Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Persona

Wenn ich wirklich will, kann ich zu dir werden, einfach so. Es kostet mich keine Anstrengung. Ich habe dich erschaffen und ich kann mich zu dir machen. Jederzeit.

Du stehst vor dem Kino im Regen und nun stehe ich vor dem Kino im Regen. In der Hand eine Eintrittskarte, das Gesicht verzerrt in der kalten Luft des Herbstabends. Wir tauschen die Rollen und du sitzt an diesem Schreibtisch und hämmerst beliebig auf den Tasten herum, ohne zu wissen, was passiert.

Du schreibst mich in eine Bar, ein Glas steht vor mir auf dem Tisch. Was ist in diesem Glas? Überleg’ es dir schnell! Die Blonde an der Theke schaut schon zu mir herüber. Wirst du sie aufstehen lassen? Wird sie zu mir kommen? Was wird sie sagen?

Wenn sie mich nicht will, können wir einfach wieder die Rollen tauschen und du sitzt an diesem Tisch und bist gezwungen, dich mit diesen Gedanken auseinander zu setzen. Es ist nicht mein Problem. Ich kann dich ewig hier sitzen lassen, wenn ich nur möchte. Genießt du die Einsamkeit oder macht sie dich verrückt? Es obliegt meinem Willen. Das ist das Schöne am Schreiben. Bist du ein alter Mann? Bist du krank oder kerngesund? Was musstest du in deinem Leben erfahren? Wie würdest du entscheiden, wenn ich an diesem Tisch sitzen würde und du über mein Leben walten dürftest?

Zunächst stehen wir auf und gehen Pinkeln. Ich werde dich begleiten, aber ich verspreche, ich werde nicht hinschauen. Und die Blonde wird noch da sein, wenn du wiederkommst, weil ich heute einen guten Tag habe. Sie wird zu dir herüber lächeln und dann wirst du ihr einen Drink spendieren. Mach’ dir keine Sorgen, du hast genug Geld dabei. Sie wird zu dir kommen, um sich zu bedanken. Ihr werdet euch gut unterhalten und einen netten Abend miteinander verbringen. Anschließend werdet ihr gemeinsam in ein Taxi steigen und zu ihr nach Hause fahren. Sie wird nicht zu viel quatschen und sie ist keine Psychopathin. Sie ist ein gutes Mädchen, nett und solide. Auch, weil ich heute einen guten Tag habe.

Aber noch stehst du hier mit deinem Penis in der Hand. Verzeih’ mir, jetzt habe ich doch geguckt. Aber keine falsche Scham, du weißt mittlerweile, dass ich einen guten Tag habe.

Du stehst am Waschbecken und betrachtest dich im Spiegel. Ich habe entschieden, dass du durchschnittlich aussiehst, das macht das Spiel interessanter. Aber du weißt ja schon, was dich erwartet. Es sei denn, ich überlege es mir noch mal anders. Du hast in diesem Augenblick keine Angst, weil ich nicht will, dass du Angst hast. Du richtest deine Haare und trocknest anschließend deine Hände. Kurz erinnere ich dich daran, weswegen du überhaupt hier bist. Wegen dieses anderen Mädchens, weißt du noch? Ich entscheide, dass es dir kurz weh tut, als du an sie denkst, aber ich habe beschlossen, dass sie dir nichts mehr bedeutet. Einfach so. Ich kann das.

Jetzt öffne die Tür! Da sitzt sie gleich, die Blonde und sie wird lächeln. Kauf’ ihr den Drink! Kümmer’ dich nicht um das Geld, heute geht auf mich. Weil ich einen guten Tag habe.

Doch vergiss nicht: wo immer sie ist, da werde auch ich sein. Aber ich will uns jetzt nicht verunsichern.

 

Mantra, Mantra!

Du dachtest immer es würde sonst was passieren wenn die Welt untergeht, aber so ist es nicht. Alles ist still und statisch, alles geht weiter wie gehabt. Für die meisten ändert sich gar nichts. Der Mond hängt immer noch da oben als wäre nichts geschehen.

Du stehst am Fenster und schaust auf die Straße. Irgendwann sind dann die Zigaretten alle, also gehst du ins Bett. Liegst eine Weile reglos da und wirst wütend, weil dieser Fleck an der Decke die ganze Zeit vor deinen Augen tanzt. Drehst dich aber nicht um, sondern schaust weiter hin, bis es dir irgendwann so vorkommt, als würde er dich anstarren.

Und machst du dann die Augen zu, sind da keine Bilder. Kein Gedanke, der dich tröstet und kein Ort an den du dich flüchten kannst. Da ist nichts. So viel Nichts, dass es dir Angst macht. Du wirst erst unruhig, dann panisch, weil du nicht weißt, ob du schon gestorben bist. Vielleicht hast du einfach vergessen zu atmen. Was ist, wenn das schon alles war? Dieses Bett in diesem Zimmer, diese Leere, dieser Fleck. Und was, wenn es dem Mond egal ist, was mit dir passiert, weil er weiß, dass er ewig dort hängen wird? Fühlst dich mitunter so klein, wie du einfach dahin treibst in seinem Licht, das gar nicht für dich bestimmt ist, obwohl nur du ihn so siehst.

