Apokalypse # 1

In den letzten Semesterferien ( Anfang 2008 ) hatte ich mir ein kleines Projekt zum Ziel gesetzt. Ursprünglich war es die Idee ein imaginäres Blog zu führen. Jeden Tag ein neuer Eintrag, eine Hauptperson, die allmählich verrückt wird, das war die Idee dahinter. Ich selber kann nicht beurteilen, wie authentisch es nun tatsächlich geworden ist, mir wurde aber häufig gesagt, dass es sich tatsächlich mehr wie eine Fortsetzungsgeschichte liest. Im Endeffekt war es dann aber auch egal. Spaß gemacht hat es alles im allem, allerdings musste ich nach ein paar Wochen feststellen, dass es doch recht schwierig war jeden Tag aufs neue etwas zu schreiben, das Spannung halten sollte, zumal mir das Ziel bekannt war, der Weg dorthin jedoch  zum Teil noch sehr offen war. Zudem fühlte ich mich gegen Ende leider reichlich uninspiriert und unentschlossen, muss daher selber zugeben, dass ich mit der Wendung nicht ganz zufrieden bin. Der abschließende Eintrag selber, gefällt mir wiederrum, es war wie ein versöhnliches Schlusswort für mich. Die letzte Woche davor jedoch wurmt mich etwas, so als habe ich das Gefühl, es dort übertrieben zu haben. Ich weiß nicht, ob ich es in Zukunft nochmal überarbeiten, eventuell sogar umschreiben werde, oder es einfach zu den Akten lege und als kleine Fingerspielerei betrachte.

Die Stille in mir.

TAG 1

Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Sie legt sich um den Stuhl vor meinem Schreibtisch, um die Kerzen, die verloschen in der Ecke stehen, um die Bilder an der Wand, um die Fenster und kriecht langsam an mein Bett heran. Begräbt meine Füße, die Beine, meine Hände, die reglos neben mir liegen, und fährt in mich hinein. Also schließe ich meine Augen, um selbst zur Dunkelheit zu werden. Ich atme Dunkelheit. Ich schmecke Dunkelheit. Ich bin die Dunkelheit. Und so wie ich selbst bin ist alles um mich herum. Wenn ich an der Zigarette ziehe erhellt ihre Glut den Raum, für einen kurzen Moment nur, aber alles ist wieder da- nur um sofort wieder in die Finsternis zu entgleiten. In letzter Zeit schlafe ich schlecht. Es ist, als wäre da ein Verlangen in mir, das sich durch meine Eingeweide gräbt und ein Gefühl hinterlässt, wie man es hat, wenn man verreist und sich nicht sicher ist ob man den Herd ausgeschaltet hat. Aber ich weiß nicht, was es ist. Ich verreise sehr selten.

So verbringe ich die Nächte hellwach, nur mit der Dunkelheit- wir sind gute Freunde geworden. Und wie ein guter Freund es tut, so nimmt auch sie mich ein. Ergreift ein Stück weit Besitz von mir ohne etwas Böses zu wollen. Dunkelheit, mein Freund, du verlässt mich nicht- wir haben einander.

Ich höre Geräusche die von der Straße aus an mein Fenster dringen. Ein paar Stundenten vielleicht, die lachen und ihre Lieder singen. Ich bin auf einmal 70 Jahre alt und mein Leben ist vorbei. Zumindest fühle ich mich so. Mein großer Zeh fährt langsam unter der Decke hervor und tastet sich in den Raum hinein. Ehe ich mich versehe habe ich beide Füße auf die kalten Dielen gesetzt und habe mich in meinem Bett aufgerichtet. Ich krieche durch den Raum und spähe durch das Fenster. Verlassen liegen die Straßen da, nichts ist mehr zu hören, alles trostlos und kalt.

TAG 2

Ich muss eingeschlafen sein ohne es zu bemerken. Auch das geschieht mir in letzter Zeit sehr häufig. Die Dinge verschwimmen vor meinen Augen, so dass ich nicht mehr in der Lage bin sie offen zu halten. Stunden später erwache ich unvermittelt, ohne zu wissen geschlafen zu haben- ohne die geringste Erholung. Meine Glieder fühlen sich schwer an, mein Kopf befindet sich in einem Vakuum. Alles fühlt sich fremd an, unwirklich und beklemmend in meiner Brust. Ich liege immer noch auf dem kalten Boden vor meinem Fenster und rappele mich langsam auf. Das Bild, das sich mir draußen bietet ist nicht anders, als das der vergangenen Nacht. Niemand ist auf den Straßen. Kaum jemand geht mehr raus. Eine dichte Wolkendecke hängt auf der Stadt und gießt sich über die Dächer herab. Es wird immer kälter. Ich habe mir einen provisorischen Ofen gebaut, der im Flur steht und den ich mit alten Zeitungen beheize, bis endlich jemand kommt um die Heizung zu reparieren, die schon seit Tagen ausgefallen ist. Als ich einige Seiten zusammen knülle und in die Flammen werfe fällt mir auf, dass mir allmählich das Altpapier ausgeht. Wenn nicht bald jemand kommt, werde ich einen alten Stuhl oder einen Tisch opfern müssen. Aber daran möchte ich nicht denken. Ich trenne mich nur ungern von persönlichen Dingen.

Mein Frühstück besteht aus einem Kaffee. Ich habe es mir abgewöhnt Kaffee zu trinken, doch heute fange ich wieder damit an. Das Ticken der Küchenuhr hämmert in meinem Schädel. Jede Minute die verstreicht ist ein weiterer Schritt in die Ausweglosigkeit. Mit jeder einzelnen Sekunde wird es unerträglicher an diesem Tisch zu sitzen, auf irgendetwas zu warten, das einfach nicht geschieht. Tick- Tack. Tick- Tack. Diese Stille macht mich wahnsinnig- keine Vögel, keine Verkehrsgeräusche. Nur das Ticken der Uhr- in der Stille, in mir. Tick- Tack. Tick- Tack. Ich stehe auf und starre auf den Sekundenzeiger, der unaufhörlich voran schreitet. Wie gerne würde ich ihn einfach anhalten, ihn zum stehen bringen, die Zeit töten. Sie raubt mir die Kraft, meine Träume, die Hoffnung- falls es welche gab. Die Beine des Stuhls quietschen auf dem Lenolboden, als ich ihn vor die Tür ziehe. Ich klettere hinauf. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle kann ich die Uhr fast erreichen. Ich will die Batterien heraus nehmen und sie zum Schweigen bringen. Aber ich komme nicht heran- nur fast. Meine Finger berühren nur den unteren Rand der Uhr, das reicht nicht. Ich springe und erwische sie unkontrolliert, sie fällt zu Boden. Jetzt ist sie kaputt. Ein wenig traurig bin ich schon, aber endlich ist ruhe. Selige Ruhe. Den Stuhl stelle ich an seinen Platz zurück und schenke mir noch einen Kaffee ein. Endlich kein Ticken mehr. Aber gebracht hat es nichts, ich fühle mich immer noch elend. Rastlosigkeit durchbohrt mich innerlich und wird von der Lethargie gebremst. Ich bin ein Gefangener in meinem eigenen Körper- ich kann nicht heraus. Ich werde niemals frei sein.

In der Wohnung unter mir beginnt jemand zu hämmern. Das dumpfe Dröhnen hallt durch das gesamte Haus. Ich muss schlafen. Bin so müde.

Als ich aufwache dämmert es bereits. Das Hämmern ist immer noch deutlich zu hören. Und jetzt beginnt auch jemand zu sägen. Was baut er da? Ich öffne die Wohnungstür und lausche, versuche einen Blick nach unten zu erhaschen, kann aber nichts erkennen. Ich trete in den Hausflur, kann aber weiterhin nur das Hämmern und Sägen vernehmen. Leise und vorsichtig steige ich die Stufen hinab und lehne mich dabei ein wenig über das Treppengeländer. Ein paar Silhouetten kann ich schon vorbeihuschen sehen. Auf dem ersten Treppenabsatz bleibe ich stehen. Mein Blick fällt auf meine Wohnungstür, die ich angelehnt habe- hoffentlich weht sie nicht zu. Am Ende der zweiten Treppe nehme ich eine Frau wahr, die ein Kleinkind in ihren Armen wiegt. Sie sieht jung aus, nicht alter als 20, schätze ich. Sie dreht sich zu mir um und wirft mir einen ängstlichen Blick zu. Sie versucht zu lächeln. Ich kann es nicht über mich bringen auch zu lächeln und schaue sie einfach nur an.

Ein paar Männer kommen und tragen Bretter und Kisten in die Wohnung aus der laute Geräusche dringen. Im inneren herrscht aufgebrachtes Gerede. Einer der Männer kommt wieder heraus und schaut mich finster an. Er flüstert der Frau etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen kann. Die Fliesen im Hausflur sind eiskalt an meinen Nackten Füßen. Das Kind beginnt zu weinen. Die Frau versucht es zu beruhigen und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Der Mann ergreift ihren Oberarm und zieht sie in die Wohnung. Noch einmal streift mich sein strafender Blick, bevor sich die Tür hinter ihnen schließt. Das Hämmern wird lauter und dumpfer, so als würden sie sie von innen vernageln. Ich mache kehrt und gehe zurück in meine Wohnung.

Ich lege mich auf mein Bett und starre an die Decke, bis das letzte Tageslicht verschwunden ist. Es ist wieder Nacht.

TAG 3

Im Morgengrauen geht das Hämmern wieder los. Es ist anders als gestern. Während es dort nach der Arbeit eines Einzelnen klang, ist es heute viel lauter und es scheint als seien mehrere Leute mit der Arbeit beschäftigt. Was gestern noch einzelne rhythmische Schläge waren wird heute zu einem, sich überlagernden, unrhythmischen Klangbrei. Hin und wieder höre ich das Kind weinen und dann vernehme ich Geschrei, kann aber kein Wort verstehen. Auf allen vieren knie ich auf dem Boden, ein Ohr an die Holzdielen meines Schlafzimmers gepresst, aber ich kann sie noch immer nicht verstehen. Sie arbeiten nicht in dem Raum direkt unter dem Schlafzimmer. Ohne mein Ohr deutlich vom Boden abzuheben krieche ich durch meine Wohnung auf der Suche nach dem besten Punkt, aber es ändert nichts. Leise Stimmen, wenn sie dort unten normal sprechen, kann ich schon als Gemurmel vernehmen, aber die Worte sind immer noch zu undeutlich- meine Neugier befriedigt das nicht. Gerade als das Kind wieder einmal zu schreien beginnt und ich mein Ohr fester an den Boden Presse, so fest, dass es mir vorkommt, ich würde es am liebsten durch den kalten Untergrund drücken, klingelt es. Ich erschrecke und starre auf die Gegensprechanlage, verharre einen Augenblick in meiner animalischen Position, dann klingelt es wieder. Immer noch zittrig vor Schreck rappele ich mich auf und greife zum Hörer. „Hallo?“ frage ich, aber die Gegensprechanlage ist, so gut wie alles in diesem Haus, schon seit einiger Zeit kaputt, von draußen kann ich lediglich ein Rauschen hören. Ich drücke auf den Summer und höre die Haustür, die sich mit einem Klacken öffnet. Gebannt stehe ich in meiner Wohnungstür und lausche den schnellen Schritten die sich mir durch das Treppenhaus nähern. Wer kann mich schon unangekündigt besuchen kommen? Mein Blick schweift zur Küche, ich denke an den Messerblock, überlege mich zu bewaffnen, nur für den Fall. Aber wer sollte mir etwas antun wollen? Und warum sollte er vorher klingeln? Noch während ich das denke huscht die Gestalt die letzte Treppe hinauf und ich blicke in das Gesicht von Markus. Wir haben uns schon seit Wochen nicht mehr gesehen und er ist der letzte mit dem ich gerechnet hätte. Er trägt seinen olivgrünen Parka und ist in einen dicken Schal gehüllt. Draußen muss es wieder sehr kalt geworden sein, kälter als ich gedacht habe, seine Nase ist völlig rot. Direkt nachdem ich ihn hereinbete und er seine Jacke öffnet kläre ich ihn über das kleine Feuer in meinem Flur auf und frage ihn, ob er einen Kaffee trinken möchte. Dankend nimmt er in der Küche Platz, wirft die Jacke über die Lehne des Stuhls und fischt seine Zigaretten aus der Hosentasche. Er zündet sich eine an und wischt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sieht er übel aus. Seine langen Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht und er hat tiefe Schatten unter den Augen. Ein wenig rustikal wirkt er, unrasiert wie er ist. So habe ich ihn in der Uni nie gesehen. Vermutlich ist er selbst nie davon ausgegangen einmal so vor die Tür zu gehen.

Er sei zufällig hier vorbei gekommen, sagt er während ich ihm Kaffee einschenke, und habe sich überlegt einfach mal zu schauen, ob ich schon wach sei.

Markus erzählt mir, dass er die Semesterferien genutzt hat um endlich mal wieder seine Eltern zu besuchen, er sei erst vor zwei Tagen wieder gekommen und habe die vergangene Nacht so gut wie gar nicht geschlafen.

Was ich so mache?

Ich zucke mit den Schultern, mein Blick wandert über den Küchenboden, die kaputte Uhr liegt immer noch da, ich höre das Hämmern. Jetzt wo Markus da ist, kommt es mir noch lauter vor. Es übertönt die Stille in unserem Gespräch. „Willst du noch einen Kaffee?“ frage ich ihn, laut, um die Geräusche von unten zu kaschieren. Er nickt. „Zieht unter dir jemand neues ein?“ fragt er mich. Und erst jetzt, wo er es sagt fällt mir etwas ein, dass ich gestern gar nicht bedacht habe. Ich habe keinen der Leute, die dort waren jemals zuvor gesehen. Krampfhaft versuche ich mich zu erinnern, wer vorher in der Wohnung gelebt hat, aber so sehr ich auch versuche mich zu konzentrieren, mir Gesichter in Erinnerung zu rufen, es will mir nicht einfallen. Erneut bleibt mir nichts anderes übrig als mit den Schultern zu zucken und Markus Kaffee nachzuschenken.

Er bleibt noch eine Weile, erzählt mir ein paar Anekdoten, über die Dinge die er gemacht hat, während er zu Hause war, welche blöde Sache irgendwem passiert ist, weil er zu betrunken war, was aus diesem und jenem geworden ist- Namen die mir allesamt nichts sagen, Gesichter die ich nicht kenne und mir nicht vorstellen kann. In meinem Kopf sehen sie alle gleich aus und irgendwie wie Markus. Mit meinen Gedanken bin ich sowieso ganz weit fort, denke an die Männer mit den Brettern, an die junge Frau mit dem Kind und daran, wer verdammt noch mal vorher die Wohnung bewohnt hat.

Und genauso unerwartet wie er gekommen war, bricht Markus wieder auf. Er sagt, er müsse sich ein wenig beeilen, müsse gleich arbeiten und dass wir die Tage unbedingt mal was trinken gehen sollten. „Ich ruf dich an“, sagt er und streckt mir seine Hand entgegen. Ich verschließe die Tür hinter ihm und sehe mich wieder dem Alleinsein gegenüber.

Das Hämmern und Sägen hört den ganzen Tag nicht auf. Es ist mal lauter und mal leiser, ich verbringe die Zeit damit am Fenster zu stehen, wie ich es so oft mache und blicke hinunter auf die Straße. Aber es ist sehr wenig los. Ich bin nicht müde und nicht wach und ich weiß, dass ich heute wieder einer langen Nacht gegenüber stehe.

TAG 4

Es ist immer noch tiefste Nacht und bisher habe ich nicht geschlafen. Ich habe versucht ein wenig zu lesen, aber immer wieder verblassten die Worte vor meinen Augen und wurden von meinen Gedanken verschluckt.

Manchmal scheint es mir, als würde die Stadt uns in Zombies verwandeln. Keiner kennt irgendwen. So richtig meine ich. Herrgott, ich kann mich nicht mal an meine Nachbarn erinnern. Da ist es doch kein Wunder, dass man mit der Zeit gefühllos wird- und einsam. Und wenn man für eine zu lange Zeit einsam ist wird man depressiv oder kommt auf komische Gedanken. Ich habe mich daran gewöhnt, dass jeder hier in der Stadt irre ist. Was bleibt einem auch anderes übrig? Und seien wir mal ehrlich- wir sind so beschäftigt mit uns selbst, dass wir gar nicht mitbekommen, dass bei irgendwem die Sicherung schon seit langer Zeit durchgebrannt ist. Da laufen Amokläufer durch die Straßen, Terroristen, Choleriker, Perverse und es interessiert uns einfach nicht, ja wir vermuten es nicht mal. Ich bin auch so, aber ich bin mir nicht sicher, ob mich das beruhigen sollte oder nicht. Man denkt ja auch nicht dauernd daran, wenn man sich mit jemanden unterhält, oder ob vor einem im Supermarkt an der Kasse gerade der nächste Manson gestanden hat, und so viel passiert ja auch nicht. Hin und wieder gibt es dann eine kleine Explosion; bricht das Elend aus seinem Schattendasein hervor und übermannt uns. Dann werden wieder Stimmen laut, die nach Vergeltung schreien, Veränderungen fordern, Opfer. Aber diese Leute sind auch nicht besser. Sie sind selber nur Abschaum, der es gerne hat die Aufmerksamkeit von sich zu lenken- um nicht aufzufallen. Um den kleinen Dämon in ihrem Inneren in Ruhe zu füttern. Bis es dann irgendwann wieder geschieht. Irgendwo- und dann geht alles wieder von vorne los. Man weiß nicht, wen es trifft, auch ich könnte auf der Stelle durchdrehen. Man redet sich selber gerne ein, dass man sich im Griff hat. Aber wie läuft das, wenn man irre wird? Wacht man dann eines Morgens auf und denkt sich: „Jetzt ist es soweit- ich bin komplett wahnsinnig geworden.“ Oder ist es so, dass man sein Leben ganz normal weiter lebt und nur die anderen für verrückt erklärt? Ich persönlich wäge mich auf der sicheren Seite, solange ich meine Mitmenschen noch verstehen kann- oder zumindest glaube sie zu verstehen. Erst wenn die Zahl derer, die ich für vollkommen irre halte ins unermessliche steigt, werde ich beginnen mir Sorgen um mich selbst zu machen.

Ich glaube es wird Zeit, dass ich mal wieder vor die Tür gehe. Wenigstens ist unter mir seit ein paar Stunden Ruhe eingekehrt. Vielleicht falle ich ja gleich endlich in einen ohnmächtigen, unerholsamen Schlaf, der zumindest meine Gedanken rein waschen wird.

TAG 5

Hämmern natürlich. Ich kann es nicht mehr hören. Mein Herz schlägt schon im gleichen Rhythmus. Wenn ich durch die Wohnung gehe kann ich meine Füße nur noch gleichzeitig mit den Hammerschlägen aufsetzen. Mein Kopf erteilt mir schmerzhafte Schübe, jedes Mal wenn der Hammer unten aufschlägt- ein Stechen, dass durch den ganzen Kopf zieht.

Dong! Dong! Dong! Dongdongdongdongdong!

„Schnauze!“ schreie ich und auf einmal ist es ruhig.

Ich lausche. Und es ist wirklich still. Ich lausche und stelle mir vor, dass sie da unten auch lauschen, nicht wissend irgendwas gehört zu haben, die Hämmer in ihrer Hand.

Dong! Dong! Dong!

Verzweifelt lasse ich mich rückwärts wieder auf mein Bett fallen und strampele mit meinen Beinen, wie ein Kind, dem man im Supermarkt die Schokolade nicht kauft.

Was in Gottes Namen bauen sie dort? Was dauert so lange?

Ich schicke Stoßgebete in den Himmel, er möge machen, dass es endlich aufhört. Ich will doch nichts weiter als meine Ruhe haben.

Mir ist das Brot ausgegangen. Genau genommen habe ich kaum noch Lebensmittel im Haus. Ich werde einkaufen müssen. Als ich unter der Dusche stehe fällt mir eine seltsam trockene Stelle an meinem Ellbogen auf. Ich beginne daran zu kratzen, dann fängt es an zu jucken und will nicht mehr aufhören- ich pule so lange daran herum bis es blutet und klebe ein Pflaster darauf.

Zum ersten Mal seit einigen Tagen schnüre ich meine Schuhe zu und ziehe meine Jacke über. Raus zu gehen erfordert in letzter Zeit Überwindung, gerade seit es wieder kälter geworden ist. Ein eisiger Wind streift durch die Straßen, in einer Ecke friert sogar ein Hund und frisst aus einer Mülltonne. Eigentlich fehlt nur noch das Titelblatt der Zeitung von gestern, dass durch die Gassen getrieben wird um das Bild perfekt zu machen. Der Weg zum Supermarkt ist nicht weit, trotzdem begegnet mir nicht eine Menschenseele. Auch die Gänge des Supermarks sind wie ausgestorben. Aus den Lautsprechern klingt entspannende Musik, die Waren erstrahlen im Neonlicht. Ich schnappe mir einen Einkaufswagen und decke mich mit einem Vorrat aus Weißbrot, Ravioli aus der Dose und Tütensuppen ein. Die Kassen sind natürlich trotzdem voll. Vor mir steht ein alter Mann, mit hochrotem Kopf, der eine Flasche Korn mit einem Leergutbon über 25 Cent und Kleingeld bezahlt. Nachdem die schlaftrunkene Kassiererin um ein Haar meine Thainudeln mit bei ihm mit abrechnet, klärt er sie fünf Minuten darüber auf, dass er nur den Korn kaufen wollte. Nur den Korn. Ja ja, aber wirklich nur den Korn. Ja, den Korn da. Nur den. Die Nudeln da nicht, nur den Korn, den Nudeln will er ja gar nicht. Und da ist ja auch noch das Pfand. Das Pfand, jaaaa. Das Pfand für den Korn.

Wörtlich sagt er: DER Pfand. Aber auch wirklich nur den.

Die Kassiererin nickt ein paar Mal und hält die Hand auf, ich glaube gleich schläft sie ein. Aber der Mann kommt gar nicht dazu, die sechs Euro aus seinen zehn und zwanzig Cent Stücken zusammen zu zählen, da er viel zu sehr damit beschäftigt ist wild zu gestikulieren und auf die Flasche zu zeigen, die natürlich längst abgerechnet wurde.

15 Minuten habe ich für meinen Einkauf gebraucht und noch mal weitere zehn an der Kasse gestanden.

Auf dem Weg zurück freue ich mich auf mein Bett. Meine Augenlider sind schwer wie Blei und ich sehe diese weißen Punkte überall, als würde hinter meinen Augen ein Schneesturm toben. Im Supermarkt hatten sie diese kleinen Säcke mit Feuerholz- ich habe zwei mitgenommen. Mittlerweile rechne ich nicht mehr damit, dass in den nächsten Tagen jemand die Heizung reparieren wird. Die Stadt ist wie ausgestorben. Bis auf den Wind ist es still. Wo sind die Autos? Sie parken, alle. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eines habe fahren sehen. Ohne den Wind, wäre es angenehm ruhig.

Und zu Hause im Treppenhaus? Hämmern.

Ich kann nicht anders und schüttele den Kopf. Unter dem Gewicht der drei prall gefüllten Plastiktüten und den Säcken mit dem Feuerholz erscheinen mir die Stufen bis zu mir in den dritten Stock heute ungemein viel an der Zahl.

