicht deine Träume waren, die dich geleitet haben, sondern dass du dich selbst träumen musst. Und das du es bist, der in deinem Traum lebt. In deiner eigenen Welt. Als Person die du hier nicht sein kannst, bist du vielleicht mehr du selbst, als es möglich ist. Du musst vernünftig sein, du musst bodenständig sein. Aber irgendwo, in deinen Gedanken, deinen Träumen, bist du du selbst und du siehst dich, wenn du deine Augen schließt. Und wenn dieser Song läuft, der dich daran erinnert, wer du schon immer warst, kannst du dich darin tanzen sehen.

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Zeit des Abschieds

herbst-1Dass Menschen nicht ewig bleiben habe ich eigentlich schon gelernt, als ich ein kleiner Junge war. Mit drei Schulwechseln binnen weniger Jahre machst du dir irgendwann klar, dass auch die besten Freunde in gewisser Weise ersetzbar sind, dass du neue Leute finden kannst, die du genauso gern hast und dass immer ein Stück der Vergangenheit in dir verhaftet bleiben wird. Nichtsdestotrotz zieht eine Welle des Abschieds immer eine gewisse Melancholie nach sich. Der September war ein Monat voller Abschiede. Genau genommen fing es mit meinem Umzug an. Als ich vor einem Jahr in die Wohnung zog, mochte ich sie nicht besonders. Sie war mir zu klein, zu weit ab vom Stadtkern. Doch innerhalb des letzten Jahres habe ich mich sehr an sie gewöhnt, habe sie schätzen und lieben gelernt. Hatte alles was ich brauchte in der Nähe und kann mit einem guten Gefühl auf das zurückblicken, was sich in der Zeit alles ereignet hat.

Wie es aber so oft ist, fällt einem das erst auf, wenn man schon im Begriff ist, es hinter sich zu lassen. Die Kündigung war bereits abgeschickt, der Auszugstermin in unausweichliche Nähe gerückt, als mir klar wurde, dass ich mich doch an sie gebunden fühlte. Aber es hilft ja alles nichts. Jetzt habe ich wieder mehr Platz, bin näher an der Stadt. Doch als ich zum letzten Mal die alte Wohnung betrat und meinem Vermieter die Schlüssel in die Hand drückte zählten alle diese Argumente nicht mehr. Dann stehst du erstmal da und schaust dich um, erinnerst dich an die vergangne Zeit, so als würdest du dir alte Super- 8- Filme anschauen. Mag ja sein, dass ein Ende auch immer ein Neubeginn ist, und das man das, was man hat dadurch mehr zu schätzen weiß, wenn man sich vor Augen hält, was wäre wenn es auf einmal weg wäre. Vielleicht rührt daher diese Süße, die ich empfinde, wenn ich in Erinnerungen schwelge und dabei stets denke, dass früher alles besser war.

Als nächstes ging dann Tom- nach Zürich. Koffer gepackt, Wohnung gestrichen und ab! So ist es halt und es war klar. Dennoch denkt man unweigerlich daran zurück wie viele Stunden man daran vergeudet hat King of Queens zu gucken, MarioKart und Fifa zu zocken, sinnlos abzuhängen- und nach ein paar Wochen wird man sich darüber klar, dass man diese Dinge von jetzt an wieder alleine tut.

Dann gingen die Bacheloretten und es war klar, dass jetzt nichts mehr so sein würde wie im letzten Jahr. Vorbei die Zeit der ständigen Parties und Treffen. Der Freundeskreis- also der Kreis der Leute, mit denen man gerne seine Zeit verbringt- ist somit auf einen sehr überschaubaren Teil geschrumpft. Vorbei die Zeit in der man sich sagt: Ok, X hat keine Zeit, also rufe ich Y an. Jetzt ist wieder Diplomatie gefragt. Oder Abhängen- aber dabei kommt Abschied Nummer Zwei ins Spiel. Alleine Gammeln ist auch immer nur für eine Woche spaßig. Und zum Abschluss des Monats verließ dann auch Roman die Stadt. Wenn auch nur für begrenzte Zeit. Sicher, das Internet hält uns alle noch beisammen, dennoch hat sich diese Stadt dadurch verändert. Das Gefühl ist ein anderes.

Vielleicht muss man sich auch nur umorientieren, sich arrangieren und sich daran erinnern was man hat. Diese Abschiede haben mir mal wieder vor Augen geführt, wie rasend schnell die Zeit vergeht. Wenn ich daran denke, dass ich nächste Woche Geburtstag habe und schon wieder ein Jahr vorbei ist, das mir vorkam wie ein Wimpernschlag, dass ich nächstes Jahr so gut wie fertig mit meinem Studium bin, dass dies jetzt noch irrsinnig weit weg erscheint, mir aber in 12 Monaten vermutlich wieder wie ein kurzer Augenblick vorkommen werden. Es wird glaube ich Zeit für mich, dass der Herbst kommt. Ich will die letzten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut spüren, aber dabei die klirrend kalte Luft einatmen. Ich will mich in die warme Wohnung flüchten, vielleicht sogar mit einem Tee in der Hand. Ich will die Melancholie leben. Wenn es dunkler wird fühle ich mich immer geborgener. Der Herbst und der Winter sind für mich wie eine warme Brust, an die ich meinen Kopf betten kann um mich auszuruhen, zu mir selbst zu finden, nachzudenken. Der Sommer macht meinen Kopf jedes Jahr so matschig, dass alle Gefühle schwammig sind und ich sie nicht zuordnen kann. Es wird Zeit, dass der Herbst kommt…

Wir sind wieder da.

Wort zum Sonntag II

Mein Leben ist in letzter Zeit recht langweilig. Klingt traurig, ist es aber gar nicht. Es passiert schon eine ganze Menge, nur eben nichts erwähnenswertes, nichts von dem ich hier erzählen möchte. Die Tage reihen sich einfach so aneinander ohne einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Ob das nun gut ist oder nicht, kann ich gar nicht beurteilen. Es passiert einfach.

Ich war ein paar Mal auf dem Weihnachtsmarkt- ich hasse Weihnachtsmärkte! Oder genauer: ich hasse Menschenmassen. Aber nach dem fünften Glühwein ist einem das auch egal, da ist der Kopf mit sanfter Watte umhüllt und was um einen herum passiert kümmert einen gar nicht mehr sonderlich.

Noch zehn Tage, dann ist schon wieder Weihnachten. Geschenke hab ich noch gar nicht gekauft, habe die letzten Wochen genutzt mich mal ein wenig um einen Job zu kümmern, etwas Geld zu verdienen, was auch geklappt hat.

Wenn ich daran denke, dass auch 2008 nun bald schon wieder vorbei ist, wird mir irgendwie komisch zumute. Früher verging die Zeit so langsam und heute rasen die Jahre einfach so an dir vorbei. Um den Jahreswechsel herum kann man beobachten, wie jeder an neuen Vorsätzen schmiedet, wie alle auf eine Veränderung warten- die nicht stattfinden wird.

Hin und wieder denke ich daran, dass es an der Zeit sei auch mein Leben zu verändern, etwas mehr Energie in die Fortschritt zu stecken, anstatt mich im hier und jetzt zu verlieren, aber ich bin mir nicht sicher, ob das das Richtige für mich ist. Nach einer kleinen Unterhaltung am gestrigen Abend habe ich einen Satz aufgeschrieben: „Entweder ich muss jemand sein, der ich nicht bin, oder ich gehe meinen Weg allein.“

Vielleicht kann das so etwas wie ein Leitfaden für mich werden, vielleicht ist das das Motiv nachdem wir alle Leben müssen. Muss man alleine sein, um man selbst sein zu können?

Vielleicht sollte man sich eine kleine Auszeit nehmen, ans Meer fahren- im Winter, alleine. Sich irgendwo eine Insel suchen, auf der man einen Moment ausharren kann um dann wieder zurück zu kehren. Eine Insel in sich selbst, tief verborgen. Von ihr kann man dann verändert wieder in sein altes Leben treten. Solange du immer Menschen um dich hast, immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Unterhaltungen führst, dich immer wieder gleich verhälst, wie sollst du dich dann ändern können?

