Apokalypse #2

Hier jetzt also der Text, den ich in den letzen Wochen nebenbei geschrieben habe. Es handelt sich hier um die 2. Fassung, ich gehe davon aus, dass dies nicht die endgültige Version bleiben wird und freue mich daher immer über Lob und Kritik. (Update 24.10. 2008: Ich habe jetzt noch ein wenig was verändert. Der Dialog der Kinder, welcher häufig kritisiert wurde, ist verschwunden, der Einschub „Anna“ wurde umgeschrieben.)

Kleine Notiz des Teufels

Um mich herum ist Dunkelheit und nichts als Dunkelheit. Sie legt sich um den Stuhl vor meinem Schreibtisch, um die Kerzen, die verloschen in der Ecke stehen, um die Bilder an der Wand, um die Fenster und kriecht langsam an mein Bett heran. Begräbt meine Füße, die Beine, meine Hände, die reglos neben mir liegen und fährt in mich hinein.

Also schließe ich meine Augen, um selbst zur Dunkelheit zu werden. Ich atme Dunkelheit. Ich schmecke Dunkelheit. Ich bin die Dunkelheit. Und so wie ich selbst bin, ist alles um mich herum.

Ich hasse diesen Ort. Hasse die Straßen, die sich durch jeden Winkel der Stadt schlängeln, hasse den Gestank draußen, wenn es geregnet hat, ich hasse jeden Moment, den ich gezwungen bin noch länger hier zu sein, hasse die Menschen, die hier leben, hasse es, wie sie grinsen. Wie sie breiter kaum noch grinsen können, wie sie sich an ihrem Dasein erfreuen können und darüber, wie verdammt glücklich sie doch sind- und wie sie immer darauf warten noch glücklicher zu werden. So glücklich, dass sie platzen, so glücklich, dass ihre Gesichtsmuskeln auf Ewig erstarren und dieses Grinsen niemals mehr verschwindet, so glücklich bis… ja, bis was eigentlich? Sie wissen es selber nicht mehr, sind zu glücklich, zu zufrieden mit einfach allem, das sie gar nicht mehr in der Lage sind darüber nachzudenken was ihnen eventuell noch fehlt.

Und ich? Liege hier alleine. Alleine in der Dunkelheit, in der Hoffnung es könne vielleicht nie wieder hell werden. Als würden sie sich verloren vorkommen in ewiger Finsternis, als würden sie dann aufhören zu lächeln und immer so blöd zu grinsen, wenn ich an ihnen vorbei gehe. Egal wann, sie grinsen immer, ganz egal was passiert ist, sie sind einfach zu glücklich. Soll sich doch die Dunkelheit um alles legen, ihr zufriedenes Leben umhüllen. Soll die Dunkelheit das schaffen, was zu schaffen ich nicht in der Lage war. Und dann, wenn ihr dämliches Grinsen verschwindet, dann lache ich.

Oh Dunkelheit, du und ich, das ist schon was! Mein Verbündeter, mein einziger Vertrauter, mein Freund. Nur das Morgengrauen müssen wir noch überstehen, dann haben wir es geschafft. Dann bleibt alles schwarz. Und kein Vogel der mehr singt, keine Kinder die auf den Straßen spielen und schreien, keine glücklichen Paare mehr, die Händchen haltend durch den Park schlendern, keine Staus zum Ferienbeginn. Nur noch Nacht und Finsternis und Verderben.

Durch die Schatten möchte ich kriechen, will selber Schatten sein, will das Licht verschlingen. Will mich an ihrem Unglück laben, will ihre Tränen sammeln, in Eimern die ich zum See trage, wo ich sie vergrabe, wo sie eins werden mit dem See und dann will ich darin baden; in ihren Tränen baden, in ihrem Leid, in ihrem Elend; ich will baden und planschen und dabei singen. Und dann möchte ich ein Feuer machen, und um dieses Feuer tanzen und es muss Nacht sein, sonst werden sie es nicht sehen. Aber ich will dass sie es sehen, von überall her, dass sie es alle sehen, wie ich tanze. Damit sie wissen, dass ich es war, der gesiegt hat und sie alle nun alleine daliegen und weinen weil es finster ist. So finster, dass sie die Hand vor ihren Augen nicht mehr sehen können, so finster, dass nicht einmal mehr der Mond scheint. Sollen sie wahnsinnig werden darüber. Sollen sie doch wieder anfangen zu beten, es wird ihnen nicht helfen, denn ich habe gesiegt. Ich habe jetzt schon so gut wie gewonnen, sie wissen es nur noch nicht. Doch sie sind zu glücklich um zu merken, dass ich mitten unter ihnen lebe, ihre Gedanken vergifte und jetzt, jetzt stehle ich ihnen auch noch das Licht. Das einzige, das sie möglicherweise noch an einen Gott erinnern mag. Sie werden ihn vergessen- nach einer Weile- wenn sie eingesehen haben, dass das Beten nichts bringt, das es nutzlos ist in den Zeiten in denen die Dunkelheit vorherrscht. Sie werden Strahler bauen um die Nacht zu erleuchten, aber irgendwann werden ihre Ressourcen erschöpft sein. Ein paar von ihnen werden überleben, aber das ist schon okay. Ganz alleine wäre es hier auch schrecklich langweilig. Und irgendwann werden sie sich an die Dunkelheit gewöhnen und lernen in ihr zu leben, lernen neu zu sehen, lernen damit umzugehen. Meine Menschen, meine Welt. Und niemand der mich davon abhält.

Nur noch ein paar Minuten. Wenige Augenblicke nur und der Morgen wird nicht zurückkehren. Heute wird keine Sonne aufgehen.

„Nach dieser Schreckenszeit wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Ordnung des Himmels wird zusammenbrechen.“

Matthäus 24,29

Teil 1

Ein wenig seltsam fühlte er sich, als der Teufel bemerkte, dass er gewonnen hatte. Jahrhunderte lang hatte er die Dunkelheit herauf beschworen und nun, da die Sonne tatsächlich nicht mehr aufging, kam es sogar ihm befremdlich vor.

Misstrauisch trat er vor die Tür, blickte die Straße hinunter, ging ein paar Schritte. Einige der kleinen Affen, wie er sie gerne nannte, kamen ebenfalls verwirrt ins Freie gewandelt. Teilweise nur mit T- Shirts bekleidet, hatten sich einige von ihnen Decken um die Schultern geworfen. Es war eine bitterkalte Nacht, die heran gebrochen war. Kein Mond, nicht einmal Sterne waren am Himmel zu sehen.

Im Schein der Straßenlaternen sahen sie alle so hilflos aus, dass der Teufel schmunzeln musste. Schau sie dir an, die Menschen, die Krone deiner Schöpfung, da stehen sie, kauernd und fast nackt.