Im zweiten Stock bleibe ich kurz vor der Wohnungstür stehen. Einen kurzen Augenblick überlege ich zu klopfen und mich zu erkundigen, wie lange die Bauarbeiten wohl noch dauern. Jemand spricht da drinnen und ich will die Gelegenheit nutzen endlich mitzubekommen über was. Aber auch von hier kann ich nichts verstehen, die Tüten rascheln zu laut aneinander. Als ich sie abstellen will, verheddere ich mich mit den Handgelenken in den Trägern, so dass ich mit ihnen zu kämpfen habe. Natürlich reißt eine unter dem Gewicht und den Verrenkungen, die ich anstelle. Eine Dose Erbseneintopf rollt gemächlich die Stufen herab. Unter Stöhnen befreie ich mich von meinen Einkäufen, lehne die Tüten an das Treppengeländer und renne der Dose bis zum Treppenabsatz nach. Wieder oben mache ich mich daran den restlichen Inhalt der Tüte vom Boden aufzulesen. Plötzlich wird die Tür geöffnet, sie haben sie wohl doch nicht von innen vernagelt, und ein Schatten erstreckt sich über mir. Erschrocken Blicke ich auf und entdecke die Frau, die ich vor ein paar Tagen gesehen habe. Sie schaut mich irgendwie ausdruckslos an, aber es wirkt nicht unfreundlich. Ich muss wohl recht hilflos aussehen, so dass sie direkt in die Knie geht und mir hilft. Während sie damit beschäftigt ist die Dosen so in der Tüte zu verstauen, dass ich sie in ihrem Zustand noch tragen kann, spähe ich durch die halboffene Tür in die Wohnung herein. Aber auch aus dieser perfekten Position kann ich nicht im Ansatz erkennen, was sie dort bauen. Das Hämmern kommt laut aus einem der Nebenzimmer. Ohne Vorwarnung streckt einer der Männer seinen Kopf auf dem Flur hinaus. Es ist ein anderer als der, den ich neulich gesehen habe, aber er schaut mich mindestens genauso finster an. Schnell Blicke ich zu Boden und packe hektisch die letzten Dosen in die Tüte. Unter den unangenehmen Blicken des Mannes und der Frau hänge ich mir hastig die anderen Tüten um die Handgelenke, ohne mir den Schmerz anmerken zu lassen, den die Träger verursachen, die sich in mein Fleisch drücken, hebe die gerissene Tüte vom Boden auf, drücke die kaputte Stelle umständlich an meinen Oberkörper, nicke der Frau als Dank kurz zu und sehe zu, dass ich so schnell wie nur möglich in meine Wohnung verschwinde. Ich drehe mich nicht noch mal um, aber ich kann die Blicke der beiden Spüren, die mir fest im Nacken sitzen, bis ich außer Blickweite bin.

Ich lasse meine Einkaufe auf den Küchentisch fallen und atme tief durch- bin völlig außer Atem. Gerade als ich meine Wohnungstür schließen will, bemerke ich, dass die beiden immer noch im Hausflur stehen und streiten. Nicht laut- wie immer kann man kein Wort verstehen- aber an der Stimmlage erkennt man es. Noch während ich in der offenen Tür stehe ziehe ich mir meine Schuhe aus und gehe dann auf Zehenspitzen auf den Hausflur heraus. Durch die Biegung die die Treppe macht können sie mich nicht sehen. Aber ich sie leider auch nicht. Vorsichtig und ohne zu atmen lehne ich mich ein wenig über das Treppengeländer und spähe nach unten. Ich kann nur die Frau erkennen, und auch nur ihre Schulter. Seine Hand sehe ich auch ziemlich oft vorbei huschen, er redet sich flüsternd in Rage und fuchtelt mit den Armen umher. Zum Schluss schlägt er sie, glaube ich. Natürlich sehe ich es nicht genau, und ich will ihm auch nichts unterstellen, aber ich höre ziemlich deutlich ein Klatschen, nachdem sie etwas gesagt hat, und sehe, dass ihre Schulter sehr plötzlich zuckt, so als wenn etwas gegen sie prallt. Dann gehen sie rein. Die Tür wird verschlossen und von innen mit einer Kette verhängt.

Die neuen Nachbarn haben nicht nur das Hobby in ihren vier Wänden einer Schreinerei zu betreiben, sie sind auch noch gewalttätig und streiten gerne- obendrein machen sie mir Angst. Tolle Aussichten.

Ich gehe wieder in meine Wohnung. Nachdem ich meine Einkäufe eingeräumt habe entschließe ich, dass es nicht schaden kann meine Tür von innen zu verschließen.

Mittlerweile wird es schon wieder Dunkel, wenigstens spendet das Feuerholz wesentlich mehr Wärme als meine alten Zeitungen. Ich versuche eine ganze Weile meine Küchenuhr zu reparieren, aber es ist hoffnungslos, ich schmeiße sie weg.

Wiedermal liege ich in meinem Bett, eine Kerze flackert in der Ecke, meine Augen brennen aber der Schlaf will nicht kommen und die Hammerschläge durchbohren das Haus.

TAG 6

Mittlerweile fällt es mir gar nicht mehr auf. Für einen kurzen Augenblick, nach dem Aufstehen, dachte ich es sei Ruhe eingekehrt, aber als ich begann mich auf die Geräusche zu konzentrieren nahm ich das Hämmern wieder wahr. Ich schaffe es, es zu ignorieren, habe mich wohl daran gewöhnt, so wie man sich an alles gewöhnt. So sitze ich am Küchentisch, eine Zigarette zwischen meinen Fingern, eine Tasse Kaffee vor mir und höre nichts. Ich stelle mir immer einen Tag am Meer vor, als Platz meines inneren Friedens. Höre das Rauschen, die Schreie der Möwen, den Schlag ihrer Flügel, die Wellen die brechen und schaumig an den Strand spülen- jedoch sehe ich nichts. Selbst wenn ich meine Augen schließe ergibt sich in meiner Vorstellung kein Bild.

Heute kommt die Sonne mal wieder nicht durch. Der Himmel sieht trüb aus. Keine Sonne, kein Himmel, kein Meer.

Ich frage mich, ob das nur so eine Phase ist, oder ob es das jetzt für mich war. Wird es ewig so weitergehen? Man lebt so vor sich hin. Die Leute sagen immer, es wird wieder besser mit Zeit, irgendwann geht es wieder bergauf, aber irgendwie glaube ich nicht daran.

Aus Langeweile versuche ich ein paar meiner Freunde anzurufen, aber niemand geht ran. Niemand scheint zu Hause zu sein. Wo sind sie nur?

Aus dem Spiegel blickt mich ein Fremder an. Er sieht seltsam aus.

In den Nachrichten heißt es, dass es auch in den nächsten Tagen nicht wärmer wird. Ich lege noch etwas Holz in meinen Ofen, keiner repariert diese Heizung.

Nach einigen Stunden, die ich so rumsitze, kommt es mir gar nicht mehr so unerträglich vor alleine zu sein. Ist das Einsamkeit, wenn man resigniert? Wenn man die Lust verliert sich mit anderen Menschen abzugeben? Wenn man beginnt Stimmen zu hören, die gar nicht da sind? Hin und wieder habe ich das Gefühl, jemand würde mit mir sprechen, manchmal antworte ich. Wenn ich es dann merke muss ich selber lächeln.

In gewisser Weise ist es schade, dass ich die Geräusche von unten nicht mehr wahr nehme, haben sie mich doch zumindest ein wenig abgelenkt. Vielleicht kommen sie wieder, wenn ich mich konzentriere. Ich horche.

Aber im Moment ist es wirklich still. Niemand hämmert. Sie reden, aber das kann ich nicht verstehen. Ihre Gespräche sind uninteressant für mich. Dennoch sind heute mehr Leute dort, als sonst. Ich kann viele Stimmen hören. Wenn ich doch nur ein Wort verstehen könnte. Es ist, als säße ich im Kreise meiner Freunde an einem Tisch, sie würden angeregt sprechen, sich jedoch von mir abwenden und die Musik würde ihre Stimmen übertönen.

Ich hole mir ein Glas aus der Küche und setze es umgedreht auf den Boden. In Filmen machen das die Helden immer, wenn sie die Gespräche aus dem Nebenzimmer belauschen wollen. Wenn sich die attraktive Frau, in die sie sich später verlieben, mit ihrem Freund unterhalten, der natürlich ein ziemlich niederträchtiger Gangster ist. Ein schäbiges Hotelzimmer, in einem miesen Teil einer heruntergekommenen Stadt. Aber es klappt nichtmal halb so gut, wie ich es mir erhofft habe. Entweder bedeutet das, dass ich kein Held bin, oder die Filme haben mich verarscht.

Gelangweilt bleibe ich auf dem Boden sitzen, lehne mich an mein Bett und schnipse Krümel durch den Raum. Irgendwann geht das Hämmern natürlich weiter und ein paar Minuten kann ich mich sogar darüber aufregen, verliere jedoch schnell das Interesse. Ich dusche, mache mir eine Tiefkühlpizza warm, esse, trinke noch einen Kaffee, stehe am Fenster, male ein Bild. Ich kann gar nicht malen. Immerhin habe ich mir ein wenig die Zeit vertrieben.

Noch einmal greife ich zu meinem Telefon, aber schon nachdem ich die erste Nummer gewählt habe lege ich es wieder weg. Mir ist nicht nach Menschen.

TAG 7

Meine Wohnung schrumpft. Die Wände rücken näher zusammen, die Räume werden kleiner. Nach dem Aufwachen bekomme ich Platzangst. Ich bin noch eine Weile liegen geblieben und habe nachgedacht, habe mich im Zimmer umgeschaut und plötzlich habe ich das Gefühl von ihm erdrückt zu werden. Ängstlich springe ich auf und irre durch die Zimmer, lasse alle Türen offen stehen, schließe kurz meine Augen, aber nichts ändert sich. Ich stürme zum Fenster und reiße es auf, stecke den Kopf heraus und atme einige Male tief durch. Danach geht es erstmal wieder. Das muss der Stress sein. Diese unaufhörlichen Geräusche, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich war zu lange hier drinnen, war ja klar, dass das kommen musste. Ich frühstücke eilig und ich dusche eilig, will jetzt um keinen Preis Zeit verlieren, ich muss hier raus. Meine Schuhe schnüre ich hastig zu, greife mir meine Jacke und ziehe sie erst über nachdem die Wohnungstür hinter mir ins Schloss gefallen ist. Vor der Tür der neuen Nachbarn bleibe ich wie immer zögerlich stehen, horche, für den Bruchteil einer Sekunde nur, bekomme jedoch Angst ihnen wieder zu begegnen. Die letzten Treppen hechte ich herunter und fühle erst, wie sich die Beklemmung in meiner Brust löst, als ich im Freien stehe. Unwillkürlich muss ich lächeln und ohne darüber nachzudenken laufe ich los. Ich weiß nicht warum, mir ist einfach danach. Ich renne, so als wäre es das normalste auf der Welt. Ich laufe durch die menschenleeren Straßen, vorbei an Cafés in denen niemand sitzt, lasse Kreuzungen hinter mir, an denen die Ampeln nur noch stumm vor sich hin blinken seit sie niemand mehr braucht, überquere Überführungen über den Bahngleisen auf denen keine Züge mehr fahren und bleibe erst stehen, als ich völlig erschöpft bin. Schweiß steht auf meiner Stirn, meine Lungen brennen. Ich stütze meine Hände auf den Knien ab um wieder zu Atem zu kommen. Es tut gut, so hatte ich es nicht in Erinnerung. Ich kann fühlen wie meine Beine vor Erschöpfung zittern und spüre gleichzeitig die ungeheure Kraft mit der das Leben wieder in diese Glieder dringt. So ähnlich muss sich ein Komapatient fühlen, der wieder zu sich kommt.

Als ich gemächlich weiter gehen will knicken meine Knie kurz weg, ich muss lachen und setze mich einen Augenblick lang auf den Bordstein um wieder Kräfte zu sammeln. Vielleicht war es zu vermessen gleich wieder in die Vollen zu gehen. Es dauert fünf Minuten bis ich aufstehen kann. Ich bin ziemlich weit gelaufen und beschließe wieder zurück nach Hause zu gehen. Dieser kleine Dauerlauf hat seinen Zweck erfüllt, es reicht für heute.

Eine beachtliche Strecke war es, ich brauche lange bis ich wieder in meine Straße gelange. Ein alter VW Bus parkt vor der Haustür, die offen steht. Ich mache mir keine allzu großen Gedanken darüber und trete in den Hausflur. Mit immer noch weichen Knien steige ich die Treppen hinauf- ich spüre jetzt schon einen kleinen Muskelkater. Ich beiße die Zähne zusammen und nehme Stufe für Stufe für Stufe… und stoße mit etwas monströsem zusammen. Erschreckt blicke ich auf und starre in die schwärzesten Augen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Sie liegen tief in ihren Höhlen umrahmt von tiefen Schatten und buschigen Augenbrauen. Eine breite Nase führt hinab zu fleischigen Lippen. Mein Herz setzt kurz aus und beginnt dann schneller zu schlagen, als mir gewiss wird, dass ich einem meiner neuen Nachbarn gegenüberstehe. Bisher war ich immer auf irgendeine Art abgelenkt, und sei es nur von meinen Gedanken, dass ich sie mir nie richtig angeschaut habe. Doch jetzt, wo ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe, macht es die Sache nicht unbedingt angenehmer für mich. Für einen kurzen Augenblick befürchte ich aufschreien zu müssen, aber meine Kehle ist zu trocken. Er ist ungefähr zwei Meter groß, mit einem mächtigen Kreuz, seine Hände sind so riesig, dass er meinen Kopf mit Leichtigkeit greifen und zerquetschen könnte, wenn er wollte. An dem kleinen Finger der rechten Hand trägt er einen hässlichen Ring mit einem riesigen grünen Stein in goldener Fassung- und ich bekomme Angst als ich das denke, da ich fürchte er kann meine Gedanken lesen, so durchbohrend wie er mich anstarrt. Eine Strähne seines langen, öligen, schwarzen Haares, das er zu einem festen Pferdeschwanz gebunden hat, fällt in sein Gesicht und er lächelt mich an. Doch auch sein Lächeln wirkt weder freundlich, noch beruhigend, es ähnelt mehr dem Fletschen eines großen Raubtieres, kurz bevor es zur Attacke ansetzt. Es scheint eine Ewigkeit zu vergehen, dass wir uns gegenüber stehen. Wenn er mich jetzt töten sollte, so hoffe ich, dass es schnell geht- und wieder bekomme ich Panik, er könne genau das in diesem Moment in meinen Gedanken lesen. Mein Leben lang habe ich nicht verstanden, wenn Leute von einer dunklen Aura sprachen, jetzt weiß ich genau was sie meinten.

Ich schlucke, versuche mir meine Angst nicht anmerken zu lassen, senke meinen Blick und gehe an ihm vorüber. Nur noch drei Treppen, vielleicht 40 Stufen, dann habe ich es geschafft, dann bin ich in meiner Wohnung. Aber meine Beine tragen mich nur sehr schwerfällig. Durch den Schreck fühlen sich meine Knie noch weicher an als sie es ohnehin schon taten. Ich versuche mich in meine Gedanken zu retten, an den Strand- das Meer. Eine seichte Brise weht, ja das ist gut. Nur noch 30 Stufen.

Möwenschreie, Muscheln, Sonnenschein.

20 Stufen.

Ich gehe ins Wasser, die Gischt prickelt an meinen Füßen, ich muss aufpassen auf keine spitzen Steine zu treten.

10 Stufen. Ich schwimme. Das Wasser ist ganz warm, ich lasse mich treiben. Plötzlich Schreie vom Strand. Ich drehe mich um, doch ich kann niemanden sehen, die Sonne reflektiert sich zu hell auf dem Wasser, die Wellen sind zu hoch. Etwas packt mein Bein, es hängt fest. Ich versuche mich los zu reißen. Auf einmal ist überall Blut, ich erschrecke und verschlucke mich. Salziges Wasser dringt in meine Lungen, ich huste es heraus. Ich versuche zurück zum Ufer zu schwimmen, doch ich habe nur noch ein Bein, das andere ist nicht mehr als ein Stumpf. Ich spüre keinen Schmerz, nur Blut überall. Ich schreie, aber niemand hilft mir. Dann taucht das Monster aus der Tiefe auf, seine Zähne rasiermesserscharf, kommt auf mich zu, ich bin gelähmt vor Schreck.

Mit zittrigen Händen versuche ich den Schlüssel in das Schloss zu stecken, immer wieder blicke ich mich um, aus Angst er könne mir gefolgt sein. Die Tür geht auf und ich hechte in meine Wohnung. Ich schließe die Tür zwei Mal ab und breche im Flur zusammen. Ich liege auf dem Bauch, alle Viere von mir gestreckt und atme unglaublich schnell. Ich bin verwirrt. Eine solche Reaktion hat noch nie ein Mensch bei mir ausgelöst- ich hätte nicht einmal erwartet, zu einer solchen Reaktion fähig zu sein. Aber diese Augen, als würde man in einen bösen Traum treten, aus dem man nicht erwachen kann.

Später liege ich im Bett, immer noch zittrig und aus dem Dunkel des Raumes starren mich diese Augen an. Sie blicken aus allen Wänden, immer dunkler und dunkler, kreisen um mich, ich falle tiefer in sie, als mir lieb ist. Diese Augen führen mich in den Abgrund und er fletscht seine Zähne.

TAG 8

Immer wieder schrecke ich schweißnass aus meinen Träumen hoch, ohne mich an sie erinnern zu können. Es dauert eine ganze Weile, bis ich danach wieder ruhig werde und weiter schlafe. Mal wieder ist mein Schlaf nicht erholsam.

In aller Frühe, schon mit den ersten Lichtstrahlen des Tages, geht das Hämmern wieder los. Es ist ungleich lauter, als die Tage zuvor, was mir beweist, dass sie jetzt im Zimmer direkt unter meinem arbeiten. Immer noch geschwächt von den Ereignissen des gestrigen Tages erhebe ich mich mühsam aus meinem Bett. Mir ist schlecht, ich fühle mich kraftlos.

Es war ein kurzer, guter Augenblick- gestern. Ich hätte dort verweilen sollen. Es ist ein Irrglaube, dass die Dinge besser werden, wenn man weiter geht. Im Grunde führt jedes Ereignis zu einem schlimmeren. Die Zeiten dazwischen sind Momente des Luftholens, die Kraft geben sollen, damit man nicht vollends aufgibt. Vielleicht wird sich irgendwann alles ändern, aber ich glaube nicht, dass ein Mensch dazu die Kraft hat. Wir können nichts bewirken, können nur warten.

Sie hämmern im Akkord und ohne Unterlass, mein Schädel will explodieren. Wieso beschwert sich eigentlich keiner der anderen Mieter- sie müssen es doch auch hören. Von Minute zu Minute wird es unerträglicher. Die Geräusche werden so laut, dass ich nicht einmal das Radio verstehe, das ich es anstelle um mich davon abzulenken. Für gewöhnlich höre ich keine Musik. Ich möchte mir irgendetwas in meine Ohren stopfen, besitze aber nichts, was dazu geeignet wäre. Mein Blick wandert durch mein Zimmer, auf der Suche nach etwas, das sich dafür eignen würde, und bleibt an meiner Bettdecke hängen. Es wäre eine Möglichkeit. Aufgeregt renne ich in die Küche und hole mir ein Messer, mit dem ich sie vorsichtig aufschneide. Ich will sie nicht komplett zerstören, da ich sie noch benutzen will, schließlich besitze ich nur die eine. Das Messer schneidet sich durch den Bezug wie durch Butter und meine Decke gibt ihr weiches Inneres preis. Ich bin froh, niemals eine Daunendecke gekauft zu haben, ziehe die Füllung aus dem Loch und stopfe mir ein wenig davon in die Ohren. Es hilft tatsächlich. Alles um mich herum wirkt jetzt dumpf und fern. Es stellt nicht wirklich alle Geräusche ab, aber wenigstens bin ich so in der Lage einem normalen Tagesablauf nach zu gehen. Ich setze Kaffee auf. Meine Augen brennen, ich bin wahnsinnig müde. Wenn ich doch nur schlafen könnte. Nur eine Stunde, vielleicht auch zwei.

Nachdem ich einen Schluck von meinem Kaffee genommen habe wird mir unheimlich schlecht, ich schaffe es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer und übergebe mich. Zittrig kauere ich vor der Toilette, umklammere die Schüssel fest mit meinen Armen, huste.

Wenn mir jetzt nicht irgendwas einfällt um mich abzulenken werde ich verlieren. Mit der Kraft der Verzweiflung durchwühle ich meinen Schreibtisch, finde ein paar alte Notizen und Manuskripte, blättere sie kurz durch, werfe sie in den Papierkorb, setze mich auf mein Bett und verharre dort, renne erneut ins Badezimmer und übergebe mich, trinke noch einen Kaffee, hole die Blätter wieder aus dem Papierkorb hervor, überfliege sie noch einmal, verstaue sie wieder in einer Schublade- ganz weit unten- so, dass ich sie selber vergesse. Wenn ich Freunde hätte, vielleicht könnten sie mir jetzt helfen. Vielleicht, wenn ich Markus anrufen würde, würde er mit mir hinaus aufs Land fahren. Ich suche nach meinem Telefon und finde es unter einem Berg schmutziger Wäsche. Ich wähle seine Nummer, aber was soll ich ihm sagen? Das ist nicht der Ausweg. Eine Flucht kann keine Lösung sein. Ich lasse den Hörer sinken. Wie automatisch greifen meine Finger nach der Watte in meinen Ohren, ziehen sie langsam hinaus. Ich merke, wie sich wieder Wirklichkeit um alle Geräusche legt, wie das Dumpfe von ihnen weicht. Das Hämmern wird lauter, durchdringender, bebender. Ich lasse mich auf mein Bett sinken und höre ihm zu, wie jemand, der sich hypnotisieren lassen will. Ich bin ein breitwilliges Opfer. Mit offenen Augen sitze ich da, aber ich sehe nicht, drifte davon, das Hämmern nimmt mich ein, umhüllt mich wie eine Seifeblase in der ich davon schwebe.

Erst als es zu dämmern beginnt komme ich wieder zu mir, schrecke aus dem Nirwana, in dem sich mein Geist befand, hervor. Das Hämmern ist verschwunden. Von einem Moment auf den anderen hat es aufgehört und mich aus dem Nichts gezogen. Es ist ungewohnt nichts zu hören, und es hält auch nur einen kurzen Moment. Ich höre das Kind weinen. Heute wirkt es anders auf mich. Ich höre ihm nicht einfach anteilslos zu, es berührt mich, irgendwo tief in meinem Innern. Sein Wehklagen durchströmt mich so intensiv, als wären es meine Tränen, die vergossen würden. Das Gefühl trifft mich so stark, dass ich selber kurz Schlucken muss um meine Tränen zurück zu halten. Dann beginnen sie zu bohren. Es klingt wie ein hohes Kreischen als die Bohrmaschine zum ersten Mal ertönt, der Bohrer wird angesetzt und sein Klang wird immer dumpfer, je tiefer er sich in den Untergrund gräbt. Es fühlt sich an, als würden sie sich aus meinem Kopf heraus bohren, durch meine Stirn platzen, nichts zurück lassen als eine große Leere, ein großes Loch, das nicht gestopft werden kann. Dann ist Ruhe. Und dann wieder Hämmern. Und wieder Bohren. Hämmern und Bohren und Hämmern und Bohren.

