15 Minuten Urlaub von mir selbst

Die Idee hierzu kam mir beim Lesen einer anderen Kurzgeschichte, im Zuge eines „kreativ schreiben-“ Seminars, das ich im Sommersemester 2006 besucht habe. Ich mag das Meer und verlege gerne die Handlung dorthin. Ähnlich wie Protagonisten, die vor dem Spiegel stehen, ist das ein ziemlich häufiges Motiv. Ich will hier keine Interpretation vorweg nehmen, vorallem auch, da es mir selber immer sehr schwer fällt, meine eigenen Texte zu erörtern. Ich möchte auch nichts vorweg nehmen, oder gar eine Richtung vorgeben.

15 Minuten Urlaub von mir selbst.
Und das Meer würde mit Sicherheit ganz stürmisch rauschen, ein paar Möwen kreisten hoch über meinem Kopf, das Haar ganz zerwühlt vom Wind und ich vergrub meine Zehen ganz tief im warmen Sand und schaute einfach hinaus. Ließe den Horizont in Gedanken mit dem Wasser verschmelzen, eins werden und nie aufhören. Ich würde vermutlich ein wenig von Freiheit träumen und mit einem Lächeln ins Wasser waten. Die Kälte wie ein erfrischendes Prickeln an meinen Waden spüren, wie mir kleinste Wassertropfen ins Gesicht getrieben würden, würde tief einatmen und weiter hinein gehen. Wie 100000 Umarmungen legte sich das Wasser um meine Hüften, um meinen Bauch, meine Brust, umschlösse die Schultern und den Hals. Ich ließe mich treiben, einfach so, ohne einen Gedanken im Kopf.
Draußen regnet es- es regnet hier immer. Ich zähle die Wassertropfen an der Fensterscheibe, doch sie verfließen zu schnell als dass ich eine genau Anzahl ausmachen kann. Die Straße unter meinem Fenster ist Menschenleer, vor der Bäckerei gegenüber ist ein großes Schlagloch, das sich mal wieder ganz mit Regenwasser gefüllt hat. Es ist kalt und der Wind peitscht einem ins Gesicht sobald man raus geht. Darum geht auch niemand mehr raus. Habe lange keinen mehr gesehen- überhaupt niemanden, überhaupt nicht, zu keiner Stunde. Und ich sitze hier nun schon eine ganze Weile, träufle Wachs aus der Kerze auf meinen Handrücken, puhle es ab wenn es trocken ist und halte es in die Flamme um es wieder ein zu schmelzen. Die letzten Stunden habe ich damit verbracht ein Bild zu malen, es ist grau, so wie alle anderen auch. Allmählich geht mir das Schwarz und das Deckweiß aus, ich werde nicht mehr all zuviel grau mischen können, müsste wohl an die Ecke gehen und dort neue Farben kaufen. Aber nicht heute, vielleicht reicht es sogar noch bis morgen.
Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück, er quietscht nicht mehr, seltsam. Manchmal quietscht er und manchmal nicht, aber eigentlich quietscht er immer. Eine Zigarette zünde ich mir an und blicke dem Rauch nach, wie er gen Zimmerdecke steigt, sich auf dem Weg dorthin verliert. Dann klingelt es. Wer mag das sein? Ich habe draußen niemanden kommen sehen, auch erwarte ich niemanden. Ich bekomme nie Besuch. Leise schleiche ich zur Wohnungstür, es soll mich niemand hören, wenn er dort vor der Tür steht, bleibe vorsichtig auf Zehenspitzen stehen und spähe durch den Spion in der Tür, doch auf dem Hausflur ist niemand zu sehen. Ich erkenne eine kleine Pfütze, irgendwo muss das Dach undicht sein, es regnet herein. Gerade drehe ich mich um und will wieder auf meinem Stuhl platz nehmen, da klingelt es erneut, ich erschrecke und hoffe dabei keinen Krach gemacht zu haben. Wer klingelt denn da nur? Von unten kann doch niemand klingeln, habe doch niemanden da draußen gesehen. Vorsichtig führe ich meinen Finger zur Gegensprechanlage und betätige den Knopf. “Hallo?” höre ich mich flüstern, und es durchfährt mich wie ein Blitz als es höre und reiße den Finger urplötzlich vom Knopf. Warum habe ich geantwortet? Jetzt ist es zu spät. Wieder betätige ich den Knopf. Noch einmal: “Hallo?”
