Höhle des Schreckens

Diese Kurzgeschichte ist entstanden, nachdem ich neulich eine ganze Menge Lovecraft gelesen habe. Ich habe versucht seinen Stil ein wenig zu hommagieren. Daher ist diese Geschichte als kleine Fingerübung zu verstehen- auch um mal wieder etwas zu schreiben. Der Plot ist bewusst trashig, daher auch der sehr platte Titel- mir war einfach danach. Die Geschichte ist ein wenig länger geworden, als ich es eigentlich vorhatte und liest sich mit knapp 5000 Worten nicht mal so ganz locker runter-  daher habe ich besonders den zweiten Teil versucht ein wenig zu straffen, weswegen mir selber bewusst ist, dass ein wenig Atmosphäre verloren geht. Ich hoffe, sie kann dennoch unterhalten.


1. Der Deutsche

Im Februar 1945 verließ mein Großvater Ostpreußen. Man kann nicht sagen, dass er zu den Vertriebenen gehörte, doch auch ging er nicht freiwillig. Bei sich trug er nichts außer der Kleidung, die er am Leibe trug und einen alten Goldring, der in einem kleinen Beutel aus Ziegenleder in der Brusttasche seines Hemdes steckte und den er zwei Jahre zuvor der Leiche eines deutschen Soldaten entwendet hatte. Der Soldat war noch nicht tot, als mein Großvater ihm begegnet war, dennoch war er auch nicht sein Mörder. Was sich in der Nacht ereignet hatte als der Soldat starb wird wohl auf Ewig in den Nebeln der Vergangenheit verborgen bleiben, aber darum soll es hier nicht gehen.

Mein Großvater traf den Soldaten, einen Boten, auf seinem Weg tiefer in den Osten. Schnee bedeckte sämtliche Landstriche und der Winter legte seine eisige Hand über die gesamte Region. Am späten Abend erreichte der Soldat, ausgezerrt und erschöpft das Dorf in dem mein Großvater lebte. Er schleppte ich sich in ein kleines Lokal, ließ sich in einer der hinteren Ecken auf einem Stuhl nieder und bestellte mit zittriger Stimme einen Tee und etwas zu essen. Niemand der ihn gesehen hat weiß woher er kam und warum er zu Fuß unterwegs war, doch lag in seinen Augen ein Schimmern von einem seltenen Grün. Ein Grün, dass die Anwesenden veranlasste ihn anzustarren, als sei er ein wildes Tier. Der Soldat zog seine Stiefel aus und stellte sie an den Kamin, wobei er durch das ganze Lokal schreiten musste. Und unter den Blicken der Einheimischen, darunter auch mein Großvater, verharrte er dort, zündete sich eine Zigarette an und begann ein leises Gebet zu sprechen. Es war als würde er die Blicke gar nicht bemerken. Als er sein Gebet beendet hatte kehrte er an seinen Platz zurück und ließ sich einen Eintopf servieren. Er hielt das Brot, das dazu gereicht wurde, in seiner von Kälte zerfressenen Hand und kauerte über der dampfenden Schüssel wie ein ausgehungerter Wolf, der gerade einen Hasen gerissen hatte.

Mein Großvater berichtet in seinen Aufzeichnungen von einer ungewöhnlichen Stille die über dem ganzen Dorf lag, als er das Lokal verließ, und damit auch den deutschen Soldaten, der für diese Geschichte eine so bedeutende Rolle spielen soll.

