Der Mann, der kam um ein Pferd zu kaufen und mit einem Paar Krücken ging

Ein wenig seltsam fühlte er sich schon, als er die Straße zu ihrem Haus überquerte, lange war er nicht mehr dort gewesen und was ihn heute wieder hier her führte war viel mehr ein Verlangen, als ein tieferes Bestreben.

Seit geraumer Zeit schlief er nicht mehr besonders gut und so kam es nicht all zu selten vor, dass sich seine Realität in einem Nebel aus Halluzinationen und Entfremdung verlor. So auch jetzt, als er den Asphalt in Mondschein silbern schimmern sah und befürchtete einfach zu verschwinden. Sich aufzulösen, so als hätte er nie existiert.

Er verscheuchte den Gedanken, so gut es geht und blieb einen Augenblick lang vor der Tür stehen, atmete tief durch und flitschte die Zigarette auf den Bürgersteig, dann drückte er den Klingelknopf. Die Haustür öffnete sich mit einem lauten Summen und als er ins Treppenhaus trat ging sogleich das Licht an. Sein Blick fiel aus das Treppengeländer von dem die Farbe abblätterte, schon damals hatte er einen neuen Anstrich für mehr als notwendig gehalten, jetzt jedoch sah es noch schäbiger aus. Er folgte dessen Verlauf bis in die nächste Etage. Er wusste, dass sie da oben bei offener Tür stand, an den Türrahmen gelehnt, so wie sie es immer getan hatte.

Mühselig erklomm er die Stufen. Seit die Sache mit seinem Knie schlimmer geworden war, fiel ihm selbst der Weg in den ersten Stock immer schwerer. Schnaufend machte er auf dem Absatz eine Pause und schaute nach oben. Dort stand sie, wie erhofft, und lächelte ihn an. Sie war etwas älter geworden, doch sah man dies nur an ihren Augen. So viel Güte stach aus diesem tiefen Grün hervor, wie er es selten erlebt hatte. Ein wenig beschämt blickte er auf sein Knie, sie wusste davon und nickte nur. So viel Güte.

Auf einmal war ihm wieder alles so vertraut, als wäre er nur einige Stunden fort gewesen, dabei mussten es Jahre gewesen sein. Jahre die er hauptsächlich mit sich, ohne besonders viel zu tun, verbracht hatte.

Zaghaft umarten sie sich, als er vor ihr stand, sie roch gut, wie immer. Sie führte ihn in die Wohnung, nichts hatte sie verändert, sogar das Bild von ihnen beiden Stand noch am selben Platz wie früher.

Da sie keine andere Sitzgelegenheit besaß nahm er auf dem Bett platz während sie in der Küche verschwand. Mit einem großen Glas frischer Milch in der Hand kehrte sie zurück und stellte es vor ihn auf den Tisch. Früher hatte er immer Milch getrunken, wenn er bei ihr war. Doch dann hatten sie eine Laktoseintoleranz bei ihm festgestellt und er war dazu übergegangen in Gesellschaft stets ein Glas Wein zu trinken. So vieles hatte sich verändert. Um ihr nicht vor den Kopf zu stoßen sagte er nichts, betrachtete das Glas und tat so, als habe er keinen Durst, dabei war seine Kehle ganz trocken.

Sie setzte sich neben ihn und legte ihm ihre Hand auf das Knie. Die Wärme linderte die Schmerzen. „Wie geht es dir?“ fragte sie. Sie fragte nicht, wo er so lange gewesen war, fragte nicht, was ihn dazu veranlasste unangekündigt bei ihr aufzukreuzen. Sie fragte das, was ihn seit einer halben Ewigkeit niemand mehr gefragt hatte und weswegen ihn nun plötzlich eine innere Wärme durchfuhr, die ihn wirklich vermuten ließ glücklich zu sein. Die Frage brachte ihn dazu in sich hinein zu schauen und sich wirklich damit zu befassen, wie es ihm ging. Er war sich nicht sicher, was er antworten sollte. Und die meisten Leute erwarten einfach, dass man sagt, es ginge einem gut. Daher nickte er nur, was sie zufrieden zu stimmen schien. Sie streichelte sanft über sein schlimmes Knie, sie hatte es immer „schlimmes Knie“ genannt, wenn er zu ihr kam, sich über die Schmerzen aufregte, darüber, dass er sich wie ein Krüppel vorkam, der nicht einmal mehr Treppen steigen konnte. Es war kein Mitleid, das sie mit ihm hatte. Für sie war es genauso schrecklich Mitleid mit jemandem zu haben, wie für ihn, Mitleid zu empfangen- viel mehr gab sie ihm Geborgenheit. Bei ihr fühlte er sich sicher, warm. Allmählich kam dieses Gefühl zurück. Er war sich nicht sicher, ob sie beide Freunde waren. Vermutlich war sie eine so gute Freundin für ihn, wie er es für 50 Euro erwarten konnte, doch sie hörte ihm zu, war für ihn da und er fühlte sich wohl bei ihr. Und das genügte ihm. Hatte ihm schon immer genügt. Die ganze Welt lügt, warum sollte man nicht auch für Freundschaft bezahlen?