“Lässt du mich rein?” piepst es mir entgegen.
Ich zögere, schlucke. “Aber ich weiß doch gar nicht wer dort ist,”.
“Lass mich rein.” Diesmal klingt es energischer, verzweifelter.
Mein Finger gleitet herüber zum Summer, hält diesen für einige Sekunden gedrückt, dann rutscht er ab. Was hatte ich getan? Schweiß tritt mir auf die Stirn, ich zittere am ganzen Körper. Ich lausche. Höre klackende Schritte auf den hölzernen Stufen. Der erste Stock. Eine kurze Pause. Ein Schniefen. Der zweite Stock. Ich wohne im Dritten, höre weiteres Klacken. Ängstlich schaue ich durch den Spion an meiner Tür, noch ist niemand zu sehen. Mein Herz rast wie verrückt, kann mein Auge nicht auf einen Punkt fixieren, es gleitet herum so als versuche es zu flüchten. Ein Schatten erscheint am Treppenabsatz auf meinem Stockwerk. “Geh vorüber. Geh vorüber!” flüstere ich. Doch der Schatten dreht sich, klopft sich etwas Wasser vom Körper, blickt nach links und nach recht, scheint zu zögern, tut einen Schritt auf meine Tür zu. Gespenstisch, wie er immer größer wird, ich sehe nur noch verschwommen, kann nicht blinzeln, meine Augen tränen. Der Schatten kommt näher und näher. Wie nach einem Schlag ins Gesicht falle ich von der Tür und verharre. Panisch schaue ich mich um, wo könnte ich mich verstecken? Es kommt um mich zu holen, jetzt kommt es, es ist da. Klopfen. Die Atmung: Schneller. Der Puls: Eindeutige Tachykardie. 32 Schläge in der Viertelminute. Es klopft erneut an meiner Tür. Ich ringe nach Luft, meine Kehle schnürt sich zu.
“Bitte… so öffne doch,” höre ich gedämpft durch die schwere Holztür von draußen, dann meine ich ein leises Schluchzen zu vernehmen. Mein Hand legt sich um den Türknauf, er erscheint mir glühend heiß, oder eiskalt, den Unterschied kann ich nicht mehr wahrnehmen. Ich höre sie dort draußen atmen. Sie? Er? ES. Der Schatten, ein Schatten hat kein Geschlecht. Wir schweigen eine Weile. Kein klopfen, kein Wort, meine Atmung beruhigt sich, der Puls wird schwächer. Ich drücke die Klinke herunter, quietschend öffnet sich die Tür, mein Stuhl quietscht auch manchmal, aber anders.
Der Schatten ist eine Sie. Sie trägt einen schwarzen Mantel, ganz nass. Sie trägt schwarze Schuhe, ganz dreckig. Sie trägt schwarzes Haar, triefend vor Regen. Sie trägt schwarze Wimperntusche, ganz verschmiert. Von Tränen. Oder Regen. Oder beidem. Sie zwingt sich zu einem leisen Lächeln und tut einen zaghaften Schritt auf mich zu.
“Danke”, flüstert sie. Ich schließe die Tür, schaue sie ungläubig an. Sie wiederum mustert mein Zimmer, es ist unordentlich- aber ich habe auch keinen Besuch erwartet. Ich bin verlegen und setze mich einfach. Sie fragt ob sie ihren Mantel ablegen darf, ich nicke.
Sie setzt sich im Schneidersitz auf meinen Boden- das Bild kommt mir bekannt vor, ich hatte es irgendwann einmal gezeichnet.
“Wie geht es dir?” fragt sie. Ich zucke nur mit den Schultern. Mir sitzt ein faustgroßer Kloß im Hals. Sie sieht alt aus, und das obwohl sie kaum älter als 25 sein mag, und müde. Ja, müde, vielleicht lag es an der Müdigkeit, hatte sie wenig geschlafen, die sie so alt aussehen ließ.
“Ich… ich hatte mit niemandem gerechnet,” sage ich. “Deshalb sieht es hier so aus, ich hätte aufgeräumt, aber…”
“So sah es doch schon immer bei dir aus, du hast dir nie sonderlich viel aus Ordnung gemacht.” fiel sie mir ins Wort.