Mein Großvater pflegte vor dem zu Bett gehen noch ein Glas mit frischer Milch zu trinken, während er im Dunkeln am Küchentisch saß. Selbstverständlich tat er es auch in dieser Nacht und mit den Gedanken an den Deutschen stellte er das leere Glas beiseite, als er ein leises Klopfen an der Tür vernahm. Mein Großvater lauschte einige Augenblicke, doch bis auf den eisigen Wind, der durch die Ritzen der schlecht abgedichteten Fenster fuhr, konnte er nichts vernehmen. Von unnachgiebiger Neugier getrieben, ging mein Großvater dem Geräusch dennoch nach. Vorsichtig griff er nach seiner Axt, die stets neben der Eingangstür lehnte und umfasste vorsichtig den Knauf. Als sich die Tür mit einem zaghaften Quietschen öffnete und mein Großvater durch den Spalt in die Nacht hinaus spähte, konnte er nichts erkennen außer Dunkelheit. Der Schnee leuchtete sanft im Mondschein und wurde vom Wind herum getrieben, doch sonst war nichts, kein Mensch oder Tier, zu sehen. In der Annahme einer Täuschung erlegen zu sein, wollte er die Tür sogleich wieder schließen, denn der Ofen war bereits erloschen und die Kälte drohte das gesamte Haus mit ihrer Anwesenheit zu erschüttern, schlug etwas sanft auf seinen Fuß. Mein Großvater erschrak und wollte schon mit der Axt ausholen um dem unbekannten Angreifer mit einem gezielten Hieb den Garaus zu machen, als er in der Finsternis ein sonderbares Funkeln erkannte. Schemenhaft konnte mein Großvater erkennen, dass es sich um einen goldenen Ring handelte. Als er in die Hocke ging um diesen genauer zu untersuchen, bemerkte er, dass der Ring in einer leicht geöffneten Hand lag. Sogleich bemühte mein Großvater die kleine Petroliumlampe, die auf dem Küchentisch stand. Und als er die Haustür wieder öffnete und mit der Lampe nach draußen leuchtete, erkannte er, auf dem Boden liegend und bereits ganz und gar mit Schnee bedeckt, den deutschen Soldaten dort ohnmächtig liegen. Mein Großvater entnahm den Ring der Hand des Soldaten und legte diesen, für den Deutschen scheinbar so kostbaren Besitz, behutsam auf den Küchentisch, bevor er den Ohnmächtigen in die Küche zog und die Tür wieder schloss.

Durch den Lärm geweckt betrat in diesem Augenblick meine Großmutter in ihrem Nachtjäckchen die Küche und blickte verwundert auf die Szenerie, die sich ihr dort bot.

Mein Großvater erläuterte ihr, so weit er es vermochte, die Umstände, die zu diesem seltsamen Aufeinandertreffen geführt hatten, worauf hin sie sogleich eine Kanne Tee aufsetzte, in der Annahme, die Kräfte des Soldaten hätten aufgrund der Kälte versagt.

Als man ihm eine warme Decke um den Körper legte, erwachte der Deutsche aus seinem Delirium. Sichtlich verwirrt, konnte er jedoch nichts anderes tun, als sich immer wieder nach seinem Ring zu erkundigen. Mein Großvater erklärte ihm, dass er sich in Sicherheit befinde und der Ring nur wenige Meter von ihm entfernt auf dem Küchentisch liege. Meine Großmutter half dem Soldaten einige Schlucke des Tees zu trinken, den sie extra für ihn aufgebrüht hatte, doch der Soldat sah sehr erschöpft aus und schaffte es nicht, die Tasse zu leeren, bevor er starb. Er starb in den Armen meines Großvaters, der seinen Oberkörper stützte, während meine Großmutter versuchte ihn zum Trinken zu animieren. Der Deutsche fragte noch ein Mal nach dem Ring auf dem Küchentisch und vergewisserte sich, dass mein Großvater gut auf ihn Acht geben würde, ihn behüten würde ein Kind. Mein Großvater, davon ausgehend, dass der Soldat durch seinen körperlichen Zustand noch verwirrt war, versprach dem Soldaten alles, worum er bat. Dann schloss er die Augen und schien selig dahin zu schlafen, ein gnädiges Lächeln auf dem Gesicht.

Was sie mit der Leiche anstellten, was in den darauf folgenden Jahren geschah, dass weiß ich nicht. Man hat es mir nie erzählt und auch die Nachforschungen, die ich bezüglich meines Großvaters anstellte, geben keinen Aufschluss darüber.

Ich weiß nur, dass mein Großvater Ost- Preußen nicht als Flüchtling verließ, sondern aus freien Stücken nach Afrika aufbrach, während meine Großmutter hochschwanger und alleine nach Westdeutschland flüchtete.

2. Afrika

In Afrika durchquerte mein Großvater die gesamte Nordküste, bis er schließlich in Ägypten auf das gestoßen sein muss, was er sich zu finden erhofft hatte. Es muss im Jahre 1947 oder 1948 gewesen sein, die Quellen sind sich dort nicht ganz einig, als mein Vater dort einem österreichischen Anthropologen begegnete. In seinen fragmentarischen Aufzeichnungen ist nur wenig dokumentiert, wonach genau er gesucht hatte und auf was er gestoßen war. Hauptsächlich sind es Zeichnungen, die wie von Kinderhand gemalt aussehen und eventuell Menschen darstellen denen er begegnet war, oder Hieroglyphen sein könnten, die mein Großvater in größter Dunkelheit und Eile gezeichnet hat.