Ich lege mich auf den Rücken, stecke die Watte wieder zurück in meine Ohren, liege regungslos da, wie paralysiert. Blind greife ich nach meiner Decke, ziehe sie bis unter mein Kinn hoch und schließe meine Augen.

TAG 9

Sie hören einfach nicht auf. Was bauen sie da unten nur? Nach dem Aufwachen habe ich mich, hinter meinen Vorhängen versteckt, an meinem Fenster aufgehalten und gesehen wie sie weitere Bretter ins Haus getragen haben. Den Riesen habe ich nicht gesehen, es waren vier, mir völlig fremde Männer, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Bretter in die Wohnung unter mir geschafft haben. Ich versuche mich nicht weiter darum zu kümmern, beschließe ein wenig zu lesen. Meine Stimmung wechselt zwischen völliger Gefühlslosigkeit und einer Betrübtheit, die mich umklammert und in all meinen Handlungen einschränkt. Nicht fähig mich zu konzentrieren, lege ich das Buch beiseite und beginne meine Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Neben meinem Ofen hat sich eine Menge Schmutz angesammelt, den ich durch alleiniges Fegen nicht beseitigen kann. Nachdem ich die Dielen im Flur mit einem feuchten Schwamm geschrubbt habe, mache ich mich daran mein Badezimmer zu putzen. Die Fugen neben meiner Dusche sind mit der Zeit ein wenig dunkel geworden. Es treibt mir den Schweiß auf die Stirn, sie zu säubern. An einer Stelle bröckelt durch das starke Schrubben ein wenig Putz ab, den ich versuche wieder in die entstandene Ritze zu drücken, der bei dem Versuch jedoch gänzlich in seine Bestandteile zerfällt. In gewisser Weise fühle ich mich wie eine Hausfrau, die sich darüber erfreut, dass sich ihr Gesicht im Herd spiegelt, als ich voller Stolz mein Werk betrachte.

Am Küchentisch rauche ich eine Zigarette, solange ich darauf warte, dass das Wasser für meine Tütensuppe zu kochen beginnt.

Wenn unter mir nur eine Person hämmert, so ist mir heute aufgefallen, stört es mich gar nicht mehr so. Anstrengend wird es erst dann, wenn drei oder mehr Hämmer, gleichzeitig Nägel in die Bretter treiben. Nun Hämmern sie jedoch nicht nur gleichzeitig, untermalt wird das ganze auch wieder vom Klang der Bohrmaschine. Was bauen sie dort? Seit einer Woche sind sie dort nun beschäftigt, beinahe ohne unterlass. Was dauert so lange? Ich habe sie keine Möbel bringen sehen- sollten sie diese vermutlich alle selber anfertigen? Ich habe sie nicht Sägen hören. Und abgesehen davon, dass die Bretter, die sie herein trugen, nicht zugesägt waren, waren sie obendrein nicht sonderlich ansehnlich. An einigen blätterte die Farbe ab, andere wirkten modrig- eher wie Speermüll. Aber was bauen sie dann? Wozu brauchen sie all dieses Holz? Sollte das Hämmern und die Bretter am Ende gar nichts miteinander zu tun haben? Vielleicht sind sie auf die gleiche Idee gekommen wie ich und beheizen ihre Wohnung damit. Ich mag mich von der groben Erscheinung des Riesen täuschen lassen, von den finsteren Blicken. Mag sein, dass es sehr nette Menschen sind, nur etwas verschlossen vielleicht. Womöglich bin ich es, der auf sie abschreckend gewirkt hat. Aber was bauen sie dort?

Das Wasser im Topf kocht über, ich schrecke aus meinen Gedanken hervor.

Nach dem Essen versuche ich mich daran in meinem Buch weiter zu lesen, aber auch diesmal gelingt es mir nicht, mich zu konzentrieren. Die Bohrgeräusche haben aufgehört, auch das Hämmern hat auf ein normales Niveau nachgelassen, jedoch höre ich das Kind schreien wie am Spieß. Wieso schafft es seine Mutter nicht, es zu beruhigen?

Es sind zu viele Fragen, die sich mir stellen. Meine Versuche die Geschehnisse dort unten zu belauschen habe ich aufgegeben, obwohl ich auch heute schon das Glas in meiner Hand halte. Es ist sinnlos. Ich werde wohl keine Antwort finden. Das Weinen des Kindes dauert Stunden an, doch als wäre es ein Klang, der mir schon lange vertraut ist, gelingt es mir viel schneller es zu überhören, als das Hämmern.

TAG 10

Es hat aufgehört. Seit langer Zeit mal wieder habe ich fest und lange geschlafen. Ich schlage die Augen auf und Blicke zu meinen Radiowecker. Es ist bereits Mittag, ich fühle mich ausgeruht. Draußen höre ich ein paar Vögel zwitschern, sonst nichts. Ich lausche wie gebannt, ich warte. Aber kein einziger Ton dröhnt durch die Wände. Wären da nicht die Vögel, ich würde vermuten taub geworden zu sein.

Die Kaffeemaschine blubbert so laut wie seit langem nicht mehr. In Erwartung, die Geräuschkulisse würde gleich wieder über mich brechen, so als wäre dies nur die Ruhe vor dem Sturm, nippe ich an meinem Kaffee. Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt. Ich richte meinen Blick ins Nichts, schränke meine Fähigkeit zu Sehen ein, um meinen Gehörsinn zu schärfen. Nichts tut sich dort.

Eine Stunde vergeht, dann eine weitere und noch eine- ohne auch nur ein einziges Geräusch.

Das Knacken des Holzes im Ofen ist laut wie kleine Explosionen. Wenn ich die Seiten des Buches, in dem ich lese, umschlage, klingt es wie der Flügelschlag eines Albatrosses. Mein Atem pfeift und zischt. Bin ich tot? Bin ich vielleicht gestorben?

Ich lege das Buch beiseite und drücke mein Ohr auf die Dielen, wie ich es so oft getan habe. Nichts. Aus der Küche hole ich ein Glas und versuche es mit meinem alt bewährten Trick. Nichts. Vorsichtig öffne ich meine Wohnungstür und strecke meine Kopf durch den Spalt. Ich halte die Luft an, so laut erscheint mir meine Atmung. Gar nichts. Es ist tatsächlich vorbei.

Ich habe mich so sehr an das Hämmern gewöhnt, auch wenn es mich in den Wahnsinn getrieben hat. Jetzt wo es aufgehört hat, verspüre ich eine gewisse Schwere. Etwas fehlt. Etwas, mit dem man sich angefreundet hat. Etwas, das zu einem steten Begleiter geworden ist. Ich sehne mich, nach nur einem einzigen Hammerschlag. Es ist mir nicht möglich zu begreifen, dass es tatsächlich ein Ende gefunden haben sollte. Ich bin darauf gefasst, dass es gleich wieder beginnt. Aber es passiert nicht, bleibt einfach still.

Und ehe ich mich versehe dämmert es schon wieder. Ein wenig einsam fühle ich mich ohne den Lärm.

TAG 11

Ich bin früh eingeschlafen. Als ich am Morgen in den Spiegel blicke, stelle ich fest, dass ich geweint haben muss- ich habe es nicht mal bemerkt. Es hat mich nicht gereinigt, hat keine Erleichterung geschaffen. Still und einsam müssen die Tränen meine Wangen herunter gelaufen sein, sind darauf gestorben und getrocknet. Ich hoffe, dass ich es schaffe, das Gefühl zu vertreiben, das in mir herauf schleicht, wie das Gift einer Kobra durch meine Adern fließt. Ich habe Lust mich zu betrinken, jedoch keinen einzigen Tropfen Alkohol im Haus. Ich möchte nicht hinausgehen, fürchte mich dem Riesen erneut im Hausflur zu begegnen.

Eigentlich sollte ich mich freuen, endlich habe ich die Ruhe, die ich mir erhofft habe. Doch warum schaffe ich es nicht?

Sehnsüchtig warte ich immer noch darauf, etwas aus der Wohnung der neuen Nachbarn zu hören. Einen Hammerschlag, die Bohrmaschine, eine Unterhaltung, das Geschrei des Kindes, irgendwas. Aber es ist still. So als wären sie verschwunden.

Ich stelle fest, dass ich beginne Selbstgespräche zu führen. Mir selber zu erzählen, was ich als nächstes tue, laut nachzudenken, mir selber darüber zu referieren, was in dem Buch steht, das ich gerade lese, mir selber Witze erzähle, über die ich dann schmunzeln muss. Ich hoffe nur, dass mich niemand belauscht. Meine Gedanken, die ich früher aufzuschreiben pflegte, spreche ich laut vor mich hin. Würde dies jemand hören, würde ich mich mit Sicherheit schämen. Wenn ich sie aufschreibe, kann ich sie verstecken, wenn ich möchte, in einer Schublade, in einem Karton und brauche mich nicht für sie zu schämen, aber sie sind fort. Aus mir heraus geeitert und fortgespült.

Ich betrachte das Bild, das ich neulich gemalt habe, und wünschte ich hätte eine Begabung. Gerne würde ich mich visuell ausdrücken können. In den Bildern liegt eine stärkere Kraft. Worte verblassen. Sie sind immer gleich und so nutzlos. Was bringen mir die Worte, wenn es niemanden gibt, an den ich sie richten kann? Wenn niemand mir eine Antwort gibt, wenn da nichts ist außer der Stille. Die Stille im Schreiben, die Leere in mir. Wie beschreibt man die Leere? Welches andere Wort gibt es für das Nichts?

Ich möchte mich verletzen und auf ein Blatt Papier bluten, es trocknen lassen, dass es erscheint wie das tiefste Schwarz, das jemals gesehen wurde. Möchte den Schmerz ertragen durch die Hoffnung, dass er aufhört. Das die Wunden heilen, dass die Zeit mir zeigt, das alles vergänglich ist: der Schmerz, das Leid, die Hoffnung. Es gibt keine Hoffnung, für niemanden, nur Wünsche. Am Ende bleibt die Gewissheit einer Illusion. Ein Luftschloss, das ich mir geschaffen habe und dessen marode Fassade zu bröckeln beginnt. Alles bricht auseinander mit der Zeit. Nichts ist es wert dafür zu kämpfen. Ich möchte bluten. Bluten und schreien. Das Schloss abbrennen und seinen Herrscher, mich selbst, samt seines Gefolges in die Hölle schicken, bis es nicht mehr schlimmer kommen kann. Und an diesem Punkt angelangt möchte ich lächeln, wissend, dass nichts mehr geschehen kann, das mir dieses Lächeln noch nehmen kann.

Aber ich fürchte den Schmerz. Woher soll ich wissen, dass er vorüber geht? Es bleibt nichts weiter als eine neue Hoffnung. Ein weiteres Luftschloss, das ich sammle wie andere Leute Briefmarken.

Mit der Ruhe bin ich vertraut, aber ich ertrage die Stille nicht mehr. Diese entsetzliche Stille. Dieses Gefühl, der letzte Mensch auf dem Planeten zu sein. Ich bete für ein Geräusch von unten und sei es nur ein einziger Schrei. Das Weinen von Kindern, das tiefste Gefühl der Welt, nichts berührt einen mehr- ich sehne es herbei. Aber es ist still unter mir.

Todtraurig krieche ich in mein Bett. Ich weiß, dass ich nicht schlafen kann, will es jedoch trotzdem versuchen. Die Gedanken verjagen, von denen ich weiß, dass sie schlecht sind. Will friedlich träumen, der Realität entschlafen, am nächsten Morgen erwachen und das alles vergessen haben. Es ist so still. Erneut steigen mir Tränen in die Augen, fast schmerzhaft. Wenigstens bemerke ich sie heute. Mögen sie ihre Wirkung tun.

TAG 12

Die Stirn gegen die Fliesen gedrückt stehe ich unter der Dusche. Das warme Wasser prasselt auf meinen Nacken, entspannt die Muskulatur.

Habe heute wieder lange geschlafen, dann am Fenster gesessen. Hin und wieder bin ich aus meinen Gedanken geschreckt, weil ich ein Knacken gehört habe. Sofort war ich hellwach, lauerte wie ein Tier, das die Witterung aufnimmt. Ich habe gehorcht, nur um feststellen zu müssen, dass es aus dem Ofen kam, oder vom Kühlschrank der ansprang. Als es draußen schon wieder dunkel wurde, entschloss ich mich eine Dusche zu nehmen. In der Hoffnung vielleicht, sie könnte einige meiner tristen Gedanken fortspülen.

Eine halbe Ewigkeit bleibe ich regungslos unter der Dusche stehen. Es tut gut die Wärme zu spüren, das Wasser, das meinen Körper umspült fühlt sich an wie dutzende kleiner Umarmungen. Es hilft ein wenig, aber nicht viel. Ich steige aus der Dusche, trockne mich ab, hänge das Handtuch über die Heizung und bleibe einen Moment lang gelähmt vor dem Spiegel stehen. Immer noch habe ich das Gefühl nicht mich selbst zu sehen.

Draußen ist mittlerweile tiefste Nacht, ich muss Kerzen anzünden. Hin und wieder durchblitzt mich der Gedanke, dass es doch so nicht weitergehen kann wie es im Moment ist, ebenso schnell verschwindet er jedoch wieder, in dem Wissen, dass es auch nicht besser sein könnte.

Von meinem Fenster aus, sehen die Straßen in den letzten Tagen immer leerer und leerer aus. Wie die vertrockneten Adern einer Leiche, durch die kein Blut mehr fließt, ziehen sie sich durch die Stadt, kreuzen sich und verlaufen sich in der Finsternis.

Wieso ist es da unten nur so still geworden? Wieso schreit nicht einmal mehr das Kind? Kinder schreien doch. Menschen machen Lärm. Jeder Schritt den sie dort unten tun müsste zu mir hoch dringen. Erneut packt mich die Neugier. Lässt sich meine Atmung beschleunigen, lässt mein Herz schneller schlagen. Ich will wissen, was dort vor sich geht- ich muss es wissen. Es ist wie ein Zwang. Die plötzliche Stille wirkt wie ein kalter Entzug auf mich.

Mit zittrigen Händen schleiche ich durch meinen Flur, er ist nicht sehr groß, doch er erscheint mir wie ein Korridor. Meine Finger sind schweißnass, als ich den Schlüssel im Schloss umdrehe und ganz leise die Wohnungstür öffne. Alles ist still, es ist stockduster und es dauert eine Weile, bis sich meine Augen an die Dunkelheit im Hausflur gewöhnt haben. Nicht das leiseste Geräusch ist zu hören. Es ist mitten in der Nacht, die Welt schläft. Ganz langsam und möglichst geräuschlos trete ich aus meiner Wohnung. Ich klemme die Fußmatte zwischen die Tür, damit sie nicht hinter mir zufällt. Auf Zehenspitzen nehme ich Stufe für Stufe. Ich bin so aufgeregt, dass mir das Atmen schwer fällt. Auf dem Treppenabsatz muss ich eine Pause machen um mich zu beruhigen. In meinem Innern wird eine Herde Gazellen von einem hungrigen Tiger gehetzt. Unten kann ich schon die Umrisse der Tür erkennen. Mein Herz schlägt so laut, dass ich befürchte, es könnte die Nachbarn aufwecken. Ich fahre mir mit der Hand durch das Gesicht und halte die Luft an. Ich muss es tun. Ganz sachte setze ich einen Fuß vor den anderen, immer noch auf Zehenspitzen. Stufe, für Stufe für Stufe. Die Konturen der Wohnungstür werden deutlicher, den Türknauf kann ich bereits erkennen. Noch eine Stufe und noch eine. Ich sehe die Klingel, darüber den Knopf für die Hausflurbeleuchtung.

Auf der letzten Stufe bleibe ich stehen, drehe mich schon wieder halb zum Gehen, doch es zieht mich magisch an. Dieses Verlangen gräbt sich so intensiv durch mich, dass es selbst meine Angst lähmt. Ich trete die Stufe hinab und stehe vor der Tür meiner Nachbarn. Meine Fingerspitzen berühren sie ganz sanft und streichen darüber. Das Holz ist glatt und eben, ich bilde mir ein eine Energie zu spüren die davon ausgeht und meine Hände zum Glühen bringt. Erschrocken ziehe ich sie weg und betrachte meine Hand. Sie fühlt sich tatsächlich etwas warm an. Ich horche, ob ich aus dem Inneren der Wohnung irgendetwas hören kann, ein Atmen, ein Schnarchen vielleicht- aber es ist so entsetzlich ruhig. Behutsam lege ich mein Ohr an die Tür- aber höre nichts. Ich halte mir mein anderes Ohr zu, aber auch das bringt nichts- lediglich dieses innere Grollen kann ich wahrnehmen. Ein stetiges Beben, das immer da ist, wenn man sich konzentriert. Sind sie am Ende tatsächlich gar nicht da? Ich habe sie nicht gesehen, aber ich habe mich ja auch nicht die ganze Zeit am Fenster gestanden. Vielleicht sind sie verschwunden während ich gelesen habe- und ich habe es nicht mitbekommen. Ich spüre wie die Aufregung nachlässt, der Puls und die Atmung sich normalisieren, die Anspannung nachlässt. Ein wenig enttäuscht stehe ich im Flur und blicke auf die Klingel. Nicht einmal ein Schild haben sie angebracht, wenigstens ihren Namen würde ich gerne in Erfahrung bringen.

Gerade als ich meinen Fuß auf die erste Stufe setze um wieder in meine Wohnung zu gehen, höre ich ein lautes Klacken, dann geht das Licht im Hausflur an. Ich habe das Gefühl mein Herz bleibt stehen. Ich sterbe- für einen Augenblick nur. Dann schießt heißes Adrenalin durch meine Adern. Ich fahre herum. Die Wohnungstür ist zu. Da ist niemand hinter mir- zum Glück. Das Klacken muss von der Haustür gekommen sein, die ins Schloss gefallen ist. Ich höre Schritte auf der Treppe die lauter werden. Irgendjemand ist im Haus und er kommt näher. Vor Schreck ist mir ganz schwindelig. Ich atme ein paar Mal tief durch um wieder zur Besinnung zu kommen, dann stürme ich die Treppen herauf. Ich nehme drei Stufen auf einmal, ich keuche. Auf dem Treppenabsatz rutsche ich aus und falle der Länge nach hin. Dabei schlage ich mit dem Oberkörper auf einer der Stufen auf. Einen Moment spüre ich einen starken Schmerz an meinen Rippen, der verschwindet, als ich die Schritte höre, die sich mir immer mehr nähern. Ich muss hier weg. Meine Hand umgreift das Treppengeländer und ich ziehe mich daran hoch, renne die Stufen hinauf bis zur meiner Wohnung, stürze durch die Tür, in meinen Flur, völlig entkräftet, will sie zuschlagen, doch sie wird von irgendetwas zurück gefedert und schlägt gegen meine Schulter. Die Fußmatte- es ist die Fußmatte. Ich trete sie auf den Flur hinaus, aber so liegt sie schief, man wird sehen, dass ich den Lärm veranstaltet habe. Ich horche nach den Schritten. Sie sind nah, aber noch nicht zu nah. Ich greife durch den Türspalt hindurch auf den Flur, blicke panisch zur Treppe, ich kann Schlüssel klimpern hören, sehe einen Schatten, schnell richte ich die Fußmatte, so dass es aussieht, als wäre nichts geschehen. Da kommt jemand zu mir hinauf, ich kann eine Hand auf dem Geländer sehen, noch ist er um die Ecke und ich außer Sichtweite. Ich krabbele rückwärts in meine Wohnung zurück und schließe die Tür. Gerade noch rechtzeitig denke ich daran, die Klinke herunter zu drücken um sie leise zu schließen, dann ist alles still. Ich wage kaum zu atmen, kauere in der Ecke. Ich höre die Schritte von draußen, wie sie zu mir hinauf kommen. Sie sind da. Ich halte mir die Hand vor den Mund und schließe meine Augen. Wer auch immer da draußen ist, er bleibt vor meiner Tür stehen. Ich rechne damit, dass etwas Schlimmes passiert. Aber die Person vor meiner Tür geht weiter. Entweder ein Stockwerk höher, oder macht auf dem Absatz kehrt und geht hinunter. Ich bin nicht in der Verfassung dies deutlich zu beurteilen.

Der Schweiß steht mir auf der Stirn, ich glaube ich kollabiere.

Ganz langsam richte ich mich auf und schleiche in die Küche. Dort lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und zünde mir eine Zigarette an. Erst jetzt schießt der Schmerz wieder durch mich. Ich ziehe mein T-Shirt ein Stück hoch. Meine rechte Seite ist vollständig rot, die Rippen schmerzen. An einigen Stellen ist etwas Haut abgeschürft, es blutet ein wenig. Vorsichtig taste ich mit den Fingern daran entlang, es tut höllisch weh, auch beim Atmen, aber ich glaube es ist nicht gebrochen. Ich durchwühle mein Eisfach, aber außer einer Packung gefrorener Erbsen habe ich nichts zum Kühlen da. Ich umwickele die Verpackung mit einem Geschirrtuch und drücke es auf die Wunde. Halb gebückt schleppe ich mich in mein Bett und versuche zu schlafen, aber es will nicht gelingen. Der Schreck steckt mir noch zu sehr in den Knochen, es wird eine Weile dauern, bis ich wieder davon herunter komme. Langsam erhebe ich mich aus dem Bett und ziehe den Vorhang einen Spalt weit auf, so dass ein wenig Mondlicht in den Raum fällt. Ich kann mir nicht helfen. Wenn ich horche höre ich nichts, aber seltsamerweise habe ich das Gefühl, das vor meiner Wohnungstür noch immer jemand steht, der mich belauscht. Der darauf wartet herein zu kommen. Ich habe Angst.

TAG 13

Habe wenig geschlafen. Jedes einzelne Glied meines Körpers schmerzt, ich habe Kopfschmerzen und meine Augen brennen. Die aufgescheuerte Stelle an meinen Rippen ist geschwollen und etwas blau geworden. Wenn ich mich bückte und zur Seite drehe ziehen sich die Schmerzen durch meinen ganzen Körper.

Ich fühle mich nicht in der Lage diesem Tag heute etwas abzugewinnen. In der Nachte habe ich noch sehr lange wach gelegen, mit der Angst gekämpft, habe versucht mir einzureden, das alles in Ordnung sei, aber das Gefühl, dass vor meiner Tür irgendjemand auf mich lauert hat nicht nachgelassen. Die Übermüdung hat dafür gesorgt, dass ich gleichgültiger wurde, aber verschwunden ist es nicht. Erst als es am Morgen zu dämmern gegangen wurde es etwas besser. Ich habe zwei, vielleicht drei Stunden geschlafen, mal wieder ohne mich zu erholen.

Ich liege in meinem Bett. Ein eisiger Schauer nach dem anderem fährt über meine Haut, ich zittere, so kalt ist es in meiner Wohnung. Als ich aufstehe um meinen Ofen anzuzünden, muss ich feststellen, dass mein Feuerholz so gut wie aufgebraucht ist. Lediglich ein einzelner verkümmerter Scheit ist noch übrig. Ich zerknülle etwas Papier und entzünde es, lege den Scheit darauf und erfreue mich an der Wärme, die kurzzeitig aus dem Ofen entweicht.