Wenn man darüber nachdenkt kann man eigentlich nur zu einer einzige, traurigen Schlussfolgerung kommen: Rede nicht, öffne dich nicht und traue niemandem!

Irgendwann wird schon irgend etwas geschehen, dass du als gut bezeichnen würdest.

Wort zum Sonntag

Irgendwann habe ich mir vorgenommen nicht mehr aus Langeweile zu trinken, oder weil gerade ein geselliger Anlass bestand. Jetzt trinke ich nur noch um mich ordentlich abzuschießen. Was in letzter Zeit auch immer häufiger aus Langeweile geschieht, oder bei geselligen Anlässen. Geändert hat sich seitdem allerdings nicht viel.

Der schönste Tag in meinem Leben war immer noch der, als ich einsehen musste, dass Antidepressiva besser sind als Sex. Vielleicht war es auch der Schlimmste, weil ich nämlich erkannt habe, dass nichts mehr von Bedeutung ist. Das nichts, kein Gefühl, länger bleibt als fünf Minuten- so lange braucht man um sich an etwas zu gewöhnen. Den Rest der Zeit verschwendet man dann darauf, sich damit abzufinden, wie es ist.

Man kann ewig hinterher rennen oder auch gar nicht mehr darauf warten. Sicher, auch Alkohol oder Antidepressiva können dir den Schmerz nicht nehmen, aber sie können den Alltag angenehmer machen. Die Welt ist nun mal kein Ort um Glücklich zu sein. Wir haben die Wahl so vieles zu tun, dass wir gar nicht mehr wissen wohin mit unserer Freiheit. Die Welt hält so viel Freunde versteckt, dass die Suche nach dem eigenen Glück zu einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen wird. Ich kann auf der Stelle raus gehen und 20 Frauen ficken, die meisten werden scheiße aussehen und bedeuten wird es mir nichts, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Es geht darum einfach irgendwas zu tun, nicht zu Hause zu versumpfen- vor dem Fernseher, dem PC, der Playstation. Aber will ich das überhaupt? Da draußen gibt es angeblich so viel zu entdecken, wenn man die Augen offen hält. Aber wenn man das tut entdeckt man nur eine Reihe von Arschlöchern, mit langweiligen Leben, mit bescheuerten Interessen, die schwachsinniges Zeug reden. Das erinnert einen immer wieder daran, was für ein miserables Leben man selber führt. Was für ein Arschloch man ist, was für bescheuerte Hobbies man hat und wie viel Scheiße man den ganzen Tag über redet.

Ich glaube das war es im Grunde, was mir der Bibel- Heini damals erklären wollte. Aber ist er glücklich? Im Grunde ist er wie ein Alkoholiker, der sich an die Flasche klammert.

Wenn man sich das alles vor Augen führt hat man vielleicht eine Chance. Eine minimale zwar, aber sie ist da. Man sollte ohne Erwartungen jeden Tag aufs Neue in die Welt hinausgehen, die Augen weit offen, mit einem gewissen Maß an Sarkasmus und einer Portion Selbstironie, dann hat man eventuell eine Chance. Dann kann man auch mal darauf verzichten sinnlos irgendwelche Flüssigkeiten in sich hinein zu schütten, kann die Antidepressiva weg lassen und dem ganzen einen Sinn abringen. Alles nicht so ernst nehmen, auch mal auf die Kacke hauen, es einfach alles treiben lassen. Die ganze Welt noch mal resetten. Aber ein Neuanfang beginnt immer zuerst im Kopf. Man verändert sich selber immer nur entsprechend der Umstände und die meisten wollen gar keinen guten Menschen mehr sein.

Ich werde jetzt einfach mal damit beginnen. Irgendwer muss ja schließlich mal den Anfang machen.

Und weil Sonntag ist

Und weil ich schon lange nichts mehr geschrieben habe, wollen wir das alltägliche Geschäft mit etwas Melancholischem aufnehmen.

Und wieder ist ein Jahr vorbei, damit hat er sich längst abgefunden. Im Grunde hat sich auch nichts geändert. Er ist weder reifer geworden, noch weiser. Dennoch entschließt er sich, zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt nun, den Tag zu begießen. Zumindest das ist ihm geglückt. Er schüttet Unmengen Flüssigkeit in sich hinein, über mehrere Tage hinweg, aus purem Trotz vielleicht. Wenn er sich jetzt die Bilder anschaut und seine ausdrucklosen Augen darauf erkennt, schießt ihm unweigerlich ein Satz in den Kopf: „Some dance to remember, some dance to forget.“ Doch an was will er sich erinnern und was will er vergessen? Ganz egal, was es ist, es macht Angst. Vielleicht war es auch nur der Alkohol und Menschen sehen auf Fotos meistens etwas seltsam aus.

Die Frage ist nun: Was kommt als nächstes?

Seit längerem schon hat er Lust sein Image zu ändern, mal wieder jemand anderes zu sein. Seit einem Vierteljahrhundert ist er jemand anderes. Jemand anderes, als alle Denken, jemand anderes als das, was er erfüllt. Gerne wäre er ein schweigsamer Eigenbrödler, verschlossen, mysteriös, aber das steht ihm nicht, das weiß er. Das wird ihm niemals jemand abkaufen, die Rolle ist nicht für ihn gemacht. Es macht auch zu viel Spaß die anderen Klischees zu erfüllen, zumindest hin und wieder mal den Erwartungen gerecht zu werden. „Dammit, I Changed Again“ und es kommt ihm vor, als könne man das Leben aller Menschen durch Songs beschreiben. Es gibt ein Lied für jeden von uns, zu irgendeiner Zeit, an irgendeinem Ort.

Manchmal liegt er da und fragt sich selbst ob er ein guter Mensch ist- im Innern. Und die Leute suchen nach Pornos und sie werden finden, was sie suchen. Es ist kein Problem und er hat keins damit darüber zu reden. Das einzige was er sich fragt ist, warum er nicht in der Lage ist auszusprechen, dass jemand ein ganz wunderbarer Mensch ist.

Dammit, I changed again…

Alt werden in zwei Akten

Alt werden hatten wir hier ja schon mal. Trotzdem ist dies ein Thema, dass einen Dauernd verfolgt. Älter werden ist nun mal ein stetiger Prozess. Damit hängt auch zusammen, dass die geistigen Kapazitäten nachlassen.

Erster Akt

In letzter Zeit ist es mir recht häufig passiert, dass mich Leute grüßten oder ansprachen von den ich hätte schwören können sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Gleiches ist mir am Donnerstag passiert, als ich (mal wieder) vor dem Studentensekretariat stand. Es war neun Uhr morgens, ich wartete auf eine Gruppe ausländischer Studenten, die kein Deutsch sprechen um ihnen bei ihrer Einschreibung zur Seite zu stehen.

Auch der Mensch der für den Asta das Uni- Handbuch verteilt war wieder da. Da wir uns schon aus den vergangenen Wochen kannten, als ich ebenfalls dort stand und für die Fachschaft unser Ersti- Heft verteilte unterhielten wir uns als plötzlich eine mir völlig Unbekannte auf mich zu trat. Da sie mich mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit tat, war ich natürlich der Meinung, dass auch ich sie hätte kennen sollen, also spielte ich mit.

„Hast du meine Email bekommen?“ fragte sie. Ich versuchte mich zwanghaft an ihr Gesicht zu erinnern, versuchte heraus zu finden woher wir uns kennen könnten. Als einzige plausible Möglichkeit erschien mir die Tatsache, dass sie ebenfalls Tutorin war, jedoch aus einem der Institute und dass sie mich am Dienstag auf der allgemeinem Begrüßung der Studenten gesehen haben musste.

„Nein“, antwortete ich. „Was denn für eine Email?“

„Na, mit den Links, die ihr euch mal ansehen solltet. Außerdem sollten wir uns vielleicht mal wegen morgen absprechen. Wegen des Treffpunktes.“

Wieder ratterte es in meinem Kopf. Was für Links? Was für ein Treffpunkt? Für Freitag war kein Ausflug vorgesehen. Meinte sie vielleicht den Samstag- den Ausflug zum Drachenfels?