Als man ihn jedoch fand, trug er bei sich ein Bündel Briefe an meine Großmutter, die er nie abgeschickt hatte, da er ihren Aufenthaltsort nicht kannte. Es hat mich eine Weile gekostet Ordnung in die Briefe zu bringen. Sie sind nicht Datiert und so so war es reichlich schwer, die Reiseroute meines Großvaters zu bestimmen, zumal diese kein festes Ziel besaß und wohlmöglich Kreuz und Quer durch die Regionen führte. Neben Beteuerungen, wie sehr es ihn schmerzte, meine Großmutter in ihrem Zustand ihrem Schicksal überlassen zu haben, und wie sehr er sich erhoffte, sie und das Kind (mein Vater) seien wohlauf und in Sicherheit, erwähnte er auch, dass seine Reise dem erhofften Ziel entgegen gehen würde. Dass es noch ein wenig Zeit erforderte, dass er jedoch diesen Österreicher kennen gelernt habe und dieser ihm eine sehr große Hilfe sei.

„Er ist ein Mann mit bedeutender Kenntnis der Kulturen dieser Erde. (…) Ich denke, er wird mir eine große Hilfe sein. Obgleich mich sein strenger Blick hin und wieder abschreckt und mein Mißtrauen anregt, ist er ein hervorragender Reiseführer. Er scheint auch die Einheimischen sehr gut zu kennen und hat mich schon einige Male davor bewahrt, ihren Zorn auf mich zu ziehen.“

Der Österreicher und mein Großvater durchreisten gemeinsam nahezu fast ganz Ägypten, auf der Suche nach irgendetwas, dass mein Großvater sich wohl selbst niemals ausmalen konnte, oder auch nur wagte beim Namen zu nennen.

„Wenn meine leidliche Suche ein Ende haben wird und wir zwei wieder vereint sein werden, hoffentlich in einem von Frieden beseelten Deutschland, so wie wir uns es immer erhofften. (…) Wie Sysiphus fühle ich mich schon beinahe auf der Suche nach dem , was mich umhertreibt, ziellos, sinnlos- und wie sehr ich doch eigentlich wünschte mein Kind heranwachsen zu sehen, ihm ein guter Vater zu sein. (…) Und doch kann ich nicht davon ablassen. Manchmal träume ich davon und sehe Dinge, die mich an der Gesundheit meines Geistes zweifeln lassen. Ich fühle mich, als wäre ich verzaubert von dem, was der Deutsche mir damals überlassen hat.“

Aus seinen Aufzeichungen, den Briefen an meine Großmutter, sowie meinen eigenen Forschungen, kann ich nur mutmaßen und nicht mit absoluter Gewissheit sagen wo die Suche wirklich geendet hat, doch bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich dabei um die Nekropole von Gizeh handeln muss, zur Zeit der Abu- Bakr- Grabung im Jahr 1949. In seinen Briefen erwähnt mein Großvater Männer „die ihre Spaten und Hacken in den Sand treiben und gar nicht wissen, was sie da an die Oberfläche bringen“. Weiter schildert er, wie er und der Österreicher immer bis in die tiefste Nacht warten mussten bevor sie die Grabungsstätte heimlich betreten konnten.

Im dem letzten Brief an meine Großmutter schreibt er:

„Wir sind nun so nah am Ziel, dass ich mich entscheiden muß, ob ich meinem österreichischen Begleiter, der nunmehr wie ein Freund, gar wie ein Bruder für mich geworden ist, die Wahrheit offenbare, wonach ich suche, oder ob ich mich ihm entledige und die letzten Meter meiner Odyssee alleine beschreiten sollte. Denn mich beschleicht die Angst. Einerseits vor dem Alleinsein, andererseits diese Bürde, die mir der Deutsche auferlegt hat, mit ihm zu teilen. Ich denke, ich weiß nun warum er lächelte, in der Nacht in der er von uns ging. Er lächelte weil dieser Fluch, des Wissen wollens und doch niemals wissenkönnens, nun endgültig von ihm gewichen wahr. Oh, wie verfluche ich mich selbst in diese Regionen vorgedrungen zu sein, ohne zu wissen, was ich tue. Wie verfluche ich mich, nun vor dieser Entscheidung zu stehen, einen Bruder zu verraten. Und auch, wenn ich hin und wieder bereits Vermutungen hegte, mein Begleiter wisse bereits, was ich im Schilde führe, wisse um die Bedeutung des Ringes, vielleicht sogar viel mehr als ich erahnen kann, erschaudere ich bei dem Gedanken, mich ihm anzuvertrauen. Manchmal denke ich, mein Freund ist ein Schakal. Als habe er mich durch das ganze Land geführt um meinen Körper müde zu machen, als habe er das Ziel von Anfang an gekannt. Hinter seinen Augen liegt etwas Verschlagenes und sein Gesicht kann man nicht erkennen, da er einen Vollbart trägt. Dennoch erinnert er mich an jemanden, der mich einmal beschützt hat, so vermute ich zumindest. Und daher denke ich, dass diese beschwerliche Reise meine Sinne getrübt hat, mich Paranoid gemacht hat. Er ist doch mein Freund.“

Weiter hat mein Großvater nichts geschrieben. Auch aus seinen persönlichen Notizen kann ich nichts finden, dass einen Aufschluss darüber gibt, was dann passiert ist.