Ich müsste losgehen um neues Holz zu kaufen, traue mich aber nicht vor die Tür. Mit den Ereignissen der letzten Zeit, besonders natürlich der gestrigen Nacht, erscheint mir die Stille von unten noch bedrohlicher. Ich habe mit einer Ruhe vor dem Sturm gerechnet, aber was, wenn dieser Sturm nicht erneute Arbeiten bedeutet, sondern einen Übergriff auf mich. Natürlich weiß ich nicht, warum sie es auf mich abgesehen haben sollten und aus welchem Grund ich ein Opfer für sie darstellen sollte; ja, kann noch nicht einmal sagen, warum mich eine Angst vor ihnen beschleicht, dass sie überhaupt zu etwas fähig sein sollten. Doch es ist die Art und Weise, wie sie mich angesehen haben, die dunkle Aura die diese Leute umwelkt. Vielleicht bin ich ihnen ein Mal zu oft begegnet. Vielleicht haben sie tatsächlich etwas zu verbergen und haben mitbekommen, dass ich sie belauscht und beobachtet habe. Wer war gestern Nacht im Hausflur? Vielleicht sind sie mir auf die Schliche gekommen und sinnen nun auf Rache. Ich möchte es nicht unbedingt herausfinden und am eigenen Leib erfahren. Wer auch immer behauptet hat, man müsse der Gefahr ins Auge blicken können, er hat nie das tiefe Schwarz der Augen des Riesen gesehen. Ich will mein Schicksal nicht herausfordern.

Aber womit soll ich meine Wohnung nun beheizen? Es ist zwar ein wenig wärmer geworden, aber immer noch zu kalt um gänzlich auf den Ofen zu verzichten. Noch dazu ist ein Sturm aufgekommen. Er zischt und pfeift um die Ecken, kalte Luft dringt durch jeden noch so winzigen Spalt in die Wohnung ein.

Ich durchwühle meine Schränke und Schubladen, mein Regale, jeden noch so kleinen Winkel, nach irgendetwas, das ich den Flammen opfern könnte, finde aber nicht, dessen zu entbehren ich bereit wäre. Ein paar meiner alten Geschichten vielleicht? Sie sind schlecht- laienhaft, geschrieben von einem Stümper. Dennoch will ich mich nicht trennen. Ein paar Bücher in meinem Regal habe ich nie gelesen und werde es wohl auch nie tun- aber auch sie möchte ich nicht missen. Es hilft alles nichts. Ich muss zu meiner ursprünglichen Idee zurückkehren.

Ich gehe in die Küche und überprüfe jeden der drei Stühle die ich besitze au seine Verfassung. Leider wackelt keiner von ihnen. Trotz ihres Alters sind sie gut in Schuss. Doch so selten wie ich Besuch bekomme, werde ich es verkraften können, auf einen von ihnen zu verzichten. Ich greife mir irgendeinen und nehme ihn mit auf den Flur. So leid es mir tut, beginne ich ihn zu zerlegen. Ich umgreife die Beine und versuche sie abzubrechen. Ich wackele an ihnen, dass sie sich lockern. Unter der Anstrengung schmerzen meine Rippen so sehr, dass mir schlecht wird. Es dauert eine Weile, bis es laut knackt und das Holz splitternd bricht. Ich fühle mich wie ein Jäger, der seine Beute zerteilt. Nur, dass ich, ein Jäger eines primitiven Volkes bin, und mein Opfer ein wehrloses Wesen, dass ich töten muss um zu überleben. Es ist doch nur ein Stuhl, rede ich mir ein. Ich muss einen fürchterlichen Krach veranstalten. Da Holz knackt und etliche Male muss ich den Stuhl auf den Boden schlagen, so dass es durch das ganze Haus donnert, in meinem Kampf gegen den Leim.

Ich schmeiße das erste Bein ins Feuer. Der Lack stinkt beim Verbrennen. Aber immerhin wärmt es. Beim einatmen habe ich starke Schmerzen in meinen Rippen, es wird Zeit, dass ich mich wieder ins Bett lege.

Ich warte darauf, dass meine Müdigkeit mich übermannt, dass der Schlaf einfach kommt, unverhofft. Doch je mehr ich mich darauf konzentriere einzuschlafen, desto schwieriger wird es für mich.

Immer noch kein Ton von unten. Wenn sie da sind, dann lauern sie, dessen bin ich mir sicher. Vermutlich haben sie mich heute belauscht, haben sich gefragt, was ich hier oben tue, das Blatt hat sich gewendet. Die Rollen sind vertauscht.

TAG 14

In der Nacht hat es geschneit. Mittlerweile ist auch der Stuhl komplett verheizt. Es ist ein eisiger und diesiger Tag geworden. Die Wolken hängen tief über den Dächern der Häuser. Der Wind drückt die Feuchtigkeit durch die Wände. Meine Hände sind fast blau vor Kälte. Ich sitze am Schreibtisch vor meinem Fenster, eine Kerze flackert in der Ecke, hin und wieder wärme ich meine Hände über ihrer Flamme. Es hilft zumindest ein bisschen. Wieso repariert denn niemand diese Heizung?

Um mich zu beschäftigen habe ich angefangen zu puzzeln. Ich weiß nicht, ob aus Frustration oder aus Langeweile- vermutlich von beidem etwas- weswegen puzzelt man sonst?

Ich wusste gar nicht, dass ich etwas wie ein Puzzle überhaupt besitze, ich bin gestern darauf gestoßen, als ich meine Regale durchwühlt habe. Es muss uralt sein, vielleicht habe ich es als Kind gemocht- ich kann mich nicht daran erinnern. Es zeigt einen Clown, der zwei Luftballons in seinen Händen hält, einer in Gelb und einer in Rot. Er trägt eine grüne Hose mit weißen Punkten und dazu diese Mickey Maus- Handschuhe. Als Kind war ich davon bestimmt begeistert, heute fallen mir seine starren Augen auf, die mich eher an einen Psychopathen erinnern. Wer zeichnet solche Bilder? Geisteskranke, Idioten? Und wer kommt auf die Idee, diese Motive auf Puzzle zu drucken? Und was hat sich meine Mutter, oder von wem auch immer ich es habe, dabei gedacht, es zu kaufen? Immerhin 500 Teile sind es. Da ich eine halbe Ewigkeit nicht mehr gepuzzelt habe werde ich wohl eine ganze Weile dafür brauchen, selbst bei den Rändern tue ich mich mehr als schwer. Aber es lenkt von dieser entsetzlichen Kälte ab. Ein paar Mal habe ich schon gedacht, meinen Atem sehen zu können.

Der wahnsinnige Clown grinst mich an. Als würde er sich über mich lustig machen. Mit seinen lustigen Ballons und der bunten Hose. Mag sein, dass hier ein Erwachsener sitzt und an einem Puzzle für Kinder zerbricht, aber das ist noch lange kein Grund ihn zu verspotten. Verdammter Clown, mit verdammten Serienmörderaugen. Ich greife nach einem Edding und male einen schwarzen Balken über diese Augen. Wenn ich das Puzzle fertig habe, werde ich dort das gleiche machen, wie jetzt auf dem Cover. Du bist nur ein Clown auf einer Pappschachtel, merk dir das! Du hast keinen Grund zu lachen. Erneut greife ich nach dem Edding und verändere seinen Mund, male ihm das Grinsen aus dem Gesicht, ziehe ihm die Mundwinkel nach unten. Und ich spüre eine gewisse Befriedigung, dass er nicht mehr grinst. Auch wenn er mich nicht mehr sehen kann. Das hast du davon, verdammter Psychopath. Endlich kann ich beruhigt fortfahren.

Denke ich zumindest, für einen Augenblick. Dann höre ich Stimmen. Anfangs vermute ich noch, verrückt zu werden, dann wird mir klar, dass sie von draußen kommen. Ich lausche- eindeutig. Die Stimmen kommen von der Straße, klingen laut und aufgebracht. Ich höre eine Frau. Und einen Mann. Das müssen sie sein! Sie sind doch nicht weg.

Langsam erhebe ich mich von meinem Stuhl und gehe auf das Fenster zu. Dummerweise habe ich die Vorhänge komplett aufgezogen, so dass ich mich schlecht hinter ihnen verstecken kann.

Vorsichtig trete ich an das Fenster und spähe hinunter. Sie sind es. Ich sehe die junge Frau und den Riesen. Sie streiten sich. Es ähnelt dem, was ich neulich im Hausflur mitbekommen habe. Er gestikuliert wild, wirbelt seine Arme umher. Sie scheint eher besorgt und verängstigt zu sein. Das wundert mich nicht sehr. Sie ist zierlich, klein- ich an ihrer Stelle würde mich zu Tode fürchten.

Erst jetzt erkenne ich, dass dort auch noch ein weiterer Mann steht. Ich meine mich zu erinnern, auch ihn schon einmal gesehen zu haben. Es muss einer der Männer gewesen sein, die die ganzen Bretter in die Wohnung getragen haben. Er steht recht still neben den Streitenden und hält das Baby auf seinen Armen. Neben ihm parkt ein Auto mit geöffneter Beifahrertür. Vom Fahrer kann ich nur die Hände am Lenkrad erkennen. Worüber streiten sie nur? Gerne würde ich mein Fenster öffnen, dass wäre die Gelegenheit, aber ich habe Angst, sie könnten es hören, oder meine Silhouette am Fenster aus dem Augenwinkel sehen. Ich bin in völliger Spannung, was wohl als nächstes passiert. Ich bin mir nicht sicher, ob die Frau zu weinen beginnt, auf jeden Fall wendet sie sich ab und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Diese Gelegenheit nutzt der Riese um dem Mann mit dem Baby eine Anweisung zu geben, woraufhin dieser in den Wagen steigt und die Tür hinter sich schließt. Noch einmal fährt die Frau herum, schreit, der Riese nimmt sie in den Arm, zuerst wehrt sie sich, dann wird sie ganz ruhig. Er flüstert ihr etwas ins Ohr, sie antwortet und er schubst sie von sich weg. Sie wird hysterisch, kreischt, die hohen Töne tun mir sogar durch das geschlossene Fenster in den Ohren weh. Der Riese nickt dem Fahrer des Wagens zu, woraufhin sich das Auto in Bewegung setzt und aus meinem Blickfeld verschwindet. Die Frau bricht auf dem Asphalt zusammen. Jetzt bin ich mir sicher, dass sie weint. Der Riese legt ihr seine Hand auf die Schulter.

Bin ich gerade Zeuge einer Entführung geworden? Es sah ganz so aus, die Klischees stimmen, so kennt man es aus jedem Film. Soll ich die Polizei verständigen? Aber was, wenn ich mich täusche? Würden sie überhaupt kommen? Kaum einer geht noch raus. Sie sind die ersten Menschen, die ich seit langer Zeit auf den Straßen sehe, der Wagen war der erste, seit Ewigkeiten, der nicht nur geparkt hat, sondern wirklich gefahren ist. Und auch, wenn niemand draußen ist, würden sie vorher so laut streiten, sollte es sich tatsächlich um eine Entführung halten? Und würden die Entführer sich so offen der Mutter zeigen? Ist sie überhaupt die Mutter? Sie scheint mir fast zu jung, aber was heißt das heute schon? Ich weiß gar nichts. Nicht das Geringste. Ich sollte aufhören mir solche Horrorszenarien auszumalen, ich habe eindeutig zu viele schlechte Filme, zu viele miese Bücher gelesen, eine zu lebhafte Fantasie.

Der Riese streichelt immer noch die Schulter der Frau und sie scheint sich allmählich zu beruhigen. Es wird wohl alles in Ordnung sein. Aus ihrer kauernden Position blickt sie nach oben. Ich gehe einen Schritt zurück, bin mir nicht sicher, ob es reicht. Sie schaut mich an. Aus dieser Entfernung kann ich ihren Gesichtsausdruck nicht genau bestimmen. Dann plötzlich folgt der Riese ihrem Blick. Er schaut direkt in mein Fenster. Ich ducke mich, kauere eine ganze Weile unter meinem Fenster. Hat er mich gesehen? Er hat mich sicherlich gesehen. Draußen ist es zwar relativ hell, aber ich stand nicht weit genug vom Fenster entfernt. Er muss mich gesehen haben. Wieder einmal beginnt mein Herz bei dem bloßen Gedanken daran zu rasen.

Auf allen vieren krieche ich auf meinen Schreibtisch zu. Erst dort wage ich es aufzustehen und mich auf den Stuhl zu setzen.

Es wird Zeit die Lage zu überblicken. Ich bin mir sicher, dass die Frau mich gesehen hat, aber das ist in Ordnung, ich glaube nicht, dass sie dem Riesen etwas sagen wird. Aber wenn sie mich sehen konnte, dann konnte er es auch. Ich war zwar ziemlich schnell, aber nicht schnell genug, als dass es nicht hätte bemerken müssen, dass sich an meinem Fenster etwas bewegt. Wenn er es gesehen hat, hat er mich erkannt? Immerhin könnte er auch davon ausgehen, dass ich eine Katze habe, die auf der Fensterbank umher geschlichen ist. Wird er sich überhaupt Gedanken darüber machen? Stören könnte es ihn nur, wenn er tatsächlich etwas zu verbergen hat. Und wenn, wie wird er darauf reagieren? Der Gedanke daran, treibt mir eisiger Schauer über den Rücken. Ich versuche mich zu beruhigen, in dem ich mir einrede, mir Gedanken über völlig belanglose Dinge zu machen, versuche mich mit dem Puzzle abzulenken, aber meine Konzentration ist dahin. Eine Ewigkeit starre ich auf die Teile, die auf dem Schreibtisch verbreitet liegen, dann lege ich mich in mein Bett. Es wird schon wieder dunkel. Die Tage vergehen so entsetzlich schnell. Kaum haben sie angefangen kommt auch schon wieder die Nacht in mein Zimmer gekrochen. Selbst unter meiner Bettdecke zittere ich noch, so kalt wird es in der Wohnung. Es ist März- hoffentlich wird es bald wieder etwas wärmer. Hin und wieder stehe ich auf und blicke aus dem Fenster. Die beiden sind verschwunden. Aber auch von unten höre ich nichts. Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass sie da sind. Aber wie können zwei Menschen, die so laut in aller Öffentlichkeit streiten in ihren eigenen vier Wänden so still sein?

Immer wieder muss ich an die Situation des Nachmittags denken. Ich warte förmlich darauf, dass jemand an meine Tür klopft. Ich stelle mir vor, wie ich sie öffne und der Riese vor mir steht. Er hält ein Messer oder irgendetwas anderes in der Hand, vielleicht einen Hammer. Ich wünschte, ich würde in einem Bunker lebe, meine Wohnungstür kommt mir so entsetzlich dünn vor. Für ihn wäre es bestimmt eine Leichtigkeit sie einzutreten. Hier drinnen bin ich nicht sicher.

Ich gehe in die Küche und hole mein großes Messer. Ich will es nur zur Sicherheit auf meinem Nachtisch liegen haben. Für den Fall, dass er hier herein kommt, will ich vorbereitet sein. Noch nie zuvor hatte ich vor einem Menschen so viel Angst wie vor ihm. In der Dunkelheit tanzen wieder einmal seine Augen an der Decke und starren mich an. An Schlaf ist überhaupt nicht zu denken. Bei jedem noch so winzigen Geräusch in meiner Wohnung zucke ich zusammen, denke mir: Jetzt ist es soweit. Er kommt.

Es muss bereits drei oder vier Uhr sein, als ich mich entschließe aufzustehen und noch einen Kaffee zu trinken. Während die Maschine blubbert und zischt stehe ich in der Tür, das Messer fest umklammert. Ich lausche auf den Flur hinaus, aber es ist nichts zu hören.

Ich trinke meinen Kaffee, er wärmt zumindest ein wenig. Als ich zurück in mein Zimmer gehen will, stoße ich mir meinen Zeh an meiner Kommode. Ich habe darauf verzichtet Licht anzumachen. Fluchend reibe ich meinen Zeh und zum ersten Mal heute fällt mir auch der Schmerz in meinen Rippen wieder ein. Aus dem leichten Blau ist ein dunkles Lila geworden, aber immerhin tut es beim Atmen schon nicht mehr weh. Mein strafender Blick streift die Kommode, aber noch im selben Augenblick wandelt sich meine Stimmung.

Ich stemme mich gegen die Kommode, sie ist schwer, in ihr bewahre ich sämtliches Gerümpel aus, das ich besitze, zu dem noch Werkzeuge. Von einem lauten Quietschen begleitet, schiebe ich sie über die Dielen, bis sie sicher vor meiner Wohnungstür steht. Jetzt dürfte es sogar dem Riesen nicht mehr leicht fallen hier herein zu kommen.

In meiner Zufriedenheit darüber kann ich mir sogar ein kleines Lächeln abringen. Ich lege mich wieder in mein Bett, das Messer nehme ich dennoch mit. Allmählich fallen mir die Augen zu. Hoffentlich gelingt es mir schnell einzuschlafen. Aber ich werde im Halbschlaf bleiben, immer fähig zu Reagieren, immer mit einem Angriff rechnend.

TAG 15

Es ist nichts passiert. Niemand hat versucht hier herein zu kommen, nicht ein Mal bin ich in der Nacht aufgeschreckt. Ich habe bis zum Mittag geschlafen, der sich seltsamerweise wie ein früher Morgen angefühlt hat. Keine Sonne, die scheint, kein Wind der weht- gar nichts. Es fühlt sich an, als würde ich in einer Luftblase leben.

Ich überlege die Kommode wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück zu rücken, halte es aber für besser sie dort stehen zu lassen, wo sie sich jetzt befindet.

Gerade als ich den ersten Schluck von meinem Kaffee nehme klingelt mein Telefon. Etwas verwundert nehme ich ab. Ich bin ein wenig aufgeregt, da ich nicht weiß, wer mich anrufen sollte, aber es ist nur Markus. Mir fällt ein, dass er gesagt hatte, er würde sich melden. Natürlich möchte er heute etwas trinken gehen. Am Telefon traue ich mich nicht ihm zu sagen, dass ich mich vor meinen Nachbarn fürchte und deshalb nur ungern meine Wohnung verlassen möchte. Ich druckse ein wenig herum und erkläre ihm dann, dass es mir nicht besonders gut geht. Er findet es nicht schlimm und fragt, ob es mir recht wäre, wenn er vorbei kommen würde.

Der Abend ist sicherlich erträglicher, wenn jemand da ist, also stimme ich zu. Er will Bier mitbringen- dummerweise vergesse ich ihn zu fragen, ob er mir eventuell auch etwas Feuerholz besorgen könnte.

Nachdem ich geduscht habe versuche ich noch einmal ihn anzurufen, aber er ist auf der Arbeit und hat sein Handy ausgeschaltet. Es ärgert mich, denn in meiner Wohnung ist es lausig kalt.

Gegen acht klingelt es. Ich drücke auf den Summer, erst dann mache ich mich daran die Kommode wieder zu verrücken. Markus steht schon längst vor meine Wohnungstür, als ich öffne und mir meine schmerzenden Rippen reibe.

Er fragt mich, was bei mir los sei, dass ich so einen Krach veranstalte. Für einen kurzen Moment zögere ich und will es ihm erklären, dann winke ich nur ab und biete ihm einen Sitzplatz an.

„Verdammt kalt bei dir“, stellt er fest. Ich erkläre ihm, dass die Heizung noch immer nicht funktioniert, dass ich kein Holz mehr habe, zwar versucht habe ihn zu erreichen, sein Handy jedoch aus war. Er blickt auf das Display. „Oh, stimmt. Das habe ich gar nicht gesehen. Tut mir leid.“ Ich antworte ihm, dass es kein Problem sei, dabei kann ich in meinen kalten Fingern kaum die Bierflasche halten.

Wir sitzen eine ganze Weile beisammen, sprechen über Belanglosigkeiten, trinken unser Bier. Ich habe lange keinen Alkohol getrunken und schon nach dem dritten Bier merke ich, wie es mir zu Kopf steigt. Eigentlich möchte ich nicht darüber reden, in gewisser Weise schäme ich mich auch, aber es sprudelt einfach aus mir heraus. Es kommt mir beinahe vor, wie ein Geständnis. Es befreit mich die Dinge auszusprechen, die mich in letzter Zeit so ängstigen, fast so, als könnte ich die Last auch auf ihn übertragen.

Ich erzähle ihm alles. Von den Geräuschen von unten, von dem Riesen, von der Frau, von ihren Streitereien, von der Ruhe, von meinem Sturz auf der Treppe und auch von gestern.

Er hört mir aufmerksam zu, aber ich sehe, wie seine Miene vereist, als ich fertig bin. Er schaut mich verständnislos an. Einmal öffnet er den Mund um etwas zu sagen, ich gespannt auf seine Meinung dazu, aber außer einem Seufzer bringt er nichts hervor. Er blickt zu Boden und fährt sich durch die Haare.

„Willst du mich verarschen?“ fragt er dann. Mehr nicht.

Ich schüttele nur den Kopf. Es scheint als würde er mich gar nicht ernst nehmen. Erst als er wohl bemerkt, wie unbehaglich mir in dieser Situation wird, beginnt er erneut zu sprechen.

„Drehst du durch? Ich meine… komm schon. Du spinnst dir Verschwörungstheorien zusammen. Alles was du mir erzählt hast, wirkt auf mich vollkommen normal. Die Leute sind gerade erst eingezogen, natürlich müssen sie Hämmern. Warst du mal in der Wohnung und weißt wie viel dort zu tun war? Nein. Und dass sich Paare streiten ist auch vollkommen normal. Und das sie das Baby entführt haben- ich bitte dich. Vermutlich war es ihr Bruder, oder seiner und er passt darauf auf. Oder bringt es zu den Großeltern. Und du sitzt hier in deiner Wohnung und verbarrikadierst die Türen, schleichst nachts durch das Haus und spielst Detektiv. Wirklich, du musst hier mal eine Weile raus, das ist alles. Mach dir nicht so einen Kopf darum. Jetzt im Ernst, ich weiß nicht, was ich sonst dazu sagen soll.“

Seine Antwort trifft mich, auch wenn ich mit so etwas gerechnet habe, es stimmt mich nicht zufrieden. Es nimmt mir die Angst nicht, mit der ich zur Zeit lebe. Es war dämlich damit anzufangen, vielleicht kann man es aus den Erzählungen auch nicht verstehen, ich habe mich so kurz wie möglich gefasst, um ihn nicht damit zu langweilen. Ich entschuldige mich bei ihm, sage, dass er womöglich Recht hat, auch wenn ich es nicht glaube und wechsele das Thema.

Danach wir es ein einigermaßen netter Abend. Ich versuche mich abzulenken, aber meine Gedanken, driften immer wieder auf das Thema zurück. Selbst jetzt wo Markus da ist, horche ich hin und wieder ob von unten etwas zu hören ist.

Gegen zwei Uhr in der Nacht, geht Markus dann. Er bedankt sich für den netten Abend und sagt ich solle mir nicht mehr so viele Gedanken darüber machen. Ich verspreche ihn anzurufen und lalle eine Verabschiedung, ich bin ziemlich betrunken.

Dennoch bleibt meine Angst und ich schiebe die Kommode wieder vor die Tür, nachdem ich im Bad war. Es ist eine Möglichkeit mich sicher zu fühlen. Vermutlich hat Markus ja wirklich Recht, mit dem was er sagt. Aber jedes Mal, wenn ich mir versuche das einzureden beschleicht mich das Gefühl, irgendetwas Wichtiges zu vernachlässigen, das ich später einmal bereuen könnte. Erst als die Kommode vor der Wohnungstür steht kann ich mich beruhigt in mein Bett fallen lassen. Der Alkohol zeigt seine Wirkung. In meinem Kopf dreht sich alles. Heute werde ich schlafen können wie ein Stein.