„Musste eine Weile raus hier“, sagte er dann. „Einfach mal weg.“

Sie hielt inne. „Ich weiß“, sagte sie und hauchte ihm einen Kuss in den Nacken. Ihm war, als müsse er sich für etwas rechtfertigen, sich entschuldigen- doch nicht einmal das erwartete sie von ihm. Sie erwartete gar nichts von ihm und das machte sie in seinen Augen so besonders. Sie war eine dieser Frauen, die es einfach tolerierten, es hinnahmen, die Dinge so akzeptierten wie sie waren. Und wenn es mal schlecht lief, setzte sie sich nicht in eine dunkle Ecke und leckte ihre Wunden, sondern versuchte das Beste daraus zu machen. Nicht ohne darüber erbost zu sein, doch in dem Wissen, dass sein Handeln nicht gegen sie gerichtet war. Seine Beziehung zu ihr war unkompliziert. Er kam, wann er wollte und ging, wenn er es für richtig hielt. Sicher hatte er Beziehungen zu anderen Frauen gehabt, Frauen die er nicht bezahlen musste, doch sie hatten ihn nie verstanden. Sie erwarteten zu viel. Erwartungen, die er unmöglich erfüllen konnte. Hin und wieder gab er sich mühe, versuchte ihnen alles recht zu machen, doch dann erwarteten sie mehr oder wieder anderes als das, was er gab. Es scheiterte immer an den Erwartungen. Er war an sich selbst gescheitert, in der Hoffnung die Erwartungen erfüllen zu wollen. Als ihm das klar wurde, hatte er sie das erste Mal besucht. Manchmal hatte er das Gefühl gar nicht reden zu müssen, so als würde sie von dem Moment in dem er ihre Wohnung betrat wissen, was vorgefallen war, wie er sich fühlte.

Ein Mal nur gab es einen Streit zwischen ihnen. Das war, als einer seiner Freunde bei ihr aufkreuzte, weil er sie ihm empfohlen hatte. Zwei Stunden lang hatte sie ihn daraufhin zurecht gewiesen, sie sei keine Prostituierte, er solle niemanden jemals wieder zu ihr schicken. Er hatte sich nie dafür entschuldigt, hatte es sich angehört und verstanden und anschließend hatten sie miteinander geschlafen. Damit war die Sache für sie beide erledigt. Er erzählte niemandem mehr etwas von ihr und er musste sie nicht mehr stundenweise bezahlen, konnte so lange bleiben wie er wollte.

Jetzt blickte sie ihn fragend an. Ohne, dass er es bemerkt hatte, hatte sie seine Hose geöffnet, und kniete vor ihm auf dem Boden, doch es regte sich nichts. Er war wohl zu sehr in seinen Gedanken verloren gewesen.

Seine Arme lagen leblos neben ihm. Er schaute aus dem Fenster, fühlte sich immer unwohl, wenn sie ihn so ansah, so als würde sie ihn lesen, wie ein Buch. Als sie sich daraufhin wieder neben ihn setze und ihn in den Arm nahm, fühlte er sich urplötzlich den Tränen nahe. Dabei hatte er seit Jahrzehnten nicht mehr geweint, hatte schon vermutet, gar nicht mehr dazu in der Lage zu sein. Wenn Menschen Selbstmord begehen, schoss es ihm unvermittelt in den Sinn, Lachen oder Weinen sie dabei?

Sie kraulte seinen Nacken. So viel Güte war nicht gut für ihn, zu fremd war dieses Gefühl. Es war als würde er innerlich zerreißen, vor so viel Schönheit, die er fühlte. Sie konnte ihn mit ihrer Güte zerstören, wenn sie wollte. Würde er wie Phönix, aus seiner eigenen Asche empor steigen, als neuer Mensch vielleicht sogar?

Als er sie dann ansah hatte er das Bedürfnis mit ihr zu sprechen, ihr alles zu sagen, was ihn belastete, auch wenn sie es wohlmöglich schon wusste, er wollte es aussprechen. Doch hatte er Angst damit alles zu zerstören. Dem Moment zu viel an Bedeutung einzugestehen, so das alles was bis hier her war verschwinden würde. Würde sie ihn abweisen, er wäre verloren.

Doch sie las wieder in ihm, konnte förmlich spüren, wie ihre Blicke in seine Seele drangen. Sie lächelte. In diesem Augenblick war er sich sicher, dass auch sie ihn liebte. Das das Bild nur aus dem Grund dort stand, wo es immer gestanden hatte. Weil sie ihn schon immer geliebt hatte. Er fragte sich, ob seine Anwesenheit ihr gleichviel bedeutete, wie ihm die ihrige. Ob sie beide eine Zukunft hätten? Würden dann nicht die Erwartungen wieder aufkeimen, wenn man etwas veränderte? Weil man mehr geben wolle als das, was man schon immer gehabt hatte, nur weil man sich von nun an einem ganz anderen Ausgangspunkt befand.

Er sah wie ihre Unterlippe bebte, so als wolle sie ihm etwas wichtiges Sagen, aber würde die richtigen Worte einfach nicht finden. Er senkte seinen Blick und zog seine Hose wieder an. Dann wandte er sich zum Gehen. Es gab keine Zukunft. Es würde alles erschweren.

Sie drehte ihren Kopf zur Seite und fragte nur: „Warum?“

Er musste unwillkürlich lächeln und war sich nicht sicher, was er antworten sollte: „Weißt du“, sagte er dann. „Ich führe ein ziemlich trostloses Leben.“

Mit diesen Worten verließ er sie. Er war sich sicher, dass er es noch für lange Zeit bereuen würde, dass er sich selbst verfluchen und vielleicht sogar dafür hassen würde, aber in dem festen Glauben daran das Richtige getan zu haben. Er war nicht dazu bestimmt zu lieben, auf Ewig vermutlich sogar. Es war einfach nicht sein Schicksal. Das Glück, die Vollkommenheit, war für andere vorgesehen.

Er kehrte nie wieder zu ihr zurück.

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