Ebenso ist mir immer noch ein Rätsel, wieso sein Leichnam in Peru gefunden wurde. In keinem Brief ist auch nur andeutungsweise eine Verlängerung der Reise erwähnt, noch finden sich in seinen Aufzeichnungen Hinweise auf Südamerika. Alles was ich weiß ist, dass seine Leiche samt Reisepass in einem Dorf nahe des Machu Picchu aufgefunden wurde. Der Kopf war schwer entstellt. Offensichtlich ist er erschlagen wurden. Mehr hat auch meine Großmutter nie über ihn berichtet.

3. Der Ring

Ich bin ähnlich zufällig wie mein Großvater in den Besitz des Ringes gekommen. Damals habe ich Archäologie studiert, ein Abschnitt in meinem Leben, den ich in naher Zukunft selber beenden sollte. Zu der Zeit nahm ich an einer Exkursion nach Lybien teil, die das Institut freundlicherweise für uns Studenten angeboten hatte, und da lag er vor mir. Wie aus dem Nichts entdeckte ich den Ring dort im Sand und als wäre ich nicht mehr ganz Herr meine Sinne berichtete ich niemandem von meinem Fund und steckte ihn einfach ein. Ich kannte die Geschichte meines Großvaters, meine Großmutter hatte sie häufig erzählt. Es war die Geschichte ihres Lebens, eines tragischen Lebens mit nie enden wollender Liebe bis zu ihrem Tod. Es war eine Geschichte voller Verzweiflung und Aufopferung. Es war die Geschichte unserer Familie und es sollte auch meine Geschichte werden.

Als ich wieder in Deutschland war, begann ich damit im Nachlass meiner Großmutter nach den Briefen meines Großvaters zu stöbern. Ich hatte nicht damit gerechnet Aufschlüsse darüber zu finden, dass der Ring, den ich entdeckt hatte, wirklich der Ring meines Großvaters war, noch glaubte ich daran, dass es auf der Welt einen solchen Zufall geben konnte. Mein Großvater hatte den Ring in seinen Briefen und Notizen niemals in aller Genauigkeit beschrieben, hatte nichts von den Verzierungen oder Runen erwähnt, die sich auf seiner Innenseite befinden, weswegen ich auch nach Abschluss meiner Recherchen nicht sagen kann, dass es sich dabei um seinen Ring handelte. Dennoch erweckte der Besitz dieses Ringes, ein so tiefes und intensives Gefühl in mir, wie ich es kaum beschreiben kann. Es war der Drang weiter zu forschen und auf der Fährte meines Großvaters zu wandern.

Ich kann weder beweisen noch erklären, dass der Ring, den ich nun in meiner Hand halte wirklich der Ring meines Großvaters ist, dennoch spüre ich nahezu,dass er es ist. Dieser eine Ring, der vielleicht für das Unglück meiner Familie verantwortlich ist.

Ich plane diese Reise nun schon lange, habe dafür gespart, große Opfer gebracht. Zuerst wollte ich noch nach Ägypten reisen um dort an den Orten zu forschen, an denen auch mein Großvater gesucht hatte und sich so nah an einem unbekannten Ziel vermutete. Doch eine innere Stimme sagt mir, dass ich woanders beginnen sollte. Der Fundort der Leiche meines Großvaters ist in all seinen Aufzeichnungen noch das größte Rätsel. Was war geschehen, dass er aufhörte Notizen über das zu machen, was er entdeckt hatte? Wie war er nach Peru gelangt? Und vorallem: Warum?

Ich schreibe dir das, weil mein Flieger in drei Stunden geht. Ich erwarte nicht, dass du tolerierst, was ich tue, ich möchte nur, dass du mich verstehst. Und glaube nicht, dass es Egoismus ist, dass ich dich verlassen muss, dass ich dich im Stich lasse, wie du gesagt hast.