TAG 16

Heute bin ich mit dem Puzzle fertig geworden. Sonst war nichts weiter.

Ich bin sehr spät aufgestanden. Noch eine ganze Weile bin ich im Bett liegen geblieben, nachdem ich schon lange wach war und habe vor mich hin gedacht. Es war nichts bestimmtes, ich war mal hier, mal dort, meist an fiktiven Orten- in meiner Schulzeit, wie sie hätte sein können, bei dem schönen Mädchen, in des ich verliebt war, und wie auch sie mich hätte lieben können. Ich war in Wäldern und Parks, die ich in meinem Leben nie gesehen habe, war am Strand. Die Gedanken haben mir geholfen diese furchtbare Stille zu ertragen die überall herrscht. Für einige Augenblicke konnte ich sogar meine Angst vergessen. Es ist nicht so, dass ich andauernd in meiner Wohnung sitze und fürchte es könnte etwas schlimmes passieren, aber hin und wieder durchzuckt es mich wie ein Blitz, dass sich gleich die Tür öffnen könnte und der Riese vor mir stehen könnte- unerwartet. Dann wenn ich am wenigsten mit ihm rechne.

In solchen Momenten hält meine Angst auch eine ganze Weile. Ich will versuchen aufmerksam gegenüber jeder Veränderung, jedem Geräusch, zu bleiben.

Mittlerweile fürchte ich jedes Geräusch, das nicht der Stille entspricht, an die ich mich allmählich zu gewöhnen beginne.

Mein Versuch mich Markus anzuvertrauen ist gescheitert, jetzt gibt es niemanden mehr außer mir. Ich schwimme alleine in diesem Meer der Geräuschlosigkeit, mit der Angst im Nacken. Jeden Moment kann es passieren, aber es geschieht nichts. Nicht das geringste.

Nachdem ich geduscht habe klebe ich das fertig gestellte Puzzle auf eine dicke Pappe und übermale das Gesicht des Clowns mit dem Edding, wie ich es mir vorgenommen habe. Ich stelle es aufrecht auf meinen Schreibtisch und betrachte es eine Weile. Eigentlich würde ich es gerne an die Wand hängen, doch dazu müsste ich Nägel suchen, die irgendwo in den Schubladen meiner Kommode abhangen gekommen sein müssen. Außerdem möchte ich nicht hämmern- dieses Geräusch möchte ich eine Zeit lang nicht mehr wahrnehmen.

Mir tut es leid, dem Clown sein Augenlicht genommen zu haben, dennoch genieße ich meine Macht über ihn in gewisser Weiser.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt sitze ich halb aufrecht auf meinem Bett und schaue ihn an. Irgendwie tut es mir leid, was ich ihm angetan habe- ich beschließe nicht weiter darüber nachzudenken.

Ich versuche zu lesen, aber schon sehr schnell verlässt mich meine Konzentration. Die Augen fallen mir zu und die Buchstaben beginnen vor ihnen zu tanzen. Es ist wohl Zeit zu schlafen. Dieser Tag ist wie so viele einfach an mir vorbei gezogen. Er ist einfach so vergangen, ohne dass ich bemerkt habe, dass er überhaupt da gewesen ist. Ein seltsames Spiel ist das.

TAG 17

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Als ich am Morgen in der Küche saß und meinen Kaffee trank, klingelte es. Mein Herz setzte kurz aus, so erschrocken war ich. Ich schaute aus meinem Fenster auf die Straße, aber dort konnte ich niemanden sehen. Ich fragte mich, ob es vielleicht Markus mal wieder sein könnte, um mich zu besuchen, aber warum sollte er zwei Mal binnen kürzester Zeit zu mir kommen? Dann klingelte es wieder. Allmählich brach mir der Schweiß aus. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die Tür öffnen sollte oder nicht. Dann jedoch war es wieder still. Im Treppenhaus konnte ich Schritte hören, die jedoch nicht zu mir hinauf kamen.

Ich habe mich wieder an meinen Küchentisch gesetzt und eine Zigarette geraucht. Zwanzig, vielleicht dreißig Minuten später klopfte es. Ich dachte mir: Jetzt ist es soweit. Rechnete fest damit, dass meine Wohnungstür gleich eingetreten werden würde, doch stattdessen klopfte es erneut. Wie gebannt stand ich vor der Tür, meinen Mund halb geöffnet, nicht wissend, ob ich es wagen sollte zu sprechen, oder mich einfach tot stellen sollte. Dann nahm ich allen Mut zusammen- ein zaghaft gefragtes „Hallo“, entwich meiner Kehle.

Eine Männerstimme antwortete mir. „Firma XY, wir sind hier, um nach ihrer Heizung zu sehen.“

Ich konnte es kaum glauben. „Einen Moment bitte“, rief ich aufgeregt zurück und machte mich daran, die Kommode von der Tür weg zu rücken.

Ein älterer Herr im Blaumann stand mir gegenüber. Er nickte mir zur Begrüßung kurz zu und durchstrich dann alle Räume meiner Wohnung und schraubte an den Heizungen herum. Irgendwas von der Zentralheizung im Keller sagte er noch, mit dem ich nichts anfangen konnte. Er erwähnte hämmernde Geräusche, die sie verursachte, aber dass er den Fehler behoben hätte und nun wieder alles funktionieren müsse.

Auf dem Flur blickte er auf meinen provisorischen Ofen. „Nette Konstruktion“, sagte er beiläufig und ich bedankte mich für das Kompliment. Schließlich drehte er die Heizung in meinem Schlafzimmer auf, die ein leichtes Blubbern von sich gab. Seine Hand lag ruhig auf der Heizung und er nickte zufrieden, dann verabschiedete er sich.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Endlich funktioniert sie wieder, ich hatte wirklich nicht mehr damit gerechnet.

Ich knie im Flur und demontiere meinen Ofen. Er hat eine Menge Dreck verursacht, aber ich habe keine Lust jetzt zu wischen, das werde ich morgen erledigen. Die Heizung in meinem Schlafzimmer drehe ich voll auf, endlich kehrt wieder Wärme in diese Räume ein. Zufrieden setze ich mich an meinen Schreibtisch und lächle dem Clown zu.

Ich bin so euphorisch über meine wieder voll funktionsfähige Heizung, dass ich nicht einmal die Kommode zurück vor meine Wohnungstür schiebe.

An diesem Tag, kann mir nichts mehr meine Freude nehmen.

TAG 18

Manchmal habe ich Angst unsichtbar zu werden. Das ist gar nicht so abwegig, wie es vielleicht im ersten Moment scheinen mag. So etwas passiert andauernd. Menschen, Dinge, Emotionen- alles verschwindet irgendwann. Wenn man aufhört es wahr zu nehmen beginnt es zu verblassen und irgendwann ist es weg. Ich habe mich in letzter Zeit zurückgezogen, habe keine Lust auf Menschen, sie langweilen mich, ich selber langweile mich entsetzlich. Der Gesichtlose im Spiegel, das bin nicht ich. Er ist nur noch ein Schatten von mir, die Person, die ich nie sein wollte, der Mensch, der ich geworden bin- vermutlich soll es so sein und ich hatte nicht mal eine Chance mich dagegen zu wehren.

Dieser Zustand macht mich nicht unglücklich, hin und wieder gibt es nicht schöneres für mich, als auf dem Bett zu liegen und an die Decke zu schauen, aber ich merke, dass es mich unzufrieden macht. Manchmal überlege ich, was wäre gewesen wenn… wenn, ja was eigentlich? Wenn alles anders verlaufen wäre?

Nach meiner gestrigen Freude über die reparierte Heizung bin ich heute in ein tiefes Loch gefallen und weiß nicht warum. Manchmal hilft es alles nichts. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen mich selbst zu bemitleiden, ich könnte hier sitzen und in Gedanken versunken ins Leere starren, aber ich weiß, dass ich mich dadurch nur noch tiefer in mein Elend manövriere.

In der obersten Schublade meines Schreibtisches liegt immer noch mein kleines schwarzes Buch, in das ich meine Gedanken schreibe. Es sind Kritzeleien, nichts von Wert, aber meistens hilft es das aufzuschreiben, was einen berührt. Dabei ist es egal, wie sorgfältig man seine Worte wählt. Und auch wenn ich in den Meinen in letzter Zeit keine Kraft mehr sehe, ihnen nicht die geringste Bedeutung beimesse, reinigt es mich zu schreiben. Ich versuche ein Bild zu malen, von dem inneren Kampf, der in mir tobt. Es ist mir egal, ob ich dabei zu pathetisch klinge.

Ich habe lange nicht mehr geschrieben und anfangs tue ich mich noch sehr schwer, aber je mehr Worte ich auf das Papier bringe, desto besser geht es. Ich gerate in einen Schreibfluss, aus dem ich erst gerissen werde, als ich merke, dass es bereits zu dunkel im Zimmer wird.

Auch wenn es wohl nutzlose Worte waren, für heute haben sich mich vor mir selbst gerettet.

Ich stehe noch eine ganze Weile an meinem Fenster und schaue nach draußen, der Himmel klart ein wenig auf. Allmählich kann ich vergessen.

Für die anderen werde ich unsichtbar, für mich diese ganze Stadt. Die Wände, die Häuser, die Straßen, ja sogar die Zeit- alles beginnt sich aufzulösen, es hat längst keine Bedeutung mehr. Irgendwann wird das alles einfach verschwunden sein. Wie ein Gestrandeter werde ich inmitten des Nichts stehen. Vielleicht werde ich es schaffen, vielleicht werde ich den Kampf gegen die Einsamkeit nicht gewinnen, gegen mich selber verlieren, wie es schon zu vielen passiert ist. Aber man kann es nie wissen und die Zukunft war schon immer düster.

Ich liege auf meinem Bett. Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Ich atme Dunkelheit, schmecke Dunkelheit- bis ich selbst zur Dunkelheit werde.

TAG 19

Wenn mir nicht bald etwas einfällt, werde ich hier zugrunde gehen. Da hilft es auch nicht, dass es heute etwas wärmer geworden ist und die Sonne sich allmählich wieder hinter den Wolken hervor wagt. Mir geht das Essen aus, ich habe kaum noch etwas da. Schon seit den frühen Morgenstunden bin ich wach und hungrig. Ich durchstöbere meine Wohnung, aber es ist nichts zu finden, ich werde einkaufen gehen müssen, es hilft alles nichts. Immer wieder lausche ich, ob von unten etwas zu hören ist. Wenn ich nur wüsste, dass der Riese nicht da ist, das würde es bedeutend einfacher für mich machen.

Ich habe mir meinen Mantel angezogen, den ich das letzte Mal vor zwei Jahren getragen habe, sogar einen Hut habe ich aufgesetzt um mich zu tarnen- ich sehe ziemlich bescheuert aus. Mehrere Stunden verharre ich in dieser Maskerade vor meiner Wohnungstür und warte auf den passenden Moment. Den Moment in dem es mir egal ist, was eventuell passieren könnte. Ich entschließe mich, meiner Angst nicht mehr zu trauen und es verschafft mir einen Augenblick die Sicherheit, die ich benötige. Ich trete auf den Hausflur hinauf, atme tief ein und laufe los. Ich jage die Treppen herunter, stürze durch die Haustür und renne die Straße herunter. So als würde ich verfolgt werden, wage ich es nicht hinter mich zu blicken und werde erst langsamer als der Supermarkt in Sichtweite ist. Heute habe ich vorgesorgt, habe eine Tasche und meinen Rucksack dabei. Damit bin ich nicht nur beweglicher und schneller, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sie nicht wieder im Hausflur reißen werden.

Ich kaufe meine üblichen Rationen an Fertiggerichten und mache mich wieder auf den Heimweg. An der Ecke zu der Straße in der ich wohne bleibe ich stehen. Sie ist so leer und verlassen, wie sie nur sein kann. Trotzdem kostet es mich einige Zeit, bis ich mich traue die letzten Meter bis zur Haustür zu gehen. Als ich den Schlüssel in das Schloss stecke und ihn so leise wie möglich herumdrehe, bereite ich mich auf einen erneuten Spurt vor. Ich kann mir dieses Mal keine Fehler erlauben, aber es wird auch nicht passieren. Ich bin vorbereitet. Leise und vorsichtig, fast unhörbar, schließe ich die Haustür hinter mir, dann renne ich wieder. Ich nehme 3 Stufen auf einmal, diesmal passe ich auf, dass ich nicht ausrutsche. Die Erinnerung an meinen Sturz ruft wieder leichte Schmerzen in meinen Rippen hervor, aber es heilt gut, ich merke es kaum noch. Vor der Wohnung der neuen Nachbarn jagt mir ein eisiger Schauer über den Rücken, mein Blick schweift kurz über das, immer noch nicht vorhandene Klingelschild, aber ich versuche das alles zu ignorieren bis ich vor meiner Wohnungstür stehe. Erst als ich sie hinter mir schließe kann ich lächeln und erleichtert aufatmen. Es hat funktioniert.

Sofort beginne ich damit meine Einkäufe auszupacken und zu frühstücken. So hungrig wie heute war ich schon lange nicht mehr, man sollte so nicht leben müssen.

Den Rest des Tages verbringe ich auf meinem Bett sitzend, einen Tennisball immer wieder gegen die Wand werfend. Es hat eine hypnotisierende Wirkung auf mich, nach einer Weile wirft man immer auf die gleiche Weise, die Flugbahn des Balls ist bekannt und verändert sich fast gar nicht. Ich werde ganz ruhig.

Es ist schon spät in der Nacht, als ich meinen Kopf endlich auf die Kissen lege, der Wind weht stark und drückt gegen meine Fenster. Mit einem Mal denke ich, von unten wieder etwas zu hören. Ganz leise und undefinierbar. Leider ist der Wind zu laut. Die Augen weit aufgerissen liege ich in meinem Bett und halte die Luft an, hoffe, dass der Wind abflacht, einen Moment nur. Und dann geschieht es. Jetzt werden die Geräusche deutlicher. Sie kommen eindeutig von unten- wie lange habe ich nichts mehr von dort gehört? Und jetzt? Was ist es? Es kostet mich einige Zeit um es zu identifizieren. Glücklicherweise bleibt der Wind draußen schwach. Da weint jemand. Ich bin mir ganz sicher, dass es ein Weinen ist, aber es ist nicht das Kind. Ich hätte es auch mitbekommen, wenn es jemand zurück gebracht hätte. Ein Schluchzen. Die Frau! Ich richte mich halb auf. Sie weint- sehr leise zwar, aber ich höre es. Sie muss sich direkt in dem Zimmer unter mir befinden. Dann beginnt der Sturm wieder. Langsam lege ich mich wieder hin, meine Müdigkeit ist verflogen. Menschen weinen nun mal, versuche ich mir einzureden, dennoch bleiben meine Gedanken bei ihr. Was geschieht dort nur? Ich würde ihr gerne helfen, aber was kann ich schon tun? Es dauert eine ganze Weile, bis meine Müdigkeit wieder zurück kehrt- und der Wind er weht, donnert gegen meine Fenster, die Nacht wird trüber- und ich weiß, sie ist immer noch da unten und weint.

TAG 20

Heute ist es angenehm mild draußen, die Sonne lacht von einem strahlend blauen Himmel hinab. Bereits kurz nach dem Aufstehen klingelt mein Telefon. Es ist Markus, der sich mit mir im Park treffen will. Einen Moment lang zögere ich, aber ich fürchte mich nicht mehr. Was unter mir geschieht ist mir mittlerweile gänzlich egal und sollte ich dem Riesen begegnen, und sollte er mir unerklärlicherweise etwas anhaben wollen, dann soll es wohl so sein. Ich werde aufhören mich meinem Schicksal zu entziehen. Sich immer hinter seiner Furcht zu verstecken kann nicht die Lösung sein. Trotzdem werde ich die Treppen heute wieder herunter rennen- ich muss das Unheil ja nicht herauf beschwören.

Wir verabreden uns für den Nachmittag, und da es schon recht spät ist, muss ich mich mit dem Duschen beeilen.

Recht einsam erstreckt sich der Park vor mir. Die Sonne scheint, wie seit Monaten nicht mehr, und trotzdem ist niemand auf den Straßen. Das Zwitschern der Vögel aus den Bäumen habe ich noch nie so laut wahrgenommen wie heute. Ungestört von Verkehrsgeräuschen, von spielenden Kindern und den Unterhaltungen der Erwachsenen können sie ihre Lieder singen.

Ich bin etwas spät dran, Markus liegt bereits auf der Wiese, ein Bier in seiner Hand. Ich setze mich neben ihn und ziehe meine Jacke aus. Wir nicken uns zur Begrüßung nur kurz zu und sagen kein Wort. Es gibt Tage die fühlen sich anders an, nicht befremdlich, doch unterscheiden sie sich von den übrigen. Sie tragen eine ganz besondere Stille in sich, in der jedes Wort, das man spricht überflüssig wäre. Wir sind hier um die Sonne zu genießen.

Ich fühle mich gut, diese Wärme auf meiner Haut zu spüren, den Duft des Frühlings in meiner Nase zu haben. Langsam entgleite ich, lege mich auf den Rücken, verschränke die Arme hinter dem Kopf und blicke in das tiefe Blau des Himmel- schließe meine Augen.

Ich muss kurz eingenickt sein, denn als ich sie wieder öffnet, wird mein Blick auf den makellosen Himmel von Markus verdeckt, der vor mir steht sich gerade seine Jacke anzieht. Fragend schaue ich ihn an. „Arbeit“, sagt er nur und verschwindet. Das war unser Treffen. Ich bleibe noch ein wenig auf der Wiese liegen, schaue mich um, und kann niemanden sehen. Auf einmal wird es beinahe etwas gespenstisch, alleine in diesem riesigen Park zu sein, aber vielleicht haben sie alle zu tun. Zu lange habe ich niemanden mehr im Freien gesehen, als dass mich das noch kümmern könnte.

Auf dem Nachhauseweg kaufe ich mir eine Cola im Supermarkt. Die Schlangen an den Kassen sind mal wieder unendlich lang. Wo kommen diese Menschen nur immer her, wenn man sie nirgendwo sieht? Es scheint als würde sich niemand mehr von A nach B bewegen, dort wo man ist, tauchen sie einfach auf. Sie kommen ohne einzutreten, verschwinden ohne zu gehen. Es gibt kein flüchtiges Begegnen mehr. Entweder sie sind da oder nicht. Existieren oder sind nicht da.

Wieder stürme ich die Treppen bis zur meiner Wohnung herauf, und glücklicherweise wieder ohne Zwischenfall. Keine Begegnung, kein Sturz- der perfekte Abschluss eines perfekten Tages.

Zum Abendessen habe ich Maccheroni mit Käse, danach falle ich müde in mein Bett. Der Tag, obwohl er so ruhig war, hat mich irgendwie erschöpft. Vielleicht ist es die Sonne, die macht einen träge. Vor dem Einschlafen lasse ich ihn noch einmal Revue passieren, lächle zufrieden und hoffe, dass auch morgen die Sonne wieder scheint.

Langsam habe ich wirklich das Gefühl, dass es wieder bergauf geht.

TAG 21

Vermutlich wäre es auch zu vermessen gewesen gleich zwei sonnige Tage hintereinander zu erwarten. Natürlich ist der Himmel verhangen, und natürlich regnet es heute und natürlich sitze ich in meiner Küche und langweile mich. Das einzige auf das ich mich Tag für Tag freue ist mein Kaffee am Morgen. Schon abends kriege ich Lust darauf, trinke aber keinen und freue mich somit nur noch mehr auf die erste Tasse nach dem Aufwachen.

Müde schaue ich aus dem Küchenfenster und zähle die Regentropfen an der Scheibe- natürlich ohne sie wirklich zu zählen. Immer wieder vergesse ich, wo ich war und beginne dann von neuem, nachdem mein Blick einem Tropfen folgt, der das Fenster hinunter rinnt und sich auf dem Weg verliert. Es hätte so schön sein können.

Draußen beobachte ich einen Vogel, der gegen den Sturm kämpft. Er kommt kaum dagegen an, es sieht als, als würde er auf der Stelle fliegen, aber er hört nicht auf. Er könnte irgendwo landen, abwarten, doch er fliegt immer weiter- was soll er auch anderes tun?

Ich beschließe ein Bild zu malen. Ich bin mir sicher, dass man es lernen kann, je mehr man zeichnet, desto besser gelingt es einem.

Nach zwei Stunden gebe ich es auf und entscheide mich dazu zu schreiben. Es ist frustrierend die Bilder fertig im Kopf zu haben und nicht auf das Papier übertragen zu können. Es ist als wären die Hände kein Teil des Körpers, so als würden sie einfach tun, was sie wollen.

Heute wird es sehr früh dunkel. Ich habe keine Lust Kerzen anzuzünden, deswegen nutze ich zum ersten Mal seit langem normales Licht. Doch auch das Schreiben fällt mir heute nicht leicht. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab, nach draußen, in den Park und ich denke daran, wie herrlich es wäre wieder auf der Wiese in der Sonne zu liegen.

Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, als ich der Meinung bin von unten etwas zu hören. Allmählich bin ich wirklich genervt von diesem ewigen hin und her. Es kommt mir vor wie ein schlechter Film mit zu vielen Handlungssträngen. Immer, wenn er interessant zu werden scheint, hört es auch schon wieder auf, nur um etwas später wieder von vorne zu beginnen. Es ändert trotzdem nichts daran, dass mein Interesse geweckt ist. Ich lasse meinen Stift sinken und lausche. Es klingt benahe wie ein Wimmern, aber ich bin mir nicht ganz sicher, es ist zu leise. Einige Minuten sitze ich ganz still da und horche. Doch es hat keinen Sinn. Wie oft habe ich hier schon verzweifelt versucht herauszufinden, was sich dort unten abspielt? Wie tief will ich mich da noch selber hinein reißen?

Ich mache Musik an, die ich recht leise laufen lasse, die jedoch trotzdem jedes andere Geräusch erstickt und greife erneut nach meinem Stift. Sollen die da unten doch treiben was sie wollen. Es geht mich nichts an. Ich muss lernen die Probleme zu bewältigen, die ich mit mir selber habe, bevor ich mich um andere kümmere, sonst ende ich noch wie eine dieser Hausfrauen, die zwar jedes schmutzige Geheimnis der gesamten Nachbarschaft kennt, jedoch selber jeden Abend eine Flasche Rotwein trinkt und von Depressionen zerfressen wird.

Als ich spät in der Nacht die Musik abdrehe und mich ins Bett lege ist das Wimmern- oder was auch immer es ist- noch immer zu hören. Ich stopfe mir die Watte in den Ohren, die ich immer noch, wegen der Hämmerattacken, auf meinem Nachtisch liegen habe. Bevor ich einschlafe rede ich mir ein, dass es nur mich gibt. Nur mich. Nur mich.

TAG 22

Es ist eindeutig ein Wimmern. Und heute ist es lauter, deutlicher, energischer. Wie von einem kleinen Hund, der an der Tür kratzt und hinaus möchte. Es fällt mir zunehmend schwerer es zu ignorieren. Ich bekomme Angst, dass meine Entscheidung nicht darauf zu reagieren wohlmöglich falsch ist.

Als ich im Hausflur auch noch eine Tür zufallen höre und anschließend Schritte höre, steigt sogleich wieder die Spannung in mir auf. Ich stürze an mein Fenster und gehe hinter meinen Vorhängen in Deckung. Ich sehe den Riesen, der das Haus verlässt. Vor dem Eingang bleibt er stehen und steckt sich eine Zigarette an, dann verschwindet er aus meinem Blickfeld.