Jemand hatte die Polizei gerufen, wohl aus blanker Angst und weil es sonst niemanden gab, mit dem er hätte sprechen können. Der Teufel kehrte in seine Wohnung zurück und nahm in seinem großen Sessel platz. Es gab nicht mehr viel was er jetzt noch tun konnte, außer abzuwarten wie sich sein Sieg weiter entwickeln würde.

Einschub 1

[Ingo: Ich habe heute Nacht sehr schlecht geschlafen. Als ich noch einmal aufstand um auf die Toilette zu gehen bekam ich großen Appetit. Erst als ich in der Küche stand und bemerkte, dass es schon früher Morgen war wunderte ich mich darüber, dass es noch so dunkel war. Ich schaute aus dem Fenster und sah, dass sich meine Nachbarn auf der Straße versammelt hatten. Ich zog mir meinen Mantel über und bin nach draußen gegangen. Sie blickten alle nur ungläubig zum Himmel hinauf und waren ratlos, da nicht einmal ein Mond zu sehen war. „Was geht hier vor?“ fragte einer. „Wir wissen es nicht“, antwortete ein anderer. Ich glaube wir haben alle ein ziemlich mieses Karma.]

[Anna: Ich hätte nie geglaubt, dass ein Kind alles verändern kann. Aber ich habe ihn heute Nacht geboren. Wir haben immer noch keinen Namen, mein Mann und ich. Es war gegen sieben Uhr in der früh, da sagte mir der Arzt, dass es ein Junge ist. Er hat ihn mir auf die Brust gelegt und der kleine Begann auch gleich daran zu trinken. Ich war erschöpft und bin eingeschlafen. Erst als ich wieder aufgewacht bin, habe ich gemerkt, dass hier etwas nicht stimmt. Auf den Gängen brannte immer noch Licht, der Himmel draußen war immer noch schwarz. Keiner weiß genau, was hier vor sich geht. Ich wünschte ich könnte ihm Geborgenheit geben.]

[Walter: Wir werden untergehen. Ich habe es schon immer gewusst. In den Büchern waren Codes versteckt. Niemand hat mir geglaubt, doch jetzt ist der Tag gekommen, da sie alle es sehen. Die Türen habe ich mir Brettern vernagelt, bin in den Keller gegangen. Hier habe ich Vorräte, einen Generator und Wasser. Sollen die Plünderer doch versuchen herein zu kommen. Die Schrotflinte lehnt geladen am Treppengeländer. Man kann niemandem mehr trauen. Niemandem!]

Teil 2

In den ersten Jahren änderte sich nicht viel. Der Teufel saß in seinem Sessel und schaute auf die Straße- hinein in die ewige Dunkelheit die er erschaffen hatte. Wie er erwartete bauten die Menschen Strahler die die Finsternis erleuchten sollten. Es gelang ihnen ganz gut. Nur wenige von ihnen wurden wahnsinnig, einige starben. Alles in allem gingen sie jedoch weiterhin ihren Tätigkeiten nach, forschten was mit der Sonne geschehen war, fanden jedoch keine Erklärung. Sie schickten Satelliten ins Weltall, doch sie mussten erkennen, dass es nutzlos war. Irgendwann begannen sie seltener nach draußen zu gehen. Fühlten sich in ihren Häusern wohler als die Verbrechensrate anstieg, vor ihren Fernsehern, waren geborgen an diesem sicheren und warmen Ort. Es wurde tatsächlich entsetzlich kalt. Die Wissenschaftler sprachen von einer neuen Eiszeit, die kommen würde.

Durch die fehlende Sonne veränderten sich die Menschen. Sie wurden gebrechlicher, waren häufig krank, ihre Knochen nur noch morsche Äste, ihre Haut durchsichtig wie Pergamentpapier. Wenn der Teufel sie ansah, konnte er nahezu jede einzelne ihrer Adern sehen, die eigentlich unter ihrer Haut versteckt liegen sollten.

Angewiesen auf das Blut, das durch sie strömte waren sie eine klägliche Schöpfung, dachte er sich immer wieder. Abhängig von einem so simplen Kreislauf.

Auch der Teufel musste sich seinen Mantel überziehen wenn er durch die Stadt ging, seinen täglichen Spaziergang entlang des Flusses tätigte. Er hatte seinen Körper gegen diesen eingetauscht und begann es allmählich zu bereuen. Er merkte, dass er fror. Und auch wenn er sich den üblichen Gebrechen der Menschen nicht ausgesetzt sah, so verfluchte er ihre Gestalt; doch es musste wohl so sein.

Er konnte es genießen stundenlang umher zu wandern, ohne ein bestimmtes Ziel im Kopf, ohne die Vorstellung eines Ortes an den er gehen und an dem er eventuell verweilen konnte.

Es war wie eine klirrend kalte Winternacht, da alle Bäume ihr Laub verloren hatten, die Pflanzen verdorrt waren. Ein eisiger Wind trieb in der Stadt sein Unwesen. Er kroch in die tiefsten Winkel, die schmalsten Nischen und zwängte sich hinein in die Häuser der Menschen. Auch den Teufel fröstelte, so dass er gezwungen war, seinen Schal noch etwas enger zu schnüren, während er die verlassenen Wege entlang schritt, in denen früher einmal das Leben pulsiert hatte. Heute waren nur noch vereinzelt Menschen anzutreffen. Sie schleppten sich, so weit es ihre schwindenden Kräfte zuließen, vor ihre Haustüren, wo sie mit zittrigen Händen versuchten die Schlösser zu öffnen.

Ab und an rauschte ein Auto an ihm vorbei, blendete mit seinen riesigen Scheinwerfern und dröhnte hallend durch die Straßen.

Der Teufel nahm auf einer Bank platz und lauschte dem Rauschen des Flusses. Ein ewiges Rauschen, das er nicht stoppen können würde. Aber das wollte er auch gar nicht. Ganz alleine am Fluss zu sitzen und ein wenig zu träumen, das war es, was ihn noch auf dieser Welt hielt. Das war eines der Dinge, die ihm am Menschsein gefiel. Mit einem zaghaften Grinsen lehnte er sich auf der Bank zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, wobei ihm des Öfteren ein zufriedenes Stöhnen entfuhr, wie es nur ein Mensch ausdrücken kann, der vollends zufrieden ist.

Einschub 2

[Lothar: Meine Frau kam zusammen mit den Kindern wieder zurück. Die Schule sei geschlossen hat sie mir durch das Fenster zugerufen. Ich habe versucht ihr zu glauben, doch wie hätte ich das tun können? Sie suchen sich zuallererst die, die einem Nahestehen. Ich habe sie erschossen- alle drei. Sie liegen draußen in der Kälte. Als abschreckendes Beispiel für alle anderen die noch kommen werden.]