Es gibt Momente im Leben in denen man eine Entscheidung treffen muss, ob man geht oder verweilt. Ich bin des ewigen Verweilens müde, auch wenn es nicht das Abenteuer ist, das ich suche. Ich suche Antworten auf die Fragen, die meine Großmutter bis zu ihrem Tod begleitet haben. Vielleicht bin ich es ihr schuldig. Vielleicht bin ich es meinem Vater schuldig, dem ich immer schon angesehen habe, dass ihn diese Frage mehr gequält hat als alles andere. Wenn er mich im Arm hielt, als ich noch ein kleiner Junge war und mir leise Mut zu sprach, hörte ich in seiner Stimme immer den Unterton, wie gerne auch er von seinem Vater gehalten worden wäre, der ihm gesagt hätte: „Gib niemals auf!“ Wie du weißt, hat er mich und meine Mutter verlassen als ich 10 Jahre alt war, doch bis heute glaube ich, dass er selber nicht der Vater sein konnte, der er gerne gewesen wäre, weil sein Vater niemals da gewesen war. Sein Vater war ein Mythos. Der Mann der einfach verschwand und unserer Familie nichts als Rätsel hinterlassen hatte.

Glaube mir, ich habe lange darüber nachgedacht und nichts läge mir ferner, als dich zu verletzen, doch muss ich gehen. Ich hoffe, dass ich in der Lage sein werde, dir bessere Notizen zu hinterlassen, als ich sie hatte, sollte ich nicht zurück kehren. Ich hoffe, dass du mich eines Tages verstehen wirst.

Viele Grüße,

X.

4. Im Reich der Toten

17. März

Bin mit einiger Verspätung gelandet, weswegen ich mir einen Platz zum übernachten suchen muss, bevor ich nach Cusco aufbreche.

18.März

Der Weg nach Cusco ist lang und beschwerlich. Mangels Busverbindung musste ich Trampen. Einige Bauern haben mich mitgenommen. Es ist später Abend, als ich die Stadt erreiche. Man erzählt sich, dass hier vor vielen tausend Jahren die ersten Menschen gelebt hätten.

Ich kann bei einer armen Familie im Haus schlafen. Der Mann hat angeboten mich morgen zum Callejón de Siete zu bringen.

22. März

Habe mittlerweile viele Inka- Ruinen betrachtet, aber keine Hinweise auf Zusammenhänge mit dem Ring finden können. Überall zu viele Touristen. Ein Einheimischer fragte mich in einer Bar nach dem Grund meines Aufenthalts aus. Ich zeigte ihm den Ring, der er ausgiebig betrachtete und meinte, die Symbole kämen ihm sehr vertraut vor. Er war sich nicht sicher wo. Ich werde meine Suche im Regenwald fortsetzen.

27.März

Bin nach Iquitos gefahren und von dort aus in den Regenwald. Mano, wird mein Führer sein. Er ist erst 24, doch in der Gegend aufgewachsen. Er behauptet er kennt die Region sehr gut.

28. März

Beschwerlicher Weg abseits der Touristengruppen, wir gelangen immer tiefer in den Dschungel. Ich habe Blasen an den Füßen, die Mano mir mit Schlamm und irgendwelchen Blättern verarztet. Ich frage nicht genauer nach, er wird schon wissen was er tut.

29. März

Sind heute lange gewandert und haben einen Berg erstiegen. Ich war vollkommen erschöpft, doch als ich von hier oben ins Tal hinunter blickte, das von Nebel bedeckt, unsichtbar zu unseren Füßen lag, fühlte ich mich zum ersten Mal für die Strapazen belohnt, die ich auf mich genommen hatte. Hier oben zu stehen und sich so nah mit der Welt verbunden zu fühlen, in all ihrer Einsamkeit, hat etwas erhabenes, das dem Gefühl der Götter gleichkommen muss.

30. März

Sind den Berg bei leichtem Regen wieder hinab gestiegen und haben dabei den Eingang einer Höhle entdeckt. Ich spüre das Verlangen sie zu betreten, doch Mano rät mir davon ab. Ich habe versucht ihn zu überreden, doch er weigert sich. Konnte ihn zumindest davon überzeugen in der Nähe unser Lager aufzuschlagen.

30. März (Nachtrag)

Ich konnte nicht schlafen. Habe gewartet bis Mano geschlafen hat und habe mich dann auf den Weg zur Höhle gemacht.

Der Eingang der Höhle selbst ist sehr schmal. Man kann ihn leicht übersehen, da er bewachsen und von allen Seiten von Sträuchern bedeckt ist. Nachdem ich mich durch den schmalen Spalt gezwängt hatte musste ich feststellen, dass die Höhle geräumiger war als angenommen. Ich konnte beinahe Aufrecht darin stehen und meine Arme fast vollständig zu beiden Seiten ausbreiten. Ich bin dem Verlauf etwa 50 Meter weit gefolgt, doch als ich weiterhin vor mir nichts als tiefstes Schwarz sah, entschied ich mich zum Lager zurück zu kehren.

