Apokalpyse #3

Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Sie legt sich um den Stuhl vor meinem Schreibtisch, um die Kerzen, die erloschen in der Ecke stehen, um die Bilder an der Wand, um die Fenster und kriecht langsam an mein Bett heran. Begräbt meine Füße, die Beine, meine Hände, die reglos neben mir liegen und fährt in mich hinein. Also schließe ich meine Augen, um selbst zur Dunkelheit zu werden. Ich atme Dunkelheit. Ich schmecke Dunkelheit. Ich bin die Dunkelheit. Und so wie ich selbst bin, ist alles um mich herum.

Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.

Ein Meer aus Kotze und das an jedem verdammten Tag. Ich rieche noch ihren Schweiß, rieche wie sie in diesen Laken gefickt haben, rieche die Flüssigkeiten die sie darin verloren haben. Wenn ich die Sauerei beseitige, würde ich manchmal gerne meinen Kopf unter den Laken vergraben, unter den Gerüchen, mein Gesicht durch die Flüssigkeiten reiben, damit ich meinen Ekel endlich rauskotzen kann. Doch ich bin nicht zum Spaß hier, das ist ein Knochenjob.

Ich glaube es ist geschehen, während wir uns liebten und eigentlich längst aufgehört hatten einander zu lieben, oder als nur ich sie liebte und sie mit mir lebte, weil ich eben gerade da war. Mit einer ganz geringen Wahrscheinlichkeit war es sogar noch bevor wir beide überhaupt anfingen einander zu lieben. Zumindest war es, als sie immer wieder zu mir sagte: „Du bedeutest mir genauso viel wie eh und je“, und ich wusste, dass sie das nur so dahin sagte während sie das Geschirr abspülte, während sie die Wäsche in den Schrank räumte, während wir fickten und ich einfach pumpte und pumpte und nichts mehr dabei fühlte. Genauso wenig wie sie. Wir rieben unsere Geschlechtsteile aneinander, weil es halt dazu gehörte. Hinterher hielten wir uns auch nur noch in den Armen, weil wir irgendwann mal damit angefangen hatten und jetzt nicht extra damit aufhören wollten.  Ich ging pinkeln und rauchte am Fenster eine Zigarette, als sie zu mir sagte: „Ich werde dich verlassen.“ Ich sah zu ihr hinüber, sie lag noch genauso im Bett wie vorher, die Hände lagen auf der Decke, ihr Brustkorb hob und senkte sich, ich nickte ihr nur zu, so als hätte ich schon erwartet, dass sie es mir so sagen würde. Ich hatte auch einfach keine Lust mehr diese ewig gleiche Diskussion zu führen, die am Ende sowieso nichts an den Tatsachen änderte. Sie stand auf, warf sich die Decke um die Schultern, nicht etwa weil ihr kalt war, sondern weil sie nicht wollte, dass ich sie jetzt noch nackt sah, so als könne dies etwas das zwischen uns war wieder ungeschehen machen. Ich weiß, dass wir uns anschließend über irgendetwas unterhielten, vermutlich war es ein Film, den wir beide gemeinsam gesehen hatten und am nächsten Morgen war sie weg. Ich weinte nicht und fühlte mich auch nicht verzweifelt. Ich fühlte mich wie vorher, nur etwas unwohler. Ich blieb im Bett liegen, steckte mir eine Zigarette an und schaute an die Wand. Das ging ein paar Stunden so, dann stand ich auf, trank einen Kaffee, ging duschen und legte mich dann zurück ins Bett. Dort blieb ich ein paar Wochen.

Zimmer 3 ist fertig. Ich öffne die Tür, verbrauchte Luft, der Geruch von Champagner, Zigaretten und Parfümresten. Etwas Sperma ist durch das Laken in die Matratze gesickert, dass bedeutet, ich muss auch diese reinigen. Das ist eine Heidenarbeit.

Als sie mich fanden, hatten Fliegen in meinem Hirn bereits Eier gelegt und die Larven waren geschlüpft. Es muss ein unglaublicher Gestank gewesen sein, der aus der Wohnung in den Hausflur zog. Ein paar Leute haben betroffen geschaut, andere, diese Kaputten aus dem dritten Stock, waren begeistert, mal eine Leiche zu sehen, aber im Grunde hat es keine Sau interessiert.

Sie war zu der Zeit längst woanders und kriegte gar nicht mit, dass zu Hause die Hölle los war. Das irgendwer die Wohnung komplett leer räumte und alles was noch von uns übrig war in einen Container steckte und anschließend verbrannte.