„Ach so“, brachte ich hervor. Sollte sie mich verwechseln, wäre das der Zeitpunkt, an dem sie merken sollte, dass ich keine Ahnung hatte wovon zur Hölle sie sprach. „Also ich habe nichts bekommen“, sagte ich weiter.

Sie nickte nur nachdenklich. „Gut, dann schick` ich dir das einfach noch mal“, sagte sie. Ich warf dem Kerl vom Asta einen Hilfe suchenden Blick zu, er grinste nur.

„Vielleicht sollten wir auch mal Nummern tauschen, um das alles abzuklären“, sagte sie dann wieder.

Das wäre der Zeitpunkt gewesen an dem ich hätte sagen sollen: „Tut mir leid, ich weiß ehrlich gesagt gar nicht wer du bist. Nimm es mir nicht übel, aber kann es sein, dass du mich mit jemandem verwechselst?“

Stattdessen brachte ich nur ein klägliches: „Okay“, hervor.

„Hast du deine Nummer im Kopf?“ fragte sie. Ich nickte und diktierte ihr die Nummer. Sie klingelte mich daraufhin an und ich speicherte ihre Nummer unter Unbekannt 2. Sie wollte gerade zu einem Schwank aus ihrem Leben ansetzen, als ich behauptete ich müsse mal schnell nach oben und nach den Studenten sehen. Ich musste herausfinden, ob ich meine Nummer gerade einer Irren gegeben hatte.

Ich beschrieb die Frau ausführlich den anderen Tutoren, jedoch konnte niemand etwas mit ihr anfangen.

Bisher hat sie sich nicht gemeldet, doch sollte es früher oder später geschehen stehe ich vor zwei Möglichkeiten: entweder ich sage die Wahrheit oder ich spiele noch weiter mit. Das hätte dann etwas von einer Verwechslungskomödie. Das ist zwar immer hoch kompliziert und schon 1000 Mal habe ich mich beim anschauen gefragt, warum die Leute nicht einfach mal Tacheles reden, aber auf der anderen Seite ist es auch verdammt witzig.

Teilweise frage ich mich aber wirklich, ob ich unter Schizophrenie leide und nachts ein zweites Leben führe, von dem ich nichts weiß.

Zweiter Akt

Nachdem ich mich gerade erst einen Tag vorher auf dem Weg nach Hause mit Roman darüber unterhalten hatte trat Mitte dieser Woche im Hofgarten ein Mann auf mich zu, der eine Umfrage bezüglich der Lebens- und Familienplanung für die Uni Bielefeld anstellte.

Ein weiterer Punkt, der mir immer wieder zeigt, dass ich doch schon älter bin, als ich eigentlich immer gedacht habe. Der Fragebogen, 11 Seiten im Umfang, bezog sich teilweise genau auf das, was ich mit Roman besprochen hatte.

Irgendwann, mit 16 oder 17, habe ich mir mal gesagt, dass ich gerne mit 30 Jahren verheiratet wäre. In diesen Jahren sagt man so etwas immer so leicht, es ist ja auch noch eine ganze Weile bis dahin und dann stellt man irgendwann fest, dass man in nicht mal zwei Wochen 25 wird. Da bleiben dann noch fünf Jahre um die Frau fürs Leben zu finden. Fünf Jahre, von denen man auch schon einige mit seiner Partnerin verbracht haben sollte, um wissen zu können, dass sie die Richtige ist- dass man selber der Richtige dafür ist.

Es bleibt jedoch immer die Frage wonach man eigentlich sucht. Die Zeit der Spielereien sollte so langsam mal ein Ende nehmen. Keine Kompromisse mehr. Aber wo hört die Spielerei auf? Sollte man schlicht und einfach seinen Gefühlen trauen oder auch endlich mal beginnen das ganze Leben etwas rationaler zu betrachten? Torschlusspanik mit 25, auch so kann es gehen. Vielleicht sollte man alle seine Pläne und Hoffnungen mal beiseite legen, denn schließlich ist unter Zwang noch nie etwas Gutes entstanden. Und wenn man unter diesem Druck sucht, findet man sowieso nur Unpassendes. Einfach mal alles zu vernachlässigen wäre vermutlich der richtige Weg. Aber irgendwie möchte ich auch gerne meinen Zielen, die ich mir irgendwann einmal gesteckt habe, treu bleiben. Es sind viele Kleinigkeiten, die ohnehin nicht erfüllt werden konnten, sei es aus mangelndem Elan oder aus verschwundenem Interesse an dem, was einem früher von Bedeutung erschien, wenigstens den Eckpfeilern würde ich gerne treu bleiben. Eine gute schulische Ausbildung, weiterführende Ausbildung, ein guter Job, Frau, Kinder, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen. Man schaut in den Spiegel und merkt, was für ein Spießer man in seinem tiefsten Innern eigentlich ist. Doch das sind Ziele, die man verwirklichen will. Aber so einfach ist das nun mal alles nicht.

Und so stehe ich diesem Geburtstag gegenüber, wieder ein Jahr älter, wieder hat sich nicht viel geändert. Ich rede mir ein, ein bisschen was erfahren zu haben, was mich vielleicht irgendwann mal zu einem weisen, alten Mann machen kann, aber im Grunde stehe ich immer noch da: ich bin 16 Jahre alt und denke an diese Ziele, denen ich mich im Schneckentempo nähere. Und die Zeit ist gegen uns alle.

Über Huren schreiben

Die ARD zensiert ein Putin- Interview (dies nur um mal aktuellen Content zu liefern), mein letzter Eintrag hat in meinem Kopf immer noch seine Präsenz, da muss ich obendrein, mehr zufällig als gewollt, auch noch auf folgendes treffen. In den letzten Tagen fällt mir immer mehr auf, wie großzügig die Medien doch ihre Informationen auslegen, um sie in die gewollte Richtung zu lenken. Dies alles vielleicht nur, um das Folgende einigermaßen zu rechtfertigen.

Eine Weile hab ich mir mal überlegt ein Probe- Abo der Emma zu ordern, falls man das als Mann überhaupt bekommt. Sie wirklich zu lesen, Artikel für Artikel und dann darauf Bezug zu nehmen- habe mich jetzt doch dagegen entschieden, ich muss so schon genug scheiße lesen.

Eigentlich würde ich ja gerne für die Emma schreiben, liebend gerne sogar. Hätte auch mal gute Lust einen kleinen Hetzartikel über Männer zu schreiben. Gottverdammt, wir sind aber auch einfach erbärmlich, wie wir unseren niederen Instinkten unterworfen sind, wie wir brutal und vergewaltigend durch die Welt gehen. Zugegeben, eigentlich möchte ich das überhaupt nicht, aber irgendeinen Einstieg muss man ja finden.

Als ich neulich im Bahnhofkiosk die aktuelle Ausgabe der Emma sah, habe ich mich noch darüber aufgeregt Yoko Ono auf dem Titel erblicken zu müssen. Daraufhin habe ich das Magazin sogar in die Hand genommen und darin geblättert. Es hätte ja sein können, dass sich darin, anlässlich Yokos 75. Geburtstags, ein vielschichtiger Artikel befindet. Pustekuchen! Zwar wird darauf eingegangen, dass es viele Leute gibt, die sie, ob ihrer angeblichen Schuld an der Trennung der Beatles, nicht ausstehen können, was jedoch direkt verworfen wird, mit der festen Behauptung, die sei ja gar nicht so. Das war es dann auch schon. Und eigentlich wollte ich diese Berichterstattung auch zum Anlass nehmen mich mal dazu zu äußern. Als ich mich dann heute jedoch ein wenig durch Emma.de geklickt habe fiel mir etwas ganz anderes, und irgendwie beängstigendes, auf.