[Dr. Matthias Johansson: Der menschliche Organismus benötigt die Sonne zum überleben. Schon allein daher, da der Körper selber nicht genügend Vitamin D produzieren kann. Es ist unmöglich ausreichend UV- Strahler zur Verfügung zu stellen um jedem zu helfen. Die Produktionen stehen still, es kommt einfach nichts mehr nach. Früher oder später werden auch die Vorräte die wir noch haben aufgebracht sein. Wir dürften jetzt nicht leichtsinnig damit umgehen. So traurig es klingen mag, 80% der Menschheit wird wohl an der Dunkelheit sterben. Seuchen und Krankheiten nicht zu vergessen. Niemand kümmert sich mehr darum. Niemand kann sich mehr darum kümmern, so traurig es auch ist. Aber wir müssen jetzt auch einmal vernünftig sein! Wir können nicht alle retten, auch wenn wir uns das Wünschen. Meine Güte, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, deshalb sind wir doch Mediziner geworden. Es ist Aussichtslos. Wir müssen an unser eigenes Überleben denken, daher halte ich es für das beste, wenn wir auch die letzten Reserven an Strahlern zurück halten. (Beifall.) Warum ich eben von 80% sprach ist folgender Grund. Es gibt keine plausible Erklärung dafür. Wir tappen, bitte verzeihen sie mir meine zynische Wortwahl, völlig im Dunkeln. (Kurze Pause. Gelächter.) Ich habe mich mit einigen von ihnen bereits in Verbindung gesetzt und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei dem Objekt, dass ich ihnen nun präsentieren werde um eine Art Metamorphose handeln muss. Eine neue Stufe der Evolution. Dieses Kind, wenn man es so nennen mag, wurde nicht nur in der Dunkelheit geboren, es wurde sogar schon in der Dunkelheit gezeugt. Dies sagt uns, dass sich der Organismus der Eltern, besonders der der Mutter, wohl schon derart an die Dunkelheit gewöhnt haben muss, dass es im Mutterleib zu einer Art Mutation kam. Und das in einem Zeitraum von nur wenigen Jahren was, aber das werden sie selber schon gedacht haben, überaus kurz ist. (Eine Art Brutkasten wird herein geschoben. Darin ein Kleinkind, etwa drei oder vier Jahre alt. Vollkommen weiß. Weiß wie eine Wand überzogen mit Fragmenten tiefblauer Adern, die durch die Haut schimmern. Es streckt die Nase in die Höhe und schnuppert. – Ein Raunen geht durch das erstaunte Publikum. ) Dieses Kind, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, ist blind. Genau genommen sind seine Augenlider nicht einmal geöffnet. Es ist kein Einzelfall. Es gibt andere „Exemplare“. Dort haben wir, als wir feststellten, dass sich die Lider nicht öffneten die Augenpartie operativ geöffnet. Auf diese Weise konnten wir feststellen, dass zwar ein Augapfel vorhanden ist, dieser sich jedoch nicht zum Sehen eignet. Nicht einmal der Sehnerv ist vorhanden. Dennoch kann das Kind sehr wohl seine Umgebung erfassen. Besser gesagt, es kann sie erschnüffeln. Diese Kinder scheinen einen besseren Geruchssinn zu besitzen als wir. Natürlich haben wir daraufhin untersucht, ob der Riechnerv besser ausgebildet ist. Dies jedoch ist nicht der Fall. Ebenso sind Thalamus und Cortex als völlig unauffällig zu bezeichnen. Wir wissen natürlich, dass dies nicht unbedingt viel zu bedeuten hat. Was jedoch auffällig ist, ist die enorme Ausprägung des limbischen Systems, genauer gesagt des Hypothalamus. Dies war im Ansatz zu erwarten, jedoch scheinen Amygdala und Hippocampus ebenso derart vergrößert, dass diese Kinder eine derart große Fähigkeit besitzen Gefühle und Erinnerungen zu speichern, dass dies allein es für sie möglich macht sich auch ohne Licht nahezu perfekt zu orientieren. Sie scheinen Gerüche wahr zu nehmen, die uns nicht einmal bekannt sind. Leider, und das ist der traurige Teil, bauen sie derart innige Beziehungen zu den Menschen auf, von denen sie umgeben sind, dass es einem die Seele zerreißen will, wenn man mit ihnen arbeitet, sie so hilflos dort sieht. Verzeihen sie… (Er hält einen Augenblick inne. Schluckt. Dann signalisiert er, das Kind wieder fort zu schaffen und fährt in festem Ton fort.) Wir stehen jedoch noch ganz am Anfang unserer Forschungen. Was uns bisher beispielsweise noch vor Rätsel stellt ist, dass dieses Kind, das sie eben vor sich gesehen haben, fähig war Bauklötze nach Farben zu sortieren- so als könne es die Farben fühlen. Daher sind weitere Forschungen unabdingbar. Warum ich sie also heute hier versammelt habe, warum ich ihnen das alles erzähle hat nur einen Grund. Ich bitte sie unsere Forschungen zu unterstützen, ihnen zu partizipieren. Warum ich ihnen das Kind zeigte und warum ich von der Emotionalen Bindung sprach hat gleichfalls seinen Grund. (Er schweigt wieder. Schaut in gespannte Gesichter.) Wir müssen diese Kinder so gut erforschen wie es nur geht. Natürlich geht dies nicht immer am Lebenden Objekt. Aber seien sie unbesorgt: Wir haben das Einverständnis der Eltern. Und denken sie bei ihren Untersuchungen stets daran, dass es bei unserer Arbeit nicht um den Tod eines Kindes geht, sondern um den fortbestand der Menschheit. (Zum Großteil Applaus. Einige Verlassen den Raum um sich zu übergeben. Dr. Matthias Johansson verlässt den Saal und singt dem Kind ein Schlaflied. Schon am nächsten Morgen wird er es sezieren und sich daraufhin das Leben nehmen. Er ist sich sicher im Interesse der Menschheit gehandelt zu haben, kennt jedoch den Preis der dafür gezahlt wurde. Nicht alle Eltern haben ihr Einverständnis erklärt. Das einzige was er hinterlässt ist eine kleine Notiz: Es tut mir leid, steht darauf. Der Zettel verschwindet nach seinem Ableben. Die Forschungen werden nicht eingestellt, führen jedoch zu keinen Ergebnissen, irgendwann gehen die Geburten der „mutierten“ Kinder einfach zurück..)

Teil 3

Als die ersten Kirchen brannten wurde ihm klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sich die Menschen endgültig von ihrem Glauben abwenden würden.

