Das Versprechen

Vermutlich von „Die Reifeprüfung“ inspiriert- so ganz genau kann und mag ich das nichtmal mehr sagen. Vielleicht auch ein wenig von Schlinks Vorleser, vielleicht auf schlichtweg eine Fantasie, die jeder (heranwchsende) Mann einmal hegt. Die Geschichte ist 2004 entstanden. Auslöser war meine damalige Freundin, nachdem wir uns im Café gegenüber gesessen haben und uns an diesem Tag nicht wirklich viel zu sagen hatten.

Wir gehen frühstücken. Wir setzen uns in ein kleines Cafe am Stadtrand. Einmal in der Woche kommen wir hierher um uns anzuschweigen. wir nippen an unsrem Cappuchino, essen Croissants und schweigen. Wir genießen die Frühlingssonne, die auf uns herabscheint und betrachten die Menschen um uns herum.
Sie sieht bezaubernd aus, wenn sie mit ihren Haaren spielt, wie der Milchschaum auf ihrer Oberlippe glänzt, bevor sie diese mit ihrer Zungenspitze berührt. Wir haben uns auf etwas geeinigt. Wenn ich sie nicht nach der vergangenen Woche frage, würde sie mich nicht mehr fragen, warum ich sie andauernd anstarrte. Also schweigen wir. Das Schweigen ist auch ein Weg der Kommunikation sagt man, nicht der beste, aber es kann durchaus funktionieren. Und es würde funktionieren, da bin ich mir sicher, wenn sie mir nur einmal in die Augen schauen würde- aber das tut sie nicht. Sie sitzt ganz still da und starrt leer in die Gegend. Sie raucht hin und wieder einer Zigarette und wirkt sehr traurig. Jedes Mal wenn ich sie in der Frühlingssonne betrachte öffne ich leicht den Mund und möchte ihr eine Frage stellen, aber immer wieder fällt mir unsere Abmachung ein, so bleiben meine Worte in meinem Hals stecken und ich gebe nur ein leises Glucksen von mir. Warum bist du so traurig? Wie geht es dir? Warum weinst du still in dich hinein?
Das sind Dinge, von denen ich weiß, dass sie sie mir niemals beantworten wird, weil sie es nicht will. Wenn sie für den Bruchteil einer Sekunde zu mir herüber schaut, bemerkt sie die Fragen in meinem Gesicht und verbirgt ihre Augen hinter ihrer Sonnenbrille.
Es können Stunden vergehen, die wir nur dasitzen und uns anschweigen. Die Leute um uns herum müssen denken wir hätten uns nicht viel zu sagen, aber dem ist nicht so. Wie gerne würde ich mit ihr über alles reden, wie gerne würde ich ihr sagen wieviel sie mir bedeutet, aber ich weiß auch, dass ihr meine Worte ignorieren würde, wie sie es auch früher getan hatte, deswegen hatten wir den Pakt geschlossen. Sie hatte gesagt, sie stören meine Liebesbekundungen, davon wolle sie nichts wissen, die Liebe existiere nur in unseren Gedanken, sie sei nichts, auf das man sich verlassen könne, sei nur Illusion, sei Selbstmitleid. Wer sich nicht selber lieben konnte, der liebte eben einen anderen. Und es störte sie, wenn ich sie fragemd anstarrte, sagte es sei nicht wichtig, was sie täte, wenn wir uns nicht sahen, es zähle nur das, was sie tat, wenn wir uns sahen. Aber meine Blicke schienen sie weniger zu stören als meine Fragen und so hatten wir diese Abmachung getroffen- eine Abmachung, die uns zum schweigen verdammte.
Hin und wieder hatte ich das Gefühl, sie wolle mir etwas sagen, aber auch sie verstummte noch im Ansatz, genau wie ich. Wir blieben unserem Versprechen treu, vielleicht war das der einzige Weg, durch den ich ihr meine Liebe zeigen konnte.
Nach dem Frühstück fahren wir in den Wald und lieben uns unter einer großen Eiche. Sie hatte diesen Platz ausgewählt, sie sagte er sähe aus, wie die Kulisse eines alten Films- das war bevor wir uns entschlossen hatten zu schweigen. Sie hatte viele schöne Dinge gesagt, wenn wir zusammen waren, ich erinnere mich noch an jedes Wort. An dem Tag, an dem wir uns zum Schweigen verdammten hatten wir uns auch unter der Eiche geliebt, sie hatte ihren Kopf auf meine Brust gelegt und ich strich ihr durch das Haar. Sie sagte noch, sie fühle sich wohl bei mir, es sei schön, und dann entscheid sie sich zu schweigen, als ich sie fragte warum sie weine.
Auch an diesem Tag liegt sie in gleicher Pose, wie immer, bei mir und ich genieße es sie in meiner Nähe zu spüren. Ich zähle die Schäfchenwolken am Himmel und erbaue mir irgendwo eine Welt, in der ich mit ihr zusammen leben kann, meine Gedanken tragen mich weitab von dem hier und jetzt, ich nehme nichts wahr, außer ihren Körper an meinem.
Wie üblich richtet sie sich auf und zeigt mir, dass ich sie noch einmal lieben soll. Sie lächelt mich dabei durch ihre Haare an, die ihr in wirren Strähnen ins Gesicht hängen, streicht mir über den Bauch und haucht mir einen Kuss auf die Wange. Und ich liebe sie, wie ich es immer tue, anschließend setzt sie mich am Bahnhof ab, nickt mir einmal kurz zu und fährt dann nach Hause zu ihrem Mann.
Ich bleibe wie immer noch eine Weile an der Strasse stehen und sehe ihr nach, wie der Wagen um die nächste Ecke biegt, male mir aus, wie ich das Schweigen brechen könnte, wie ich sie dazu bringen könnte, sich mir zu öffnen, aber weiß genau, dass ich mein Schweigen behalten werde- weil ich sie liebe, weil ich ihr treu sein werde.

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