Aber der Mond scheint nur symbolisch und du kannst dich genau so gut der Illusion hingeben, dass auch der Fleck an Decke nur in deinem Kopf existiert. Dass er tanzt als eine Erinnerung, als eine Vision von der Zukunft, als Angst vor dem Ungewissen. Du kannst seine Aufforderung annehmen und dem Mond wird es egal sein, weil er ewig dort hängen wird, ganz gleich, ob du tanzt oder nicht. Vielleicht hast du nur vergessen zu atmen.

Nach dem Abspann

Es ist dieser Moment in Film, in dem der Held beginnt, an sich selbst zu glauben. Es wird funktionieren, todsicheres Ding. Er schnippt die Zigarette aus dem offenen Fenster, steigt aus der Karre und prüft, ob die Eier richtig sitzen. Es kann gar nichts schief gehen. Er tritt durch die Tür: Ein Restaurant, mindestens Mafiahochburg, vermutlich noch schlimmer. Doch er ist Testosteron pur, Rage-Mode, Bullet Time, die Beretta durchgeladen. Feinde links, Feinde rechts – bäm-bäm. Keine Kompromisse. Noch mehr Feinde, noch mehr bäm. Kein einziger Kratzer. Und dann sie, dieses Mädchen, für die er die ganze Scheiße in Kauf nimmt. Steht in der Ecke zwischen zerberstendem Glas. Ihre Augen funkeln im Neonlicht. Ein Kerl mit Shotgun, grob und gewaltig, prescht in den Raum, schießt, lädt durch, stürmt auf sie zu. Eine Rolle nach vorne, die Haare gerichtet und eine Kugel genau zwischen die Augen. Der Kerl geht zu Boden, hinterlässt den Geruch von Blut in der Luft.

Der Held steht auf, prüft noch mal die Eier, geht auf sie zu, schließt sie in die Arme. Zwischen „Alles wird gut“ und „Wir haben’s geschafft“ drückt sie ihre Wange auf seine Brust. Ein Kuss bevor die Cops eintreffen und ein kitschiges Schlusswort vorm Großstadtpanorama während am Horizont die Sonne aufgeht. Die bösen besiegt und das Mädchen gekriegt. Bäm-bäm.

Wenn der Film vorbei ist und alle das Kino verlassen haben, bleibt nur sein schweres Atmen und ihr Seufzen in seiner Gegenwart. Nun ist sie eine leere Wohnung und ein eiskaltes Bett. Sie ist eine Erinnerung in der sie ewig weiter lebt und in der er allmählich stirbt. Davon, wie alles mal war, wie es hätte sein können und davon, wer er gewesen wäre.

Medusa

Er wandert umher, immer nur so unruhig, dass es keiner sieht. Bleibt stehen und fragt sich, wo er denn hingehen soll. Steht in der Ecke und wartet, weiß nicht auf was. Schweigt, obwohl er reden will und mag den Gesprächen nicht zuhören. Zeit verstreicht. Er schaut auf die Finger. Irgendwo fällt ein Blatt auf die Erde. Er kann es nicht hören und doch ist es passiert. Menschen gehen vorbei, alle so langsam. Er schaut ihnen nach, denkt nichts. Nicht wirklich. Schaut wieder auf die Hände, schaut zurück auf die Menschen. Sie sind gleich, auch er. Gleich gültig. Ein vages Gefühl. Der kleine Junge ist alt geworden. Geht weiter, zögernden Schrittes. Vielleicht westwärts oder wenigstens irgendwo hin. Gerät ins taumeln, schwankt. Nichts zu greifen, kein Halt, fällt hin und bleibt liegen. Er rollt sich zusammen. Menschen gehen weiter. Nur ein Blatt auf der Erde. Wer hat es gehört? Der Mensch ist elektrisch. Während er daliegt, zieht jemand den Stecker. Seit Jahrhunderten schon halten sie die Bestie in Stein gefangen. Aus ihrem Kopf wächst eine Rose, zum Sterben verdammt.

Apokalypse Nummer 3

Ich bin mir nicht sicher, ob mich gerade Inspiration und unglaubliche Kreativität gepackt haben oder mich ein Anfall von Wahnsinn getrieben hat, als ich soeben innerhalb von 2 Stunden eine Kurzgeschichte runtergeschrieben habe. Da ich momentan keine Lust habe, sie morgen mit einem gewissen Abstand zu betrachten und erst dann zu entscheiden, ob ich sie veröffentliche mache ich es einfach direkt. Momentan bin ich damit ganz zufrieden und sollte ich das morgen anders sehen, dann betrachte ich sie eben als „Affekthandlung“ oder als Ergebnis intuitiven Schreibens.

Schon seit langem wollte ich die Reihe der drei Apokalypsen mit einer Art innerer Apokalpyse abschließen und habe dies jetzt mal in Angriff genommen.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: bitte sehr!