PorNo! heißt die neue aktuelle Kampagne der Emma gegen Pornographie. Im Dossier dazu hat Frau Schwarzer den wunderschönen Text „Pornografie ist geil…“ verfasst. Darin wird Pornographie nicht nur vollkommen falsch definiert, als bloße Verschränkung von Sex mit Gewalt. Das dies jedoch die Definition einer Unterkategorie ist, nämlich dem sogenannten Toture Porn wird einfach mal verschwiegen.

Weiter geht es um eine durch und durch „pornografisierte Welt“. Wo wir nur hingucken- und das, so wird es auch in den andern Dossiers deutlich, fängt schon beim Unterwäschekauf an- wird die Frau auf ihre Sexualität reduziert, wird zum Opfer des männlichen Triebes, zum Objekt blanker Lust, die letztlich nur durch Gewalt erzielt werden kann, da es Männer angeblich erregt Frauen leiden zu sehen.

Irgendwo im Text heißt es dann:

„(…)und den alltäglichen Fällen vergewaltigender und mordender Männer, die die konsumierten Pornos spiegelgleich im Leben nachstellen(…).“

Spätestens an dieser Stelle spürte ich endgültig einen kleinen Schwall Kotze meine Kehle hinauf kriechen. Es ist die Gleiche Einstellung gegenüber der Medien, die ich schon im letzten Artikel kritisiert habe. Hier wird einem die Fähigkeit zur Abstraktion von Realität und Fiktivem abgesprochen- angeblich einzig und allein deswegen, da das Internet als interaktives Medium und größter Sex- und Pornomarkt (dies wird mit der Häufigkeit von Google- Suchbegriffen belegt!) diese Grenzen verschwimmen ließe. Aber wie ich dazu habe ich mich ja schon ausgiebig geäußert.

Was dem ganzen die Krone aufsetzt- und mich an jeglicher Kompetenz von Frau Schwarzer zweifeln lässt – ist die Tatsache, dass die gute Frau anscheinend nicht einmal Fähig ist halbwegs anständige Recherchen durchzuführen.

„In Amerika tauchten bereits Ende der 70er Jahre die ersten Snuff-Pornos auf, gedreht in Südamerika. Snuffs, das sind Pornofilme, für die Frauen und Kinder real getötet werden. Snuffs werden weiterhin weltweit produziert(…)“ schreibt sie.

Oder sie hat so gut recherchiert, dass sie tatsächlich auf Snuff- Filme gestoßen ist. Was mich wundern würde, denn mir reichte zur Vergewisserung ein einziger Blick in die Wikipedia um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Da heißt es: „Bis heute ist kein einziger eindeutig echter Snuff-Film bekannt. Daher wird das Genre oft als moderne Sage bezeichnet.“

Bei dem Film, den Frau Schwarzer in ihrem Text erwähnt, handelt es sich wohl um den Argentinischen Film „El Ángel de la muerte“ (1976), der angebliche Mord darin war nichts weiter als ein (wenn auch geschmackloser) Werbegag.

Hier geht es also mal wieder nicht darum, einen fairen Artikel zu schreiben, sondern einfach seine Meinung, sein persönliches Missfallen gegen irgendetwas, in diesem Falle Pornografie, ins rechte Licht zu rücken. Eine undifferenzierte Weltsicht, Schwarz- Weiß- Denkerei par excellence.

Ich finde es schlichtweg erbärmlich, wenn man versucht seine Leserschaft mit derlei Falschinformationen zu beeinflussen (hierbei versuche ich Frau Schwarzer einfach mal so viel Intelligenz zuzusprechen, dass sie wusste, was sie tat).

Frauen sind Opfer. Opfer der Gesellschaft, Opfer der männlichen Gier. So wird es suggeriert und traurigerweise scheint das auch hin und wieder wohl noch so zu sein. Doch im Grunde, so kommt es mir, zumindest vor, werden einzelne Fälle gerne dazu benutzt einen Kampf weiter zu führen, der im Grunde schon gewonnen ist. Der Feminismus braucht anscheinend immer noch weitere Feindbilder, die ihn daran hindern seinen Sieg zu erkennen. Entweder hat man, oder will einfach nicht, begreifen, dass man am Ziel angelangt ist. Sicherlich gibt es Statistiken, die man heranziehen kann, sicher gibt es auch Dunkelziffern, doch im Großen und Ganzen ist hier nichtmehr ein Feldzug des Feminismus notwendig, sondern ein Feldzug gegen die Gewalt an sich.

Ich habe weiß Gott nichts gegen den Feminismus, aber was hier passiert ist, meiner Meinung nach mehr als nur gegen die

Unterdrückung der Frau zu kämpfen. Es ist Stimmungsmacherei, die mit Fehlinformationen zu ihren Gunsten arbeitet- und in ihrer Intention auch eine Form des Sexismus darstellt. Die Reduzierung des Mannes auf ein treibgesteuertes Wesen. Pornografie per se ist nichts Schlechtes. Die von Frau Schwarzer beschriebene Art der Pornografie auch keine, die ich gutheiße, doch wenn es jemanden interessiert/ erregt, ist der gesetzliche Umgang mit solchen Machwerken hier mehr als gut geregelt. Und die Frage bleibt natürlich immer noch, ob dies wirklich ein Trigger ist, oder nicht doch eventuell ein Puffer. (Denn, und auch das wurde in ihrem Dossier nur einseitig beleuchtet, auch was das betrifft gehen die Expertenmeinungen auseinander.)

Das Beste kann es im Grunde nur sein Frau Schwarzer zu ignorieren, wenn sie auf diese Art und Weise versucht ihre Ansichten durchzusetzen.

Wenigstens eines habe ich in dem Artikel gelernt, so war es nicht bloß Verschwendung kostbarer Lebenszeit. „Pornografie“ kommt aus dem altgriechischen und bedeutet (nach der Wikipedia): „unzüchtige Darstellung“ und (nach Schwarzer): „über Huren schreiben“.


Zensur in Deutschland

Einleitung

Lange Zeit habe ich mir schon vorgenommen mal über eines meiner Lieblingsthemen zu schreiben, da dies aber vermutlich ein Mammut- Projekt wird, bei dem ich mich in Rage reden werde, in dem ich vermutlich Vergleiche anstellen werde, die einigen übertrieben vorkommen werden, habe ich es bisher immer vor mir her geschoben. Heute aber möchte ich es endlich angehen. Es geht um das leidige Thema Zensur in Deutschland.

Ich werde mich in meinem Text hauptsächlich auf Zensur beziehen, die Filme betrifft, zum einen weil ich da thematisch informiert bin, zum anderen, weil es mich direkt betrifft.

Um auch denen einen kleinen Einstieg zu bieten, die sich bisher noch nicht so sehr mit der Materie befasst haben, werde ich mit einem kurzen Abriss beginnen.

Am Ende des Artikels werde ich ein Verzeichnis mit nützlichen Links anlegen, für diejenigen, die sich gerne weiter mit dem Thema auseinander setzen wollen.

Zur Erklärung (FSK, SPIO/JK & Altersfreigaben)

Die FSK ist eine Tochtergesellschaft der SPIO e.V. und wird als GmbH geführt. Nach eigenen Angaben sind dort 190 Prüfer, auf ehrenamtlicher Basis tätig, 45% sind Frauen. „Unter ihnen sind Journalisten, Lehrer, Psychologen, Medienwissenschaftler, Filmhistoriker, Studenten, Sozialarbeiter, Hausfrauen, Richter und Staatsanwälte.“[1]

Aufgabe der FSK ist es Filme, Videos, DVDs und andere Trägermedien, die für eine öffentliche Vorführung vorgesehen sind in Bezug auf ihre Alterfreigabe zu prüfen. Wichtig zu Wissen ist hierbei, dass jedes Medium neu geprüft werden muss. So muss ein Film im klassischen Zyklus Kino- DVD, mehrmals der FSK vorgelegt werden. Die Vorlage des Vertreibers bei der FSK erfolgt dabei freiwillig, dazu aber später noch mehr.