Ich lausche und höre das Wimmern immer noch. Ob es die Frau ist?

Ich bleibe lange am Fenster stehen, aber der Riese kommt nicht zurück. Ist sie dort unten alleine? Wurde sie eingesperrt? Ich habe mal über sowas gelesen. Aber wer würde einfach nur Wimmern, wenn er eingesperrt ist und nicht versuchen heraus zu kommen?

Ich blicke auf meinen Schreibtisch. Dort liegt mein Buch aufgeschlagen, der Stift daneben, so als wolle er nach mir rufen. Am Morgen habe ich mit einem Theaterstück begonnen, das ich schon seit Jahren schreiben will. Aber ich bin nicht fähig mich darauf zu konzentrieren. Es ist viel zu spannend mir auszumalen woher das Wimmern kommt und was es bedeutet.

Jetzt wo ich weiß, dass der Riese weg ist, würde ich gerne hinunter gehen, zu der Wohnung, aber das Risiko, dass er zurück kommen könnte ist zu groß. Und so verstreichen die Minuten. Immer wieder ärgere ich mich vor fünf Minuten nicht gegangen zu sein, das wäre ausreichend Zeit gewesen um sicher in meine Wohnung zurück zu kehren. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann hinter mir steht, wenn mein Ohr gerade an seiner Wohnungstür liegt. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was er dann mit mir anstellen würde.

Es vergehen Stunden und er ist noch nicht zurückgekommen. Es wird dunkel und noch immer kein Anzeichen von ihm. Das Wimmern jedoch bleibt. Es ist wieder etwas leiser geworden, vermutlich aus Erschöpfung.

Ich habe meine Bettdecke auf dem Fußboden ausgebreitet und mich darauf gelegt, so kann ich es besser hören. Eine Tür fällt zu, dann Schritte. Das Wimmern hört af. Ich vernehme eine tiefe Stimme. Der Riese muss zurückgekehrt sein. Es ist drei Uhr nachts. Doch er bleibt nicht sehr lange. Irgendetwas klappert da unten, dann höre ich die Tür. Es ist fünf Uhr, kurz vor der Dämmerung. Ich springe auf und trete ans Fenster. Unten parkt ein Wagen. Ich glaube es ist der gleiche, mit dem sie neulich das Kind abgeholt habe. Der Riese steigt ein und der Wagen entschwindet in die Nacht.

Wieder kehre ich zu meiner Decke zurück, lege mein Ohr auf den Boden. In der Wohnung ist es still. War ich zu spät? Saß die Frau eventuell im Auto? Ich verharre in dieser Position, mein Ohr fest auf die Dielen gepresst. Ich kann bereits sehen, wie die Sonne den Horizont rötlich verfärbt, mir fallen die Augen zu. Ich versuche gegen die Müdigkeit anzukämpfen, ich will nichts von dem verpassen, was dort unten geschieht, doch ich verliere. Bin so müde…

TAG 23

Wieder bin ich gefangen. Wieder kreisen all meine Gedanken um die Wohnung unter mir. Und wie zuvor schaffe ich es nicht, mich davon abzulenken. Je mehr ich es versuche, desto größer wird der Zwang zu lauschen. Das leere Glas, das ich auf den Boden setze, stelle ich nur noch ganz selten beiseite. Und obwohl ich nicht das winzigste Geräusch wahrnehmen kann, schaffe ich es einfach nicht mich davon los zu reißen.

Manchmal denke ich, dass sie sich über mich lustig machen. Spätestens seit sie mich am Fenster gesehen haben, und ich bin mir sicher das haben sie, wissen sie, dass mein Interesse mehr als groß ist. Und jetzt treiben sie ihre Spielchen mit mir. Das muss es sein.

Ich habe mir schon die verrücktesten Theorien zusammen gebastelt. Dass die Frau dort gegen ihren Willen festgehalten wird, dass der Riese vielleicht der Chef eines Frauenschlepperinges sein könnte, dass sie ihr ihr Kind genommen haben um es im Ausland zu verkaufen. Aber so etwas passiert nicht. Nicht einfach so, nicht hier, und nicht jetzt gerade. Die plausibelste Erklärung, so scheint mir, ist es tatsächlich, dass sie sich über mich lustig machen. Hier eine seltsame Aktion bei Nacht und Nebel, dann ein Streit, ein paar Tränen und dann ein Wimmern- sie wissen genau, dass sie mich damit kriegen. Und obwohl ich sie durchschaut habe, gelingt es mir nicht, es zu ignorieren. Mein Leben zu leben, zu gut es geht, die Dinge zu erledigen, die ich gerne tun möchte. Ich bin eine Schachfigur für sie, das ist mir klar. Ich nehme mein Ohr vom Glas und sitze auf dem Fußboden, kalkuliere, denke nach. Wenn sie es so wollen, werde ich ihr Spiel mitspielen, aber ich werde es sabotieren. Sie wissen ja nicht, auf was sie sich da einlassen. Meine Wohnung ist wie ein Bunker, meine Zentrale, von der aus ich zurückschlagen werde- ich weiß nur noch nicht wie. Aber mir wird schon was einfallen.

Und wenn ich mich täusche? Wenn doch alles bitterer Ernst ist?

Im Internet bestelle ich mir ein Stethoskop- es wird Zeit härter Geschütze aufzufahren. Erst, wenn ich alles über sie weiß, kann ich effizient operieren.

Ich beginne wieder zu trainieren- stemme Hanteln, mache Liegestütze. In der letzten Zeit ist mein Körper abgeschlafft, ich muss trainieren, muss meinen Körper und meinen Geist wieder vereinen, nur so habe ich die Kraft, die Sache anzugehen.

Wenn dies ein Spiel ist, werde ich es gewinnen. Wenn es ernst ist, werde ich kämpfen. Ich werde bis zum Äußersten gehen. Ich werde nicht aufgeben. Vielleicht bin ich der einzige, der dem ein Ende setzen kann.

Ich hätte niemals erwartet, dass ich so regieren würde, aber jetzt wo es so weit ist bin ich nicht verwundert über mich selbst. Ich habe das Abenteuer nie gesucht, aber es hat mich auserwählt. Es gibt Zeiten in denen werden Helden geboren. Mag sein, dass ich das gar nicht bin- aber ich werde zumindest kein Opfer sein.

TAG 24

Das Stethoskop ist heute bereits geliefert wurden. Ich habe den Lieferwagen von meinem Fenster aus gesehen. Es ist vermutlich nicht das Beste das man kriegen kann, aber dafür war es nicht sehr teuer. Und es funktioniert besser als das umgestülpte Glas. Ich höre da unten Schritte, höre wie sich jemand räuspert. Irgendjemand ist also da. Bisher habe ich nicht mitbekommen, dass der Riese wiedergekommen ist, aber ich möchte es nicht ausschließen. Mag sein, dass es zurück kam als ich schlief. Bevor ich mir überlege, wie ich weiter vorgehen werde, muss ich herausfinden wer sich in der Wohnung befindet. Ist es nur die Frau? Ist der Riese auch da? Halten sich dort eventuell sogar noch mehr Menschen auf, von denen ich nichts weiß?

Stimmen kann ich keine hören. Es vergehen Stunden, bis ich beschließe mir eine Pause zu gönnen. Ich esse ein wenig, trinke einen Kaffee. Anschließend durchquere ich meine gesamte Wohnung auf Knien, lege das Stethoskop auf jeden Quadratzentimeter des Fußbodens, in der Hoffnung auf die perfekte Position. Doch leider ändert sich nichts. Schritte, Räuspern, hin und wieder klappert irgendwas, es wird in einer Zeitschrift geblättert- mehr nicht. Es scheint sich tatsächlich nur eine Person in der Wohnung aufzuhalten. Da der Riese gegangen ist, wäre es unwahrscheinlich, dass er es ist. Vorsichtig, und nicht all zu laut, klopfe ich auf den Boden- rhythmisch. Meine Hände sind schweißnass. Wenn dort doch mehrere Personen sind, mache ich sie auf mich aufmerksam. Aber wenn es nur die Frau ist, dass wird sie dadurch wissen, dass hier oben jemand ist. Ich klopfe drei Mal und mache eine Pause. Dann klopfe ich erneut. Ich treibe das so lange, bis die Knöchel meiner Finger beginnen weh zu tun. Keine Antwort. In jeder Unterbrechung meiner Klopfzeichen, halte ich das Stethoskop auf den Boden und warte auf eine Reaktion, doch es geschieht nichts.

Langsam rappele ich mich vom Boden auf und werfe das Stethoskop in die Ecke. Das ist doch Wahnsinn, was ich hier veranstalte. Ist es so weit gekommen? Bin ich denn vollkommen bescheuert? Ich krieche mit einem Stethoskop auf dem Fußboden herum und gebe Zeichen.

Auf einmal schäme ich mich. Hoffentlich hat es niemand mitbekommen. Ich merke wie das Blut in meinen Kopf steigt, vor Scham wird mir ganz heiß. Eine blöde Idee war das.

Ich setze mich an den Schreibtisch und versuche weiter an meinem Theaterstück zu arbeiten, doch es will mir nicht gelingen. Es fällt mir unsagbar schwer, die Worte aneinander zu reihen, es ergibt alles keinen Sinn mehr.

Ich stelle leise Musik an lege mich auf mein Bett. Sie soll mich auf sanfte Weise in eine andere Sphäre begleiten, hoffentlich gelingt es mir, meinen Geist zu entführen, irgendwohin- wo das ist, das weiß ich nicht, nur fort. Fort von hier, raus aus diesem Zimmer, raus aus diesem Haus, raus aus dieser Stadt. Ich überlege ernsthaft, ob ich wegfahren soll, aber ich weiß nicht wohin. Als gäbe es keinen Platz für mich- ich fühle mich überall fremd.

Die Stunden ziehen an mir vorbei, sie verfliegen einfach- aus ihnen werden Tage. Ich werde immer unzufriedener mit meiner gesamten Situation, ohne dass es etwas gibt, das ich gerne ändern würde. Vielleicht ist das hier eine Art Bestimmung. Sie macht keinen Sinn, hält mich fest im Griff, aber auch mich ihr zu entziehen würde nichts ändern. Irgendetwas Schlechtes gibt es immer, ich muss mich auf die guten Dinge besinnen, muss sie suchen- irgendwo sind sie versteckt. Ich werde am Theaterstück arbeiten, gleich morgen. Irgendwann schlafe ich ein.

TAG 25

Ich schlafe lange und fest und wache erst sehr spät auf. Der Tag ist schon fast vorbei. Irgendetwas steckt mir in den Knochen, jede Bewegung ist anstrengend. Ich schleppe mich in die Küche und setze schlaftrunken einen Kaffee auf. Während er durch die Maschine blubbert nehme ich eine heiße Dusche. Ich genieße es, wie das Wasser meinen Nacken umspielt, auf meinen Rücken prasselt, so rhythmisch. Es dauert eine Weile, aber ich werde wacher. Meine Augen brennen wie Feuer, es fällt mir schwer, meine Arme zu heben, als ich nach dem Shampoo greife.

Ich lehne mich mit dem Rücken an die Fliesen und lasse den Wasserstrahl auf mich herab prasseln, schließe die Augen und entspanne mich. Und dann, wie aus dem nichts, höre ich etwas, das mich aus meiner Entspannung heraus reißt. Hat es da nicht eben geklopft? Ich bin hellwach, reiße meine Augen auf und drehe die Dusche ab. Ich lausche- höre wie das Wasser von meinem Körper auf den Boden tropft, höre die Kaffeemaschine aus der Küche. Vermutlich habe ich mich getäuscht. Ich drehe das Wasser wieder an und versuche zurückzufinden, zu meinem Quell der Sorglosigkeit. Dann wieder ein Klopfen, diesmal ist es deutlicher.

Erneut drehe ich den Wasserhahn zu und lausche. Wieder ist nur das Tropfen und die Kaffeemaschine zu hören. Ich schüttele den Kopf und will gerade wieder zum Wasserhahn greifen, als ich es ganz deutlich höre. Da klopft jemand von unten. Eine verspätete Antwort auf meine Zeichen von gestern? Schnell wickele ich mir ein Handtuch um die Hüften und trete aus der Dusche. Da ist es wieder. Eins, zwei, drei- dann eine Pause- eins, zwei, drei. Jemand gibt mir Zeichen. Ich renne aus dem Badezimmer und suche mein Stethoskop. Als ich es endlich gefunden habe laufe ich in mein Badezimmer zurück und setze es auf den Boden. Im Moment ist es wieder ruhig, also warte ich. Dann kommt es wieder. Jedes einzelne Klopfen hämmert in meinen Ohren. Eins, zwei, drei- Pause- eins, zwei, drei- Pause- eins, zwei, drei. Irgendwoher kenne ich diesen Rhythmus, doch woher nur?

Es hört nicht auf, kommt immer wieder. Vielleicht wollen sie mich damit wieder nur aufziehen, schließlich habe ich gestern damit angefangen. Ich lege das Stethoskop beiseite, trockne mich ab, ziehe mich an und gehe in die Küche. Aber es klopft weiter. Nicht mehr in dem gleichen Rhythmus, aber in regelmäßigen Abständen.

Während ich meinen Kaffee trinke überlege ich, was ich tun soll. Soll ich auf das Klopfen antworten, oder es einfach ignorieren? Ich bin mir nicht sicher. Eigentlich muss ich antworten, denke ich. Schließlich habe ich mich Entschieden, in diesem Spiel mitzuspielen. Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Hier ist das Klopfen am lautesten. Es muss also direkt von dem darunter liegenden Raum ausgehen. Nachdem es wieder geklopft hat und eine unbehagliche Stille entsteht knie ich mich auf den Boden und klopfe meinerseits, nur ein mal und recht zaghaft, auf die noch feuchten Fliesen. Ich horche. Es dauert nicht lange, und eine, ebenfalls zaghafte Antwort von unten ist zu hören. Erneut klopfe ich, diesmal kräftiger- auch die Antwort fällt ähnlich kräftig aus. Es kommt mir vor, wie der Dialog mit einem Papagei. Es ist doch einfach lächerlich. Jemand macht sich da lustig über mich. Wie kleine Kinder, die alles nachsprechen, was man gesagt hat, um einen zu reizen. Ich habe ihr Spiel mitgespielt, jetzt ist es an der Zeit Stärke zu zeigen, sich nicht mehr darauf einzulassen. Ich stehe auf und will gerade in die Küche gehen, als es so heftig klopf wie bisher noch nie. Es ist der gleiche Rhythmus, wie anfangs- und nun fällt mir ein, woher ich ihn kenne. Das sind Morsezeichen, eindeutig. Ich bekomme eine Gänsehaut und mir sitzt mit einmal ein riesiger Kloß im Hals.

Ich kann das Morsealphabet nicht, aber für diese Zeichen reicht es bei jedem: S.O.S. Immer wieder. S.O.S. S..O.S.

TAG 26

Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich noch glauben soll, was ich denken soll, ja nicht einmal mehr, was ich fühlen soll. Sollten sie sich einen Spaß mit mir erlauben, dann gehen sie zu weit. Wenn dies alles Ernst ist, und ich immer schon richtig lag, dann braucht da unten jemand meine Hilfe. Ich bin zum Handeln gezwungen, halte den Telefonhörer in zittrigen Händen und weiß nicht, ob ich Markus oder die Polizei anrufen soll, während sich das S.O.S von unten, weiter durch jede Faser meines Körpers hämmert. Wieso denke ich nur automatisch daran, dass es die Frau ist, die mir die Klopfzeichen zukommen lässt? Es könnte sonstwer sein. Sogar eine Falle kann ich nicht ausschließen. Ich erinnere mich wieder an die Nacht, in der ich glaubte jemand hätte vor meiner Wohnungstür gestanden. Was, wenn mir tatsächlich jemand gefolgt war und eben diese Person mich nun in die Wohnung locken wollte?

Ich schäme mich Markus anzurufen, er hat mich schon deswegen aufgezogen, aber ist diese Situation es wert die Polizei zu rufen? Ich könnte mich lächerlich machen. Doch wenn ich persönlich nach unten gehe und versuche in die Wohnung einzudringen ist es mit Gefahren verbunden. Und selbst wenn es nur das Risiko ist, dass meine Vermieter mich deswegen auf die Straße setzen.

Ich lege mich ins Bett. Dass ich heute Nacht sehr unruhig sein werde ist mir klar, doch ich brauche den Schlaf um einen klaren Gedanken fassen zu können. Von unten klopft es weiter, nicht unentwegt, nur hin und wieder, dann wird es von Minute zu Minute weniger, bis mir die Augen zufallen als es ganz aufzuhören scheint. Ich bin zum Handeln gezwungen. Morgen werde ich runter gehen. Morgen Nacht.

TAG 27

Es klopft und es herrscht Stille. Es klopft erneut und ich Antworte. Während ich am Küchentisch sitze und frühstücke, halte ich einen Besen in der Hand, mit dessen Stil ich auf den Boden hämmere. Meine Klopfzeichen sollen sagen: Keine Sorge, ich komme, ich bin da.

Ich bezweifle zwar, dass dies verständlich ist, doch hoffe ich, dass es Mut gibt- wer auch immer da unten ist.

Den ganzen Tag über, herrscht in mir eine Anspannung, die es mir kaum möglich macht, mich normal zu verhalten. Ich warte darauf, dass es dunkel wird, warte auf die Nacht, bereite mich vor. Ich weiß nicht, was mich dort unten erwarten wird, doch ich will auf alles gefasst sein.

Urplötzlich verschwindet die Sonne am Horizont und alles da draußen wird in ein tiefes Schwarz getaucht. Es ist so wolkig, dass der Mond kaum Licht spendet. Ich ziehe mir meine schwarze Hose und einen schwarzen Rollkragenpullover an, komme mir beinahe vor wie ein Einbrecher, als ich mich im Spiegel betrachtet- aber in gewisser Weise bin ich das ja auch.

Die meisten Gedanken habe ich mir darüber gemacht, wie ich die Wohnungstür aufbekommen soll, und auch jetzt, wo ich in den dunklen Hausflur trete, weiß ich noch nicht genau, wie ich es anstellen soll. In den letzte Wochen habe ich gelernt mich leise zu bewegen, fast schon routiniert schleiche ich Stufe für Stufe hinab. Ich fühle, wie das Adrenalin durch meine Adern rast, doch jetzt wo ich mir sicher bin, dass ich nicht verrückt bin, fürchte ich mich nicht mehr so sehr. Es ist als würde die Gewissheit, gleich etwas Schlimmes zu erleben meine Angst nehmen. Ich habe mein großes Küchenmesser zwischen meinen Gürtel geklemmt, stets griffbereit, falls ich mich verteidigen muss, ich habe einen Schraubenzieher bei mir um die Tür aufzubrechen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich noch irgendwer in der Wohnung aushält, außer der Person, die mir die Klopfzeichen hat zukommen lassen. Meine heutigen Abhörversuche mit dem Stethoskop, lassen auf eine einzige Person schließen, also klopfe ich an die Tür, in dem gleichen Rhythmus, mit dem ich immer geantwortet habe. Nichts geschieht. Es ist so dunkel im Hausflur, dass ich kaum die Hand vor Augen sehen kann. Wie ein Blinder ertaste ich die Türklinke, erfühle die kleinen Schrauben. Ich habe mit meiner Wohnungstür geübt und kann sie auch im Dunkeln mit Leichtigkeit herausdrehen, die Türklinge abziehen. Jetzt kommt der schwierige Teil. Irgendwie muss ich sie jetzt aufbekommen, den Bolzen aufbekommen und mich gleichzeitig bemühen, das alles leise zu tun.

Es dauert eine ganze Weile und ist vermutlich ziemlich unbeholfen, was ich da anstelle, doch es gelingt. Mit einem lauten Schnappen springt die Tür auf und öffnet sich langsam. Ich stecke den Schraubenzieher in den Gürtel und ziehe mein Messer. Mein Herz rast, meine Atmung beschleunigt sich. Vorsichtig trete ich in den Dunklen Flur. In der Wohnung riecht es modrig, irgendwie seltsam, aber ich kann es nicht genau definieren.

Vorsichtig schließe ich die Tür hinter mir und gehe weiter in die Wohnung hinein. Die Türen sind alle nur angelehnt. Sie ist genauso geschnitten wie meiner, dadurch kann ich mich auch im Dunkeln gut zurecht finden. Links das Bad, rechts die Küche und am Ende des Flures das Schlafzimmer. Langsam öffne ich die Tür zum Bad, schließlich kamen von dort die Klopfgeräusche, das Messer zittert in meiner Hand. Vorsichtig stecke ich den Kopf durch den Spalt in der Tür und versuche in der Finsternis etwas zu erkennen. Ich sehe die Umrisse des Waschbeckens und der Toilette. Der einzige Unterschied zu meiner Wohnung ist, dass es hier eine Badewanne anstelle einer Dusche gibt. Wie ein Gespenst hängt der Duschvorhang von der Decke herunter. Ich muss sehen, ob sich in der Badewanne etwas, oder jemand, befindet. Auf Zehenspitze quetsche ich mich durch den Türspalt und schleiche in das Badezimmer. Ich halte die Luft an, so gespannt bin ich, greife nach dem Vorhang. Ich will ihn mit einem Ruck zurückreißen, aber es wäre zu laut. Ganz langsam ziehe ich ihn zur Seite und blicke in die Badewanne- nichts. Sie ist vollkommen leer.

Ich atme tief durch und ziehe den Vorhang wieder zu, schleiche aus dem Bad hinaus und lausche. Es ist vollkommen Still, entweder mich hat niemand bemerkt, oder jemand lauert auf mich. Nun öffne ich die Küchentür, auf die gleiche Weise wie beim Bad, spähe ich durch den Spalt in der Tür. Da steht ein Tisch, ein paar Stühle, es sieht beinahe genauso aus wie bei mir- aber niemand ist das.

Mein Herz galoppiert, als ich auf die geschlossene Schlafzimmertür blicke. Da drinnen muss sein, weswegen ich hier bin. Es gibt keine andere Möglichkeit. In meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen, so aufgeregt bin ich, als ich den etwa fünf Meter langen Flur auf die Tür zu schleiche. Natürlich ist sie die einzige, die nicht bloß angelehnt sondern wirklich verschlossen ist. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Vorsichtig umschließt meine Hand die Türklinge, ich bin darauf gefasst, dass dort jemand steht, wenn ich sie öffne und halte mein Küchenmesser stichbereit, für den Fall, dass es der Riese sein sollte. Behutsam drücke ich die Klinke nach unten, zu meiner Freude öffnet sich die Tür ohne zu quietschen. Ganz langsam geht sie auf, etwas Mondlicht fällt in den Raum, das sich durch die Wolkendecke gekämpft hat. Gardinen gibt es hier keine. Und auch sonst ist der Raum vollkommen leer. Kein Bett, kein Schrank, keine Regale, kein Tisch. Ich trete in den Raum und sehe mich um. Er ist leer, vollkommen leer. Was zum Teufel ist hier los? Aufgeregt gehe ich durch die Wohnung, durchsuche jeden Winkel. Hier gibt es keine Nischen, keine verkleideten Wände, hinter denen sich etwas verbergen könnte, keine Geheimtüren, absolut gar nichts. Ich stehe im Flur und beginne an mir zu zweifeln. Was ist hier geschehen. Niemand hat hier etwas herausgebracht, das hätte ich gesehen. Aber je mehr ich darüber nachdenke- ich habe auch niemals gesehen, das Möbel hereingebracht wurden sind. Aber nicht mal von den ganzen alten Brettern oder der Hämmerei ist hier irgendetwas zu erkennen.

