# 1 Die Lüge und ich

Ich erwarte ja gar nicht, dass du mir glaubst, was ich dir erzähle. Ich erwarte auch gar nicht, dass du mich verstehst. Ich möchte nur, dass du mir zuhörst, nur ein Mal zuhörst. Ein wenig Lüge ich immer, ein wenig lügt jeder. Aber seien wir mal ehrlich, die Realität ist meistens viel zu langweilig. Und außerdem haben wir uns schon zu sehr an all die kleinen Hollywood- Filmchen gewöhnt, als das in unserem Verstand noch Platz für eine schmucklose Geschichte wäre, so ganz ohne Glanz, so ganz ohne Action, so ganz ohne Emotion.

Das ist mir schon ziemlich früh klar geworden, und das war auch der Moment, an dem ich anfing zu lügen. Es hat klein begonnen, so ganz nebenbei habe ich meine Geschichten mit Details ausgeschmückt, die keiner bemerkt, weil sie keinen Interessieren. Doch so blieb es immer glaubwürdig. Dann habe ich es perfektioniert. Die Lügen gesteigert, ganze Momente hinzugedichtet, habe es so oft erzählt, dass ich selber nicht mehr weiß, was davon wahr ist und was nicht. Ich habe gelogen und gelogen. Und selbst wenn ich sage, dass ich Lüge steckt eine weitere Lüge darin. Ich habe mich verkauft. An das Bild, dass du und die anderen von mir haben wollt. Ich spiele dieses Spiel sehr gut. Ich habe dich und all die anderen glauben lassen jemand zu sein, der ich nicht bin. Schau mich an! Schau in diese Augen, was kannst du sehen? Denkst du wirklich du kennst mich? Du kennst mich nicht. Niemand kennt mich. Und keiner wird es je. Du kennst mich nur, so wie ich vor dir stehe, so wie du mich siehst, wie mich die anderen sehen, wie ich mich verhalte wenn ihre Blicke auf mir haften. Denkst du wirklich das bin ich? Nur das? Ich bin viel mehr als das und wenn ich etwas sage denke ich meistens etwas ganz anderes. So weit habe ich die Lüge getrieben. Schon so sehr, dass sie selber zu einem Teil von mir geworden ist. Ja, vielleicht bin ich die Lüge. Mag sein, dass sie ein Teil von mir ist, mein Charakter. Aber nicht alles. Und auch jetzt lasse ich dich immer noch nicht in mich hinein sehen. Ich möchte nur, dass du weißt, dass du mich nicht kennst. Meinetwegen kannst du darauf warten, doch denk daran, dass die Zeit nicht dein Freund ist. Und ewig zu warten hat noch nie jemanden weiter gebracht. Vielleicht wirst du es eines Tages verstehen, was ich meine. Vielleicht wirst du eines Tages mehr sehen als das, was ich zeige. Erst in dem Moment, in dem du in mich hinein siehst und meine Seele berühren kannst, werden wir beide zu Freunden werden.

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