Nach Ansicht des Materials verteilt die FSK ihre Alterfreigaben, die sich wie folgt gliedern:

Freigegeben ohne Altersbeschränkung

Freigegeben ab 6 Jahren

Freigegeben ab 12 Jahren

Freigegeben ab 16 Jahren

KJ- Keine Jugendfreigabe (ehemals FSK 18)

Dementsprechend müssen die Filme dann mit den bekannten FSK- Logos versehen werden und dürfen selbstverständlich auch nur mit entsprechendem Alter gesehen werden. Einzige Ausnahme bildet dabei die Freigabe ab 12 Jahren. Filme dieser Kategorie, dürfen bereits von Kindern ab 6 Jahren in Begleitung ihrer Erziehungsberechtigten gesehen werden. (Dies Entspricht ungefähr dem „Parental Guidance“- Vefahren aus den USA.)

Bei den Freigaben von 0- 16 Jahren ist die Einstufung und Handhabung der Gesetze noch recht simpel nachzuvollziehen. Spannend wird es beim ehemaligen FSK 18, heute KJ. Wichtig bei Titeln dieser Kategorie ist zu wissen, dass ein Film der von der FSK ein KJ- Siegel erhalten hat nicht mehr indiziert werden kann. Soweit im Grunde ein Fortschritt. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn man sich nicht auch für diesen Fall ein Hintertürchen offen gelassen hätte.

So wird bei der KJ- Freigabe noch einmal differenziert zwischen „leichter-“ und „schwerer Jugendgefährdung“. Wie genau bei einem Titel, der keine Jugendfreigabe besitzt eine Jugendgefährdung bestehen kann, darüber sind sich vermutlich nicht einmal die Verfasser des Gesetzestextes im Klaren, aber so sieht es aus.

Um die Tragweite dieser Unterscheidung zu verdeutlichen nehmen wir jetzt einmal den Fall eines Kinofilmes. Dieser wird der FSK zur Prüfung vorgelegt und erhält das KJ- Siegel. Jedoch nicht nur einfach so, sondern mit dem Zusatz „leichte Jugendgefährdung“. Dies bedeutet zweierlei: Er darf so wie er vorliegt im Kino gezeigt werden (dort traut man den Kontrollen nämlich eher als im Kaufhaus), wird jedoch in dieser Form nicht auf DVD, Video etc. erscheinen können. Das heißt für die Auswertung auf DVD müsste der Film, seitens des Vertriebes gekürzt werden, um die KJ- Freigabe zu erhalten, oder der SPIO/ JK vorgelegt werden- aber auch dazu gleich mehr.

Erhält ein Film von Beginn an den Zusatz (schwere Jugendgefährdung) kann er hierzulande auch nicht im Kino gezeigt werden. Es sei denn man nimmt Kürzungen vor, was der zwangsläufige Weg ist, schließlich handelt es sich dabei um ein Produkt, das vertrieben werden soll.

Aber auch für solche Filme besteht im Nachhinein die Möglichkeit einer ungekürzten Veröffentlichung auf DVD.

Und jetzt kommt die SPIO/ JK ins Spiel. SPIO steht hierbei für die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, das JK für Juristenkommission. Das prüfende Gremium selbst ist hierbei die Juristenkommission, bestehend aus drei Mitgliedern, und nicht die Mitglieder der SPIO. Hier wird geprüft, ob ein Film gegen „Bestimmungen des Strafgesetzbuches, insbesondere die §§ 131, 184 StGB und/oder gegen die Strafbestimmungen des Jugendschutzgesetztes,
§§ 27,15 Abs.2 JuSchG, verstößt.“[2]

Und auch hier wird, wie könnte es anders sein, wieder zwei Möglichkeiten.

Die erste ist, dass ein Film, der keine FSK- Freigabe erhielt, zumindest das JK- Siegel erhält, welches ihm dann „keine schwere Jugendgefährdung“ attestiert. Dies bedeutet, dass der Film mit seinem JK- Siegel ungekürzt öffentlich Vertrieben werden darf und wie ein ab 18 freigegebener Titel gehandhabt werden kann, lediglich mit dem Unterschied zu einer KJ- Freigabe, dass er rechtlich immer noch indiziert werden kann.

Die zweite Möglichkeit ist, dass er als „strafrechtlich unbedenklich“ eingestuft wird. Dies ist immer noch keine Beschlagnahme (denn nur Titel, die gegen oben genannte Paragraphen verstoßen, können beschlagnahmt werden), allerdings muss er dadurch wie ein indizierter Titel gehandhabt werden. Das bedeutet, dass er einem Werbe- und Ausstellungsverbot unterliegt- also keine Werbung, keine öffentliche Auslage im Kaufhaus. Auf Anfrage eines volljährigen Kunden, oder beispielsweise in einer Videothek, oder einer anderen Örtlichkeit, in dem der Einlass Personen unter 18 Jahren untersagt ist, darf er angeboten werden. Dies unterscheidet die Indizierung im Übrigen von der Beschlagnahme. Dort ist der VERTRIEB, nicht der Besitz (was viele nicht wissen), generell verboten.

Bei einer JK- Freigabe mit strafrechtlicher Unbedenklichkeit jedoch machen die meisten Labels jedoch einen verständlichen Rückzieher, da dies enormen Umsatzeinbußen gleich kommt.

Um dies noch einmal kurz einzuschieben: auch bei Indizierungen wird wieder unterschieden, ob ein Film auf „Liste A“ oder „Liste B“ indiziert wird. Fall A bedeutet, dass die Filme jugendgefährdent sind, Fall B, dass sie dem Verbreitungsverbot unterliegen.

Das witzige ist, dass eine Indizierung nach 25 Jahren ihre Wirkung verliert. Nur die wenigsten Titel werden erneut indiziert. Auch können Labels (die Rechteinhaber) eine vorzeitige Listenstreichung beantragen. Dies ist in letzter Zeit des öfteren vorgekommen, wie zum Beispiel bei der Nightmare on Elm Street- Reihe. Zum Teil noch indizierte Filme wurden einer Neuprüfung unterzogen und bekamen in der Neuprüfung sogar eine Freigabe ab 16 Jahren. Vielleicht sollte man auch heutzutage etwas vorausblickender  in der Einstufung um so etwas zukünftig zu vermeiden.

Warum aber überhaupt der FSK etwas vorlegen, wenn dies nur Probleme bereiten kann und obendrein noch Geld kostet? Nun, so ganz freiwillig ist die Vorlage dann doch nicht, zumindest nicht, wenn man mit dem Produkt Geld verdienen möchte.

Zwar ist die Vorlage bei der FSK nicht gesetzlich bestimmt und es besteht die Möglichkeit einen Film einfach „ungeprüft“ auf den Markt zu bringen (dies sind dann in der Regel die Filme auf denen steht „kein Verkauf an Kinder und Jugendliche“) allerdings kommt auch diese Möglichkeit einer Indizierung gleich. Das bedeutet ein Film dürfte nicht im Kino laufen, nicht beworben werden, darf nicht öffentlich ausliegen und läuft Gefahr einmal indiziert bzw. beschlagnahmt zu werden.

Wie in dieser Einführung schon deutlich wird ist es kompliziert hier in Deutschland, der Jugendschutz ist, besonders in den letzten Jahren, immer rigoroser angezogen wurden.

Was bei mir jedoch immer wieder die Frage aufwirft:

Warum eigentlich?

Das die Jugend geschützt werden muss ist klar. Das nicht schon fünfjährige sehen sollen, wie jemand brutal ermordet werden soll, darüber braucht man überhaupt gar nicht zu diskutieren. Auch die Existenz der FSK als Richtlinie ist eine gute Sache.

Das Problem, dass sich ergibt ist das der Bevormundung.

Geschmäcker sind verschieden, was dem einen vielleicht beim Zusehen bitter aufstößt, kann aber jemand anderem gefallen. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass jeder der sich gerne mal den ein oder anderen „Brutalo- Streifen“ ansieht ein potenzieller Amokläufer ist. Das wäre genauso wie zu sagen, dass jeder, der sich Sexfilme ansieht ein möglicher Vergewaltiger ist.