Die letzten Gläubigen prophezeiten den Anbruch der Apokalypse. Einige versammelten sich auf den Friedhöfen und warteten, dass die Toten auferstehen würden, so wie es in der Offenbahrung steht. Aber nichts geschah. Von den anderen wurden sie für verrückt erklärt und verstoßen. Sie waren ganz auf sich allein gestellt und so war es ganz natürlich, dass sie die ersten waren die, ohne Obdach und Wärme, in der Finsternis erfroren.

Der Teufel schaute ihnen von seinem Fenster aus dabei zu, trank einen warmen Tee in seinem Sessel. Als er sie so kraftlos dahin sinken sah kam ihm sein Sieg urplötzlich weniger glorreich vor, als er erwartet hatte. Er hatte damit gerechnet, dass sie starben, war darauf gefasst, doch irgendetwas in der Art, wie sie dahingingen, konnte ihn nicht zufrieden stimmen. Noch wusste er jedoch nicht, was es war.

Verbittert legte er sich in die Badewanne, versuchte sich ein wenig zu entspannen, aber es half nicht. Ein Gefühl tiefer Beklemmung in ihm, schnürte seine Brust zu, ließ nicht zu, dass er sich entspannte, ein Unwohlsein, eine fixe Idee.

Einschub 3

[Mario: Sicherlich hat sie Angst. Wir alle haben Angst. Aber sie es vielleicht nur deshalb getan? Weiß sie eigentlich, was sie mir damit antun würde? Weiß sie, wie viel mir dieser Kuss bedeutet hat? Es war nur ein kurzer Augenblick in meinen Armen. Ich wünschte, ich könnte es noch einmal erleben. Immer und immer wieder. Weiß sie eigentlich wie sehr ich sie liebe? Ich möchte ihren Atem an meinem Nacken spüren, will ihren Duft in mich aufnehmen. Bitte, bitte mach, dass sie es ernst gemeint hat. Das es nicht nur ein kurzer Moment war.]

[Alexandra: Jetzt ist er weg. Ob wir uns wieder sehen? Ich weiß nicht, was es ihm bedeutet hat. Hat er es nur getan um mich zu trösten? Ich wünschte, ich wäre nicht alleine.]

[Pater Andreas (hysterisch, filmreif): Sie kommen! Sie kommen wieder. Ich muss hier schleunigst raus, sie werden alles niederbrennen. Aber ich kann doch meine Kirche nicht zurück lassen. Heiliger Vater, bitte steh mir bei in dieser schweren Stunde, sag mir, was ich tun soll. – (…)- (Einige Stunden und zwei Flaschen Wein später) Es ist doch alles egal, mein Leben habe ich in einer Lüge verbracht. Sollen doch die anderen mit der Kirche zu Grunde gehen, ich werde heute nicht sterben. Nicht hier. Es gibt keinen Gott.]

Teil 4

Eigentlich mied der Teufel den direkten Kontakt zu den Menschen. Zu fremd waren sie ihm, so unheimlich, dass er sich teilweise vor ihnen fürchtete. Er liebte ihre Schwäche, die Einfachheit sie zu verführen, doch irgendetwas an ihnen machte ihn misstrauisch. Nur gelegentlich war es unumgänglich mit ihnen zu sprechen. So eines Abends, als er mal wieder durch die Stadt spazierte. Sein Weg hatte ihn tief hinein in ein Viertel geführt, dass die Menschen Altstadt nannten. Hier stank es ganz erbärmlich nach Urin und Exkrementen, nach dem Schmutz, den sie ununterbrochen produzierten, dem Müll, der nicht mehr fortgeschafft wurde. Schmal und kalt waren die Straßen, der Geruch von Erbrochenem stieg ihm in die Nase. Hier schien eine andere Art Mensch zu leben, dachte er sich. Hier schlossen sich nur wenige in ihren Häusern ein, im Vergleich zu dem Rest der Stadt konnte man hier noch Leben spüren.

Er betrachtete ausgemergelte Menschen, die flüsternd und geduckt von einer dunkel Gasse in die nächste irrten, dort einen Moment verharrten und völlig verändert wieder heraustraten. Ihnen schien die Nacht so gar nichts auszumachen, doch bewegten sie sich wie seelenlose Wesen, wie Tote. Drei von ihnen hatten an einer Straßenecke ein kleines Feuer errichtet, an dem sie sich wärmten. Der Teufel beobachtete sie als er langsam an ihnen vorüber ging, wie sie ihre zitternden Hände über die Flammen hielten, wie sie sprachen. Dann blickten sie zu ihm herüber. Ihre Augen lagen glasig und trüb in ihren Höhlen, so als sei jedes Verlangen gewichen. Dem Teufel wurde unbehaglich, als er vermutete sie sprächen über ihn, als könnten sie ihn erkennen, als seien sie die neue Stufe der Evolution, die er erschaffen hatte, seine Kinder. Doch zu abstoßend wirkten sie auf ihn, als das dies hätte der Wahrheit entsprechen können. Schnell rückte er seinen Schal zurecht, zog seinen Hut tief in sein Gesicht, senkte den Blick und beschleunigte seinen Schritt.

Erst als er um die nächste Ecke gebogen war, wagte er wieder zu atmen, vergewisserte sich, dass sie ihm nicht folgten. Erschöpft lehnte er sich an die graue Fassade eines alten Hauses und wischte sich ein wenig Schweiß von der Stirn. Von Tag zu Tag widerte ihn diese Hülle mehr an.

Einige Meter von ihm entfernt stand eine Frau in knapper Garderobe. Ihr Make-Up war verschmiert und viel zu grell für ihre bleiche Haut. Sie schenkte ihm ein gequältes Lächeln, das einstudiert wirkte und tat ein paar Schritte auf ihn zu. Sofort ergriff sie seine Hand. Der Teufel merkte, wie ihn ein eisiger Schauer durchfuhr.

„Was führt dich denn hierher?“ fragte sie, als seien sie alte Bekannte. Als er keine Reaktion zeigte schlang sie ihren Arm und seine Taille. Der Teufel ließ es über sich ergehen, ihm war egal, was mit seiner Hülle geschah, solange seine Maskerade nicht durchschaut wurde. Ihre Zunge glitt über ihre schmale Oberlippe und sie versuchte zu lächeln. Er könnte sie jetzt ganz leicht töten, dachte er sich, es würde ihn nicht mehr Anstrengung kosten als ein Fingerschnippen. Er könnte ihrem sinnlosen Leben ein Ende bereiten, ihr die Traurigkeit nehmen, die Trostlosigkeit jeden Atemzugs, sie erlösen. Gleich hier auf den schmutzigen Straßen, zwischen Müll und Gestank. Doch es wäre zu einfach, er würde keine Freude daran haben, er hatte schon lange keine Freude mehr empfunden in das Leben der Menschen einzugreifen. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und vom dem Geruch, den sie verströmte wurde ihm übel. Er schob sie beiseite, woraufhin die Frau etwas gereizt reagierte. Wütend stieß sie die wildesten Verwünschungen und Flüche aus, der Teufel drehte ihr den Rücken zu und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er sah sie schon röchelnd am Boden liegen, sah wie das Leben sie verließ, wie sie wieder beginnen würde zu glauben und sich selbst für ihr Leben zu verdammen. So waren die Menschen schon immer gewesen, dass war es, was sie so schwach machte- ihre mangelnde Fähigkeit konsequent zu sein.