Ich schleiche wieder in den Hausflur zurück und Montiere das Schloss wieder an. Abschließen kann ich dir Tür leider nicht, aber ich hoffe, es wird niemandem auffallen. Ich fühle mich komisch. Es ist nicht direkt eine Enttäuschung, die sich in mir ausbreitet, aber irgendetwas sitzt mir unbehaglich im Magen, ich bin perplex, zu keinem klaren Gedanken fähig.

Mit gesenktem Kopf gehe ich zurück in meine Wohnung. Hier stehe ich nun, in meiner schwarzen Kleidung, einem Küchenmesser in der Hand, einem Schraubenzieher. Was ist aus mir geworden? Ich ziehe die Sachen aus und werfe sie in eine Ecke, lege mich auf mein Bett. Mir ist nach Weinen zumute. Ich zünde mir eine Zigarette an und mache meine Nachtischlampe an, schaue mich in meinem Zimmer um. Es hat doch jemand geklopft. Das bilde ich mir doch nicht ein. Aber wer? Und wo ist er? Noch am Nachmittag haben wir uns auf diese Weise unterhalten. Ich gehe zu meinem Schreibtisch um mein kleines Buch zu holen, ich muss das hier aufschreiben, und dann sehe ich es. Das Bild des Clowns. Es sieht anders aus, seltsam in gewisser Weise. Zuerst weiß ich nicht, was es ist, bemerkte nur, dass etwas verändert hat. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Schlinge die um seinen Hals liegt, ein Seil, wie ein gehängter steht er nun da. Blind und traurig, verunstaltet mit meinem Edding. Ich habe das nicht gemalt. Diese Schlinge stammt nicht von mir! Vor Schreck lasse ich mein Buch fallen. Ich greife nach meinem Messer, schalte in jedem Zimmer das Licht ein, durchsuche jeden Raum. Erst einmal, dann erneut- nur um sicher zu gehen. Ich bin alleine, aber irgendjemand war hier. Er muss hier gewesen sein. Und er will, dass ich es weiß. Ich schließe meine Wohnungstür ab, schiebe die Kommode wieder davor, renne in mein Zimmer, schließe auch dort die Tür ab, schiebe hektisch den Schreibtisch davor, so dass alles, was darauf liegt herunter fällt und kauere mich in eine Ecke, fixiere den Türgriff mit meinem Blick. Ich habe schreckliche Angst. Helft mir!

TAG 28

Ich kauere in der Ecke in meinem Zimmer und warte. Wie ein Gefangener, der auf seinen Henker wartet verharre ich hier, wage es nicht mich auch nur zu bewegen. Jemand ist hier gewesen. Immer wieder wandert mein Blick auf das Bild des Clowns an der Wand, immer wieder frage ich mich, wie es möglich war hier einzudringen, meine Tür war verschlossen. Wer auch immer es war, er muss im Stockwerk über mir gewartet haben, bis ich meine Wohnung verließ um dann in meine Wohnung zu kommen, genau so wie ich es unten tat. Aber warum sollte ich wissen, dass jemand hier war? Warum diese Zeichnung? Eine Drohung? Ein böser Scherz? Oder soll es mir nur zeigen, dass sie zu dem gleichen imstande sind wie ich?

Der einzige Unterschied ist, dass sie nach mir gerufen haben. Sie wollten doch, dass ich komme, warum treiben sie dieses Spiel mit mir?

Ich wünschte ich könnte fliehen, irgendwo in die Wüste, dorthin wo mich niemand findet. Aber jeder Schritt nach draußen bedeutet eine Gefahr.

Immerhin erklärt ihr Eindringen in meine Wohnung, warum niemand in der Wohnung unter mir war, doch wieso besitzen sie keine Möbel?

Ob sie mein Zimmer verwanzt haben? Ich weiß nicht, was sie noch getan haben, außer dem Clown eine Schlinge m den Hals zu malen. Hören sie mich ab, oder beobachten mich sogar? Sind hier vielleicht sogar Kameras? Ich kann es erst sicher sagen, wenn ich alles durchsucht habe. Ich springe auf, durchwühle meine Schubläden, sehe überall nach, in jeder Ecke, jedem Winkel, schaue in die kleinen Kästen, in denen ich alte Zeitschriften und Zeitungsausschnitte aufbewahre. Aber finden kann ich nichts. Mein Schlafzimmer scheint sauber zu sein. Doch ich weiß nicht wirklich nach was ich suche, kenne die Möglichkeiten der Verstecke nicht. Plötzlich wird mir Schwindelig und schwarz vor Augen. Ich habe großen Hunger und bin völlig übermüdet. Ich muss schlafen, es hilft alles nichts, zumindest eine Weile, nur um wieder zu Kräften zu kommen. Also lege ich mich in mein Bett, das Messer halte ich fest umschlossen in der Hand. Ich werde nicht wirklich schlafen, ich muss wachsam bleiben. Wer auch immer hier war, er kann Türen öffnen und er wird es wieder tun.

TAG 29

Es gelingt mir nicht einzuschlafen. Mein Körper ist völlig entkräftet und verlangt nach Schlaf, doch jedes Mal wenn ich meine Augen schließe schrecke ich auf. Die Wände, die Decken, meine Möbel, alles macht Geräusche- ich weiß nicht warum- und mir scheint, als kann ich ein Scharren an meiner Wohnungstür hören.

Kurz vor Morgengrauen stehe ich noch einmal auf und koche mir einen Kaffee. Ich schiebe den Schreibtisch zur Seite und schleiche mich aus meinem Schlafzimmer. Allmählich fühle ich mich wie ein Eindringling in meiner eigenen Wohnung. Ich schmiere mir ein Brot, damit ich wenigstens etwas essen, doch schon beim ersten Bissen wird mir so schlecht, dass ich es wieder ausspucke. Ich muss hier verschwinden, egal wohin, aber ich muss raus, so schnell wie möglich. Von dem Geld, das ich gespart habe, könnte ich eine Weile verreisen, doch ich wüsste nicht wohin.

Ich nippe gerade an meinem Kaffee, als es klopft. Von unten dröhnt es durch meinen Fußboden, wieder das Notsignal, energisch, betäubend. Gerne würde ich schreien, ihnen sagen, sie sollen aufhören, aber ich kann es nicht, kein Ton will aus meiner Kehle dringen, lediglich ein Krächzen gebe ich von mir. Mir steigen Tränen in die Augen und ich sinke verzweifelt in der Küche zusammen. Warum hat das alles begonnen? Warum quälen sie mich? Was habe ich denn getan? Einen kurzen Augenblick denke ich an Selbstmord, als ich auf das Messer in meiner Hand blicke, stelle mir vor, wie schön es wäre Ruhr zu haben, das alles zu beenden, aber das ist nicht der Weg- das kann es nicht sein. Ich muss einfach nur fort von hier.

Von unten klopft es unaufhörlich weiter. Hört doch bitte auf, ich flehe euch an! Ich versuche mich wieder zu fangen, gegen die Angst anzukämpfen, gegen die Verzweiflung, gegen alles, was mich so quält. Dann erst bemerke ich, dass das Klopfen gar nicht von unten kommt. Es ist hier, genau hier, an meiner Wohnungstür. Sie sind da!

Ich schlucke, wische mir die Tränen aus dem Gesicht, atme tief durch, umgreife den Griff des Messers fester. Dies ist die Entscheidung. Ich bin bereit mich zu fügen. Irgendwer hämmert an die Tür und ich schiebe die Kommode zur Seite, komme was wolle.

TAG 30

Ich beginne zu schwitzen, als sich meine Hand um die Türklinke legt. So muss es sich anfühlen, wenn ein zu Tode Verurteilter, seinen letzten Gang antritt. Oder wenn sich ein russisch Roulette- Spieler die Waffe an die Schläfe setzt, wissend, dass die Kugel in der nächsten Kammer schlummert. Doch eigentlich bin ich noch ganz ruhig. Ich zittere nicht, meine Atmung ist normal. Ich drücke die Klinke nach unten, öffne die Tür und blicke durch den Spalt in das Gesicht von Frau Soundso. Sie ist eine ältere Dame, Anfang 60 vielleicht, aus dem ersten Stock. Wie sie genau heißt, weiß ich nicht, ich habe es mir nie merken können, aber schon bei unserer ersten Begegnung nachdem ich hier neu eingezogen war, wusste ich, dass ich sie nicht mag. Ich glaube es beruht auf Gegenseitigkeit. Sie ist der Stereotyp eines Hausdrachen, stets an allem Interessiert, was die anderen Mieter tun, wo sie arbeiten, worüber sie sich streiten- im Grunde alles das, was auch aus mir geworden ist, was meine neuen Nachbarn anbelangt. Ich muss darüber lächeln und wünsche ihr einen guten Morgen. Sie erzählt mir, dass ich bereits letzte Woche an der Reihe gewesen sei, den Hausflur zu wischen, dass sie es jetzt übernommen habe, mich aber bitten würde, es im Laufe der Ostertage zu erledigen. Jetzt erst fällt mir ein, dass wir Ostern haben, schon seltsam. Die christlichen Feiertage vergesse ich immer. Ich nickte ihr zu, versuche mich für alles, was sie zu meckern hat zu entschuldigen du verspreche meine Aufgaben zu erledigen. Ich lüge, einen Teufel werde ich tun, aber ich will sie loswerden. Diese Frau ist dermaßen penetrant, dass ich mir manchmal einfach wünsche, ihr Schädel würde explodieren. Das Küchenmesser verstecke ich hinter meinem Rücken, ich merke wie sie immer wieder versucht in meine Wohnung zu spähen und bin mir sicher, dass sie irgendetwas mitbekommen hat. Sei es nun von meinen Nächtlichen Ausflügen in andere Wohnungen, oder davon, dass ich mit Möbeln meine Wohnungstür verbarrikadiere. Wäre sie nicht ein so unausstehlicher Mensch, würde ich sie hereinbeten, mit ihr einen Kaffee trinken und sie nach den neuen Nachbarn ausfragen- sie würde garantiert etwas wissen, das mir weiter helfen könnte.

Sie redet und redet, ich nicke und nicke, entschuldige mich vielmals, mache meine Versprechungen- dann endlich dreht sie sich um zu gehen. Ich rechne fest damit, dass sie noch einmal stehen bleibt, sie zu mir umdreht und einen Satz mit: „Ach, noch etwas“, beginnt- aber sie tut es nicht. Sie stampft die Stufen herunter, in ihrem Gesicht kann ich einen gespielten Ekel über das verdreckte Treppenhaus ablesen. Dabei war sie es doch selber, die noch vor einigen Tagen hier gewischt hat. Ich kann sie nicht ausstehen. Meine ganze Anspannung war mal wieder umsonst. Katharsis hat Aristoteles das genannt, mir scheint die Reinigung der Seele verwährt zu bleiben. Es ist als würde ich durch ein Labyrinth irren, in dem jeder Gang durch eine Tür miteinander verbunden ist. Hinter einer der Türen liegt die Freiheit, bewacht von einem hungrigen Löwen. In der Gewissheit für sie Kämpfen zu müssen bereite ich mich vor dem Öffnen jeder Tür auf einen Kampf auf Leben und Tod vor, doch alles was mich dahinter erwartet sind nur weitere Gänge, die sich verwinkelt bis in die Unendlichkeit erstrecken.

Ich bin so schrecklich müde. Mit meinen letzten Kräften schiebe ich die Kommode wieder vor die Wohnungstür, und lasse mich auf den Boden sinken. Mir fallen die Augen zu. Die Müdigkeit wird mich überwältigen, es ist müßig sich jetzt noch dagegen zu wehren und irgendwie ist es mir auch egal. Ich lasse mich einfach hinab gleiten, das Messer rutscht mir aus der Hand und ich merke, wie sich die Realität allmählich verflüchtigt.

TAG 31

Ich habe Alpträume. An keinen davon kann ich mich erinnern. Immer wieder schrecke ich aus meinem Schlaf hervor, der fest ist, aber nicht erholsam. Ich genieße die kurzen Wachphasen, auch wenn ich immer eine Weile brauche bis ich mich von meinen Träumen erholt habe, so ist doch alles was wahr ist egal. Die Realität erscheint mir so nutzlos in den Augenblicken in denen ich wieder versuche ihr zu entgleiten. Es könnte passieren was will, es kümmert mich schlichtweg nicht.

Und so zieht der Tag an mir vorbei. Wenn ich aufwache kann ich jedes Mal, kurz und ungefähr, die Tageszeit feststellen, nur um mich dann wieder umzudrehen, hier auf den kalten Dielen, und weiter zu schlafen.

Als schon wieder der Abend dämmert, raffe ich mich mühselig auf um in mein Bett zu gehen, mir tut der Rücken weh. Es ist als würde ich all den Schlaf der mir fehlt innerhalb eines einzigen Tages aufholen. Und auch wenn ich befürchte, mein Schlafrhythmus könnte sich so verändern, dass ich kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekomme, gelingt es mir nicht mich zu zwingen wach zu bleiben.

Es ist als würde ich einfach so verschwinden, mich auflösen und selber Teil meiner Träume werden. Der Schrecken dieser engen Wände, meine Angst- all dem kann ich mich auf diese Weise entziehen. Ich wünschte, ich könnte ewig schlafen, friedlich wie ein Kind, bis das alles hier vorbei ist. Bis irgendwann die Sonne aufgeht und ich wieder der bin, der ich einmal war. Ich glaube, ich habe mich verloren. Ein Teil von mir ist fort, ich weiß nicht wohin. Ohne diesen Teil bin ich verloren.

TAG 32

Weiterhin klopft es in unregelmäßigen Abständen- immer wieder S.O.S. Es sind Hilferufe aus dem Nichts und ich kann nichts anderes tun, als sie zu ignorieren.

Es ist tiefste Nacht und ich sitze an meinem Schreibtisch, bin hellwach. Habe so lange geschlafen, wie es mir möglich war, und nun muss ich mich damit abfinden, dass sich mein Körper erholt hat. Vor mir liegt das Bild des Clowns. Mit den Fingern fahre ich die Linien der Schlinge nach, die ihm irgendjemand um den Hals gemalt hat. Immer noch, bin ich mir nicht sicher ob es als Warnung an mich gedacht ist, oder ob es sich nur um einen Scherz handelt. Er tut mir leid, dieser Clown. Was ihm widerfahren musste. Zuerst habe ich ihn verunstaltet, habe ihm sein Lachen genommen und sein Augenlicht, und nun hat ihn auch noch jemand zum Tode verdammt. Ob ich ihn erlösen soll? Er ist wie ein Freund für mich geworden. Auch wenn er nicht echt war, so hat mich seine Anwesenheit vergessen lassen, dass ich hier ganz alleine bin. Er war wie ein Haustier, ein Fisch vielleicht, das man beobachtet und sich doch nicht wirklich damit beschäftigt. Eigentlich ist er es immer noch- aber es ist Zeit Abschied zu nehmen.

Ich reiße ein paar unbeschriebene Seiten aus meinem schwarzen Buch heraus, knülle sie zusammen und lege sie in einen großen Topf um sie anzuzünden. Dann lege ich den Clown darauf. Sehr schnell verfärbt sich sein Körper braun, wird von den Flammen durchstoßen und er zerfällt zu Asche. Manchmal muss man loslassen, muss sich von Dingen trennen, die man lieb gewonnen hat, so sehr es auch schmerzt. Ich bin den Tränen nahe und rede mir immer wieder ein, dass es nur ein Bild ist, das ich den Flammen opfere. Er ist nicht echt, spürt keinen Schmerz, weiß nichts von seiner Vergänglichkeit. Die Flammen züngeln sich durch seine Augen, gleich ist es so weit, dann ist er verschwunden, du nichts von dem was er war ist das noch. Der Kleber mit dem ich die Puzzelteile zusammen geklebt habe stinkt beim verbrennen, für mich wird dies der Geruch des Todes, der Geruch des Abschieds, aber auch des Neubeginns. Ich vernichte den letzten Freund, der mir geblieben ist, nun bin ich wirklich ganz alleine.

Die Flammen erlöschen und es bleibt nur noch Asche zurück. Ich öffne mein Fenster und schütte sie heraus, der Wind trägt sie davon. Ich finde, wenn man schon einen Freund verliert, dann sollte es auch pathetisch sein. Der Tod ist schon immer ein mystisch gewesen, und auch wenn es nur Dinge sind, die ich getötet habe, Farben und Linien auf Puzzleteilen, muss ich ihre Vergänglichkeit zelebrieren.

Nachdem ich den Topf abgewaschen habe sitze ich lange am Fenster und blicke in die Nacht hinaus. Von unten klopft es wieder. Ihr seid gar nicht da, wollt mich nur locken, denke ich mir und stecke mir traurig eine Zigarette an. Allmählich steigt die Einsamkeit in mir auf. Immer wieder wandert mein Blick zu der leeren Stelle an der Wand, wo vorher noch der Clown hing. Jetzt ist er weg, ich wollte es so und vielleicht ist es besser. Es dauert wohl noch ein paar Stunden bis zur Dämmerung, ich sollte etwas Sinnvolles tun, doch mir fällt nichts ein.

Ich bin vollkommen in meinen Gedanken verloren, da höre ich, dass sich jemand an meiner Wohnungstür zu schaffen macht. Geschockt schrecke ich auf, und wende langsam meinen Kopf zur Tür. Bei dem Geräusch von Metall das auf Metall trifft, ist allzu vertraut und mir dreht sich der Magen dabei um. Jetzt ist es soweit. Kein falscher Alarm, kein Hirngespinst- jemand dringt hier gerade ein, und ich bin ganz alleine. Das Messer liegt neben mir auf dem Schreibtisch, ich greife danach und erhebe mich langsam. Sie denken vielleicht, sie können mich im Schlaf überraschen. Aber ich schlafe nicht, bin hellwach und suche nach einem Versteck. Die Überraschung wird auf meiner Seite sein. Ich verstecke mich in meinem Kleiderschrank, zwänge mich zwischen die Bügel, auf denen Hemden und Jacken hängen, und schließe die Tür hinter mir. Nur einen Spalt lasse ich geöffnet, damit ich sehen kann, wer meine Wohnung betritt. Ich habe das unbehagliche Gefühl, dass es mir nicht gefallen wird.

TAG 33

Ich kann hören, wie sich die Tür öffnet, wie sie gegen die Kommode schlägt, wie jemand versucht sein ganzes Gewicht dagegen zu stemmen. Aber die Kommode hält. Wer auch immer es ist, er kommt nicht rein. Um ein Haar muss ich lachen, dass es so gut funktioniert. Ich warte noch einen Augenblick, doch es scheint sich nichts zu ändern. Vorsichtig öffne ich die Tür meines Kleiderschranks und trete heraus. Ich gehe in meinen Flur, das Messer in schweißnasser Hand und starre auf meine Wohnungstür. Die Person müht sich immer noch ab meine Tür zu öffnen, ich kann ihre Finger sehen. Langsam schleiche ich auf die Tür zu. Noch weiß ich nicht, was ich als nächstes tun werde, bin in der Hoffnung, der Eindringling wird die Flucht aufnehmen, sollte er realisieren, dass ich seine Anwesenheit bemerkt habe.

Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt, meine Atmung hechelnd. Ich bleibe direkt vor der Tür stehen, die immer wieder gegen die Kommode geschlagen wird, ich höre ein angestrengtes Stöhnen, aber die Kommode bewegt sich keinen Millimeter.

„Hallo“, sage ich. Ganz normal- etwas Besseres fällt mir nicht ein. Ich klinge weder aufgeregt noch ängstlich, so als wäre es das normalste in der Welt. Mein unbekanntes Gegenüber hält inne.

„Du warst unten“, höre ich eine Stimme sagen. Es ist eine Frauenstimme. Nicht der Riese, wie ich erwartet hatte. Ist es die Frau mit dem Kind?

„Ihr habt geklopft.“

Die Finger greifen durch den Spalt in der Tür, sie sind zittrig.

„Bitte… hilf mir“, flüstert die Stimme.

Was soll ich jetzt tun? Ihre Stimme klingt verzweifelt- aber weiß ich sicher, dass sie dort draußen alleine steht? Genauso gut könnte sie dort zusammen mit dem Riesen stehen, der sich ruhig verhält. Doch ich denke zu zweit hätten sie es geschafft die Kommode zumindest ein Stück weit zu bewegen.

„Warte!“ Lautet meine Antwort. Dann verrücke ich die Kommode, nur ein kleines Stück weit, so dass ich die Tür so weit öffnen kann. Ich spähe durch den Türspalt auf den Hausflur, aber es ist kein Licht an. Ich kann nur ihre Silhouette erkennen, sonst nur Dunkelheit.

„Mach das Licht an!“ flüstere ich ihr zu.

„Ich kann nicht“, antwortet sie mir. So verzweifelt wie sie klingt glaube ich daran, dass sie Angst hat. Andeutungsweise kann ich erkennen, wie sie immer wieder verzweifelt nach unten blickt. Ich öffne.

Sie tritt herein. Es ist die Frau mit dem Kind. Sie zittert am ganzen Leib, setzt zaghaft einen Fuß vor den anderen und schaut sich in meinem Flur um. Ihr Make- Up ist verschmiert, ihre Augen klein und rot- sie muss geweint haben. Schnell schließe ich die Tür hinter ihr und schiebe die Kommode davor.

„Ich kann die Tür nicht mehr abschließen“, sage ich und versuche vorwurfsvoll zu klingen- ich glaube es gelingt mir nicht so ganz, mein Mitleid mit ihr ist zu groß. Sie senkt ihren Blick. Ich kann erkennen, dass eine Träne still ihre Wange hinunter läuft, bevor sie sie in Windeseile wegwischt. Ich möchte ihr meine Hand auf die Schulter legen, doch ich lasse es.

„Möchtest du etwas trinken?“ frage ich.

Sie nickt.

Als es allmählich zu dämmern beginnt sitzen wir uns immer noch schweigend in meiner Küche gegenüber. Mit beiden Händen umklammert sie die Tasse und nippt immer wieder an ihrem Tee. Mein Messer habe ich vor mich auf den Tisch gelegt. Irgendwie traue ich ihr noch nicht so ganz.

TAG 34

Sie sagt, sie kann mir nicht alles erzählen- noch nicht. Aber sie wird es, sobald wir in Sicherheit sind. Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Sie bittet mich, mit ihr aufs Land zu verschwinden, dort würden sie uns nicht finden. Sie- ein vollkommen schwammiger Begriff. Wer sind „sie“? Natürlich denke ich an den Riesen, aber wissen kann ich es selbstverständlich nicht, genauso wenig, um wie viele es sich handelt und was sie tun, sollten sie uns finden.

Wieso sie ausgerechnet mir traut, frage ich und sie weiß keine Antwort darauf, fleht mich nur noch einmal an, und sagt ausdrücklich, dass wir jetzt, aber besten schon vor fünf Minuten, los müssten.

Am liebsten würde ich nein sagen, mich einfach aus dieser ganzen Sachen heraus halten, aber ein Blick in ihre tiefgrünen Augen macht es mir nicht einfach. Evolutionstechnisch ist es wohl ganz normal, dass sich Frauen an Männern wenden, wenn sie Hilfe brauchen, weil sie wissen, dass wir nicht in der Lage sind es abzulehnen. Sind die Beschützerinstinkte erst einmal geweckt, handeln wir nicht mehr wie denkende Wesen. Während sie am Küchentisch sitzen bleibt, packe ich in meinem Schlafzimmer ein paar Dinge in meine Sporttasche. Kleidung, mein Notizbuch, etwas zu Essen, das große Küchenmesser.