Leider, leider, leider ist es aber immer wieder das, was in unserer Gesellschaft auflebt. Wir alle erinnern uns noch gut an den Amoklauf von Erfurt im Jahre 2002. Sicherlich ein trauriges Kapitel in der jüngsten deutschen Geschichte und gerade waren die Debatten um den Jugendschutz durch den Amoklauf in Columbine aufgekocht.

Der Begriff der „Killerspiele“ kam auf, die Jugend besessen von Gewaltfilmen und Spielen, blutgeil, abgestumpft, gewaltbereit. Der Sündenbock war so leicht gefunden, dass eine ganze Nation aufschrie und mit dem Finger darauf zeigte. Was man brauchte war ein Name, ein Feind der gefunden war, den man bekämpfen konnte. Um sich wieder in vermeidlicher Sicherheit wiegen zu können.

Ich möchte an dieser Stelle nicht noch einmal psychologische Gutachten rezitieren, die eindeutig bewiesen haben, dass sich die Gewaltbereitschaft durch den Konsum dieser Medien nicht vergrößert und die ganze Debatte dadurch sowieso mehr als Nichtig ist, es ist alles so viel simpler.

Fakt ist, dass wir die FSK und die SPIO/ JK eigentlich aus dem Grunde haben, damit solche Medien nicht in die Hände Minderjähriger gelangen.

Es ist auch nicht die Frage danach, warum Schüler zu Amokläufern werden. Haben die Eltern versagt, das soziale Umfeld? Wenn man es auf einen Nenner bringen will sind sie einfach kranke Individuen, denen irgendwann einmal die letzte Sicherung durch geschmort ist. Wenn ein Familienvater Amok läuft oder mal wieder eine Mutter ihren Säugling im Gefrierfach aufbewahrt hat fragt schließlich auch keiner danach, ob sie zu hause öfter mal Counter Strike gespielt haben, oder sich gerne mal das Texas Chainsaw Massacre reingezogen haben.

Durch diese Art des „Jugendschutzes“ hält man zuallererst die schreiende Meute ruhig. Man suggeriert eine Handlung. Der Staat greift ein, das Übel ist an der Wurzel gepackt- ab jetzt wird alles besser. Wird es aber nicht, weil es nicht die wirkliche Ursache ist. Vielleicht ein Trigger, einer von vielen, aber ändern wird es nichts. Es ist eine reine Farce, ein Plazebo.

Bereits vor der drastischen Verschärfung hatte Deutschland einen wesentlich schärferen Jugendschutz als das europäische Umland. Und gerade in Zeiten der EU und (vor allem) des Internets sind solche Taten im Grunde mehr als nichtig. Wer etwas haben will, der kommt auch ran. Sei es durch illegale Downloads oder durch Importe. Und gerade das sollte das Land der EU mit den meisten Nachbarstaaten doch eigentlich mal zum Überdenken seiner Taktik veranlassen.

Hier mal ein paar Fakten zum Vergleich:

In Österreich und der Schweiz werden die FSK- Freigaben meistens übernommen. Indizierungen etc. gibt es jedoch nicht. Dies ist auch der Grund, warum viele Deutsche Labels einen Vertriebsweg über Österreich wählen, um einen Film ungekürzt veröffentlichen zu können. Dadurch wird im Grunde nur eines Erreicht: der Deutsche Kunde muss ein wenig tiefer in den Geldbeutel greifen, um das zu bekommen, was er haben möchte.

Die höchsten Altersfreigaben in Frankreich und den Niederlanden sind ab 16. In skandinavischen Ländern wie Dänemark oder Schweden gar ab 15. Dort gilt die „PG- Regelung“ sogar für alle Altersfreigaben.

Bringen diese Staaten eine besonders große Anzahl an Amokläufen hervor? Danke. Kein weiterer Diskussionsbedarf.

In Deutschland herrscht zumindest eines: Bevormundung volljähriger Bürger. Immer noch wird mir vorgeschrieben, was ich hören oder sehen darf.

Um eines klar zu stellen: Freigaben unter 18 begrüße ich auch nicht unbedingt, würde eventuell soweit gehen wieder eine Freigabe ab 21 einzuführen. Dann aber ohne den ganzen Schnickschnack der verschiedenen Einteilungen innerhalb der einzelnen Freigaben. Hat ein Medium seine Freigabe erhalten, so ist diese auch nur jenen zugänglich, die besagtes Alter erreicht haben. Und wenn wir hier mit 18 Jahren als volljährig gelten, dann ist das eben so und es muss auch unter dem Deckmantel des Schutzes der Jugend dagegen gearbeitet werden. Mit 18 können Idioten durch die Gegend laufen und die NPD wählen, aber es werden Medien beschlagnahmt, die (angeblich) gegen die §§ 131, 184 StGB verstoßen?

Das Problem ist, niemand stellt sich wirklich dagegen. Es sind zu wenig Leute, die gerne ihre „Killerspiele“ spielen, die gerne mal den ein oder anderen Splatterfilm gucken. Und den meisten anderen ist es schlichtweg egal. Diese Egalität führt uns dahin wo wir sind. Es wird einfach nicht verstanden, weil man sich nicht damit auseinander setzt, weil es einem selbst nicht gefällt. Das schlimme an der FSK ist, dass dort Hausfrau Petra Berger (Name frei erfunden) sitzt und „Blutgierige Kannibalen schlachten Jungfrauen“ (Name ebenfalls frei erfunden) eine Altersfreigabe erteilen soll. Petra hat nie zuvor einen Splatterfilm gesehen, guckt sich viel lieber Olli Geißen an, während das Mittagessen auf dem Herd steht, hat keine Ahnung von der Materie und auch kein Interesse daran. Was sie sieht findet sie ekelerregend- und da haben wir den Salat. Die Arbeitsweise der FSK ist dabei leider auch sehr beliebig. Je nachdem bei wem ein Film landet, je nachdem wie dessen Tag gerade war, wird bewertet. In den USA hat man dafür wenigstens Listen nach denen transparent gearbeitet wird.

Und wenn Petra nicht ehrenamtlich bei der FSK arbeitet, weil ihr langweilig ist, tagein tagaus nur zu kochen und zu putzen, erfährt sie von ihrem Kind vielleicht von diesem neuen Film über den momentan alle reden. Sie wirft einen kurzen Blick darauf, findet es abstoßend und marschiert schnurstracks zum nächsten Jugendamt. Dort fordert sie, dass ein Indizierungsantrag eingereicht wird. Das Video landet bei der BPjM (Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Medien) und dort wird es indiziert. Noch schlimmer: es landet vor einem Gericht und wird beschlagnahmt. Einfach so, nur weil es Petra nicht verstand, weil Petra es nicht mochte. Weil es zu wenige Leute gibt, die sich dagegen stellen. Andersherum funktioniert es allerdings. Als Beispiel Til Schweigers Film „Kinohrhasen“. Von der FSK anfangs mit einer Freigabe ab 6 Jahren bewertet, beschwerten sich viele Leute, ob des doch derben Vokabulars, so kam es, dass die FSK ihre Meinung änderte und eine Freigabe ab 12 erteilte. Über die Seriösität dieses Urteils lässt sich auch wieder streiten.

Aber auch das ist wieder etwas, was den meisten schlichtweg egal ist. Das ganze führt dazu, das viele Menschen, die es eigentlich nicht kümmert, die einen harten Film nur durch Zufall sehen und ihn eigentlich abstellen könnten, einfach eine Beschäftigung brauchen.

Ich mag Thomas Mann nicht. Soll ich deswegen aus seinen Werken einzelne Seiten, die mir am wenigsten gefallen herausreißen, damit sie niemand mehr lesen kann. Nur weil ich der Meinung bin, sein Satzbau sei abstoßend? Soll ich fordern, man solle ihm seine Ehrendoktorwürde an der Bonner Uni aberkennen, weil ich den Typen einfach nicht leiden kann? – Ich merke, das ganze hatten wir irgendwann schon einmal. Da war es auch egal. Da hat es niemanden gekümmert, da haben sie alle mitgemacht und fanden es gut.