Doch hier in der Altstadt waren sie zu sehr das was er sich wünschte, waren zu sehr in die Verdammnis geraten, als dass er Freude daran verspüren könnte.

Traurig kehrte der Teufel nach Hause zurück, ging vorher noch einmal an den Fluss, der eisig und ohne Schimmern eines Mondes ruhig an ihm vorbei floss, entzündete ein Feuer im Kamin und machte es sich in seinem Sessel bequem. Hier sollte er jetzt einige Zeit verharren, ohne die Wohnung zu verlassen. Er wollte so lange warten, bis die Stadt leerer war, frei von diesen Menschen.

Einschub 4

[Oliver: Ich habe auch vorher schon lange keine Sonne mehr gesehen, aber man spürt, dass sich etwas verändert hat. Draußen die Leute drehen durch. Man ist sich seines Lebens nicht mehr sicher. Ich bin überzeugt davon, dass bald das Morden beginnen wird. Bei den Nachbarn haben sie gestern schon eingebrochen, haben geplündert; was ihnen wertlos erschien haben sie zerstört. Ich habe mich eingeschlossen, habe mich bewaffnet, ich glaube viele haben das getan, gelegentlich hört man Schüsse- aber sollen sie nur kommen.]

[Heiko: Diese verdammten Idioten! Wozu reiße ich mir eigentlich noch tagtäglich den Arsch auf, wenn sich doch nichts ändert? Sieben Jahre war ich bei ihnen angestellt. Sieben Jahre! Alles für die Katz. Und was mache ich jetzt? Wie soll ich das den anderen erklären? Wovon sollen wir jetzt noch leben? Ich werde jetzt einfach in den Supermarkt brettern. Mit Vollgas- mal sehen, ob der Airbag was taugt.]

Teil 5

Der Teufel hatte wieder begonnen ein wenig zu schreiben, so langweilig wurde es ihm auf Dauer in seiner Wohnung. Einige Zeit hatte er tatenlos in seinem Sessel verharrt und in die Flammen gestarrt, hatte einen Rotwein getrunken um seinen Körper zu wärmen, war sinnlos in den Zimmern herumgeirrt und hatte sich dann einen Stift und einen Block gegriffen. Er wollte ein Theaterstück schreiben. Irgendwann wurde ihm klar, dass es sinnlos war. Es gab niemanden mehr auf dieser Welt, der sein Stück hätte aufführen können. Das Interesse an der Kunst war verschwunden, die Schauspieler spielten nicht mehr, die Opernhäuser und Theater waren verlassen und teilweise niedergebrannt worden. So schreib er nur für sich selber. Schrieb über seine Empfindungen in diesem Körper, sein Bild von den Menschen. Versuchte sich zu erklären, warum er sich derart vor ihnen fürchtete. Doch er kam zu keinem Schluss. Seite um Seite fiel den Flammen in seinem Kamin zum Opfer. Früher hatte er aus dem Fenster geschaut und auf den Sonnenaufgang gewartet, hatte ihn verflucht. Jetzt sehnte er sich danach, sehnte sich nach etwas, dass er hassen konnte. Nun, da seine Verachtung keinen Nährboden mehr hatte fühlte er sich einsam. Er blickte auf zum Himmel uns konnte nichts erkennen als Dunkelheit. Er versuchte ein wenig zu schlafen, doch es wollte nicht gelingen. Niemals hätte er erwartet, dass ein Sieg so schmerzhaft sein könnte.

Einschub 5

[Alexandra: Mario? Mario: Was machst du denn hier? Alexandra: Ich hatte gehofft dich hier zu treffen. Mario: Ich komme öfters hier her. Alexandra: Hier haben wir uns zum ersten Mal gesehen… Mario(er senkt den Blick): Ja… Alexandra: Wie lange ist es her? Du… du hast mir gefehlt. (sie will ihn umarmen, er weicht einen Schritt zurück) Was ist los? Mario: Wochen, Monate. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Es gibt keinen Tag mehr, es ist egal wie lange es her ist. Es bleibt doch alles gleich. Nur ich bin nicht mehr der gleiche. Alexandra: Was meinst du damit? Mario: Es tut mir leid. Ich kann nicht… ich (er verbirgt sein Gesicht hinter seiner Hand) Es ist unmöglich. Alexandra (ergreift zärtlich seine Hand): Was ist denn passiert? Wovon redest du? Mario: Zu viele Dinge geschehen, schlechte Dinge. Ich möchte nicht, dass sie dich auch ergreifen. Alexandra: Aber was du mir damals gesagt hast… Mario: Was ich damals gesagt habe, habe ich auch so gemeint. Glaub mir, und ich meine es immer noch so. Du bist wirklich der wunderbarste Mensch, der mir im meinem ganzen Leben begegnet ist, aber dies ist nicht der Ort für uns. Das ist nicht die Zeit. Alexandra: Aber wenn wir zusammen sind, sind wir stärker. Mario(schaut zu Boden): Das haben viele Gedacht. Ich habe von Männern gehört, Familienväter, die ihre Familien getötet haben, aus Angst, aus Verzweiflung, viele aus Wut. Alexandra: Aber das muss dir doch nicht passieren. (sie streichelt seine Schulter) Mario: Aber wer kann sicher sein? (er wendet sich ab und will gehen.) Alexandra: Warte! (Mario bleibt stehen ohne sich zu ihr umzudrehen) Ich brauche dich… ich… liebe dich. (er dreht sich um.) Mario: Wer weiß schon noch was Liebe ist? Sieh dich doch mal um! Außerdem kennst du mich doch kaum. Du weißt nicht wer ich bin. Alexandra (geht auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände, streichelt sie mit ihren Daumen, sieht ihm fest in die Augen, ihre Unterlippe bebt): Ich muss mich nicht umsehen. Alles was ich wissen muss sehe ich in deinen Augen. Und in ihnen kann ich auch sehen, dass du ein guter Mensch bist, dass wir es schaffen werden- gemeinsam. Alles was wir voneinander wissen müssen werden wir erfahren. Mario: Aber ich habe solche Angst. Alexandra: Die habe ich auch. Aber das darfst du nicht, hörst du? Du darfst keine Angst haben. Mario: Ich liebe dich. (Sie umarmen und küssen einander. Stehen auf der Brücke in tiefster Finsternis und es beginnt zu regnen. Donner grollt, kein Blitz ist zu sehen, doch es ist als würde der Himmel einstürzen.)]