Als ich dort hin kam musste ich feststellen, dass Mano verschwunden ist. Vielleicht taucht er gleich wieder auf, ich weiß es nicht.

1. April

Der Himmel ist wolkenverhangen und um mich herum liegt eine seltsame Stille. Mano ist fort. Ich habe im Tageslicht gesehen, dass er seine Sachen gepackt hat und verschwunden ist. Ich hoffe, dass ich meinen Weg zurück auch alleine finde, doch mein größtes Interesse gilt erst einmal der weiteren Erkundung der Höhle. Jetzt, ohne Begleitung, bin ich nicht mehr auf ein Lager angewiesen, sondern kann in der Höhle nächtigen.

(Nachtrag)

Ich bin mittlerweile schon weit in die Höhle eingedrungen. Es scheint als würde sich hier ein riesiges System verworrener, nie enden wollender Gänge erstrecken, die noch niemals erkundet wurden sind. Mich wundert diese Tatsache. Denn auch, wenn der Höhleneingang versteckt liegt, so ist er doch leicht zugänglich und die Höhle selbst stellt bisher nicht einmal für mich, der in solchen Dingen gänzlich unerfahren ist, eine große Herausforderung dar. Dennoch konnte ich bisher keine Spuren Entdecken, dass jemals ein Mensch seinen Fuß hier hinein gesetzt hätte. Hier ist nichts außer nacktem Fels und steriler Dunkelheit. Die Luft hier drin ist sehr stickig, weswegen ich mich auch sogleich erschöpft hinlegen werde. Ich werde meine Erkundung morgen fortsetzen.

2. April

Ich habe Symbole entdeckt, die in den Stein geritzt oder gemeißelt sind. Ihre eigenartige Form und scheinbare Bedeutungslosigkeit, lies sie mich vorerst übersehen. Bis mir auffiel, dass sie immer dort auftreten, wo sich die Wege dieses unterirdischen Labyrinths gabeln. Ich bin den Wegen, die mit den Symbolen gekennzeichnet waren gefolgt, so lange bis die Höhe der Decken immer niedriger wurde und ich nur noch geduckt gehen konnte. Es ist so finster hier drin, dass ich nicht mehr sagen kann, wie tief ich in dieses Höhlensystem vorgedrungen bin. Ich bete, dass meine Taschenlampe ihren Geist nicht versagt, ich wäre wohl verloren, müsste ich den Ausgang blind suchen.

(Nachtrag)

Wie könnte ich so blind sein? Urplötzlich riss es mich aus einem unruhigen Schlaf und wie vom Donner gerührt griff ich nach dem Ring in meiner Tasche. Die Symbole! Die Symbole auf seiner Innenseite. Es sind die gleichen wie an den Wänden hier. Wie konnte ich das nur übersehen? Ich bin so aufgeregt, dass ich kaum wieder einschlafen kann. Ich scheine dem Rätsel um das Verschwinden meines Großvaters so nah zu sein. Doch ich muss Kräfte sammeln.

5.April

Ich bin zurück in Iquitos. Ich habe es tatsächlich geschafft. Und auch wenn ich weiß, dass ich nie wieder in ein normales Leben zurückfinden kann, so bin ich erleichtert, dass es nicht in dieser verfluchten Höhle sein Ende gefunden hat.

Seit meinem letzten Eintrag sind drei Tage vergangen. Drei Tage in denen der Schrecken mich verfolgt und meine Seele verzehrt hat. Drei Tage in denen die Angst mir den Schlaf nahm und die Panik von meinem Körper Besitz ergriffen hat.

Doch auch, wenn es mir schwer fällt meinen Geist wieder in diese Höhle zu versetzen, so muss ich mich konzentrieren und versuchen wiederzugeben, was mir dort widerfahren ist.

Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte und noch einige Stunden schlafen konnte, entschloss ich mich den schmalen Gängen, die mit den Symbolen, welche sich auf dem Ring befinden, gekennzeichnet waren, weiter zu folgen. Es war ein beschwerlicher Weg und eine lange Zeit konnte ich nur durch die Finsternis kriechen, bis der Gang sich öffnete. Gebannt verharrte ich in meiner kriechenden Position, als ich bemerkte in einem riesigen unterirdischen Gewölbe, von nahezu unbeschreiblicher Größe, zu sein. Säulen ragten Meter hoch bis an die Decke und der Boden war aus Erde nicht mehr aus Stein. Es war als stünde ich in einem riesigen Saal, unbetreten seit ewigen Jahren. Und als ich mit der Taschenlampe umher leuchtete, entdeckte ich in der Mitte einen steinernen Schrein. Als ich diesen genauer untersuchte konnte ich an seinen äußeren Seiten erneut Symbole erkennen, die jedoch weder mit denen auf dem Ring, noch mit denen in den Gängen übereinstimmten. Aufgrund der schlechten Zustand des Gesteins war es in dieser Finsternis mühsam sie zu entziffern, doch kann ich mit ziemlicher Gewissheit sagen, dass die dem Emblem der Thule- Gesellschaft sehr ähnlich sind. Mit einem Mal wurde mir unwohl an diesem Ort. Meine Neugier und mein Wissenschaftlicher Antrieb waren verschwunden und die Angst trat an ihre Stelle. Denn auch, wenn ich bisher nicht an das Okkulte geglaubt hatte, so war mir alleine die Tatsache einen Ring zu besitzen, der mich an diesen Ort geführt hatte, Anlass genug meine Rationalität zu vergessen. All die Fragen, die noch immer ungelöst waren, waren mir egal und als ich von irgendwo aus der Höhle Geräusche vermutete, schaltete ich meine Taschenlampe aus und verharrte still wo ich mich befand. Ich lauschte, doch hörte nicht. Wie ein Kaninchen, dass wie erstarrt vor der Schlange sitzt stand ich dort, meine Hände zitterten und mein Herz schlug so laut in meiner Brust, dass ich meinte, man könne seinen Schlag durch die gesamte Höhle hören. Ich versuchte leise zu atmen, als ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Noch traute ich mich nicht meine Taschenlampe wieder einzuschalten, aus Angst, dass irgendetwas in dieser Höhle auf mich aufmerksam werden könnte. Erst als mir bewusst wurde, dass ich ziellos in dieser riesigen Halle umher irrte und ohne Lichtquelle niemals den Ausgang würde finden können fasste ich Mut. Und was ich zu meinen Füßen erblickte, lässt mir noch beim bloßen Gedanken daran den Atem stocken. Dort waren Gräber. Dutzende und aberdutzende von unbekannten Gräbern. Die Erde war leicht aufgewühlt und die notdürftig aus Ästen gefertigten Kreuze tanzten als Schatten im Lichtkegel meiner Lampe. Wieder hörte ich Geräusche, diesmal deutlicher. Als wäre irgendwo Gestein abgebröckelt und würde die unterirdischen Gänge hinab rieseln. Panisch leuchtete ich nach dem Eingang des Tunnels, durch den ich hier hinein gelangt war, doch ich konnte ihn nicht erkennen. Keuchend überstieg ich die Gräber um mich herum, suchte nach dem Schrein um einen Orientierungspunkt zu haben. Ich kann nicht mehr sagen warum, doch in meiner größten Angst griff ich in meine Tasche und umklammerte den Ring meines Großvaters. Ich hielt ihn fest umschlossen in meiner Hand, doch als ich endlich den Tunnel erblickte und darauf zu stürmte, stürzte ich über einen der Grabsteine und fiel. Dabei verlor ich den Ring. Ich suchte ihn in einem geringen Radius um mich herum, doch konnte ihn nicht wiederfinden. Als ich wieder ein Geräusch vernahm sprang ich auf und rannte. Ich rannte als gelte es mein Leben. Ich rannte ohne einen einzigen Gedanken daran, dass es auf der Welt noch etwas anderes gibt als zu rennen. Und als ich den Ausgang erreichte ließ ich mich auf den Boden fallen und zwängte mich in den schmalen Tunnel durch den ich herein gekommen war. Mir war, als würde eine unbeschreibliche Kälte mir folgen, die tief in meine Glieder fuhr. Wie im Rausch zwängte ich mich durch den Tunnel und die Gänge, immer wieder blickte ich mich um, leuchtete in die Finsternis hinter mir. Immer wieder musste ich an den Gabelungen stehen bleiben und suchte panisch nach den Symbolen an den Wänden. Wenn sie mich hinein geführt hatten, so mussten sie mich auch wieder hinaus führen. Erst als die Gänge breiter und die Luft klarer wurde, begann