Es dauerte ein paar Tage, sie entnahmen ein paar Organe, flickten mich wieder zusammen und nachdem ich die Leichenhalle dann wieder verlassen durfte, stieg ich in einen Bus und fuhr einfach so durch die Gegend. Als wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen und in der Wüste ankamen, fragte ich den Busfahrer, ob er mal kurz rechts ran fahren könnte. Er war ein älterer Mann mit Schnauzbart und einer dunklen Sonnenbrille. Ich fragte mich, ob er früher einmal ein Trucker gewesen war. „Warum denn?“ fragte er, als ich ihn bat zu halten und ich log, dass ich mir übel war. Als ich ausstieg betrachtete ich den wolkenverhangenen Himmel, der am Horizont mit der Einöde verfloss. Der Wind war ein wenig kühl, alles war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich entschied mich hier zu bleiben. „Deine Sache, Junge“, sagte der Fahrer. Dann schloss sich die Tür und der Bus entfernte sich langsam. Anfangs ernährte ich mich von Käfern und schlief unter freiem Himmel. Es regnete sehr oft. Ein paar Tage war ich schon unterwegs, bis ich das das kleine Bordell entdeckte, dass sich „South of the Border“ nannte, obwohl mir nicht bekannt war, dass sich irgendwo in der Gegend eine Grenze befand. Ich lernte die Besitzerin kennen, und anfangs mochten wir uns nicht besonders. Sie war grob und ungebildet und nannte mich immer Sonny. Sie stellte mich dennoch ein, weil hier nicht so häufig Leute vorbei kamen, die den Hausmeisterposten bekleiden wollten, wie sie sagte, und ich wunderte mich, dass sie sich so ausdrückte. Sie zeigte mir einen kleinen Raum neben der Küche in dem ein altes Feldbett stand. „Hier kannste schlafen, Sonny. Das wird schon gehen. Gekocht wird hier nicht viel, die Gäste bestellen selten etwas zu essen. Außerdem gibt es auch gar keinen Koch. Es wird also kein Essensgeruch hier rein ziehen. Kannst dich einfach auf das Bett da knallen, Sonny, wirst schon sehen, das wird gehen. Und wenn nicht, dann finden wir schon irgendwas für dich, was Sonny?“ Ich hatte nichts bei mir, außer der Sachen, die ich trug, also willigte ich ein, setze mich auf die Kante des Feldbetts und betrachtete meine Unterarme. Das ist jetzt also dein Leben, sagte ich mir und schaute mich in dem kleinen Raum um. Da stand etwas Waschmittel und etwas Rattengift, ein Kanister mit Terpentin und eine halbvolle Schachtel mit Lockenwicklern, was auch immer die Dinger hier drin verloren hatten.

An meinem ersten Abend führte mich Sharon durch den Laden, ich bezweifle, dass sie wirklich so hieß. Sie sagte sie sei 19, sah aber aus wie 26, und wäre schon vor Jahren von zu Hause weg. Sie erzählte, sie sei ähnlich wie ich durch Zufall hier gelandet, hätte einen Ort zum übernachten gesucht, und wäre dann einfach hier geblieben. Die Kunden waren so schlimm nicht und bei manchen ekelte sie sich nicht einmal. Sex hatte sie schon immer gemocht, hatte früher regelrecht rumgefickt, wie sie sagte und danach kicherte, als hätte sie mir erzählt, wie sie mal aus versehen die Lieblingsvase ihrer Mutter zerstört hatte. Ein Kunde, erzählte sie mir, steckte ihr gerne den Finger in den Po und wollte dann, dass sie ihn ableckte. Aber das war auch schon der schlimmste, der hier so her kam und überhaupt, sie störte das nicht, es kam ja von ihr selbst. Generell kamen nicht viele Fremde und so war es doch angenehm, wenn man hauptsächlich mit Stammkunden arbeitete und das waren im Grunde keine Perverse. Die meisten waren ja auch wirklich nett, ergänzte sie, ja wirklich, viele verheiratete, da mussten es doch gute Kerle sein. Sie zeigte mir die Themenräume, es gab Sieben: das orientalische Paradies, die gynäkologische Praxis, den Saloon, die Folterkammer,  die Sauna, den Friseursalon und das Lovenest. Die Sauna, die Folterkammer und die gynäkologische Praxis waren am leichtesten zu Reinigen. Viele Fliesen, viel Lenolboden und wenig Inventar, aber ich hasste das orientalische Paradies und das Lovenest, mit all ihren Decken und Kissen und Fellen, ich habe schon Sperma an Gegenständen entdeckt, die man sich nicht einmal vorstellen kann. Einmal hatte wohl einer der Gäste über dem Aquarium abgespitzt – die Schwanzflosse eines Goldfisches war völlig verklebt.