Heute sind wir wieder auf dem gleichen Weg. Eine große Zensurwelle schlägt um sich. In Jahr 2008 wurden bisher sechs Filme nur gekürzt in den deutschen Kinos gezeigt, 17  (weitere)Filme wurden nur gekürzt in Deutschland auf DVD veröffentlicht, 11 Filme (davon nur einer, der in der Kinoauswertung betroffen war) mussten gekürzt werden um eine KJ- Freigabe zu erhalten, davon abgesehen, gibt es etliche Computerspiele die nur in entschärften Fassungen in Deutschland erschienen sind, oder erscheinen werden (die Prüfungen sind schon abgeschlossen). Das ist Zensur, eine krasse Art der Zensur. Fiktiven Werken wird hierbei schon vorausblickend Gewaltverherrlichung unterstellt. Wobei jedem Volljährigen, der sowieso nur Zugang dazu bekommen soll, unterstellt wird die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realem nicht mehr trennen zu können. Was wir uns geschaffen haben ist eine selbstverschuldete Unmündigkeit, wie es Kant schon einmal so schön beschrieben hat.

In Deutschland sind derzeit 2950 Filme und 495 Spiele indiziert. 406 weitere Filme sind beschlagnahmt.

Und die einzigen die es momentan zu merken scheinen sind die „Gorehounds“ und die „Zocker“, denen paar, denen es nicht scheißegal ist, die nicht einfach darüber hinwegsehen oder es sogar noch begrüßen.

Links

Hier nun die versprochene Liste von Links zur weiteren Information. Viele meiner Informationen berufen sich ebenfalls auf diese Seiten (Stand: 31.08.2008)

FSK

SPIO

BPjM

MPAA (Motion Picture Assosiation of America)

Schnittberichte

Altersfreigaben Europa

Indizierte Medien

Eine kleine Abhandlung über die Musik

Es gibt Songs die hört man eine Weile, dann verschwinden sie wieder. Es gibt Songs, die werden zu Erinnerungen, weil man sich zusammen mit ihnen an Orte, Personen, Erlebnisse erinnert. Es gibt Songs, die beschreiben Phasen. Und dann gibt es Songs, sicher wenige, die begleiten einen auf Ewig. Schwer ist es, diese zu erkennen- aber kann man das überhaupt?

Um die Musik zu beschreiben, welche Wirkung sie entfalten kann, kommt man nicht umhin weit auszuholen, abzuschweifen und einige Anekdoten hervor zu holen.

Als ich 16 war habe ich die Onkelz gehört. Da wo ich herkam hat mit 16 jeder Kerl, der sich für besonders hart gehalten hat die Onkelz gehört. Wenn man da richtig drin steckt ist das mehr als nur Musik. Die Onkelz werden zur Religion, wie sie es selber immer so schön beschrieben haben. Tatsache ist, dass ich damals überhaupt gar nichts anderes mehr gehört habe. Tagein, tagaus nur die Onkelz. Ich hielt sie wirklich für Poeten, konnte jeden Text im Schlaf, konnte mich damit identifizieren. Und genauso funktionieren die Onkelz auch. Man nehme einen Haufen platter Parolen, ein paar Zitate von Hesse und Henry Miller und fertig ist der perfekte Onkelz- Song. Mit 16 dachte ich, ich hätte schon alles gesehen, was es zu sehen gibt, hätte alles erlebt, wäre ganz tief unten gewesen und ich- ja nur ich- wäre es gewesen, der sich daraus befreit hat. Zeig der Welt den Mittelfinger, liebe dich selbst und alles ist gut! So einfach ist das. Natürlich motiviert das, natürlich kann sich so ziemlich jeder damit identifizieren- aber im Grunde ist es nichts als Müll. Einer der traurigsten Tage war der, als mir das aufgegangen ist. Ich muss so 18 oder 19 gewesen sein, ein neues Album erschien („Dopamin“ war es, um genau zu sein). Da machte es Klick. Irgendwas ist in dem Moment in mir geschehen. Das waren die Onkelz, die Band, die ich so vergöttert habe? Es war auf einmal alles so furchtbar banal. Schlimmer wurde es dann, als mir aufging, das Stephan Weidners Lyrikperlen teils nur stumpfe Entlehnungen (obwohl- ich will ihm nicht zu Nahe treten, ich sage einfach mal „Hommagen“) waren. So beginnt der Onkelz- Song „So geht`s dir (deine Hölle)“ mit den Worten: „Der Tag ist vergangen, wie Tage vergehen. Du hast ihn getötet, hast ihn nichtmal gesehen.“ (Böhse Onkelz- Schwarzes Album. 1993. Text:Weidner). Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich Hermann Hesses „Steppenwolf“ las. Harry Hallers Aufzeichnungen beginnen dort mit den Worten: „Der Tag war vergangen, wie eben Tage so vergehen, ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst(…)“. Das war damals wahrlich ein Tritt in die Eier. Als ich dann noch herausfand, dass die Metapher des vergifteten Pfeils, der den Geist in Bewegung setzt ebenso wie der „Weltraum meiner Seele“ (gerne und häufig auch in Onkelz- Texten verwendet) aus Henry Millers „Sexus“ übernommen wurde, war es endgültig vorbei. So werden Legenden zerstört. Ich habe dann ein paar Jahre gar keine Onkelz mehr gehört. Die CDs (19 Alben besitze ich- immer noch) sind in Kästen verschwunden, so als wolle ich sie verbannen, war wirklich schwer beleidigt. Und alles was mir aus in den Jahren als Onkelz- Zitat in Erinnerung geblieben ist war: „120 auf`m Tacho- ins Nirwana mit Karacho!“ („Immer auf der Suche“- Adios. 2004. Text: Weidner) Denn natürlich musste ich mir das Abschiedsalbum noch kaufen.

Erst in letzter Zeit habe ich dann mal wieder Lust gehabt Onkelz zu hören. Also die alten CDs herausgekramt und in Erinnerungen geschwelgt. Was blieb war ein fader Nachgeschmack. Die Texte haben an Klasse und Wirkung verloren. Sind wirklich so platt, wie ich sie im Gedächtnis behalten habe. Das jedoch, was geblieben ist ist Erkenntnis. Wäre ich der, der ich jetzt bin, hätte ich damals keine Onkelz gehört? Wäre ich ohne sie, dort wo ich bin. So platt es klingt, sie haben tatsächlich Kraft gegeben, haben mir die Arschtritte verpasst, die ich so oft brauchte. Habe mich durch die Schule gebracht, durch Trennungen, mir über den Frust hinweg geholfen. Natürlich kann ich heute nur noch darüber schmunzeln, wie ich damals gedacht habe schon alles zu wissen. Genauso wie ich später einmal darüber lachen werde, was ich heute gedacht habe. Nichtsdestotrotz beschreiben die Onkelz eine nicht unbeachtliche Phase meines Lebens, waren sie doch ein wichtiger Eckpfeiler meiner musikalischen Entwicklung. Ohne die Onkelz hätte ich wohl nicht angefangen Gitarre zu spielen, hätte ich mit meinen Freunden wohl keine Band gegründet.

Heute sind sie leider nichts mehr als Erinnerungen. Schöne Erinnerungen, an Zeiten die, rückblickend, so viel einfacher und befreiter schienen, was sie keineswegs waren.

Erst viel zu spät eigentlich habe ich dann meine Liebe zu Pink Floyd, den Beatles, den Kinks und wie sie alle hießen entdeckt. Ich habe immer Pink Floyd und Hendrix gehört, wenn ich in der Sonne gelegen habe, damit hat es angefangen. Als kurze Phase, wie ich dachte, Sommermusik. Aber dann kam der Herbst. Mangels Plattenspieler habe ich dann angefangen die alten Platten meiner Mutter auf CD nachzukaufen. Als ich diese alle hatte kamen die, die ich noch nicht kannte. Und sie haben sich bei mir eingenistet. Laufen immer noch, und werden es wohl auch noch für lange Zeit tun. Es gibt diese Songs, die sind zeitlos. Warum das so ist, weiß ich nicht. Man hört ihnen an, dass sie in die Jahre gekommen sind, und doch spürt man, dass sie ihrer Zeit voraus waren. Texte über die Liebe und das innere Befinden werden sowieso niemals an Bedeutung und Tragweite verlieren.