“Wer sind sie? … woher wissen sie…” mir stocken die Worte. Woher wusste sie das? Sie schüttelte nur den Kopf.
“Du gibst mir keine Chance oder?”
“Aber, verzeihen sie, meine Dame. Es tut mir Leid das sagen zu müssen, es tut mir auch schrecklich Leid aber… Ich habe wirklich keine Ahnung wer sie sind.”
“Wie du magst. Dann spielen wir eben wir dieses Spielchen,” sagt sie und verdreht die Augen, beginnt eine Zigarette aus dem aufgeweichten Tabak zu drehen, der in ihrer Hosentasche steckt. Ich biete ihr eine von meinen an, doch sie verneint. “Tut mir leid, aber meine Mami hat mir verboten etwas von Fremden an zu nehmen,” sagt sie in einer Kinderstimme, als ob sie mich ärgern wollte. Ich lege die Schachtel wieder zurück auf den Tisch. Sie raucht jetzt, der nasse Tabak stinkt.
“Und, erinnerst du dich jetzt an mich?” fragt sie.
“Nein, es tut mir leid, wirklich nicht. Ich bin mir sicher sie verwechseln mich, ich habe sie noch nie zuvor gesehen.”
“Na schön, wie du willst”, sie fischt nach meinem Aschenbecher. “Mein Name ist Evelyn. Wir beide waren mal verlobt, mein lieber. Du und ich. Wir haben eine wirklich harmonische Beziehung geführt, es war die richtig große Liebe, verstehst du? Du warst keiner von denen, die einem das Glück versprechen und einen dann alleine stehen lassen. Bis zu diesem einen Tag- ich weiß nicht was geschehen ist, was in die gefahren ist, doch auf mal warst du weg. Hast dich nicht mehr gemeldet, und wenn ich dich mal besucht habe, habe wir dieses Spielchen hier gespielt. Bis auf ein paar Mal. Dann warst du wieder der Alte, du hast mich in den Arm genommen, hast mir gesagt, dass du mich liebst, hast mit mir geschlafen und ich Idiotin dachte immer es würde wieder so wie früher werden. Weißt du, ich bin es Leid. Immer deine Spielchen. Vielleicht macht es dir Spaß, aber ich kann auf diese Art und Weise keine Beziehung führen, entweder du sagst mir, ob du noch etwas für mich empfindest, oder du sagst mir das Schluss ist. Aber ich kann so nicht mehr leben. Ich will so nicht mehr leben.”
“Meine Teure, ich bin sicher, sie sind eine gute Frau, und sie haben es auch nicht verdient so behandelt zu werden, doch ganz im Ernst- ich kenne sie nicht. Sie waren noch nie in dieser Wohnung, davon wüsste ich doch wohl. Ich sehe sie heute zum ersten Mal. Doch wenn ich ihnen einen Rat geben darf- lassen sie so nicht mit sich umgehen. Wenn sie den Mann finden mit dem sie mich verwechseln, geben sie ihm den Laufpass. Sie sind eine schöne junge Frau, sie haben wahrlich etwas besseres verdient. einen Mann der sie schätzt.”
Sie springt auf, rennt zu meinem Schrank in der Ecke des Zimmers in dem ich meine Gemälde verstaue, reißt ihn auf und wirft alles durcheinander. “Siehst du das? Siehst du diese Bilder?” schreit sie. Jetzt hysterisch und hält mir einige meiner frühen Werke vor.
“Die sind alt,” sage ich. “Sehen sie doch, die sind farbig, ich male schon lange nicht mehr farbig, es ist ja doch alles grau, ich habe aufgehört die Wahrheit zu verfälschen.”
“Schau sie dir an! schau sie dir doch verdammt nochmal an!” schreit sie, wirft die Bilder auf den Boden. Eines davon lese ich zaghaft auf und betrachte es. Eine nackte Frau in einem Bett, wie lächerlich, ihre Umrisse schimmern lila, dilettantisch. “Und? Erkennst du was?”
“Ich erkenne darauf die Arbeit eines Anfängers,” entgegne ich ihr. Sie scheint sauer. “Guck dir die Frau an! Und dann schau mich an! Fällt dir was auf?”