Als ich die Küche wieder betrete, steht sie auf und schaut mich an. Draußen scheint die Sonne, aber es scheint kalt zu sein. Der Tag wirkt so zerbrechlich wie dünnes Glas.

Ich nicke ihr zu, als Zeichen von hier zu verschwinden. Wohin, steht noch nicht fest, wie, das wissen wir nicht. Sie sagt, wir müssen ein Auto suchen, sie selber hat keins, aber es gäbe genug davon, die niemand mehr benutzt.

Vorsichtig schleichen wir uns aus meiner Wohnung und durch den Hausflur, raus auf die Straße, um die nächste Ecke, laufen Richtung Stadtzentrum wo sie einen Wagen entdeckt. Niemand ist zu sehen. Besorgniserregend routiniert bricht sie die Tür auf und schließt den Wagen kurz. Auf meine Frage, woher sie weiß, wie sowas geht, antwortet sie nicht. Sie setzt sich hinter das Steuer und gibt mir zu verstehen, dass ich auf dem Beifahrersitz platz nehmen soll. Der Wagen setzt sich in Bewegung, die Häuserfassaden rasen an uns vorbei, wir nehmen die Autobahn Richtung Süden- warum wissen wir beide nicht, haben aber ein gutes Gefühl dabei. Immer wieder wirft sie einen Blick in den Rückspiegel, doch die Straßen sind wie ausgestorben. Sie redet nicht, das Radio bleibt stumm. Lediglich das Brummen des Motors begleitet unsere Fahrt. Ich überlege noch sie zu fragen, warum die Wohnung leer war, als ich dort eingedrungen bin, schaffe es aber nicht mehr, mir fallen die Augen zu.

TAG 35

Wir fahren so lange, wie die Tankfüllung reicht. Nachdem die Reserveleuchte aufblinkt, fährt sie von der Autobahn ab, jedoch nicht um zu tanken, wie ich annehme, sondern um einen neuen zu stehlen. Mit der selben Leichtigkeit wie zuvor schließt sie ihn kurz- und wir fahren wieder auf die Autobahn. Immer noch blickt sie häufig nervös in den Rückspiegel und spricht kein Wort. Auch ich bin zu müde zum reden, zu erschöpft, fühle mich in gewisser Weise ausgebrannt. Hin und wieder frage ich mich, wies es dazu kommen konnte, was ich hier überhaupt mache und warum gerade ich hier rein geraten bin. Sehnsüchtig erwarte ich ihre Erklärung.

Als anfängt Dunkel zu werden fährt sie erneut von der Autobahn ab. Ich kenne die Gegend nicht, in der wir uns befinden, doch ihr scheint sie bekannt zu sein. Sie fährt auf eine Bundesstraße, die sich Kilometer weit durch ein Nichts von Wiesen, Wäldern und Feldern zieht. Irgendwann hält sie unvermittelt an und befiehlt mir auszusteigen. Ich blicke sie fragend an, doch anstatt einer Erklärung bekomme ich lediglich noch einmal die gleiche Aufforderung. Ich greife nach meiner Sporttasche auf dem Rücksitz und steige aus. Sie folgt mir, geht um den Wagen herum, bittet mich anschieben zu helfen und gemeinsam gelingt es uns ihn in eine Grube rollen zu lassen. Warum wir was tun ist mir in diesem Moment noch ein Rätsel, doch in gewisser Weise traue ich ihr.

Ich folge ihr über eine die riesigen Wiesen, sie scheint die Gegend wirklich bestens zu kennen. Nach etwa einem Kilometer Fußmarsch durch die kalte Nacht gelangen wir zu einem verlassenen Bauernhof. Sie muss von ihm gewusst haben und ihn sich die ganze Zeit schon als Ziel ausgesucht haben. Ich folge ihr in die leer stehende Scheune, wo sie sofort über eine Leiter auf den Heuboden klettert. Ich krame meine Taschenlampe aus meiner Tasche hervor und versuche alles zu überblicken. Hier steht viel Gerümpel rum, nichts Brauchbares leider. Ich steige die brüchig wirkende Leiter auf den Heuboden empor, will sie fragen, wie es jetzt weitergeht, doch sie hat sich bereits in das Heu gelegt und ist eingeschlafen. Morgen vielleicht.

Ich setze ich neben sie auf das Heu und blicke mich in der Scheune um. Es ist in Ordnung hier zu sein, doch sehne ich mich nach meiner Wohnung. Schmerzlich denke ich an all die Dinge, die ich dort zurück gelassen habe und hoffe, dass niemand die offene Tür bemerkt.

An Schlaf ist zur Zeit noch nicht zu denken. Still sitze ich einfach nur da, lösche das Licht und starre in die Dunkelheit, begleitet von ihrem, immer ruhiger und gleichmäßiger werdendem Atem.

TAG 36

Es gelingt mir nicht, noch einmal einzuschlafen. Leise, um sie nicht zu wecken, steige ich die Treppe herunter, verlasse die Scheune und begehe den Bauernhof wenig. Er ist wirklich nicht besonders, rech klein und unscheinbar sogar. Außer der Scheunen gibt es noch einen kleinen, leer stehenden und verwitterten Stall, in dem mal Kühe gehalten wurden sein mussten, wenn mich nicht alles täuscht. Ein beißender Geruch steigt mir immer noch in die Nase.

Das Bauernhaus selber scheint in tadellosem Zustand zu sein. Ich werfe einen Blick durch eines der Fenster. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass hier heute noch irgendjemand lebt. Zwar stehen noch Möbel im Inneren, aber von Leben keine Spur. Auch befinden sich auf dem gesamten Gelände keine Fahrzeuge. Ich frage mich, warum sie es sich dann jedoch in der Scheune gemütlich gemacht hat, anstatt im Haus zu nächtigen.

Ich prüfe die Haustür, sie ist verschlossen. Doch mit welcher Leichtigkeit sie Autos klaut und in meine Wohnung eingedrungen ist, dürfte auch das kein Hindernis für sie sein.

Wenn man sich umschaut, dann gibt es hier kilometerweit nichts, außer diesem Hof. Er liegt mitten im Nirgendwo, zwischen Wiesen und kleinen Wäldchen. Sie muss hier aus der Gegend stammen, da bin ich mir sicher, sonst würde sie diesen Ort nicht kennen. In gewisser Weise erleichtert es mich, denn hier wird es schwer sein uns zu finden. Sofern uns überhaupt jemand folgen sollte. Sie schien sich ihrer Sache recht sicher zu sein, doch bezweifle ich immer noch ernsthaft, dass uns wirklich eine Gefahr droht. Sicher könnte es unangenehm sein, aber so schlimm, dass man sich dafür hunderte von Kilometern ins Unbekannte flüchten müsste?

Sie weiß natürlich, wer uns folgen könnte und wird dis bestimmt nicht aus purer Freude machen. Doch wie passe ich da rein?

Mir ist klar, dass ich keine Lösung dafür finde, auch nicht hier auf dem Hof. Das einzige was ich tun kann ist darauf zu warten, dass sie aufwacht und mir alles erklärt. Also kehre ich in die Scheune zurück, steige die Leiter hinauf und setze mich ins Heu. Mir fällt ein, dass es von Vorteil sein könnte, sollte und jemand folgen und eventuell sogar finden, nicht so leicht entdeckt zu werden. Ich stehe noch einmal auf und ziehe die Leiter nach oben. Sie ist schwerer als ich gedacht habe, aber es gelingt mir. Ich lege das alte Ding vorsichtig auf den Boden. Nun sollte es nahezu unmöglich sein, hier herauf zu kommen.

Ich lege mich hin und schließe die Augen. Erschöpft bin ich, aber nicht wirklich müde. Der Schlaf lässt lange auf sich warten. Ich denke an zu Hause.

TAG 37

Es muss Mittag sein, als ich aufwache, ich drehe mich verschlafen herum und erkenne, dass sie verschwunden ist. Als ich aus der Scheune trete blendet mich die Sonne und für einen Augenblick befürchte ich, davon blind zu werden. Noch bevor sich meine Augen beruhigt haben, nähert sie sich mir und tippt mir auf die Schulter. Ich sehe nur verschwommen und blicke sie mit zusammen gekniffenen Augen an. „Komm mit!“ sagt sie und ich folge ihr.

Sie geht auf das Bauernhaus zu, dessen Eingangstür nun offen steht und führt mich hinein.

„Der Hof hat früher einmal meinen Großeltern gehört, als Kinder haben wir auf dem Heuboden verstecken gespielt“, erklärt sie und wir betreten die Küche, wo sie etwas zu essen hergerichtet hat. Ich schaue mich in der Küche um, hier sieht alles aus, wie man es erwartet. Nichts weiß darauf hin, dass hier niemand mehr wohnt.

„Und wo sind deine Großeltern?“ frage ich sie.

„Sie sind tot.“

Sie erkennt die Frage in meinem Blick anscheinend.

„Vor ein paar Wochen bin ich hier her gekommen und habe geputzt. Auch die Lebensmittel sind frisch, mach dir mal keine Sorgen.“

Vor ein paar Wochen. Hat sie diese Flucht, oder als was auch immer man es bezeichnen müsste also schon länger geplant?

Während wir frühstücken wird der Drang sie zu fragen, was hier überhaupt vor sich geht immer stärker, doch seltsamerweise bekomme ich kein Wort heraus. In meinem Kopf lege ich mir alles zurecht, doch was auch immer mich gerade interessiert erscheint mir zu plump, zu persönlich oder zu belanglos.

Auch sie ist still, wie auf der Autofahrt schon. Nachdem wir gemeinsam den Abwasch erledigt haben führt sie mich wieder nach draußen und schließt die Haustür ab.

„Wäre es nicht besser im Haus zu bleiben?“ frage ich.

„Vermutlich, aber ich bin nicht gerne da drinnen. Es ist…“ sie schluckt. „Es ist besser, wenn ich dir das alles ein anderes Mal erkläre.“

Dies scheint mir die perfekte Überleitung zu sein, um sie zu fragen wer uns folgt und aus welchem Grund, doch noch bevor ich etwas sagen kann erklärt sie mir: „Hör mal, ich muss noch mal ein paar Stunden weg. Ist es in Ordnung, wenn du hier auf mich wartest?“

„Was? Was soll ich denn die ganze Zeit machen? Was ast du denn überhaupt vor?“

„Ich habe noch etwas zu erledigen. Und es wäre besser, wenn ich es alleine mache. Es wird auch nicht lange dauern. Du kannst hier anstellen was du willst, in Ordnung?“

Ich nicke nur, was bleibt mir schon anderes übrig? Und dann verschwindet sie, zu Fuß. Ich bleibe auf dem Hof zurück, schlendere ein wenig herum, doch es findet sich nichts, mit dem ich mich beschäftigen könnte.

Ich kehre in die Scheune zurück und steige auf den Heuboden. Dort greife ich mir mein Notizbuch und beginne ein wenig zu schreiben. Die Stunden ziehen sich träge dahin und sie kehrt nicht zurück. Es ist wirklich seltsam, ich habe sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt.

Als es zu dämmern beginnt, wird es unheimlich hier alleine auf dem Hof. Die Luft kühlt sich ab, überall knackt und raschelt es. Wieder ziehe ich die Leiter zu mir nach oben auf den Heuboden und hole meine Taschenlampe hervor.

Wieder vergehen Stunden, die ich alleine auf dem Heuboden sitze und in mein Buch schreibe, belanglose Dinge, denen ich selber keine Bedeutung zumessen kann, dann höre ich Motorengeräusche. Ich lösche das Licht und lausche. Ein Wagen hält auf dem Hof. Ich kauere mich im Stroh zusammen und warte. Ich kann Schritte hören. Dann knarrt die Tür der Scheune. Ich halte die Luft an und schließe die Augen.

TAG 38

Es ist dunkel. Mein Kopf tut weh. Ich weiß nicht, wo ich bin. Sie bringen mich fort…

TAG 39

Sie müssen mich überrascht haben, ich weiß nicht wie, war nicht darauf vorbereitet. Ohne Leiter hätten sie nicht hinauf kommen können, irgendwie haben sie es trotzdem geschafft. Es hat sich angefühlt wie ein Schlag auf den Hinterkopf, dann muss ich das Bewusstsein verloren haben.

Als ich wieder zu mir kam war alles um mich herum dunkel. Motorengeräusche betäubten mich, sie mussten mich in den Kofferraum gelegt haben. Wohin haben sie mich gebracht? Das können sie doch nicht einfach so tun.

Ich bin hier festgeschnallt. Meine Arme und Beine sind nicht mehr Teil meines Körpers. Meinen Kopf kann ich drehen, aber es hat keinen Sinn, sie haben mir die Augen verbunden. Irgendwer betritt den Raum, ich höre wie sich mir Schritte nähern, dann streicht eine Hand über meine Wange. Sie ist weich und dünn, gehört eindeutig einer Frau. Sie ist es, ich es ihr Flüstern: „Es tut mir leid“, sagt sie. „Es tut mir so leid.“

Ich versuche ein Geräusch hervor zu bringen, doch es gelingt mir nicht. Vorsichtig setzt sie mir ein Glas an die Lippen. Will sie mich vergiften? Ich trinke einen Schluck, es ist nur Wasser.

Was haben sie mit mir vor? Sie füttert mich mit etwas, dass ich nicht identifizieren kann, drückt mir einen Kuss auf die Wange und geht wieder. Ich möchte ihr etwas hinterher rufen, bin jedoch zu schwach.

Ich muss eingeschlafen sein, aber es ändert auch nichts. Hier liege ich in völliger Einsamkeit, kann nicht sehen, mich nicht bewegen und niemand ist hier. Ob sie mich wohl beobachten? Ich rüttele an meinen Fesseln, doch sie sind zu fest. Also bleibe ich hier liegen und warte. Ich warte und warte…

TAG 40

Was geht hier vor sich? Sie verlangen nichts von mir und niemand kommt um nach mir zu sehen. Alles um mich herum ist still in dieser Dunkelheit. Ich muss versuchen, mich von meinen Fesseln zu befreien, ich vermute sie sind gar nicht mehr hier.

TAG 41

kein Eintrag

TAG 42

kein Eintrag

TAG 43

Noch immer kommt niemand um nach mir zu sehen. Schwach und unheimlich hungrig rüttele ich an meinen Fesseln, versuche sie irgendwie zu lösen, doch es scheint mir nicht zu gelingen.

TAG 44

Ich weiß weder welchen Tag wir haben, noch ob es draußen Hell oder Dunkel ist. Der Lederriemen an meinem rechten Handgelenk lockert sich. Weiterhin zerre ich daran, versuche meine letzten Kräfte zu sammeln und sie in meinen rechten Arm zu lenken. Ich halte die Luft an, dann reißt der Riemen. Ich bin so gut wie frei.

TAG 45- 48 (Das Ende)

Zuerst löse ich die Fessel an meiner linken Hand, dann die an meinen Füßen, nehme die Augenbinde ab. Es ist dunkel im Raum, so dunkel, dass ich nicht einmal die Hand vor Augen sehen kann. Vorsichtig setze ich meine Füße auf den kalten Boden, sie müssen mir meine Schuhe und Socken ausgezogen haben. Von irgendwo dringt sehr schwaches Licht in den Raum, durch einen kleinen Spalt hindurch. Ich bewege mich, sehr schwach auf meinen Beinen, die Knie wollen mir wegknicken, meine Hände zittern, darauf zu. Da ich so gut wie nichts sehen kann taste ich und kann eine Tür erfühlen, einen Griff- ich bete, dass sie nicht verschlossen ist und drücke die Klinge herunter. Die Tür öffnet sich! Das Sonnenlicht springt mich an, wie ein hungriges Tier, ich kneife die Augen zusammen und Wende meinen Kopf zur Seite. Schützend halte ich meine Hand vor die Augen und versuche zu erkennen, wo ich mich befinde. Da ist ein Flur, weitere Türen, alles kommt mir so bekannt vor. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, bin zu schwach um eine drohende Gefahr abwenden zu können, doch mittlerweile bin ich mir sicher hier ganz alleine zu sein. Eine Tür steht offen, ich gehe daran vorbei, werfe einen kurzen Blick hinein- eine Küche, sperrlich eingerichtet. Ich gehe auf die Tür am Ende des Flurs zu, irgend etwas sagt mir, dass es die richtige ich. Meine Augen schmerzen immer noch, vom plötzlichen Wechsel der Lichtverhältnisse. Erneut drücke ich die Klinke nach unten, doch diese Tür ist verschlossen. Entmutigt sinke ich davor auf die Knie, tiefe Verzweiflung gräbt sich durch meine Eingeweide, alles schnürt sich zusammen, dann entdecke ich, direkt neben mir einen kleinen Beistelltisch, simpel, leer, bis auf einen Schlüssel, der darauf liegt. Ich nehme den Schlüssel, wie in Trance schiebe ich ihn in das Schloss der Tür und drehe ihn herum. Das Schloss springt mit einem lauten Klacken auf- süßer Klang der Freiheit. Ich öffne die Tür. Ein Hausflur, vor meinen Füßen auf dem Boden unzählige Briefe. Ich hebe sie auf, Rechnungen, Mahnungen, Werbung, nichts, was mich interessieren sollte. Dann fällt mir die Adresse auf. Das ist meine Straße, mein Name auf den Briefen. Ungläubig drehe ich mich um. Das hier ist nicht meine Wohnung. Doch bin ich hier schon gewesen. Das Paar, schießt es mir durch den Kopf. Das ist die Wohnung des Riesen und der Frau. Wieso entführen sie mich und halten mich in ihrer Wohnung gefangen?

Die Briefe gleiten mir aus der Hand und fallen zu Boden. Eine dunkle Ahnung beschleicht mich und ich trete in das Treppenhaus, steige die Stufen hinauf, bis ich vor meiner Wohnung angelangt bin. Über der Klingel ein Schild, das nicht meinen Namen trägt. Ich zögere, dann vernehme von innen das Geschrei eines Kindes. Ich drücke auf den Klingelknopf und warte. Innen höre ich, wie jemand in Eile Dinge beiseite stellt und zur Tür kommt. Mein Herz rast vor Aufregung. Die Tür öffnet sich.

Sie schaut mich lange fragend an, so als würde sie mich gar nicht kennen, so als hätte sie mich nie zuvor gesehen. Warum sie mir das angetan haben, möchte ich fragen, warum sie mit mir zu diesem verlassenen Bauernhof gefahren ist, warum man mich einsperrte. Ich beiße mir auf die Unterlippe, die Worte bleiben mir in der Kehle stecken.

„Kann ich ihnen helfen?“ fragt sie. Aus einem der Räume kommt ein Mann, er trägt ein Kind auf dem Arm. „Sie wohnen unter uns, nicht wahr?“ fragt er gleich und lächelt mich freundlich an. Er ist kein Riese, ist kaum größer als ich. Er wiegt das Kind in seinen Armen, und es sabbert ihm seelenruhig auf die Schulter. Beide starren mich an. Ich blicke an mir herunter, barfüßig stehe ich hier vor ihnen. Auf einmal schäme ich mich, drehe mich einfach um und gehe herunter, lese meine Post vom Boden auf und setze mich in die Küche. An der Wand hängt eine billige weiße Uhr, deren lautes Ticken mir auf die Nerven geht. Ich öffne einige der Briefe und lese einige davon. Strom, Miete, alles an mich adressiert. Wie es scheint habe ich seit Monaten nicht gezahlt. Den Strom haben sie mir abgestellt, der Vermieter droht mit Kündigung, sollte ich nicht bis Ende des Monats zahlen. Das ist noch etwas hin, also mache ich mir keine Sorgen darüber. Ich werde mich morgen darum kümmern. Ich gehe zurück in den Raum, in dem ich gefesselt lag. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt, wer um alles in der Welt tut sowas? Ein Blick auf meinen Schreibtisch erübrigt die Frage, als ich meinen Hammer darauf liegen sehe.

Der Tisch auf dem ich gefesselt lag ist nicht mehr da. Er ist einfach so verschwunden, nur noch mein Bett steht in der Mitte des Raumes. So als wäre nichts jemals gewesen. Ich krieche auf mein Bett zu, lege mich hin, bin so müde. Bevor ich einschlafe schaue ich lange an die Decke und dann schießt es mir wieder in den Sinn: Wie läuft das, wenn man irre wird? Wacht man dann eines Morgens auf und denkt sich: „Jetzt ist es soweit- ich bin komplett wahnsinnig geworden.“ Oder ist es so, dass man sein Leben ganz normal weiter lebt und nur die anderen für verrückt erklärt?

Meine Atmung beschleunigt sich, vor Schreck wird mir ganz heiß.

Ich schließe meine Augen um dem hier zu entkommen. Ich hoffe, dass dies alles nur ein böser Traum ist, das kann nicht wirklich sein, dass darf nicht wirklich sein.

Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Sie legt sich um sie. Um den Stuhl vor meinem Schreibtisch, um die Kerzen, die verloschen in der Ecke stehen. Um die Bilder an der Wand, um die Fenster und kriecht langsam an mein Bett heran. Begräbt meine Füße, die Beine, meine Hände, die reglos neben mir liegen, und fährt in mich hinein. Also schließe ich meine Augen, um selbst zur Dunkelheit zu werden. Ich atme Dunkelheit. Ich schmecke Dunkelheit. Ich bin die Dunkelheit. Und so wie ich selbst bin ist alles um mich herum.

Und ohne, dass ich es herbeisehnen würde, beginne ich zu weinen. Es ist ein Weinen aus Verzweiflung, doch es lindert den Schmerz.

Mühsam erhebe ich mich aus meinem Bett, ich will die Straße sehen, will mehr Licht in diesen Raum bringen. Es kostet mich meine letzten Kräfte die Bretter von den Wänden zu reißen, doch es gelingt mir, gerade so, bevor ich erschöpft zusammensinke. Von der Straße dringen Verkehrsgeräusche zu mir hinauf.

Ich rufe Markus an. Er hat immer gesagt ich soll ihn Markus nennen, bloß nicht Herr Soundso oder gar Doktor. Er sagt immer seine Gruppe solle nicht von der Distanz zwischen Arzt und Patienten leben, sondern gerade aus der Nähe. Wahnvorstellungen seien sowieso ungleich schwieriger zu behandeln, da ihnen eine gewisse Therapieresistenz zugrunde liegt. Er gab mir Medikamente, die ich lange nicht mehr genommen habe. Es ist eine Schmerzliche Wiederkehr der Erinnerung, auf einmal fühle ich mich so unbedeutend und so fremd, so fehl am Platz, wie es nur sein kann. Er sagt, ich solle mich auf den Weg zu ihm machen, damit wir in Ruhe reden können.

Ich dusche mich nicht, ziehe mir nur etwas über und verlasse meine Wohnung. Der Verkehr ist dicht an diesem Tag, ich muss aufpassen um nicht überfahren zu werden, die Sonne strahlt vom blauen Himmel, viele Menschen sind heute unterwegs. Ich warte an der Bushaltestelle und beneide sie darum, wie sorglos sie doch alle sind, wie sie scherzen und lachen können, wie unbekümmert sie doch alles hinnehmen. Als der Bus hält und sich die Tür öffnet zögere ich kurz. Aber nur für einen Sekundenbruchteil. Diesmal, das weiß ich, wird es mir gelingen.

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