ich allmählich zu verschnaufen. Kilometerweit war ich gerannt. Und was mich schon beim Einstieg in die Höhle so erschöpft hatte, hätte mich nun eigentlich töten müssen. Doch ich schaffte es. Als ich das Ende des Ganges erblickte, als ich Licht sehen konnte, lachte ich vor Freude kurz auf. Mein Lachen blieb jedoch in meiner Kehle stecken als ich aus den Tiefen der Höhle ein Geräusch vernahm. Schlurfende Schritte auf kaltem Stein. Ich leuchtete in die Dunkelheit, doch konnte nichts erkennen. Nur die Schritte hörte ich, wie sie immer näher kamen, dann ein Röcheln. Mein Herz machte einen Sprung und wieder begann ich zu laufen. Die Augen nur auf den Ausgang gerichtet stürzte ich und fiel hart auf den nackten Stein. Ich schlug mir mein Kinn auf und brauchte einige Augenblicke um wieder zur Besinnung zu kommen. Als ich mich gerade wieder auf rappelte und Richtung Ausgang blickte ergriff etwas aus der Finsternis meinen Knöchel. Ich war zu erschrocken um aufschreien zu können, aber reflexartig richtete ich meine Taschenlampe darauf und erblickte das Schrecklichste, das ich in meinem ganzen Leben jemals gesehen habe. Es war ein Mann, er kann kaum älter als ich gewesen sein, doch war von seinen Zügen nicht mehr viel zu erkennen. Seine Wangen waren eingefallen und seine Haut spannte sich, dünn wie Pergamentpapier, über seine Knochen. Seine Augen waren ausdruckslos und trüb, seine Zähne waren schwarz und ein fauliger Geruch stieg mir in die Nase. Er trug eine löchrige Uniform der Wehrmacht, deren einer Ärmel schlaff herunter hing, weil ihm ein Arm fehlte. Dieser Mann lebte nicht mehr, er war tot und doch umschlossen seine dünnen Finger voll wilder Entschlossenheit meinen Knöchel und versuchten mich zu sich heran zu ziehen. Panisch versuchte ich mich aus seinem Griff zu befreien, doch es wollte mir nicht gelingen. Ich versetze ihm einen Schlag mit meiner Taschenlampe, der die Haut über seinem Wagenknochen sogleich aufplatzen ließ, doch schien er selber keinen Schmerz zu verspüren und versuchte unablässig mich zu sich zu ziehen. In seinen modrigen Gliedern war nicht viel Kraft, weswegen ich mich mit wenig Anstrengung wehren konnte, dennoch gelang es mir fortwährend nicht mich von ihm zu befreien. Seine Zähne schnappten immer wieder gierig nach meinem Bein, während er daran zog. Ich versetzte ihm einen Tritt gegen die Brust, hörte wie Knochen brachen und spürte wie mein Fuß in den halb verwesten Körper eindrang- und erst als er davon zurück taumelte löste er seinen Griff. Ich nutze die Gelegenheit um wieder auf die Beine zu kommen und rannte dem Ausgang entgegen. Ich warf mich durch das Gestrüpp, das diesen verdeckte und landete im feuchten Gras. Als ich mich keuchend aufrichtete bemerkte ich, dass das, was ich für Tageslicht gehalten hatte nur der helle Schein des Vollmondes war und das es bei Nacht umso schwieriger werden würde den Weg zurück in die Zivilisation zu finden. Noch einmal leuchtete ich in die Höhle hinein. Ich sah, wie mir der Mann langsam folgte. Die Verletzung, die ich ihm zugefügt hatte, schien ihn nicht zu kümmern. Keuchend kam er auf mich zu, zog mit jedem Schritt einen Fuß schlurfend über den Boden. Ich schleuderte meine Taschenlampe auf ihn und rannte los. In der Urwald. Irgendwo hin, weit weg von ihm.

Und nun sitze ich in Iquitos. Morgen früh werde ich einen Bus nehmen und versuchen unbeschadet zurück nach Lima zu kommen um von dort aus ein Flugzeug nach Deutschland zu nehmen. Doch fürchte ich mich. War das, was ich dort in der Finsternis geweckt habe, dieser Mann, der Einzige seiner Art, oder gibt es noch mehr? War er einer der Toten die dort begraben waren? War der Ring meines Großvaters eine Art Karte, die mir den Weg dorthin zeigen sollte, oder war der Ring der Schlüssel, der die Toten beschworen hat? Waren die Symbole die ich dort entdeckte, tatsächlich die Embleme der Thule- Gesellschaft und wenn ja, was hatten sie vor? Wollten sie ihre Toten wieder auferstehen lassen um sie im Leben zu halten, oder sollten sie zu einer unbesiegbaren Armee für die Nazis werden? Zu viele Fragen bleiben ungelöst, doch ist es nicht mehr mein Anliegen sie zu beantworten. Ich kann nur hoffen, dass diese Kreaturen niemals den Weg in die Zivilisation finden…

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