“Ich gebe zu, eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden, doch das muss Zufall sein. Ich habe früher hauptsächlich aus dem Gedächtnis gemalt, da kann sowas schonmal passieren, dass es gewissen Menschen ähnelt. Schauen sie dort drüben an der Wand, das Bild der alten Dame die in einem Cafe sitzt. Frei aus dem Geist gemalt! Und ich wette mit ihnen, dass ich ihnen an einem Tag in der Stadt mindestens 5 alte Damen zeigen könnte, die dieser frei erfundenen auf meinem Bild ähneln. Und mal ganz unter uns- wen eine wunderschöne Frau wie sie einmal nackt, wie Gott sie schuf in meinem Bett gelegen hätte, was wäre ich für ein Mensch diesen Anblick zu vergessen?” Mit diesen Worten lege ich das Bild beiseite, denke daran wie lange es dauern würde sie alle wieder chronologisch in meinem Schrank zu ordnen.
Sie, sie ist jetzt sehr wütend. “Na schön… na schön…” Tränen steigen ihr in die Augen. “Wenn du wirklich willst, dass es so endet, dann bitte! Hier hast du deinen Ring zurück! Melde dich nicht mehr bei mir, jetzt bin ich weg!” Und sie schmeißt mir einen kleinen Silbering vor die Füße, greift nach ihrem Mantel und stürmt schluchzend aus meiner Tür. Ich lese die Bilder vom Boden auf, 9 Stück sind es, an manche kann ich mich gar nicht mehr erinnern, doch anhand der Zeichnungen kann ich ein ungefähres Datum ihrer Entstehung einschätzen. Ich räume sie in den Schrank zurück und nehme auf dem Stuhl platz. Er quietscht. Aber er quietscht ja meistens, ich habe mich an das Quietschen schon gewöhnt. Draußen regnet es immer nur, es sind 228 Wassertropfen an meinem Fenster, vielleicht ein paar mehr oder weniger, das lässt sich schwer einschätzen, da sie so schnell verlaufen. Wenn ich den Rauch meiner Zigarette ganz lange in der Lunge lasse kann ich nur weniger wieder ausatmen, als wenn er nur ganz kurz drinnen bleibt. Setzt er sich ab, oder wo bleibt er?
15 Minuten Urlaub von mir selbst.
Und ich würde auf dem Wasser liegen und mich treiben lassen. Die Wolken beobachten, den Himmel über mir, die Sonne. Der kalte Wind würde meinen Bauch kitzeln, und ich würde die Augen schließen und ein wenig träumen. Einfach so zu verharren- für immer. ich treiben lassen, bis ich Neuland entdecke.
Irgendwann dann müsste die Welle gekommen sein. Sie war gigantisch, mir wurde ganz schwindelig und ich wusste nicht wo oben noch unten ist. Wurde unter Wasser gedrückt, habe zu viel davon geschluckt, durch den ganz normalen Würgereflex war Wasser in meine Lunge gekommen, ich schlug mit Armen und Beinen um mich, aber kam nicht an die Luft. Irgendwann dann musste es passiert sein, dass ich mit dem Kopf gegen einen Stein schlug. Entweder durch diesen Schlag oder dem Sauerstoffmangel musste ich dann bewusstlos geworden sein. Genau konnte mir das niemand sagen. Es hatte mich wohl wieder an den Strand gespült, oder an einen anderen, zumindest hatte mich jemand gefunden. Die Ärzte erwähnten das Wort partielle Amnesie sehr häufig, fragten mich nach Angehörigen, aber ich konnte mich an nichts erinnern. Ich war dann einfach zu der Adresse gegangen die auf meinem Ausweis stand, nachdem meine Kleidung gefunden wurden wahr, die noch am Strand lag, gleich neben dem Buch, welches ich gerade gelesen hatte. Es hatte lange gedauert, bis ich den passenden Schlüssel zu meiner Wohnungstür fand, dann setzte ich mich hin und begann zu malen. Ich entdeckte, dass ich es ganz gut konnte. Ich weiß nicht wie lange ich gesessen und nur gemalt hatte, ungefähr ein Bild in der Woche und siebzehn hatte ich jetzt fertig, alle in schwarz und weiß- die alten, bunten sprechen mich nicht mehr an, aber ich kann mir auch nicht erklären warum.

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