Mein Freund

Ebenfalls im Frühjahr 2006 im Rahmen des Creative Writing- Seminars entstanden. Die Themenvorgabe war Schizophrenie und Paranoia- das hier das Ergebnis.

War ich da? War ich denn wirklich da? Und wenn ja, war ich dabei? War ich nur Zuschauer? Und was habe ich gesehen? Mit der Zeit habe ich verlernt zu sagen, ich meine sicher zu sagen, ob ich es nicht nur geträumt habe. In einem Moment in einer kühlen Nacht explodierten deine Augen vor den meinen, öffneten sich in voller Glänze und erloschen endlich. Die Funken, die aus ihnen sprühten trafen und verbrannten mich. Es roch nach Fleisch. Kann ich es träumen? Ich habe noch heute eine Narbe davon.

Holger ist gegangen. 2 Wochen bin ich jetzt hier und zuletzt habe ich ihn an dem Tag gesehen, als sie mich herbrachten. Jeden Tag einmal habe ich mit einer Frau geredet. Ihr Name ist Agnes. Sie ist um die vierzig, trägt immer einen strengen Dutt und hat ihre Brille ganz weit auf die Nase gezogen. Heute ist ihr Make-up verschmiert, weil sie herausgefunden hat, dass ihr Mann sie betrügt, mit ihrem Bruder. Vom vielen Weinen läuft ihre Nase immer noch und sie hört mir gar nicht richtig zu. In ihrer Freizeit geht sie gerne Schwimmen. Heute wohl nicht. Sie hat gesagt, ich hätte Stimmen in meinem Kopf, unendlich viele. Sie sagten mir was ich tun soll, wohin ich gehen soll, was ich sage, mit wem ich rede. Und sie kämen immer und immer wieder. Sie wollen nicht still sein- ehrlich gesagt, ich hätte sie nie darum gebeten.

Sie hat mich gefragt, ob ich mich erinnere, wann ich Holger kennen gelernt habe, und immer wenn sie das fragt ist es, als höre ich seine Stimme in meinem Kopf. „Sei still. Du dämlicher Idiot, sei bloß still!“ Und ich schüttele dann den Kopf. Ich bin sowieso verwirrt, denn ich habe Holger ihr gegenüber nie erwähnt. Vielleicht hatte sie ihn gesehen, als er mich besuchen gekommen war.

Irgendwann kamen zwei recht freundliche Herren, klingelten an meiner Tür, lächelten mich an, ich glaube sie legten mir sogar eine Hand auf die Schulter und führten mich zu ihrem Wagen. Ich durfte hinten sitzen, aber die Polster waren nicht sehr bequem, sie waren viel zu hart und mit Plastik überzogen, es quietschte, wenn ich mich bewegte, also bewegte ich mich einfach nicht mehr. Sie fuhren mich zu dir. Dort waren noch ein paar andere Männer, die aber nicht so freundlich waren, wie die zwei die mich abgeholt hatten. Außerdem hatten sie wohl zu viel Kaffee getrunken, waren aufgebracht und haben geschrieen. Sie fragten mich, ob ich schon mal hier gewesen sei, diesen Ort kenne, und natürlich bejahte ich. Dann brachten sie mich zu dir und deine Augen waren geschlossen. Als Holger und ich dich damals trafen haben sie geglänzt, aber andauernd hast du auf dieser Haarsträhne herumgekaut. Holger hat das wahnsinnig gemacht, mich auch. Und Holger hat gesagt, ich soll machen, dass du damit aufhörst, aber ich wusste nicht wie. Also hat er es gemacht. Ich habe mich raus gehalten, warum sollte Holger etwas Schlechtes tun, er ist doch mein Freund.

Ich hatte dich hübscher in Erinnerung, das hat mich ein wenig traurig gemacht. Sie haben mich allerdings nicht bei dir gelassen, auch wenn ich gerne noch ein wenig geblieben wäre.