Teil 6

Es war der erste Abend seit langer Zeit an dem der Teufel es gewagt hatte seine Wohnung zu verlassen. Die Erlebnisse in der Altstadt, die Nähe zu den Menschen, steckten ihm immer noch in den Knochen, doch er sehnte sich zu sehr nach einem Spaziergang an der frischen Luft, als dass er noch länger hatte in seinem Sessel hätte verharren können. Er war erst einige Minuten unterwegs als er die beiden Menschen auf der Brücke erblickte. Die Augen der Menschen, seine Augen, gewöhnten sich erstaunlich gut an die Dunkelheit, so dass er sie aus einer gewissen Entfernung beobachten konnte, an ihnen vorbei gehen konnte ohne, dass sie auf ihn aufmerksam wurden. Sie waren in einen schwachen Nebel ihres eigenen Atems gehüllt. Er wurde Zeuge davon wie sie stritten, heftig miteinander sprachen, er konnte ihre Verzweiflung spüren. Er verlangsamte seinen Schritt, damit die Absätze seiner Schuhe auf dem kalten Asphalt keine zu deutlichen Geräusche in die Stille entsandten. Dies zu beobachten regte eine der menschlichen Empfindungen an, die sich in ihm heraufbildeten, seit er diesen Körper besaß. Ihm war, als würde es von Jahr zu Jahr intensiver.

Die meisten Straßenlaternen waren über die Jahre hinweg einfach so verloschen, niemand kümmerte sich mehr darum, doch einige taten noch immer ihren Dienst. So hielt er es zuerst nur für einen Zufall, dass das Pärchen unter der einzigen funktionierenden Laterne auf der ganzen Brücke stand. Wenn er jetzt daran zurück denkt ist er sich nicht mehr so ganz sicher, ob nicht auch das Schicksal seine Finger mit im Spiel hatte. Vielleicht war er dazu bestimmt, den Ausdruck in den Augen der Menschen zu sehen, der ihn beinahe zu Tränen rührte, was ohne den schwachen Schein der Laternen niemals möglich gewesen wäre. Vielleicht wäre er dann niemals stehen geblieben und hätte mit seiner Fingerspitze nach der Träne gefühlt, die sich in seinem Augenwinkel bildete, er hätte sie nie betrachtet, wie sie glitzernd auf der Spitze seines ledernen Handschuhs lag, niemals hätte er mit seiner Zungenspitze diesen salzigen Geschmack ertastet, niemals wäre ihm diese Situation befremdlich vorgekommen und vermutlich hätte er auch nie daran gedacht, dass er schon menschlicher war, als er jemals erwartet hätte. Dem Teufel wurde mit einem Mal so heiß, dass er seinen Schal lockern musste und nach dem Geländer griff um Halt zu suchen. Er dachte schon daran diesen Körper wieder zu verlassen, nicht mehr auf der Erde zu herrschen, den Kampf vielleicht verloren zu geben. Nur wenn er auf der Erde war konnte er eine Kontrolle ausüben die stark genug war um seinen Sieg endgültig zu machen. Er musste bleiben. Dies schoss ihn in den Kopf, war immer gegenwärtig.

Der Teufel sackte am Geländer herunter, ihm wurde schwindelig. Noch ein Mal blickte er hinauf zu den beiden Menschen, sah wie sich ihre Lippen berührten, wie sie da standen, eng umschlungen, er konnte die Kraft spüren, die von ihnen ausging und spürte, dass etwas Gutes geschah. Er spürte, dass dieses Gute ihm behagte. Er war zu menschlich geworden. Wo war der Wille das Verderben über sie zu bringen?

Der Junge Mann auf der gegenüberliegenden Seite der Brücke sah zu ihm auf und redete mit seiner Begleitung. Sie eilten auf den Teufel zu und fragten, ob es ihm gut ginge. Er nickte. Nur ein wenig schummrig sei ihm geworden, erklärte er mit einer gewissen Schmach. Die beiden Menschen halfen ihm dabei aufzustehen, erkundigten sich erneut nach seinem befinden. Erneut beteuerte er, dass es ihm gut ginge. Es gelang ihm dabei nicht ihnen in die Augen zu schauen. Zu sehr schämte er sich für seine Empfindungen und außerdem fürchtete er das, was er darin eventuell lesen konnte. Er fühlte sich diesen beiden so vertraut, dass ihn ein grausiger Verdacht beschlich.

Er klopfte sich ein wenig Schmutz von seinem Mantel, wischte sich die seltsame Flüssigkeit aus seinen Augen, bedankte sich bei den beiden und eilte nach Hause.

Das Paar blickte ihm eine Weile hinterher und sah wie der fremde Mann in der Dunkelheit verschwand. Und noch Tage später dachten sie an ihn, fragten sich, ob mit ihm alles in Ordnung sei. So verwirrt habe er ausgesehen.

Als er die Wohnungstür aufschloss zitterten die Hände des Teufels so sehr, dass er einige Minuten benötigte um sie zu öffnen. Und auch als er seine Wohnung betreten hatte, hörte es nicht auf. Er trank ein Glas Wasser und ließ sich in den Sessel fallen. Noch immer fürchtete er sich nicht vor diesen beiden, noch immer ekelte er sich nicht vor ihnen. Deutlich spürte er die Stellen an seinem Arm, an denen sie ihn gegriffen und beim Aufstehen geholfen hatten, doch das Gefühl, was er dabei hatte war ihm nicht fremd. Er fühlte sich geborgen. Dort wo ihre Finger gelegen hatten durchströmte ihn neue Kraft.

Der Teufel hatte niemals geweint. Er hatte dies für eine Schwäche der Menschen gehalten, eine der vielen, die er nie verstand. Man hatte ihnen Emotionen gegeben, die sie nicht steuern konnten, die sie beeinflussten. Doch die erste Träne, die er auf der Brücke geweint hatte, sollte nicht die einzige bleiben in seinem Dasein als Mensch. Noch an diesem Abend bettete er sein Gesicht in seine Hände und weinte so stark wie es nur jemand kann, der niemals gewusst hat, was eine Träne bedeutet. Und auch der Teufel verstand es nicht. Weder fühlte er sich unglücklich, noch durchströmte ihn die Freude. Er weinte lediglich. Über Stunden saß er so auf seinem Sessel, zog die Knie an seine Brust und weinte. Weinte so lange, bis er ganz erschöpft war, bis er nicht einmal mehr ein Schluchzen hervor bringen konnte, dass die Tränen still an seinen Wangen herunter rannen und auf den Teppich tropften.