Es war so um die Zeit nach dem Abi. Ein Sommer, der dem davor bei weitem nicht das Wasser reichen konnte. 2003 war perfekt, 2003 war mein persönliches Woodstock. Dann jedoch kam 2004. Das Ende der Schulzeit hat mich doch melancholischer gestimmt als ich jemals erwartet hätte. Auf einmal war alles anders. Und dem Punk- Rock von Offspring, Greenday und Co., den ich früher so gerne gehört habe, vor allem da gerade diese beiden Bands 1994 mit ihren Alben „Smash“ und „Dookie“ bekehrt haben (weg vom Eurodancefloor, hin zu den Gitarren!) musste etwas entgegen gesetzt werden, dass zur meiner derzeitigen Stimmung passte. Ich selber war gar nicht bewandert, was ruhigere Musik anging, also fragte ich einen Kumpel, der sich damit schon besser auskannte. Ich wolle etwas ruhiges, sagte ich ihm damals. Eine Band, die fast ausschließlich Balladen spielt.

Er überlegte kurz, dann schlug er mir Sigur Rós vor. Hatte ich noch nie gehört. Eines Tages war ich bei ihm und er präsentierte mir eine weiße CD in einem, ebenfalls weißen, Plastikschuber. „Untitled“ heißt das gute Stück. Er erklärte mir dort würde in einer Fantasiesprache gesungen, die Songs hätten alle keine Titel, dann lieh er sie mir aus.

Ich kann mich noch heute erinnern, was für ein Gefühl es war, als ich das Album zu Hause auflegte. Es ist mir nicht möglich das zu beschreiben, ohne ein kitschiges Vokabular zu verwenden. Wie verzaubert stand ich in meinem Zimmer, als „Untitled 1“ ertönte, sitzen war wirklich nicht mehr möglich, wie in Trance bewegte ich mich und zündete ein paar Kerzen an. Das war wirklich die wundervollste Musik, die ich jemals gehört hatte. Das Ambiente war aber auch perfekt. Es war ein milder Sommerabend, Wind kam durch das offene Fenster, es wurde allmählich dunkel- natürlich war das Zufall, aber rückblickend kann ich sagen, dass es perfekt war um das erste Mal Sigur Rós zu hören. Diese Musik hat irgendwas ganz tief in mir berührt. Irgendwas von dem ich nichtmal wusste, dass es da ist. Das war also meine erste Begegnung mit Post- Rock. Am nächsten Tag habe ich mir das Album gekauft, obwohl ich die CD meines Kumpels noch hätte viel länger behalten können, da er gerade durch Frankreich tourte.

Später folgen dann Múm, Godspeed You! Black Emperor, Explosions in the Sky, Gifts From Enola, Crippled Black Phoenix, God is an Astronaut und zuletzt Evpatoria Report. Alle mit sagenhaften Songs, teilweise sehr ähnlich, doch sie alle schaffen es auf eine gewisse Art mir eine Gänsehaut zu verpassen.

All diese kleinen Geschichten jedoch führen mich immer wieder zu einer ganz bestimmten Frage: Was machen Songs für uns so unvergesslich?

Ich habe eine Menge Songs, beispielsweise „Half Jack“ von den Dresden Dolls, die ich wirklich gerne gehört habe, die ganz großartig sind. Aber nur für eine Weile. Sie laufen rauf und runter, dann hat man sich „satt“ gehört und das war es dann erstmal. Ganz ohne Negativerfahrungen, wie ich sie mit den Onkelz hatte, einfach so ist es aus damit. Dann verschwinden sie eine Weile, tauchen irgendwann wie alte Bekannte wieder auf, man freut sich ein Song noch einmal zu hören, aber er schafft es einfach nicht mehr die Euphorie hervor zu rufen, die man vorher erlebt hat.

Sind es Erinnerungen, die man damit verbindet? Beeinflusst einen ein Song mehr, wenn man eine Geschichte dazu hat, die man damit verbindet? Oder sind es mehr die Gefühle, die er auslöst? Wie essenziell müssen diese Gefühle sein? Unterstützt ein Song kurzzeitig eine Stimmung in der ich bin, reicht er nur für den Augenblick, wohingegen ein Song der etwas tief Verborgenes in mir berührt für immer bei mir bleibt.

Leider gibt es wenige Songs, mit denen ich einzelne Momente verbinden kann, aber wenn, dann bleiben sie auch. Es gibt einen Song, für den Schäme ich mich fast ihn zu mögen, weil er eigentlich gar nicht zu mir passt, aber auch das hat seinen Grund.

Es war während meiner Zivi- Zeit bzw. kurz vor deren Ende. Zivildienst war nicht das richtige für mich, mir ging es psychisch dreckig. Um mal eine kleine Veränderung zu bekommen habe ich eine Freundin besucht, die in Rostock studiert. Wir waren dann abends in einem Club und dort lief „Geht`s dir schon besser?“ von Ich und Ich. Kannte ich vorher nicht, hätte mich auch niemals interessiert. Doch zu dieser Zeit war es, als würde mich das Lied direkt ansprechen und ich fühlte beinahe sowas wie Kraft in mir aufkeimen. Hätte ich diesen Song irgendwann anders gehört, es wäre mir am Arsch vorbei gegangen, er ist ja wirklich nichtmal besonders gut. Doch auch heute ist es noch so, dass ich dann an diesen Augenblick denke und mich darüber freue.

Mag sein, dass man eine persönliche Beziehung zu einem Song braucht, um ihn wirklich zu lieben, eine Beziehung zu einer Band- aus welchen Gründen auch immer. Sie werden dann zu Freunden. In Zeiten in denen man sich einsam fühlt, in denen man das Gefühl hat niemand könne einen verstehen, hat vielleicht nur die Musik die Kraft für einen da zu sein. Einen zu unterstützen und zu stärken.

Nur danach zu hören, wegen welcher technischen Spielereien, welchem Musikhistorischem Wert ein Song seine Klasse erhält halte ich für Grundfalsch. Auch der fortschrittlichste Song aller Zeiten kann scheiße sein, wenn er mich nicht berührt.

Deswegen kann mich auch der Rolling Stone mit seinen ganzen Top- Listen mal ordentlich am Arsch lecken. Und noch eher die Leute, die ihren Musikgeschmack nach diesen Listen richten. Musik ist so viel mehr als das.

Wenn Leute meiner Elterngeneration auf „Sgt. Pepper“ stehen, weil sie dabei ihr erstes Mal hatten, das erste Mal irgendwo im Delirium in einer Ecke gelegen haben oder eine andere schöne Erinnerung damit verbinden, kann ich das verstehen. Wenn mir jemand meines Alters erzählt, er liebt dieses Album, weil es ihn berührt, auch. Wenn mir jemand jedoch weismachen will, die Klasse des Albums liegt darin, dass es die Wende von der Single zum Album bedeutete, kann ich nur den Kopf schütteln und mich fragen, ob man damit wirklich seinen Geschmack rechtfertigen kann.

Vielleicht ist auch das das einzige, wie man die Liebe zu einem Song erklären kann. Es ist ganz einfach eine Geschmackfrage. Sind dann die teils ähnlichen Geschmäcker auf das natürliche Empfinden des Menschen für Ästhetik zurück zu führen?

Vielleicht ist es ja auch wirklich so, dass die Musik die man hört sehr viel über den Charakter aussagt. Ich bin mir sogar sicher, dass man anhand von Songs ganze psychologische Gutachten erstellen könnte.

Es gibt eine Menge Lieder die ich mag, ohne genau sagen zu können, aus welchem Grund. Keine bestimmten Erinnerungen, keine tiefen Berührungen. Eventuell nur die Sehnsucht nach Glück. Ja, das wird es sein. Einige Songs machen mich einfach glücklich. Zaubern ein Lächeln ins Gesicht.

Wahrscheinlich sollte man sich über mehr auch gar keine Gedanken machen. Mir reicht es eigentlich auch. Selbst bei den Songs, die ich nur heute mag.