Das Lovenest ist Zimmer 3 mit der Matratze mit dem riesigen Spermafleck an dem ich herumschrubbte und der einfach nicht verschwinden wollte. Die Besitzerin drängte mich, ich solle mich beeilen, einer von Sharons Stammkunden habe das Zimmer schon gebucht. „Der verdammte Fleck geht einfach nicht raus!“ schrie ich und sie sagte, ich solle die Matratze einfach umdrehen, aber Herrgott, ich solle es schnell machen. Also drehte ich die Matratze um, was gar nicht so leicht war, und gerade als ich fertig war und mir den Schweiß von der Stirn wischte, kurz verschnaufte, um den Raum dann fertig zu machen, hörte ich Sharons Stimme auf dem Korridor. Sie war in Begleitung und ich wusste, dass sie auf den Raum zusteuerten. Ich wusste nicht wohin. Die Kunden sollten vom Reinigen der Räume nichts mitbekommen, so war es mir eingebläut wurden. Da es jetzt sowieso kein Entkommen mehr gab, entschloss ich mich zu verstecken und suchte Zuflucht hinter einem der Vorhänge. Ich war so aufgeregt, dass mir gar nicht in den Sinn kam, dass diese Idee aus einer schlechten Komödie hätte stammen können.

„Willst du mal von hier weg? Irgendwann, meine ich“, hatte mich Sharon mal gefragt, als wir spazieren gingen. Wir hatten es uns zur Gewohnheit gemacht gemeinsam durch die Wüste zu gehen, da uns beiden gelegentlich die Decke auf den Kopf fiel und wir in diesem Momentan das Bordell einfach verlassen mussten. Als sie mir diese Frage stellte, dachte ich daran mit ihr gemeinsam fort zu gehen, so als könne sich hier in diesem Nirgendwo zwischen uns beiden eine Romanze entwickeln und wir könnten dann in eine vermeintlich bessere Zukunft fliehen. Ich stellte mir das wie in einem Film vor, höchstwahrscheinlich weil ich es mal in einem Film gesehen hatte. Aber ich fand den Gedanken blöd. Ich ging mit Sharon spazieren aber ich empfand nichts für sie. Wer empfindet schon etwas für Nutten? Also zuckte ich nur mit den Schultern und sagte: „Vielleicht mal irgendwann.“ Ohne, dass ich sie danach gefragt hätte, erzählte Sharon mir, dass sie auch häufig darüber nachdenke einfach fort zu gehen. Es langweilte sie hier allmählich, so wie sie sich damals zu Hause gelangweilt hatte, bevor sie entschloss fort zu gehen. Ich nickte, so als würde ich sie verstehen, aber das tat ich nicht. Egal wo man landet, die Leere bleibt. Als würde man durch die Ortswechsel die innere Verwesung aufhalten können. Sharon fragte mich häufig danach, wie ich hier her gekommen war. Ich redete nicht gerne mit ihr darüber, aber immer wieder erzählte ich ihr Kleinigkeiten und ich halte sie für intelligent genug, dass sie diese zu einem Gesamtbild zusammenfügen konnte. Manchmal sah sie mich ganz traurig an, aber ich weiß nicht warum. Wir waren beide nicht traurig, nur einsam.

Ich würde jetzt gerne von etwas Kuriosem berichten, das sich ereignete, während Sharon ihren Kunden bediente und ich mich hinter dem Vorhang versteckt hielt, aber in Wahrheit geschah nichts Seltsames. Der Kunde hatte das Standardprogamm gebucht: orales Vorspiel (sie bei ihm), vaginaler Geschlechtsverkehr und anschließend durfte er auf ihre Brüste ejakulieren. Ich hasste das. Sie sauten dabei immer alle herum, so als sei es unmöglich vernünftig zu zielen. Sharon kicherte kurz auf, als es ihm kam, das bedeutete für mich, dass ich wohl noch einmal diese verdammte Matratze schrubben musste.

Irgendwann erzählte ich Sharon die Geschichte, wie ich mich im Zimmer verstecken musste und obwohl ich sie schon etliche Male nackt gesehen hatte, schämte sie sich, ich weiß nicht warum. Sie verhielt sich mir gegenüber dann zurückhaltend und wir gingen auch seltener spazieren. Irgendwann gar nicht mehr und dann verließ sie das Bordell. Einer ihrer ehemaligen Freier erzählte mir mal, dass er gehört hatte, sie sei gestorben. „Autounfall“, sagte er und nahm einen Schluck Bier. „Völliger Unsinn“, mischte sich ein anderer ein. „Sie ist in einen Supermarkt gegangen und dort von einem Räuber erschossen wurden. Sie hat sich noch auf die Straße geschleppt und ist dann verblutet. Das habe ich in der Zeitung gelesen!“ Aber ich glaubte nicht daran, dass Sharon tot war. Irgendwann hat sie mir einen Brief geschrieben, darin stand nur, dass sie mir sehr dankbar ist. Wofür, das stand nicht darin. Ich glaube es was als Abschied gemeint.

Seit Sharon nicht mehr da ist, mache ich mir nicht mehr viele Gedanken darüber, wie es mir hier ergeht. Ich lebe mein Leben und jeder Tag ist irgendwie gleich, ich grüße die Gäste und putze die Räume, ich ekel’ mich auch nicht mehr so stark, nur kotzen möchte ich hin und wieder schon noch. Ich denke auch viel weniger an die Vergangenheit und daran, wie glücklich ich mal war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s