Eine halbe Ewigkeit fuhren wie die trostlose Landstraße entlang, meine Hände waren schweißnass in Erwartung dessen, was ungewiss für mich war. Sie hielten ihren Wagen vor einem riesigen Gebäude aus rotem Backstein und brachten mich hinein. Drinnen stand ein weiterer, kräftiger Kerl- Brutus. So nennen sie ihn dort zumindest. Er war früher einmal Boxer gewesen, musste seine Karriere jedoch wegen einer Lungenembolie beenden. Diesmal legte er mir seine Hand auf die Schulter und führte mich durch endlos lange Korridore mit grauem Lenolboden. Wie in einem Labyrinth ist es in diesem Gebäude. Brutus schnaufte neben mir, als wir endlich zu einem leeren Raum gelangten in der er mich bat zu gehen. Im Grunde genommen ist er nicht völlig leer, da ist ein Stuhl genau in der Mitte des Raumes, auf dem nahm ich Platz. Dann ließ er mich allein.

Es dauerte einige Minuten bis es klopfte, sich die Tür unvermittelt öffnete und Holger vor mir stand. Er schaute mir fest in die Augen, dann umklammerte er meine Hand und begann mit mir zu sprechen. Was er sagte, machte mir Angst. Er erklärte mir, dass sie mich wegen dir hierher gebracht hätten, dass sie dich gefunden hätten. Lange Zeit hatten sie nach dir gesucht, dich aber nicht gefunden und als sie dich dann endlich doch entdecken, war es ein leichtes für sie die Spur zu mir zu verfolgen.

Holger erzählte mir, was sie mit mir anstellen würden sollte ich hier bleiben und es gäbe nur eine Möglichkeit, dass man mich woanders hin brachte. Ich dürfte ihn nicht erwähnen, um keinen Preis der Welt. Und so blieb ich still.

„ Ich wollte ihr nicht weh tun, war ganz vorsichtig, als ich meine Hände um ihren Hals legte und irgendwann war sie dann still“, habe ich der Frau erzählt, genau wie Holger es mir geraten hatte. Er würde mir nie einen schlechten Rat geben, schließlich ist er mein Freund.

Sie ließ mich zurück in den Raum bringen in dem ich seit der zwei Wochen in diesem Gebäude lebte. Sollte Holger Recht behalten, so würden mich bald andere Männer abholen und mich in ein anderes Gebäude bringen. Ich würde dann verhört werden, die Frau auch, und sie würde sagen ich wäre zurechnungsfähig, und dann würde man mich einschließen. Aber nur für einige Jahre, und wenn ich dann wieder raus dürfte würde Holger mich abholen. Ich stelle mir vor, wie es sein wird ihn endlich wieder zu sehen, und ich freue mich darauf, kann es kaum erwarten und während ich mir ausmale wie wir wieder alles gemeinsam unternehmen schlafe ich ein.

Als ich erwache ist der Raum dunkel. Das Fenster ist halb offen und ein lauer Wind weht herein. Ich bin woanders. Irgendwo, wo ich eigentlich nicht sein sollte. Ich bin zu Hause. In meinem Zimmer, in meinem Bett. Ich trage mein Lieblings- T- Shirt und eine Trainingshose. Langsam richte ich mich auf und fahre mir durch die Haare, mein Kopf tut weh. In dem Zimmer riecht es muffig, die Pflanzen sind vertrocknet, ich war lange nicht mehr hier gewesen.

Ich habe Stimmen in meinem Kopf, unendlich viele. Sie sagen mir, was ich tun soll, wohin ich gehen soll, was ich sage und mit wem ich rede. Sie kommen immer wieder und wieder, wie sie gerade wollen. Sie sind schon immer da, und ich habe sie nie darum gebeten still zu sein. Habe immer getan, was sie mir sagten. In einem Moment im Mondlicht, Nachts explodierten deine Augen vor meinen, und jetzt bist auch du ein Teil von mir, du wirst es werden- wenn ich dich lasse. Holger sagt: „Sei still! Sei bloß still, du dämlicher Idiot!“

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