Einschub 6

[Jessica: Heute Nacht habe ich von der Sonne geträumt. Ich lag auf einer Wiese, ganz früh am Morgen, doch es war nicht kalt. Ein leichter Wind ging durch die Bäume und ich sah, wie sich die Grashalme ganz zart bewegten. Über mir zogen die Wolken entlang und es roch nach Frühling. Ich weiß nicht mehr wie der Frühling riecht. Doch im Traum, da war es mir auf einmal klar. Ich atmete ganz tief ein, irgendwo plätscherte ein Bach und die Sonne ging auf. Ganz langsam, ein glühender Ball am Horizont, ein goldener Streifen, der da entstand. Alles um mich herum erstrahlte in einem silbernen Glanz und die Vögel sangen. Ich bin aufgestanden und ein wenig spazieren gegangen, durch den Wald, habe ein Blatt von einem Baum gepflückt. Dann bin ich aufgewacht und alles war Dunkel. Es war, als wäre das alles gar nicht mehr wahr. Ich wünschte ich könnte noch einmal so träumen.]

Teil 7

Gelegentlich fühlte sich der Teufel wie ein zorniger, alter Mann. Warum, das wusste er nicht. Aber in sich spürte er eine gewisse Unzufriedenheit, trotz des Anblicks auf den Straßen, den er eigentlich hätte genießen sollen. Häufig dachte er die Nacht zurück in der er so bitterlich geweint hatte, dachte an seine Tränen. Ihm war klar, dass dies mit seiner menschlichen Hülle zu tun haben musste. Es schien ihm ein menschlicher Automatismus zu sein, den er sich im Laufe der Zeit angeeignet hatte. Genauso wie jemand eine neue Sprache erlernt, wenn er nicht mehr verstanden wird. Das, was den Teufel verunsicherte war, dass er sich selbst nicht mehr verstand.

In manchen Momenten kroch er auf dem Teppich umher und suchte dort im Kerzenschein nach den Resten seiner Tränen, so als erwarte er sie seien zu Kristallen geworden, doch er konnte nichts entdecken.

Seine Gedanken waren nicht mehr klar und strukturiert, waren wirr. Er stand am Fenster und schaute nach draußen. Er kam sich vor wie ein Künstler der sein Werk hasst, obwohl es das Beste war, dass er jemals vollbracht hatte. Irgendetwas fehlte, irgendetwas zerriss ihn innerlich. Beim Anblick der Dunkelheit, beim Anblick der Menschen und vor allem beim Anblick seiner eigenen Hülle im Spiegel. Er fuhr sich mit der Hand über die Wange, sie kam ihm eingefallen vor. Ausgemergelt wirkte er, erschöpft von seinem Dasein auf der Erde.

Einige Wochen saß er da und dachte nach. Bis er irgendwann bemerkte, was ihm fehlte.

Einschub 7

[Jonas: Bin ich eigentlich jemals geliebt wurden? Hat mich jemals irgendwer geliebt? Was sind das nur für Leute, die immer von Gefühlen schreiben? Ich kenne genug Frauen, die der Meinung sind, dass ihnen Romantik nichts bedeutet. Ich werde sie in Romantik ersticken, wenn es soweit ist. Es wird ihnen schon gefallen. Aber werden sie mich lieben? Werde ich sie lieben? Im Endeffekt geht es immer nur um das eine. Wir haben uns an die Dunkelheit gewöhnt, jetzt geht alles wieder seinen normalen Gang. Es geht ums Ficken und sich vermehren. Ich glaube das nennt man heitere Resignation. Es ist, als hätte die Sonne nie existiert. Sie ist zu einem Wort geworden, nicht mehr, genau wie die Liebe.]

Ein Graffiti an einer Häuserwand sagt: Sind wir nun Schatten, weil wir in die Dunkelheit flüchten, oder weil wir es nicht tun?]

Teil 8

Alexandra lag in Marios Armen, in seinem Bett, in der Wohnung, die Mario noch immer nicht verschanzen wollte. Er sagte, so lange sie bei ihm sei fürchte er sich nicht, egal was passieren sollte. Und sie fühlte sich bei ihm geborgen, seinen warmen Körper neben sich zu spüren genügte ihr an Sicherheit. Er schlief seit ein paar Stunden, den Arm um sie geschlungen, den sie immer wieder auf ihre Brust legte, wenn er sich bewegte, während sie an die Decke starrte und versuchte sich daran zu erinnern, wie schön das Leben gewesen war, bevor alles in Finsternis versunken war. Es kam nur selten vor, doch dann bereute sie es, ihr Leben nicht mehr genossen zu haben. So viele Dinge, die sie nie getan hatte, so viele Orte die sie nie gesehen hatte. Sie vermisste eine Erinnerung eines Sonneuntergangs über dem Ozean. Doch immer wenn ihr diese Gedanken kamen, schaute sie Mario an, strich ihm sanft über das Haar und war glücklich darüber, dass sie einander wohlmöglich nie getroffen hätten, wäre es alles anders gekommen.

Und als sie neben ihm lag, zuhörte wie sein Atem ganz regelmäßig ging, klopfte es an der Tür. Zaghaft, daher erschreckte sie nicht und hielt es auch nicht für notwendig Mario zu wecken. Vorsichtig schob sie seinen Arm beiseite und erhob sich.

Der Teufel hatte nicht lange suchen müssen, es war als könne er den Weg spüren, als wäre das die letzte Übersinnliche Gabe die noch in seinem Körper schlummerte. Er ging einfach los und wusste welcher Straße er folgen, an welcher Ecke er abbiegen musste. In den vergangenen Wochen hatte ihn eine grausame Ungewissheit geplagt, zu viele Fragen waren aufgekommen deren Lösung er herbei sehnte. Die Antwort könnte für seinen gesamten Kampf unerwartete folgen haben. So eilte er bei Minusgraden durch die dunklen Straßen, ohne das Ziel vor Augen zu haben, aber mit dem Wissen, dass er den richtigen Weg ging.

Er fand das Haus ohne Probleme, die Tür stand offen. Er trat in das Treppenhaus und stieg vorsichtig die Treppen hinauf. Vor einer Tür blieb er stehen, zögerte, begann zu schwitzen- den Schweiß hasste er am allermeisten. Er klopfte, zaghaft und hörte ein Geräusch von drinnen.

Alexandra war verwundert, als sie in das Gesicht des Teufels blickte, jedoch nicht so sehr, wie sie es eigentlich erwartet hätte. Sie standen sich in der Tür gegenüber, er sah ihr fest in die Augen. „Sie?“ konnte sie nur herausbringen. Natürlich erinnerte sie sich an den Mann, sie hatte noch oft an ihn gedacht, häufig mit Mario über ihn gesprochen. Etwas an der Art, wie er sie ansah, verwunderte sie. Er sah nicht aus wie jemand, der in ein fremdes Gesicht blickt, sondern wie jemand, der in einen Spiegel schaut und nicht das Bild erkennt, das er erwartet hatte.

