Pornos

2005 kurz vor dem Studium entstanden. Mehr aus Langeweile als aus Inspiration, mehr aus Spaß als aus dem Wunsch tiefgründig zu sein.

Pornos und Toilettenpapier. Das sind 2 der wenigen Dinge, bei denen jeder der dich sieht, wenn du sie kaufst, genau weiß, was du damit vorhast. Und nicht nur das, schlimmer wird es, wenn man beides zusammen kauft. Oder Pornos und Küchenrolle, Pornos und Tempos, ich denke die Liste würde sich noch endlos so weiterführen lassen.
Berlin, das war meine Wahlheimat geworden. Es hatte mich hierher gezogen, weil ich mich nach der Anonymität einer Großstadt sehnte. Eigentlich hatte es mich schon immer nach London gezogen, allerdings hatte ich es letztlich vorgezogen auch weiterhin in meiner Muttersprache zu reden.
Ich stehe also mitten in Berlin in der endlosen Schlange an der Kasse eines Supermarktes und genieße ein Stück meiner Anonymität. Sicher, die Situation ist unangenehm, sicher, der Porno, den ich mir zuvor gekauft hatte war mir aus der Tasche gefallen und ja, viele Leute um mich rum hatten es bemerkt. Zugegeben, die Situation war mir auch äußerst unangenehm, wie sie alle dastanden und mich anschauten, teils angewidert, teils fasziniert, und teils bestimmt auch etwas angetörnt- auch wenn sie es nie zugeben würden- aber ich wusste, in spätestens 10 Minuten (sofern die Kassiererin sich beeilte- wenn sie sich überhaupt jemals in ihrem Leben beeilt hatte) würde ich hier raus sein und niemanden dieser Menschen an dieser Kasse nie wieder sehen und wenn, dann würden sie mich garantiert nicht erkennen oder schon gar nicht einordnen können. Das ist die Anonymität der Großstadt. Auf dem Dorf, würden sie über dich reden, würden sich ihre Mäuler zerreißen, in ihrem Vorstädter-Spießertum, würden reden, als wären sie was besseres, als würden sie nicht lächeln bei dem Anblick einer Frau, die von drei Männern gleichzeitig gevögelt wird.
Pornos sind eine gute Sache. Pornos vertreiben Einsamkeit. Wenn ich mich wirklich mies fühle schaue ich gerne Pornos, sie zeigen eine andere Welt. Eine kalte Welt, es geht nur um Sex, um pure Energie. In Pornos gibt es keine Liebe, niemand sehnt sich danach, niemand ist deswegen unglücklich nein, in Pornos ist alles in Ordnung. Hier gibt es keine Gefühle, hier gibt es nur einen perfekt getimten Cum-Shot genau zur richtigen Zeit, meistens an die richtigen Stellen, und wenn nicht, kann man sich wenigstens darüber amüsieren, dass eben nicht die richtigen Stellen getroffen wurden. In Pornos zeigen sie die Welt, in der wir wirklich leben. Der Reiz den die Großstadt für mich hatte, war längst verloren, sie hatte mich verschluckt, ich hatte den Anschluss verpasst, war in einen Sog aus Traurigkeit geraten.
Möge die Kassiererin sich doch bitte bloß beeilen. Das ältere Pärchen hinter mir tuschelt, und ihre Blicke durchbohren mich. Ich weiß- sie sind nur neidisch, vermutlich kriegt er keinen mehr hoch, vermutlich ist sie im Laufe der Zeit frigide geworden, aufgrund ihrer hängenden Brüste und der welkenden Schenkel. Ja, vermutlich beneiden sie mich, weil sie wissen, was ich mit diesen Pornos anstellen werde.
Ich werde in einer halben Stunde zu Hause sein, mir ein Glas Wein einschenken, das Licht dimmen und mir den Film ansehen. Und ja, es wird mich erregen und ja, ich werde kommen noch bevor die zweite Szene zu Ende ist.
Ich freute mich schon darauf, möge diese verdammt lahme Kassiererin sich doch nur beeilen. Noch drei Leute vor mir. Großfamilienwochenendseinkäufe- wie ich es hasse. Irgendwann möchte ich auch mal Familie haben, aber derzeit genieße ich das Singledasein. Hier und da ein kurzes Tête-a-tête ansonsten meine Pornos und, was weitaus wichtiger ist, meine Ruhe!
Alle die an mir vorbeigehen strafen mich mit ihren Blicken. Ja, es war ein Porno der mir da eben aus der Tasche gefallen ist, bin ich kriminell? Bin ich Pervers? Verführe ich kleine Jungs? – Verklagt mich doch! Ja, ich gucke eben gerne Pornos, basta! Und jetzt kümmert euch wieder um euren eigenen Scheiß und tut nicht so, als hättet ihr noch nie einen gesehen. Falls ihr tatsächlich noch nie einen gesehen hab, dann habt ihr was verpasst! Es wird Zeit das schleunigst nachzuholen. Ich, ich sehe mir mittlerweile alles an, was ich so finde, hauptsache die Frauen sind attraktiv und die Schwänze lang.
Endlich bin ich an der Reihe. Ich zahle hektisch mein Toilettenpapier und die Tampons und verschwinde aus dem Laden, versuche dabei alle Menschen um mich herum zu ignorieren. Mein Kopf dröhnt, mein Magen krampft sich zusammen, ich beschleunige meinen Schritt, ich muss die S-Bahn erwischen, ich glaube ich bekomme meine Tage, wäre peinlich wenn ich` s nicht rechtzeitig nach Hause schaffen sollte.


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