Vom Ende

In gewisser Hinsicht ist diese Geschichte für mich selbst. In gewisser Weise auch für jemand anderes, weil mir das alles so vertraut vorkommt. So vertraut, dass ich kotzen könnte.

Ein bescheidenes Essen steht auf dem Tisch, dazu zwei Kerzen, noch nicht entzündet. Er wartet auf sie, schon seit einer Stunde, doch sie kommt nicht. Draußen beginnt es schon zu dämmern, aber es wird früh dunkel. Sein Blick fällt auf die Teller, dann zur Tür, es ändert auch nichts. Nun sind sie dazu geworden, schießt es ihm in Gedanken, eines dieser Paare, das sich nichts mehr zu sagen hat, die Zeit miteinander absitzt, irgendwie- getrennt voneinander.

Die Zeit vergeht so schnell, die Liebe vergeht so schnell.

Er erinnert sich an den Sommer vor einem Jahr, am See, das Wasser perlte auf ihrer Haut, ihre Haare waren nass, sie trug ein Lächeln auf den Lippen, setzte sich neben ihn wo sie mit ihren Freundinnen lag. Er konnte nicht aufhören zu ihr hinüber zu sehen, immer wieder. Er betrachtete sie heimlich aus dem Augenwinkel, erfasste jede Geste. Wie sie sich eine Zigarette drehte, wie sie sich eincremte, wie sie da lag, im Halbschatten unter einer Buche.

Nun sitzt er am Küchentisch, das trostlose Licht der Halogenlampe über sich, dreht er sich eine Zigarette, in Gedanken versunken.

Er war zu schüchtern um Frauen anzusprechen, war es immer gewesen. Doch als sie dort lag, ihre Freundinnen verschwanden, er zu ihr hinüber sah, sie ihn bemerkte und lächelte, nahm er all seinen Mut zusammen und sprach sie an. Sie unterhielten sich und sie faszinierte ihn, in jedem Wort von ihr konnte er Lebensfreude spüren, das gab ihm Kraft. Es war als könne er unter ihren Flügeln Schutz finden, so als würde er keinen Gedanken mehr an die Traurigkeit verschwenden müssen, die tief in ihm steckte.

Heute betritt sie die Küche mit einer ernsten Miene, sie sieht blass aus, enttäuscht schaut sie ihn an, ein wenig Mitleidig sogar, wie er da am Tisch sitzt, das Essen kalt wird, und schenkt ihm lediglich ein knappes. „Hallo“, Wo sie so lange war, möchte er sie fragen, doch sie würde nicht antworten, sie würden wieder streiten, sie würde sagen sie habe sowieso keinen Hunger, er würde das Essen in seinem Zimmer zu sich nehmen. „Hallo“, sagt auch er und versucht dabei nicht vorwurfsvoll zu klingen.

Sie hatten Nummern getauscht und er versprach sich zu melden. Noch heute weiß er, wie schwer es ihm fiel diese drei Tage zu überstehen. Drei Tage um zu kaschieren, dass er vor dem Einschlafen ihr Gesicht vor sich sah, versuchte sich an ihren Duft zu erinnern. Dann hatte er sie angerufen, sie hatte viel gelacht am Telefon und sie hatten beschlossen sich einmal zu treffen, etwas trinken zu gehen.

Sie nimmt sich ein Glas Wasser und setzt sich zu ihm an den Küchentisch. „Das Riecht lecker“, sagt sie. Es wird das einzige Kompliment sein, das sie ihm noch machen wird, das weiß er. Schweigend sitzen sie sich gegenüber und essen. Eigentlich mag er keinen Fisch, aber er hat sich daran gewöhnt, weil sie gerne Fisch isst. Er betrachtet sie, wie sie kaut, den Blick konzentriert auf dem Teller. Dann schaut sie ihn an. „Was ist?“ fragt sie. Er schüttelt nur den Kopf und versucht einen Bissen herunter zu würgen.