Alexandra lächelte ihn an. „Geht es ihnen gut?“ fragte sie. Nicht in Anbetracht seines gegenwärtigen Zustandes, sondern viel mehr um sich zu erkundigen, wie es ihm nach ihrem ersten Zusammentreffen auf der Brücke ergangen war.

Doch der Mann machte kehrt, genauso abrupt wie er aufgetaucht war, wirkte als habe er eine Panikattacke und verschwand im Treppenhaus. Polternd eilte er die Stufen hinunter. Alexandra wollte ihm hinterher, doch schon als sie die erste Stufe betrat und im Treppenhaus hinunter sah wurde ihr klar, dass es hoffnungslos war.

Enttäuscht drehte sie sich um, Mario war durch den Lärm, den der Mann bei seinem raschen Aufbruch gemacht hatte, aufgewacht und zu ihr geeilt. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er. Sie nickte nur, schloss in die Arme und legte ihren Kopf an seine Brust, den Blick immer noch in die Finsternis des Treppenhauses gerichtet.

Keuchend gelangte der Teufel zu Hause an. Duschte, schrubbte sich mit einem Schwamm bis seine Haut rot war, so lange bis es brannte, dann zog er seinen Pyjama an, suchte nach seinen Zigarren, die er seit einer halben Ewigkeit nicht geraucht hatte, fand sie in einer Schublade seines Schreibtisches, zündete sie an, ließ sich rauchend in seinen Sessel fallen, entfachte kein Feuer im Kamin, sah auch nicht aus dem Fenster und fasste einen Entschluss.

Einschub 8

[Mario: Mir war grad so… seltsam. Alexandra: Mir auch. Aber schlaf weiter.]

[Ernst: Irgendwas scheint passiert zu sein.]

[Jessica: Ich glaube die Sonne scheint.]

Abspann

Du hast sie gefürchtet und dafür hast du sie gehasst – du hast sie nicht verstanden. Immer schon hast du unter ihnen gelebt ohne ein Teil von ihnen zu sein- ohne ein Teil von ihnen sein zu wollen. Du hast sie verachtet und verspottet. Du wolltest sie dir unterwerfen, wolltest, dass sie leiden; das schien dir das Richtige zu sein, die einzige Möglichkeit deinen Frieden zu finden. Deinen Feind zu besiegen und alle, auch du selbst dachten, dass du der Böse seiest.

Doch der Krieg den du geführt hast war keiner. Es war ein Krieg den nur du geführt hast, ein Krieg gegen keine Armee. Ein Krieg ohne Widerstand.

Immer hast du darauf gewartet, dass irgendetwas geschieht. Hast gewartet auf eine Gegenwehr, ohne zu wissen, wie diese aussieht.

Du hast gedacht, ein Fingerschnippen von dir könnte sie dir Untertan machen. Du hast beobachtet und hattest deine Freude daran sie zu Grunde gehen zu sehen. Du hast dich nach einer neuen Rasse gesehnt, wolltest dich somit deinem eigenen Schöpfer gleich machen. Du hast mit den Menschen experimentiert und dir hat es gefallen. Du mochtest es, zu sehen wie sie mit ihresgleichen experimentiert haben. Wie hilflos sie doch sind, hast du dir gedacht. Aber dann kam der Tag, an dem du selber zu einem von ihnen wurdest. Du hast begonnen du denken wie ein Mensch, wie sie zu fühlen. Du hast dich schwach dabei gefühlt, weil deine Gefühle dich irritiert haben. Nur durch deine Gefühle konntest du begreifen, was du der Welt gegeben hast. Als du in ihre Augen blicktest hast du es erkannt. Innerlich hast du es erahnt. Du hattest lange schon gewonnen. Dein Kampf war vorüber.

Wieso sollten sie noch weiter in der Dunkelheit leben die du ihnen gegeben hast? Wieso sollten sie noch weiter leiden, wenn es gar nicht das Leid war, aus dem sie entstehen sollten? Es war nicht die Dunkelheit die sie zu dir führte. Sie haben sich nicht durch sie verändert. Sie waren schon immer so wie sie sind. Sie waren Hüllen für einen unzufriedenen Geist. Nicht perfekt in ihrer Umsetzung. Du konntest sie nicht stärken, du konntest sie nicht verändern, du konntest sie nur verbessern. Manche sagten, das Gute läge nicht in dir, vielleicht haben sie sich geirrt. Vielleicht hast du dich selber darin geirrt. Vielleicht war es das, was dich in den Gefühlen die du entwickelt hast so erschüttert hat.

Und so ließt du deine Hülle zurück und kehrtest Heim. Und du gabst ihnen auch das Licht zurück als du erkannt hast, dass du es warst, der ihnen die Liebe brachte.

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4 Gedanken zu “Apokalypse #2

  1. Weil das geschriebene Wort eben von größerer Nachhaltigkeit ist, als das gesprochene:
    Du hast mir den Tag ruiniert!
    Etwas nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen ist blöd, etwas verstörendes nicht aus dem Kopf zu kriegen ist beängstigend, neidisch sein ist zum kotzen!
    Aber verdammt:
    ICH LIEBE DIESEN TEXT!!!!
    Um auch mal was negatives zu sagen: Nimm die verdammten Kinder raus! Auch mehrmaliges lesen konnte mich nicht überzeugen. Und Anna ist einfach zu dick aufgetragen. (Zeig mir die Frau die nach der Geburt aus der Klinik läuft)
    Ansonsten perfekt. Leider.

  2. Also, mal kurz und knapp ne kleine Review:

    Der Sprachstil, sowie sämtliche experimentelle Elemente in deiner Kurzgeschichte gefallen mir sehr gut. Ebenso die Wahl des Protagonisten. Thema und Aussage sind ebenfalls stimmig und nur selten gibt es Momente, wo du etwas den Bezug verlierst und dich deinen geliebten Kotz- und Gewaltergüssen hingibst – Das Badboy Image will gewahrt werden ;)

    Aaaber eine Sache stört mich dann doch etwas mehr. Ich kann die Wandlung des Teufels nicht ganz nachvollziehen. Auslöser, Wandlung und Ende sind zwar wohl durchdacht und doch lässt sie mich recht kalt. Vielleicht weil die Einführung im Vergleich zum Rest zu ausführlich ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Kurzgeschichte zuerst länger geplant war? Ich kann es nicht genau sagen.

    Ansonsten sehr interessant gestaltet, war mal was neues.

  3. „Der Dialog der Kinder, welcher häufig kritisiert wurde, ist verschwunden, der Einschub “Anna” wurde umgeschrieben.“

    das seh ich jetzt erst. find ich gut. hat sich das nörgeln ja gelohnt. :D

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