Sie trafen sich danach öfter. Theater, Kino, Bars. Eine lange Zeit war es nicht sicher, ob mehr daraus werden würde. Zaghaft versuchte er die Initiative zu ergreifen, sofern es sein Ego zuließ. Es würde ihn hart treffen, würde sie ihn abweisen. Dann kam der Regen. Sie kamen aus dem Kino, an den Film kann er sich gar nicht mehr erinnern, und es begann wie aus Eimern zu schütten. An einer Bushaltestelle suchten sie Zuflucht. Völlig durchnässt standen sie dort, das Wasser tropfte von ihrer Nasenspitze. Sie hatte gescherzt und gemeint, dass auch immer nur ihr so blöde Dinge passieren würden- er dachte sie meinte ihn. Er hatte sich nicht getraut ihre Hand zu ergreifen, sie an sich heran zu ziehen, also tat sie es und sie küssten sich. Ob er mit zu ihr kommen wolle, sie wohne nicht weit, flüsterte sie ihm ins Ohr. Natürlich nickte er und schlief so gut wie seit Jahren nicht mehr. Vergrub seine Nase in ihren Haaren und nahm diesen Duft in sich auf, als sie im Bett lagen, seine Arme sie von hinten umschlungen.

„Ich bin müde“, sagt sie, kaum nachdem sie mit dem Essen fertig ist und verschwindet in ihrem Zimmer. Er räumt den Tisch ab und beginnt zu spülen, ein Glas geht ihm dabei kaputt, er schneidet sich, es blutet.

Schon nach einigen Wochen sagten sie einander, dass sie sich liebten und glaubten wohl auch beide daran. Seltsam, wie schwerelos man sich fühlt, wenn man verliebt ist, denkt er sich heute. Die Tage reihten sich aneinander, als wären sie gar nicht real. „Ich kenne dich so gut“, sagte sie immer zu ihm und er lächelte dann. Vielleicht ging alles zu schnell, aber hin und wieder hatte er wirklich das Gefühl sie könne in ihn hinein sehen.

Er verbindet seinen Finger und spürt wie es in der Wunde pocht. Aus ihrem Zimmer hört er Musik, vor ihm Flimmert der Fernseher. Manchmal hat er das Gefühl, dass sie ihn verachtet, warum, das weiß er nicht. Er befürchtet, dass sie bereits einen anderen hat. Er weiß nicht, wann es angefangen hat aufzuhören.

„Ich kenne dich so gut“, echote es immer wieder in seinem Kopf. Ich kenne dich so gut heißt, ich finde dich langweilig. Sie wusste nicht, wie sehr es ihm wehtat, wenn sie das sagte. Sie sagte es ständig und er lächelte immer nur. Manchmal stand er vor dem Spiegel im Badezimmer, hielt seine Hände zu lange unter das warme Wasser, weil er es vergaß und fragte sich warum die Geborgenheit verschwunden war. Er ekelte sich vor sich selbst und manchmal sah er sich, wie sie ihn sah. Er fand sich selber langweilig, war eine traurige Erscheinung.

Er klopft an ihre Tür, doch es kommt keine Antwort. Vorsichtig öffnet er und sieht wie sie dort liegt. Sie atmet ganz sanft, aber selbst im Schlaf sieht sie unglücklich aus. Langsam geht er an sie heran, legt sich neben sie, umarmt sie, doch sie schiebt ihn von sich. So verharrt er da einen Augenblick, er hat einen Kloß im Hals, dass er kaum Schlucken kann.

Irgendwann begann sie sich zu verändern. Für ihn kam das ganz plötzlich und er konnte es nicht verstehen. Er merkte natürlich, dass nicht mehr alles in Ordnung war, doch hatte er die Ernsthaftigkeit der Situation nie bemerkt. Vielleicht hatte er sich einreden wollen, dass doch noch alles wieder so werden würde wie zuvor. Vielleicht begann es, als er sie bat abends nicht so häufig auszugehen, weil er Zeit mit ihr verbringen wollte, sich verloren fühlte, wenn sie nicht da war. Vielleicht als sie immer häufiger stritten, wegen Kleinigkeiten. Vielleicht aber auch schon in dem Moment, als er selber erkennen musste, dass er nicht mehr der war, der er einmal war. Als er sich selber eingestand, dass er nichts zu bieten hatte, ihr nicht geben konnte, was sie brauchte.

Es ist sechs Uhr morgens und seine Augen brennen, als er seinen Kopf in die Kissen legt. Er kann den Rauch riechen, als er sich ausmalt, wie er die Wohnung einfach nieder brennt. Und er hört sich selbst schon zu ihr sagen: „Guck, da stehen sie in Flammen unsere gemeinsamen Träume.“

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